Der ehrliche Klappentext

«Althussers Femizid» von Francis Dupuis-Déri

Als der Philosoph Louis Althusser seine Ehefrau ermordete, stellte sich eine intellektuelle Elite fast geschlossen hinter ihn. Ein Buch zeigt, weshalb der Femizid an Hélène Legotien verharmlost wurde.
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Donnerstag, 06. August 2026

Die Soziologin Hélène Legotien und der Philosoph Louis Althusser lernten sich 1946 kennen. Rund dreissig Jahre lang waren sie ein Paar, 1975 heirateten sie. Während dieser Zeit kümmerte sich Legotien um ihren psychisch instabilen Lebensgefährten. Er wurde zu einem der einflussreichsten marxistischen Intellektuellen seiner Zeit und zählte Michel Foucault, Jacques Derrida und viele weitere zu seinen Schülern. Sie hingegen blieb mit ihren Forschungen zu Arbeiterinnen weitgehend unbekannt.

1980 erwürgte Althusser seine Frau. Sie hatte vor, ihn zu verlassen.

Selten wird die Geschichte des Femizids an Hélène Legotien so erzählt – wenn überhaupt. Das Verbrechen blieb in der Öffentlichkeit eine pikante Anekdote, das Opfer eine Unbekannte, der Täter eine Ikone. Wer sich mit Marxismus und linker Theorie beschäftigt, kommt an Althusser nicht vorbei.

Wie kann es sein, dass Althusser bis heute selbst von Feministinnen wie Judith Butler rezipiert wird? Und warum ist Hélène Legotien nahezu vollständig aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwunden?

Diesen Fragen geht der Essay «Althussers Femizid» nach. Darin legt der kanadische Politikwissenschaftler Francis Dupuis-Déri die gesellschaftliche Solidarität mit männlicher Gewalt offen, die es ermöglichte, dass sich eine intellektuelle Elite beinahe geschlossen hinter Althusser stellte. Detailreich rekonstruiert er, wie der Mord und der Name Hélène Legotiens verdrängt wurden.

Dabei zeigt sich ein ganzes Arsenal von «Strategien der Verschleierung»: Schon die öffentliche Aufmerksamkeit war ungleich verteilt. Der Name des Täters war omnipräsent, jener des Opfers kaum bekannt – ein Muster, das sich bis heute in der Berichterstattung über sogenannte Beziehungsdelikte beobachten lässt. Althusser profitierte zudem von seinem Status. Einflussreiche Freunde sorgten früh dafür, dass mildernde Umstände galten und er sich nie vor Gericht verantworten musste.

In der Presse wurde seine Tat von Psychiatern und Intellektuellen als Verzweiflungsakt eines Depressiven gedeutet. Zu seinen Verteidigern gehörte auch sein prominenter Schüler Bernard-Henri Lévy. Als Althusser 1990 starb, würdigte man ihn als grossen Denker. Seine postum erschienene Autobiografie «L’avenir dure longtemps» wurde als grosse Literatur gefeiert. Darin stilisierte er sich zum Opfer und stellte sich gar als Vollstrecker eines angeblichen Todeswunsches seiner Frau dar. Psychoanalytische Kreise folgten dieser Deutung gern.

Das Bitterste daran: Nach eigener Aussage konnte sich Althusser nicht an die Tat erinnern. Man glaubte ihm.Vielleicht zu bereitwillig, wie Dupuis-Déris genaue Althusser-Lektüre zeigt. Althusser ignorierte den Feminismus nicht nur, sondern er begegnete ihm mit Verachtung, wie ein wenig bekannter Text von 1951 belegt. Bemerkenswert ist, dass männliche Gewalt schon damals ein Motor der feministischen Bewegung war.

Was die Lektüre von «Althussers Femizid» besonders schmerzhaft macht, ist der Blick in den Spiegel. Auch Dupuis-Déri gehörte ebenso wie Feminist*in Judith Butler zu den Leser*innen von Althusser, die sich offenbar nicht von der Gewalttat irritieren liessen. Selbst die linke Akademie sah also über den Femizid hinweg. Für Dupuis-Déri wurde sie damit zur Komplizin eines zweiten, öffentlichen Mordes an Hélène Legotien.

Diese Komplizinnenschaft beginnt zu bröckeln – im Zuge von #MeToo, der Aufmerksamkeit für Gisèle Pelicot und dank Forschenden wie Francis Dupuis-Déri, der mit seinen Studien zum Antifeminismus der Frauenfeindlichkeit in der Gesellschaft auf den Grund geht. Er überlässt den Stimmen das letzte Wort, die sich für die Erinnerung an Hélène Legotien einsetzen. «Althussers Femizid» endet mit einer Bibliografie ihrer Arbeiten.

Ist der Mord am Autor notwendig? Dupuis-Déri findet: Ja. Darüber lässt sich diskutieren. Es bleibt aber die Frage, wie sich Althusser lesen liesse, ohne den Femizid an Hélène Legotien auszublenden. Eine Frage, die weit über diesen Fall hinausreicht und die den Essay lesenwert macht – nicht nur für ein Publikum, das Althusser (noch) kennt.

Francis Dupuis-Déri: «Althussers Femizid». Passagen-Verlag, Wien 2026; 96 Seiten; 24.90 Franken.

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