Herr Heuft, Sie sind praktizierender Arzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie und ausserdem Theologe. Jeden Tag sitzen schwer erkrankte und traumatisierte Menschen vor Ihnen. Beten Sie für Ihre Patienten?
Ja. Wenn ich weiss, dass ein Patient in Not ist, kann es schon einmal vorkommen, dass ich ihn in meine Gebete einschliesse.
Wissen Ihre Patienten davon?
Nein, mein Glaube hat nichts zu suchen in der Sitzung mit Patienten. Das ist meine persönliche Sache. Als Psychotherapeut muss ich meine religiösen Überzeugungen und Wertvorstellungen zurückstellen. Nur so erhält der Patient den nötigen Raum, damit eine Therapie überhaupt möglich ist.
Für Ihre Promotion in Theologie haben Sie Patienten zu ihrem Glauben befragt. Was interessierte Sie daran?
Mir fiel auf, dass vermehrt Menschen unsere Ambulanz aufsuchten, die unter einer schweren Krankheit litten und sagten: Wenn das schlimmer wird, dann fahre ich in die Schweiz. Das ist eine Chiffre für Sterbehilfe. Diese Äusserung kam jeweils rasch und selbst dann, wenn die Krankheit noch kaum Auswirkungen auf den Alltag des Patienten hatte. Die meisten waren noch weit von einer Pflegebedürftigkeit entfernt.
Zum Sterben in die Schweiz reisen, die Möglichkeit gibt es doch schon lange.
Das stimmt, aber vor zehn Jahren war das noch kein Thema. Diese Entwicklung war es, die mich neugierig machte: Ich wollte mit einer Studie herausfinden, ob religiöse Menschen besser mit körperlicher und psychischer Not umgehen können als eine Vergleichsgruppe in der Allgemeinbevölkerung. Zudem wollte ich wissen, wie Extremsituationen den Glauben oder die spirituelle Praxis eines Menschen verändern.
Und?
Es hat sich herausgestellt: Gar nicht. Den Patienten geht es zwar schlechter als den gesunden Menschen der Vergleichsgruppe, dennoch beten sie nicht automatisch mehr. Das hat mich überrascht. Ich ging davon aus, dass mehr Menschen der Annahme sind, mit Beten und Meditieren ihren Heilungsprozess unterstützen zu können.
Der 1954 geborene Gereon Heuft studierte Medizin an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg im Breisgau. Heute ist er Direktor der von ihm 1999 gegründeten Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Münster. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte sind die Gerontopsychosomatik und Alternspsychotherapie, die Psychotraumatologie, die Psychoonkologie sowie Versorgungsforschung. Zudem engagiert er sich in berufspolitischen Fragen. 2016 promovierte Heuft in katholischer Theologie an der Universität Münster. In seiner Doktorarbeit ging er der Frage nach, ob Menschen durch körperliche oder psychische Not religiöser werden. Heuft ist seit vielen Jahren als Diakon der katholischen Kirche engagiert, trennt dieses Ehrenamt aber strikt von seiner ärztlichen Tätigkeit. dem
Haben Sie eine Erklärung dafür?
Der Alltag beschleunigt sich im Vergleich zu früher zusehends, das Leben wird immer schneller. Um da mithalten zu können, sind wir wahre Meister in der Selbstoptimierung geworden. Kaum ein Bereich des Lebens, der nicht auf Effizienz getrimmt wurde. Zugleich gelangen immer mehr Menschen aufgrund von biotechnischen Entwicklungen zur Überzeugung, dass sie ihr Leben voll und ganz in den eigenen Händen halten. Eine Folge davon ist beispielsweise, dass sie vehement die Idee ablehnen, in einer Notsituation auf Hilfe angewiesen zu sein.
Und was hat das mit Religion zu tun?
Sie verliert an Bedeutung und fällt regelrecht aus der Zeit, da sie einem «nichts bringt». Religion hat keinen unmittelbaren Nutzen. Der Preis, den wir für die Abwesenheit der Religion bezahlen müssen, ist allerdings hoch. Er wird mit dem Gefühl erkauft, komplett zuständig zu sein für unsere Leistungsfähigkeit. Die Hoffnung, dass irgendwo etwas wirkt, was für uns Menschen nicht verfügbar ist, entfällt. Die Verantwortung liegt nun einzig bei uns.
Das muss für Sie als gläubige Person ernüchternd sein: Die Menschen wenden sich nicht einmal mehr in schwierigen Situationen der Religion zu.
Im Gegenteil. Mich hat das in gewisser Weise befriedigt.
Wieso das?
Ich kann der Vorstellung nichts abgewinnen, dass die Menschen nur richtig leiden müssten, damit sie wieder religiöser und die Kirchen voller würden. Das ist schwarze Pädagogik. Schrecklich. Die christliche Botschaft will im Kern die Menschen befreien und ihnen eine Erweiterung ihres Horizonts schenken.
Ihre Karriere verlief steil. Das haben Sie doch auch Ihrem persönlichen Ehrgeiz zu verdanken und nicht nur Gott.
Mag sein. Aber mehr als dass ich auch heute morgen – Gott sei Dank – gesund aufstehen konnte, habe ich nicht gemacht. Es gibt wenig, was ich selber wirklich regeln und bewirken kann. Das gilt für meine Laufbahn wie für meinen Beruf. Natürlich bin ich froh, wenn ich bei einer Infektion ein Antibiotikum verschreibe und dieses wirkt. Aber gerade als Mediziner erlebe ich immer wieder die Grenzen meiner Disziplin – und dies ist nicht immer einfach auszuhalten. Entgegen dem Zeitgeist glaube ich fest daran, dass wir Menschen nicht alles in unseren Händen halten.
Können Sie dem Wunsch nach Selbstbestimmung nichts Gutes abgewinnen?
Natürlich kann ich das. Tatkraft und Initiative sind toll und wünschenswert. Wenn wir aber alles im Leben kontrollieren und steuern wollen, besteht die Gefahr, dass eigentlich ganz normale Phasen des Lebens abgewertet werden. Das sieht man bei der Pränataldiagnostik: Ernstzunehmende Stimmen warnen davor, dass ein schleichender Druck auf die werdenden Eltern entstehen könnte, solche biotechnologischen Möglichkeiten auch zu nutzen, da sie sonst möglicherweise ein behindertes Kind der Gesellschaft «zumuten». – Ähnlich denken Menschen im Alter über sich selbst. Es gibt deshalb diesen unschönen, aber treffenden Ausdruck von der «Abtreibung am anderen Ende des Lebens».
Der Alte oder der Kranke bestimmt aber nicht über anderes Leben, sondern einzig über sein eigenes.
Ja, aber entscheidet er wirklich frei in einer solchen Situation? Oder gibt es einen gesellschaftlichen Druck? Viele ältere Menschen wollen anderen nicht zur Last fallen oder stellen sich die Frage, ob sie das Erbe, das sie ja ihren Nachkommen überlassen könnten, für eigene Pflegemassnahmen investieren dürfen. Die Massstäbe verschieben sich bei scheinbarer Selbstbestimmung zunächst unmerklich in eine neue – und wie ich meine, problematische – Richtung.
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