Der ehrliche Klappentext

«Alte weisse Männer» von Sophie Passmann

Weisse alte und einflussreiche Männer gelten als Wurzel vieler Übel. Die Autorin Sophie Passmann trifft sechzehn von ihnen und unterzieht sie einer Art Triage: Taugen sie zum Feministen, oder entsprechen sie ihrem schlechten Ruf? Passmann begegnet ihren Gesprächspartnern mit bissigem Humor – und doch ist Alte weisse Männer eine versöhnliche Lektüre.
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Autor: Samuel Geiser
Freitag, 17. Mai 2019

Wer männlich, weiss und im besten Alter ist, konnte sich bisher privilegiert durchs Leben bewegen. Nur scheint der alte weisse Mann seinen Zenit überschritten zu haben: Er ist zur Angriffsfläche in Gender-Debatten geworden, die ein Ende der männlichen Vorherrschaft fordern. Aber was macht eigentlich einen alten weissen Mann aus? Und ist jeder, der alt, weiss und heterosexuell ist, automatisch auch ein alter weisser Mann?

Die Autorin und Radiomoderatorin Sophie Passmann sucht Antworten auf diese Fragen. Dazu traf sie Grünen-Chef Robert Habeck und Ex-CDU-General­sekretär Peter Tauber, die Chefredaktoren von Bild und dem Zeit Magazin, den Kabarettisten Claus von Wagner, TV-Moderator Micky Beisenherz – oder den Altachtundsechziger Rainer Langhans. Aber keinen Wirtschaftskapitän, keiner wollte sich ihren Fragen stellen. Ebenso fehlt ein Kirchenoberhaupt.

Die sechzehn weissen, alle über vierzig Jahre alten Männer, die Passmann jeweils für einen Kaffee oder in einer Imbissecke gegenübersitzen, unterzieht sie einem «schlanken Rorschachtest». Jene unter ihnen, die Selbstzweifel und Kritik zulassen, können aufatmen: «Männer, die sagen, sie seien unsicher, ob sie ein alter weisser Mann seien, aber man könne ja das mal gemeinsam ergründen, sind keine alten weissen Männer.» Jene hingegen, denen Selbstreflexion und Demut abgehen, sind für Passmann eindeutig welche. Denn ein weisser alter Mann verwechsle Privilegien mit Talent, ihm fehle die Einsicht, «dass er viel mehr wegen seines Geschlechts und seiner Hautfarbe da ist, wo er eben ist».

Ein weisser alter Mann ist vermutlich der Altachtundsechziger-Kommunarde Rainer Langhans. Der versteht seinen «Harem», den er mit mehreren Frauen führt, als Beitrag gegen den «Opfer-Feminismus», der die Sexua­lität weitgehend abschaffe, wie er beklagt. Passmann hört zu und lässt ihn mit seiner «steilen These», damit der wahren Frauenbefreiung zu dienen, ins Leere laufen.

Am anderen Ende des Spektrums platziert Passmann den Kabarettisten Claus von Wagner. Sie erlebt ihn «in einer Art kommunikativer Schockstarre darüber, wie ungerecht die Welt tatsächlich ist». Ihr zufolge ist er also kein alter weisser Mann. Trotzdem stimmt es sie nachdenklich, als von Wagner erzählt, erst als Vater einer Tochter habe sein «Reflexionsprozess» über sexuelle Übergriffe so richtig eingesetzt. Er ist nur einer der Befragten, der die Erfahrung von Vaterschaft brauchte, um sich der Problematik von Sexismus und Gewalt bewusst zu werden. Dem Rückgriff vieler Männer auf ihre Töchter begegnet Passmann mit Sarkasmus: «Hat ein Junggeselle ohne weibliche Kontakte auch eine Chance, Feminist zu werden?»

Passmann ist eine aufmerksame Zuhörerin und versteht sich auf das Zerpflücken von Argumentationsmustern. Wenn der TV-Moderator Micky Beisenherz «die Hysterie, dieses Überziehen des Feminismus» im Grunde gut findet und mit dem Rauchverbot vergleicht, das ja auch mit rigorosen Massnahmen ein gesellschaftliches Umdenken in Sachen Tabak ermöglichte, dann resümiert sie lakonisch: «Feminismus ist das neue Rauchverbot.»

Die Autorin begegnet der angezählten Männlichkeit mit Humor und zuweilen auch mit Zynismus. Eines will sie bestimmt nicht: «den Geschlechterunterschied weg­lächeln». Passmann fährt auch mal aus der Haut, wenn etwa der Politikwissenschaftler Werner Patzelt zu bedenken gibt, dass es ja auch junge schwarze einflussfreie Frauen gebe – Geschlecht also mit Macht nichts zu tun habe. Auf Anhieb kenne sie deren etwa zwei, erwidert sie schroff. Aber die Liste der alten weissen Männer sei so lang, «dass ich auch dreissig Bücher damit füllen könnte».

Nicht immer wird Passmann ihrem Anspruch gerecht, «sich durch die Meinung des Gegenübers nicht gleich angegriffen zu fühlen». Nicht immer gelingt der «Schlichtungsversuch», den sie im Untertitel postuliert. Doch darin liegt gerade der Reiz des Buches. Die Art, wie die junge Feministin und die diversen älteren Herren aneinander vorbeireden, manchmal bloss haarscharf, ist erheiternd und aufschlussreich zugleich.

Sophie Passmann: Alte weisse Männer. Ein Schlichtungsversuch. Kiepenheuer und Witsch; Köln 2019; 303 Seiten; 19 Franken.

Samuel Geiser ist Journalist in Bern.