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Zeichnung: Temo Pogosiani
Freitag, 27. Mai 2016

Das Berner Münster ist das Flaggschiff der Stadtberner Reformierten. Der gotische Bau wird von Touristen besucht, hier spielt der bekannte Organist Daniel Glaus, hier heiraten Stadtgrössen, und hier hört man öfter Predigten, die nichts weniger als liturgische Kunst sind.

Doch hinter den Kulissen ist nicht alles so edel: Anfang Mai kam es in der Berner Münstergemeinde zum Eklat. Ratspräsidentin Charlotte Gutscher trat nach nur zwei Jahren von ihrem Amt zurück. Offiziell äussern möchte sie sich nicht, aber in Bern zweifelt kaum jemand daran, dass die Kunsthistorikerin zwischen den widerstrebenden Interessen der Münstergemeinde und der Berner Gesamtkirchgemeinde zerrieben wurde. Denn Gutscher präsidierte nicht nur die Münstergemeinde, sie ist auch stark in die Restrukturierung der Stadtberner Kirchgemeinden involviert. 2015 ging der Betrieb des Münsters an die Gesamtkirchgemeinde über – und diese will entsprechend mehr Einfluss nehmen: Geht es nach der Gesamtkirchgemeinde, soll sich das Münster als Zentrumskirche für alle positionieren; geht es nach der Münstergemeinde, soll es möglichst autonome Quartierkirche bleiben.

Zusätzlich zu der Positionierungsfrage steckt das Münster aber auch mitten in einem Verteilkampf um schwindende finanzielle Mittel der Berner Gesamtkirchgemeinde. Dabei musste es bereits zurückstecken, etwa bei den Pfarrstellen: Standen der Prestigekirche bis vor zwei Jahren 180 Pfarrstellenprozente zur Verfügung, muss sie heute mit nur 150 Stellenprozenten auskommen.

«Trotz spärlicher Anwohnerschaft – auf Gemeindeboden Fraumünster leben gerade einmal 97 Personen – sind sie die bestbesuchten Kirchen.»

Rechnerisch stünden ihr sogar nur 110 zu, denn mit ihren 2500 Seelen ist sie die kleinste Stadtberner Kirchgemeinde – auch wenn die Predigtgottesdienste die meistbesuchten auf Stadtboden sind. Aus Sicht der Münstergemeinde sind 1,5 Pfarrstellen zu wenig, um das Predigen auf hohem Niveau weiterführen zu können.

Ein Antrag, das Pfarramt mit weiterhin 1,8 Stellen zu besetzen, scheiterte jedoch bereits 2014 im Kirchenrat. In der damaligen Parlamentssitzung wurde klar, dass eine Bevorzugung der Münstergemeinde als unfair empfunden würde – denn bluten müssten Kirchgemeinden, die weniger Aufmerksamkeit erhalten, jedoch über eine grössere Anzahl Mitglieder verfügen.

Die Solidarität der umliegenden Kirchgemeinden mit dem repräsentativen Bau im Herzen der Berner Altstadt scheint also begrenzt. Das Berner Münster ist aber kein Einzelfall. Auch in anderen Städten stehen die Prestigekirchen vor der Herausforderung, die kirchlichen Sparrunden zu überstehen. Niklaus Peter, Pfarrer am Fraumünster in Zürich, sieht im Zürcher Reformprozess Parallelen zur Berner Münster-Affäre. «Es gibt einen gewissen Druck auf die zentralen Kirchen in der Altstadt», so Peter. Denn trotz spärlicher Anwohnerschaft – auf dem Gemeindeboden Fraumünster leben gerade einmal 97 Personen – sind sie die bestbesuchten Kirchen; daraus entstehe auch viel Seelsorge- und Kasualarbeit.

Doch wie sich die Beziehung der städtischen Kirchgemeinden als Ganzes zu ihren Flaggschiff-Kirchen entwickle, sei noch offen, sagt Peter. In der Stadt Zürich sind die rund 34 Kirchgemeinden noch autonom. Der Restrukturierungsprozess, der eine Einheitsgemeinde vorsieht, biete jedoch auch Chancen. Die Finanzierung soll künftig in einem kirchlichen Stadtparlament diskutiert werden und aufgrund von «Schwerpunkten» und «Aufgaben» erfolgen: «Die Altstadtkirchen haben zentrale Aufgaben. Sie schaffen eine Öffentlichkeit und haben eine wichtige Funktion für die reformierte Identität», erklärt der Fraumünster-Pfarrer.

