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Autorin: Petra Bahr
Collage: Jannis Pätzold
Freitag, 20. März 2020

Gottesdienste sind verboten. Noch vor ein paar Tagen wäre dieser Satz undenkbar gewesen. Der Eingriff in das Grundrecht auf Religionsfreiheit ist nötig geworden, weil das «Recht auf Leben» ein hohes Gut unserer Verfassung ist. Die Pandemie, die die Welt im Griff hat, hat in wenigen Tagen unser aller Leben auf den Kopf gestellt und stellt alle vor grosse Herausforderungen. Den einen sitzt der Schock in den Gliedern, sie sind wie gelähmt und starren auf Bildschirme oder schotten sich in heile Netflix-Welten ab. Andere wechseln in den Krisenmodus, weil ihnen gar nichts übrigbleibt. Das sind die, die jetzt rund um die Uhr schwierige Entscheidungen treffen, Notfallpläne organisieren, die Krankenhäuser, Pflegeheime, innere und äussere Sicherheit aufrechterhalten, den Müll vor unseren Türen abholen und den Alten Mut zusprechen, weil die Enkelkinder sie nicht mehr ­besuchen dürfen.

Wer Ärzte und Krankenpflegerinnen kennt, wer mit Feuerwehrleuten oder Polizistinnen spricht, wer die trifft, die in der Politik und in der Wirtschaft, in Schulen oder sozialen Einrichtungen Verantwortung haben, weiss, was ich meine. Krisenstäbe werden einberufen, und stündlich wird mit Szenarien im Kopf gearbeitet, die die meisten Schweizer nur aus dem Kino kennen. Währenddessen krabbeln die Kleinen unter dem Schreibtisch, der nun «Homeoffice» sein soll.

Doch mit den Hochglanzbroschüren hat das freie Arbeiten mit nörgelnden, gelangweilten und unterschwellig verängstigten Kindern nur wenig zu tun. Alleinerziehende sind schon nach wenigen Tagen am Ende ihrer Kräfte. Musiker, Künstlerinnen, Dolmetscher, Coaches und all die Menschen in freien Berufen fragen sich, wie sie die Miete für April aufbringen sollen. Die, die in den Einkaufszentren täglich riesige Nachschublieferungen in die Regale packen, müssen nun auch noch die angespannten ­Nerven der Kunden aushalten. In diesem Ausnahmezustand melden sich theologische Weltdeuter zu Wort, selbsternannte Propheten, die genau zu wissen scheinen, was die Stunde geschlagen hat. «Geissel Gottes», wird mir geschrieben, Antwort auf zügellose Liberalität und Globalisierung, eine Strafmassnahme, die zur Umkehr ruft. Die Frauen, die Juden, die Chinesen, der Zeitgeist – alle üblichen Sündenböcke sind wieder da.

Alle, die diesem Zeitgeist verfallen sind, so schreibt mir einer und setzt drei rote Ausrufezeichen dahinter, werden verrecken. Er legt eine Karte bei. Ein Bild Pieter Bruegels, ein Leidenswimmelbild aus geschundenen Leibern mit Pestbeulen und schreckensverzerrten Augen. Dieser Brief zeugt von einer Phantasie, aus der die Irrlehre ist, eine christliche Variation der Verschwörungstheorie.

Physischer Abstand ist in diesen Tagen Ausdruck der Menschenliebe. Das ist das neue Liebesparadox. Petra Bahr

Die Künstler des Mittelalters haben mit ihren apokalyptischen Bildern kollektive Ängste sichtbar gemacht und auf sichtbares und unsichtbares Elend hingewiesen. Sie haben die Hölle auf Erden gemalt, mit Szenen, die an die Situation der Menschen in den Lagern auf Lesbos erinnern. Selbsternannte Propheten im 21. Jahrhundert gefallen sich darin, Panik und Horrorszenarien, verbunden mit Auserwählungsdünkel und religiöser Selbstgerechtigkeit, als Form der Evangelisierung zu missbrauchen.

Auch in säkularer Variante gibt es diese politisch-religiösen Sinnstiftungsversuche übrigens. In dieser Variante ist die Pandemie eine Warnung an die Alten, die nicht genug gegen den Klimawandel getan haben.

Not lehrt nicht nur beten

Moralische Entrüstung verkehrt sich in endzeitliche Bussrede. Nein, Corona ist keine «Geissel Gottes». Was wäre das für ein Gott, der einen Strafzug durch die Zimmer der Alten und Kranken verordnete? Die Pandemie ist kein zynischer Erziehungsversuch Gottes, sondern eine Naturkatastrophe in Zeitlupe. Sie ist Teil dieser Wirklichkeit mit ihren Zweideutigkeiten, ihren vielen Schattierungen zwischen hellem Licht und tiefem Dunkel. In der Theologie heisst das «gefallene Schöpfung». Die Welt war in diesem Sinne immer schon aus den Fugen, mal mehr und mal weniger. Menschen hatten in früheren Jahrhunderten mehr Erfahrung mit der Bedrohung durch Krankheiten, die ganze Landschaften entvölkerten. Davon zeugen viele alte Kirchenlieder, die uns möglicherweise neu ans Herz wachsen, weil sie es wagen, die tiefe Ohnmachtserfahrung und Erfahrung von Gottesfinsternis in Glaubensworten auszusprechen.

