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Freitag, 16. April 2021

Das letzte Mal rief Uta an, als ihr Computer nicht mehr wollte. Die Tastatur klackerte. Nichts half. «Hallo? Hörst du mich? Ich brauche deine Hilfe.» Keine Ahnung, warum sie ausgerechnet mich anrief. Das letzte Mal, dass wir miteinander geredet hatten, war eine Ewigkeit her. Für ein Portrait hatte ich die Theologin Uta Ranke-Heinemann vor vier Jahren in ihrem Haus in Essen besucht. Zu dem Zeitpunkt war sie schon seit einer Weile krank. «Mein Hirn ist Matsch», sagte sie, als sie mich hineinbat in ihr Reich.

An guten Tagen, hatte ihr Sohn mir zuvor versichert, sei sie fast die alte. Dann könne man die Frau erleben, die als Dauer-Talkshow-Gast deutsche Mediengeschichte schrieb. Uta Ranke-Heinemann, das war über Jahrzehnte die schrille Dame mit der mintgrünen Jacke, die bei Fliege, Maischberger und Co. immer wieder dieselbe Geschichte erzählte. Wie das damals war mit dem jungen Ratzinger, ihrem Kommilitonen im theologischen Seminar in München.

Wie sie die erste Professorin für katholische Theologie der Welt wurde und dann 1987 die Lehrerlaubnis verlor, als sie (natürlich in einer Talkshow) Zweifel anmeldete an der Jungfrauengeburt. Und natürlich, wie es sich anfühlte, 1999 gegen den Sozialdemokraten Johannes Rau als Bundespräsidentenkandidatin der PDS zu verlieren. Diese Uta Ranke-Heinemann hoffte ich zu treffen an einem ihrer guten Tage.

«Wer verstehen will, warum die Frauen von Maria 2.0 heute Gottesdienste bestreiken, sollte Uta Ranke-Heinemanns Buch ‹Eunuchen› lesen. Es hat nichts an Schärfe und Aktualität verloren.» Raoul Löbbert

Bücher, überall Bücher

Dann die erste Überraschung, als ich mich vorbereitete: Ihre Bücher – «Eunuchen für das Himmelreich» und «Nein und Amen», beides Weltbestseller. In den «Eunuchen» rechnete Uta Ranke-Heinemann 1988 ab mit katholischer Sexualmoral und katholischem Frauenbild. Wer verstehen will, warum die Frauen von Maria 2.0 heute Gottesdienste bestreiken, sollte dieses Buch lesen. Die Analyse der «Eunuchen» hat nichts an Schärfe und Aktualität verloren. «Nein und Amen» da­gegen ist anders, intimer.

Uta Ranke-Heinemann nimmt darin Abschied vom Christentum, es ist ihre ganz persönliche Vertriebenengeschichte. Ein Absatz ist in meiner Ausgabe dick unterstrichen: «Und so bin ich fortgegangen, fort von Jungfraumutter und Henkervater, von dem Gott mit den blutigen Händen, dem Erwürger der Erstgeborenen, der von Abraham das Opfer Isaaks verlangte und später seinen eigenen erstgeborenen und einzigen Sohn für uns opferte. Ich wandte mich ab von den Theologen, die meine Wissenslücken mit ihrer Verstandesfeindlichkeit und ihren grausamen Märchen füllten, und glaubte ihnen nicht mehr. Und ihr Buch, die Bibel, war mir nicht mehr Gottes Wort. Es wurde Menschenwort und tröstet mich nicht.»

Wer schreibt so etwas?, fragte ich mich. Eine Verlorene? Jemand, um den man sich sorgen muss? Und dann sitzt die Autorin in Essen auf einmal vor mir im Sessel, umringt von geliebten Büchern und geliebten Menschen im Fotorahmen: ihr Vater Gustav Heinemann, der Bundespräsident, ihr Mann Edmund, mit dem sie 56 Jahre verheiratet war. Sogar Sandra Maischberger steht dort als Bild auf dem Fernseher und erinnert an Utas letzte Talkshow im Jahr 2012.

bref+

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