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Freitag, 10. Juni 2022

Ich muss 15 Jahre alt gewesen sein, wir spielten Flaschendrehen und ich war an der Reihe, meine Pflicht zu erfüllen. Statt aber eines der Mädchen abzukriegen, wie es an diesem Silvesterabend vermutlich der Wunsch aller Jungs im Raum war, sollte ich einen meiner Freunde küssen. Ich erinnere mich daran, wie wir uns minutenlang gewunden haben, bis sich unsere Lippen für den Bruchteil einer Sekunde berührten, wir uns gleich darauf angewidert voneinander abstiessen und in aller Ausführlichkeit betonten: Das war das absolut Ekligste, das wir je getan haben. Igitt, voll schwul!

Etwa zehn Jahre nach meinem ersten schwulen Kuss küsste ich wieder einen Mann, dieses Mal aber genussvoll und ganz freiwillig. Ich mochte seinen Bart, vielleicht weil ich selbst kaum welchen hatte, mochte, dass ich es gut finden kann, einen Mann zu küssen, so ganz ohne Ekel. Obwohl ich gleichzeitig sicher war, dass ich selbst nicht schwul bin. Es war ein ebenso berauschter Abend wie damals an Silvester, doch er war das vorläufige Ende einer langen Phase, an deren Anfang ich mir vorgenommen hatte, meine Homophobie zu überwinden. Erst die Vorurteile, dann auch die Gefühle.

Von diesem Wandel erzähle ich hier nicht, um mir ein Schulterklopfen abzuholen. Vielmehr, weil ich der absolute Normalfall bin: ein weisser, heterosexueller Mann mit Homophobiehintergrund. Von mir gibt es viele. Ich glaube, dass es an Typen wie mir ist, den Kampf gegen die Diskriminierung endlich zu unserer Sache zu machen. Und mit uns meine ich die Täterseite.

Alles takko? Schön wär’s

Wenn Männer Männer und Frauen Frauen lieben, stört das in Deutschland heute kaum noch jemanden – könnte man meinen. Ein paar religiöse Fundis vielleicht. Spätestens seit die «Ehe für alle» beschlossen wurde, ist doch alles takko! Schön wär’s. Stattdessen ist Homophobie in weiten Teilen der Gesellschaft noch immer gängig, wenngleich nur noch selten offen. So kommt etwa die Antidiskriminierungsstelle des Bundes nach einer repräsentativen Umfrage zu dem Schluss, dass ein Viertel der Bevölkerung Vorurteile gegenüber Homosexuellen hat.

«Moderne Homophobie, in der sich die Abwertung auf subtilere Art und Weise ausdrückt, ist nach wie vor recht weit verbreitet», steht in dem Bericht. Deutlich grösser werde die Ablehnung sogar, wenn die Liebe zum gleichen Geschlecht näher an die Befragten heranrücke. Küsschen und Händchenhalten in der Öffentlichkeit werde beispielsweise bei heterosexuellen Paaren positiver bewertet als bei homosexuellen Paaren. Ein schwuler Kollege oder eine lesbische Kollegin störe kaum noch jemanden, doch wenn das eigene Kind homosexuell sei, gäben weit mehr Menschen an, damit ein Problem zu haben. Viele scheinen Homophobie auf einer intellektuellen Ebene abzulehnen, aber trotzdem nach wie vor dem Glaubenssatz anzuhängen: Ich hab’ ja nichts gegen Schwule, aber …

Ich finde mich jedenfalls wieder im Bericht der Antidiskriminierungstelle. Bis vor wenigen Jahren war ich selbst voller Vorurteile. Ich war Teil dieser 25 Prozent, die mit ihren versteckten Ressentiments dazu beitragen, dass queere Menschen in ­dieser Gesellschaft benachteiligt werden. Nie habe ich irgendwen aufgrund seiner Sexualität geschlagen, bespuckt oder getreten, auch nicht beleidigt. Und doch war da viele Jahre ein grosses Unbehagen, wenn Männer oder Frauen zärtlich miteinander waren, ein diffuses vermeintliches Wissen darum, dass mit denen etwas nicht stimmt.

Ich war Teil derer, die ein gesellschaftliches Klima begünstigen, in dem weit schlimmere Gedanken und teils auch lebensgefährliche Taten möglich sind. Laut Bundes­innenministerium ist 2021 die Zahl der Hasskriminalität aufgrund sexueller Orientierung im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 50 Prozent gestiegen. 164 Gewaltdelikte wurden gemeldet, 154 Körperverletzungen, und 310 Mal wurden Beleidigungen angezeigt.

Wir und «die anderen»

Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen. Das scheint mir wichtig zu erwähnen, auch wenn es für homosexuelle Menschen keinen Unterschied macht, wo die Menschen wohnen und aufgewachsen sind, die sie aufgrund ihrer Zuneigung verachten. Schwul kam in meiner Kindheit und Jugend ausschliesslich als Schimpfwort vor. Die Ächtung und der Ekel vor gleichgeschlechtlicher Liebe waren meine Normalität. Wenn ich etwas oder jemanden abstossend fand oder auch nur irgendwie doof, dann war das «schwul». Die Musik von Marky Mark: schwul. Baileys trinken: voll schwul. Der rothaarige und gemobbte Typ in meiner Klasse: schwul.

Die Musik von Marky Mark: schwul. Baileys trinken: voll schwul. Der rothaarige und gemobbte Typ in meiner Klasse: schwul.

Schwul, das war ein Schimpfwort, aber es war auch viel mehr. Indem ich und meine Kumpels Dinge und Menschen als schwul bezeichneten, machten wir gleichzeitig deutlich, dass wir es selbst nicht sind. «Schwul» funktionierte als Vergewisserung unserer Normalität. Schwul, das waren die anderen oder das Andere.

bref+

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