Der ehrliche Klappentext

«Anne Lister – eine erotische Biographie» von Angela Steidele

Anne Lister war so etwas wie ein weiblicher Don Juan. In Anne Lister – eine erotische Biographie zeichnet die Schriftstellerin Angela Steidele das Leben der Frau nach, die mit ihrer Abenteuerlust und ihren Frauengeschichten die gesellschaftlichen Konventionen der vorviktorianischen Zeit weit hinter sich liess.
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Autorin: Gisela Feuz
Freitag, 21. Dezember 2018

Mir ist es mit Anne Lister ergangen wie all ihren Frauen: Erst hat sie mich verführt, dann betrogen», hält Angela Steidele im Nachwort von Anne Lister – eine erotische Biographie fest. Die Schriftstellerin, deren Spezialität das Erforschen und Erzählen historischer Liebesgeschichten ist, hat sich in das Leben einer Frau vertieft, das nicht aussergewöhnlicher sein könnte.

1791 im nordenglischen Halifax geboren, war Anne Lister zeitlebens nicht nur wissbegierige Vielleserin, sondern auch abenteuerlustige Globetrotterin. Hausarbeiten hingegen waren gar nicht ihre Sache. Anstatt zu kochen und mit Nadel und Faden zu hantieren, verbrachte die Tochter aus bescheidenem Landadel ihre Zeit viel lieber mit Schreiben, Rechnen, Algebra, Rhetorik und alten Sprachen – alles Fächer, die in der damaligen Zeit einem angehenden Gentleman gut anstanden, nicht aber einem jungen Mädchen.

Doch Anne Lister waren gesellschaftliche Konventionen zeitlebens egal. Sie liebte das Abenteuer, unternahm zahlreiche Reisen nach Deutschland, Frankreich, der Schweiz und Spanien und besuchte Russland, Georgien und Aserbaidschan. Ausserdem war die schlanke, grossgewachsene Frau eine mutige Alpinistin, die beim Bergsteigen gerne an ihre physischen Grenzen und auch darüber hinaus ging. Ein gewisses Getriebensein äusserte sich auch in einem anderen Lebensbereich Listers: Die Engländerin war eine ruchlose Frauenheldin. Wie Angela Steidele in ihrer Biografie treffend bemerkt, war Lister Heldin und Scheusal zugleich. Zum einen lebte sie offen ihre lesbischen Beziehungen und brach damit radikal mit den keuschen Vorstellungen des präviktorianischen Zeitalters. Sie teilte nicht nur das Haus mit einer Frau, sondern setzte sich mit dieser auch beim sonntäglichen Gottesdienst in die erste Reihe.

Nebst dem, dass Lister durchaus als Vorreiterin für frauenliebende Frauen bezeichnet werden kann, hatte die Engländerin aber auch eine höchst unsympathische und berechnende Seite. Sie verführte, wo sie nur konnte, und unterhielt im Verborgenen gerne auch mehrere Verhältnisse gleichzeitig. Dabei wurde sie ihrer Eroberungen oft schnell überdrüssig und begann diese zu manipulieren, um zumindest noch einen finanziellen Nutzen aus den Beziehungen ziehen zu können.

Heute ist so viel über das Leben der Anne Lister bekannt, weil die Engländerin zeitlebens akribisch Tagebuch führte. Lister hinterliess ein äusserst umfangreiches Werk: Nebst 1850 Briefen sind insgesamt 24 Tagebuchbände erhalten, wobei die zwanghafte Schreiberin nicht nur ihre alltäglichen Erlebnisse und Reiseabenteuer detailliert festhielt, sondern eben auch ihr Liebesleben in pornografischer Deutlichkeit schilderte. Dabei hat die Engländerin pikante Passagen in einer Geheimschrift niedergeschrieben, wobei sie sich zur Verschlüsselung griechischer Buchstaben sowie numerischer und erfundener Zeichen bediente. Lange Zeit hätten nur Archivarinnen in Halifax gewusst, was genau Anne Lister in dieser Geheimschrift festgehalten habe, sagt Angela Steidele im Nachwort ihrer Lister-Biografie. Eine vertiefte und breitere Aufarbeitung der Schriften habe erst im Zeichen der Frauen- und Lesbenbewegung der 1980er Jahren stattgefunden.

Angela Steidele folgt mit Anne Lister – eine erotische Biographie einer Lebensgeschichte, die aussergewöhnlicher nicht sein könnte. Die zahlreichen direkten Zitate aus dem Tagebuch der Anne Lister zeichnen das Bild einer schillernden, ambivalenten Figur, die mal amüsant und gescheit, dann wieder erschreckend zynisch und obszön ihr Liebesleben bis ins kleinste Detail ausbreitet. Darüber hinaus bietet Steideles Biografie zeitgeschichtliche Hintergrundinformationen zur englischen Gesellschaftsordnung und der Stellung der Frau zu Beginn des 19. Jahrhunderts sowie zur politischen Lage Europas. Steidele hat eine enorme Menge an Informationen und Begebenheiten zusammengetragen. Das Lesen gestaltet sich deswegen ab und an etwas trocken – die detailverliebte Anne Lister hätte aber bestimmt ihre helle Freude an dieser ihrer eigenen Biografie gehabt.

Angela Steidele: Anne Lister – eine erotische Biographie. Matthes&Seitz, Berlin 2018; 329 Seiten; zirka 32 Franken.

Gisela Feuz ist Kulturjournalistin in Bern.