Dennoch warnt Peter davor, «normale» Kirchgemeinden gegen «Symbolorte» und «Altstadtkirchen» auszuspielen: «Es ist wichtig, in der künftigen Finanzierung einen Kompromiss zu finden. Nicht nur Schwerpunkte, sondern auch der Pfarr- und der Gemeindealltag sollen Wertschätzung und entsprechende Finanzierung finden.» Niklaus Peter traut es dem Gesamtprojektleiter der Reform, Andreas Hurter, zu, zwischen den unterschiedlichen Interessenlagen zu vermitteln und das Verständnis für die besonderen Leistungen von «Symbolkirchen» zu wecken: «Wie es aber aussieht, wenn die neue Finanzierung akut wird, wird sich erst zeigen.»

Für das Basler Münster hingegen, das im Besitz der Stadtbasler Kantonalkirche ist, stellt sich die Situation entspannter dar.

«Zumindest auf Nutzungsebene scheint wenig Konfliktpotenzial vorhanden. Doch in finanzieller Hinsicht sieht es anders aus.»

Interessens- und Nutzungskonflikte zwischen der Kantonalkirche als Besitzerin und der Münstergemeinde, für die das Münster die Gemeindekirche ist, werden in der sogenannten Münsterkommission austariert.

Zumindest auf Nutzungsebene scheint damit wenig Konfliktpotenzial vorhanden.

Anders sieht es in finanzieller Hinsicht aus: Roger Thiriet, Medienbeauftragter der evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Basel-Stadt, berichtet von einem «leichten Unbehagen» in anderen Gemeinden mit Blick auf den 2015 begonnenen Sparprozess. Die Kirche rechnet mit einem Rückgang ihrer Kirchensteuereinnahmen von 18 Millionen auf 12 Millionen Franken bis zum Jahr 2025. Gemeinden werden vermehrt Drittmittel einwerben müssen, um ihre Dienstleistung auf dem heutigen Niveau zu halten. Hier hat das Münster schon heute die Nase vorn, denn zahlungskräftige Gemeindemitglieder sowie Gönner der Münsterbauhütte greifen der Prestigekirche finanziell unter die Arme. Zudem erwägt der Kirchenrat eine Finanzierung, die Kirchgemeinden mit hohen Gottesdienstbesucherzahlen bevorzugen würde. Dazu gehört auch das Münster.

Gegen dieses Finanzierungsmodell regt sich nun Widerstand. An der letzten Basler Synode vom 22. April 2016 stellte der Riehener Synodale Stefan Wenk den Verteilschlüssel generell in Frage: Steuergelder, die von mitgliederstarken Gemeinden generiert würden, sollten wieder an diese zurückfliessen. Alles andere sei unfair. Wenk erwähnte in seiner Interpellation konkret die Münstergemeinde, die Gellertkirche und St. Jakob: Sie würden doppelt so viele Gelder erhalten als vergleichbar mitgliederstarke, aber «unsichtbare», «normale» Gemeinden wie etwa Kleinbasel.

In Wenks Kostenaufstellung fehlt allerdings die kantonalkirchliche Arbeit, für die das Münster im Gegensatz zu anderen Gemeinden selber aufkommt. Zu dieser gesamtkirchlichen Arbeit des Münsters gehört etwa die letztjährige vielbesuchte Kampagne «feste feiern» oder die samstägliche Vesper «Wort und Musik».

Trotz dieser Unmutsbekundung an der letzten Synode gibt sich Roger Thiriet zuversichtlich, was die Wertschätzung des Münsters als Zentrumskirche sowie die Beziehung der umliegenden Gemeinden mit dem Münster betrifft: «Ich sehe keinen Anlass zur Befürchtung, dass die Situation ähnlich schwierig werden könnte wie im Fall des Berner Münsters.»