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Autorin: Luise Glum
Freitag, 10. Juni 2022

Man stelle sich vor, Barack Obama und Hillary Clinton würden in Wahrheit einen Kinderhändlerring betreiben. Aus dem Keller einer Pizzeria in der US-Hauptstadt Washington. Sie zapfen den Kindern Blut ab, um daraus Serum zu gewinnen, das sogenannte Adrenochrom. Es soll ihnen helfen, ewig jung zu bleiben. Man kann diesen Stoff auch künstlich herstellen, doch das ist ihnen egal, denn sie sind Teil einer satanistischen Elite, die entführt, foltert und mordet. Eine unglaubliche Geschichte. Oder?

QAnon heisst diese Verschwörungserzählung, die alte antisemitische Mythen aufgreift und sie aktualisiert. Zum Beispiel die Idee, dass eine fremde Macht im Hintergrund die Fäden zieht. Was noch unglaublicher klingt: Mehr als jeder Zehnte in Deutschland stimmt zentralen Narrativen von QAnon «mehr oder weniger stark zu». Das schreibt der Thinktank «Center für Monitoring, Analyse und Strategie» in einem Report vom März.

Auch andere Verschwörungserzählungen florieren: Die Impfung soll uns vergiften, in der Ukraine werden Biowaffen produziert, die Wahl in Frankreich wurde manipuliert. Den Verschwörungsgläubigen rauchen die Köpfe.

Was Menschen dazu bringt, an solche Dinge zu glauben, beschäftigt Soziologie, Politikwissenschaft und Psychologie schon seit Jahren. Eine Erklärung ist das Bedürfnis, einzigartig zu sein und sich selbst zu überhöhen. Eine andere, dass Menschen Angst haben, überfordert sind, besonders in Krisenzeiten. Und Verschwörungserzählungen dann einfache Antworten liefern.

Aber reichen diese Ansätze aus, um zu begreifen, warum die eigene Mutter oder Freundin plötzlich denkt, mit der Impfung würde ein Mikrochip eingepflanzt? Könnte man die Welt nicht vereinfachen, ohne irrationale Thesen aufzustellen? Und warum sind manche Menschen auch mit Fakten und guten ­Argumenten nicht zu überzeugen?

Das fragt sich die Neurowissenschaftlerin Katharina Schmack. Seit 15 Jahren beschäftigt sich die 39jährige mit dem menschlichen Gehirn, seit September an einem der grössten biomedizinischen Forschungsinstitute Europas, dem Francis Crick Institute in London. Biologie begeistert sie, das merkt man gleich, wenn man mit ihr videotelefoniert. Während sie Gehirnareale und Hormone erklärt, lächelt sie – und das, obwohl sie täglich mit einem sehr ernsten Thema zu tun hat. Ihr Schwerpunkt sind Psychosen.

Psychosen haben zwei zentrale Charakteristika, den Glauben an unbegründete Überzeugungen und an unbegründete Wahrnehmungen, kurz gesagt: Wahn und Halluzination. Wie viele andere Erkrankungen sei die Psychose ein Kontinuum, auf dem wir uns alle irgendwo befänden, sagt Katharina Schmack. Am einen Extrem seien schwere psychische Erkrankungen wie Schizophrenie, am anderen Menschen, die gar nicht dazu neigen. «Und Verschwörungserzählungen liegen irgendwo dazwischen.»

Unbegründete Überzeugungen faszinieren Schmack, zum Beispiel paranoide Ideen. In Fragebögen können diese so abgefragt werden: Haben Sie manchmal das Gefühl, dass alle gegen Sie sind? Und wenn ja, wie stark belastet Sie das?

bref+

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