Jetzt erleben wir eine solche Ausnahmesituation, allerdings begleitet von einer gigantischen Informations- und Bildmaschine, die uns mit dem Internet und den sozialen Medien permanent begleitet und in Weltsucht und Weltüberdruss zugleich führen kann. Was kann die christliche Antwort auf diesen Ausnahmezustand sein? Auf keinen Fall, die Pandemie mit religiösem Sinn auszustatten, sondern vom Gott der Passion aus zu fragen, was Christinnen und Christen gemeinsam und als Einzelne tun können, um in dieser dramatisch sich ändernden Wirklichkeit füreinander da zu sein. Gottesdienste sind verboten, Gottesbegegnungen sind es nicht. Viele nutzen die Möglichkeiten der Digitalisierung. Not lehrt nicht nur beten. Menschen treffen sich zu Twittergebeten und streamen Andachten, sie entwickeln Telefongottesdienste und richten Hotlines für Seelsorge und Gespräche ein.

Die Schwelle wird so für die, die niemals eine Kirche betreten würden, deutlich niedriger. Die «Gemeinschaft der Heiligen», von der Christen im Glaubensbekenntnis sprechen, war im übrigen immer schon auch ein unsichtbares Band, das die ganze Welt umfasste. Physischer Abstand ist in diesen Tagen Ausdruck der Menschenliebe. Damit hat die Kirche ein neues Liebesparadox, das es nicht zähneknirschend und widerwillig, sondern um der Schwachen willen anzunehmen gilt.

Vielleicht ist jetzt die Zeit, religiöse Erfahrungen und geistlichen Austausch, auch theologische Diskussionen und Seelsorge, nicht mehr in Form von «Veranstaltungen» zu begreifen, sondern als geistliche Energie, die da entsteht, wo «zwei oder drei» einander beistehen. Die diakonische Dimension des Glaubens wird möglicherweise wieder Teil des Selbstverständnisses aller, auch wenn die grossen diakonischen Einrichtungen lange ein Eigenleben führten. Im Kirchenjahr ist die Zeit der Passion. Christinnen und Christen erinnern sich in diesen Wochen an den Leidensweg Christi. Sie üben jedes Jahr wieder neu den immer wieder skandalösen Gedanken, dass Gott sich in Ratlosigkeit und Liebesverrat, in Schmerz und in Todesangst zeigt und nicht in diktatorischer Weltlenkermanier.

Ohne Friedensgruss und Schulter-an-Schulter

Zum Gedanken der Passion gehört die Idee der Stellvertretung. Jemand nimmt für andere viel, im Falle Jesu sogar alles in Kauf. Der alte Gedanke des Opfers findet sein Ziel in der Hingabe für andere. Deshalb ist die Idee des Füreinandereinstehens keine oberflächliche Moralisierung des ehemals tiefen Kreuzes­geschehens, sondern seine praktische Folge. Nachfolge Christi, das ist dann keine Floskel, wenn die Kirche zu einem Ort wird, wo das Wohl der anderen im Mittelpunkt steht. Das geht mit kreativen Mitteln für eine Zeit auch ohne Friedensgruss und Schulter-an-Schulter-Erfahrung in der Kirchenbank. Gemeinsinn ist keine Spinnerei von denen, die sich eine ideale Welt vorgaukeln, sondern der biblische Grundgedanke, der das Miteinander der Menschen bestimmt. Das ist schon in der hebräischen Bibel so und wird von Jesus auf sich selbst bezogen. Niemand weiss, was die kommenden Tage und Wochen bringen, wie Familien die Enge und die Sorgen untereinander aushalten, wenn die Nerven blank liegen und die Existenzängste wachsen. Niemand weiss, wie die Kinder diese Zeit der Isolation ertragen. Niemand weiss, welches Ausmass das Virus der Einsamkeit annehmen wird.

Der christliche Glaube ist kein Ansteckungsschutz und keine Garantie für seelische Stabilität. Wir brauchen einander. Die Kirche als Erinnerungs- und Erzählgemeinschaft, als Gebetsgemeinschaft und als Hilfsgemeinschaft braucht sich für eine Weile nicht mit sich selbst zu beschäftigen. Sie kann sich auf das konzentrieren, was ihr Auftrag ist: Gottes Nähe, Zuwendung und Liebe auch dann zu verkünden, wenn die eigene Glaubenskraft nicht ausreicht, mit Gebet und Paketen vor der Haustür, mit Telefon und Singen vom Balkon, mit Unterstützung für Menschen in innerer und äusserer Not. Und wenn zwischendurch die Kraft fehlt und die Erschöpfung um sich greift, altes geistliches Bekenntnis: «Gott glaubt an uns.»

Petra Bahr ist Publizistin und Regionalbischöfin im Sprengel Hannover der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover.
Der Illustrator Jannis Pätzold lebt in Berlin.