Tribe» – «Stamm» heisst die Männergruppe der Dream City Church in Arizona, die auf ihrem begrünten Hauptcampus viele politische Figuren vom rechtsextremen Rand der Republikanischen Partei begrüsst. Ein Flyer, der aufliegt, wirbt für einen Grillabend unter dem Motto «Unentschuldigte Männlichkeit», inklusive Wettbewerb im Gewichtheben.
Auf einem Prospekt sind muskulöse Männer in militärisch-anmutender Sportkleidung abgebildet, solche wird von breiten Teilen der jungen amerikanischen Rechten getragen. Das erinnert mehr an eine Werbung für einen Energy-Drink als an Informationsmaterial einer Kirche.
Dass ich mich in einer evangelikalen Megachurch umsehe, hat damit zu tun, dass die USA einen grossen Sprung nach rechts gemacht haben. Wer sich für die Ursachen interessiert, landet immer wieder bei einer kleinen, aber einflussreichen Gruppe: evangelikalen Männern.
Mein Vater wanderte von Deutschland in die USA aus, ich bin in Austin, der Hauptstadt von Texas, aufgewachsen. Texas ist eine Hochburg der Republikanischen Partei. Nicht nur Weisse, sondern auch viele Latinos, traditionell eine Wählergruppe der Demokraten, haben sich in diesem Bundesstaat Trump zugewandt. Genauso die Jungen: Die Generation Z, Jahrgänge von 1995 bis 2012, ist in den USA die konservativste seit Jahrzehnten.
Dass der Einfluss von Evangelikalen hier besonders gross ist, selbst in den progressiven urbanen Ecken, habe ich selbst erfahren. Die Tage in der Highschool begannen wir mit einem Fahneneid auf «Eine Nation unter Gott», Sexualkunde beschränkte sich auf eine einzige Schulstunde in der achten Klasse, in der uns als einzig wirksames Verhütungsmittel Abstinenz empfohlen wurde. Mitschüler, die Probleme mit dem Gesetz oder mit Drogen bekamen, wurden vom Jugendgericht meistens an christliche Organisationen weitergereicht.
Wie sich ein Mann in dem Bundesstaat zu verhalten hat, der gerne «God’s Country» genannt wird, habe ich schnell verstanden. Für meinen alternativen, queeren Freundeskreis hatten die Anhänger des texanischen Machismo mit ihrem steifen Gang, den Cowboystiefeln und unnötig grossen, sauber polierten Pick-Up-Trucks oft etwas von Karikaturen. Trotzdem weigerten sich fast alle meiner männlichen Freunde, auf Partys zu tanzen, und sprachen so gut wie nie über ihre Gefühle.

Wahlkampfveranstaltung von Turning Point USA in der Dream City Church in Phoenix, Arizona: Im Juni 2020, während der Pandemie, tritt Donald Trump vor einem Publikum aus jungen Amerikanerinnen und Amerikanern auf. (Bild: Keystone / Everett Collection)
Nun ist mit Donald Trump ein Präsident an der Macht, der wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt worden ist und der Leute wie Nick Fuentes, einen rechtsextremen Aktivisten und Anhänger der White-Supremacy-Bewegung, zum Essen einlädt. Fuentes wandelte den Slogan der Abtreibungsbewegung «My Body, my choice» – «Mein Körper, meine Entscheidung» um in «Your body, my choice» – «Dein Körper, meine Entscheidung».
Flankiert wurde Trump – bis sich die beiden Männer zerstritten – von Milliardär Elon Musk, der auf Sozialen Medien Posts teilt wie: «Männlichkeit ist zurück» und damit auf eine Riege «grosser Männer», also Autokraten, anspielt, die weltweit gerade an die Macht gelangen.
Frauenhass und Männlichkeitsgehabe
Das ist der bekannte Teil. Doch in den USA existiert auch ein Kosmos von antifeministischen YouTubern, Podcastern und Influencern, die «Manosphere». An der Spitze des antifeministischen Netzwerks stehen Männer wie der Influencer und ehemalige Kampfsportler Andrew Tate, der mehrfach der Vergewaltigung und des Menschenhandels bezichtigt wird.
Oder der ehemalige Fox-News-Moderator Tucker Carlson, der auf einer Rede unter dem Motto «When Dad comes home» dafür plädierte, Kinder mit einer Tracht Prügel zu bestrafen. Ein weiteres Beispiel: Der Football-Spieler Harrison Butker forderte, dass Frauen ihren Platz am Herd einnehmen. Ausserdem nannte er Homosexualität eine Sünde. Die zentrale Nachricht der Manosphere: Männer haben das Sagen, Frauen ihnen in erster Linie zu dienen.
Um den Mechanismus hinter diesem Antifeminismus zu verstehen, der nicht nur in den USA an Einfluss gewinnt, muss man auch das Rollenbild der Evangelikalen verstehen, denn Manosphere und Christentum überschneiden sich in grossen Teilen. Also melde ich mich für eine Männergruppe einer Megachurch im Bundesstaat New Mexico an.
Um die 23 Prozent aller Amerikanerinnen und Amerikaner verstehen sich als Evangelikale. «Es ist die dominanteste Aus- legung christlichen Glaubens in den USA, und sie hat einen politischen Einfluss, der weit über ihre eigentliche Grösse hinausgeht.»
Das sagt Kristin Kobes Du Mez, Professorin für Geschichte und Gender Studies an der Calvin University und Autorin von «Jesus and John Wayne», einer umfangreichen Geschichte der Männlichkeit in der modernen evangelikalen Kirche Amerikas.
«Die evangelikale Bewegung beschränkt sich nicht auf einzelne Konfessionen, sondern verbreitet sich über christliche Medien wie Bücher und Radiosender und formiert den Glauben einer breiten Gruppe von Menschen in den USA», sagt sie. Die Evangelikalen haben einen protestantischen Hintergrund und stellen die unmittelbare Kommunikation mit Gott in den Mittelpunkt.
Viele Evangelikale verstehen die Bibel als das unverfälschte Wort Gottes, die überwiegende Mehrheit ist tief konservativ, insbesondere in Bezug auf die Rollen von Frau und Mann. Ein grosser Teil der Evangelikalen stellt sich politisch hinter Trump. Die Mehrheit der grossen evangelikalen Kirchenverbände hat sich klar zu den Zielen der Regierung bekannt.
Megachurches sind Kirchen mit 1000 Gemeindemitgliedern und mehr. Häufig sind es über 10 000. Häufig teilen sie diese auf mehrere regionale Campus auf, die Predigten werden von Lasershows untermalt und über eigene Apps an Gläubige auf der ganzen Welt ausgestrahlt.
Durch das Gesetz vor jedem Einblick in ihre Finanzen geschützt, verfügen die Megachurches oft über gigantische Budgets. Ihre Führungspersönlichkeiten reisen häufig im Privatflugzeug an.
Eine Kirche, gross wie ein Quartier
Der Hauptcampus der Kirche nimmt so viel Fläche ein, dass er in Berlin als eigener Kiez gelten würde. Als ich ihn das erste Mal besuche, nehme ich die falsche Einfahrt und lande aus Versehen auf dem Parkplatz der angeschlossenen Grundschule.
Bis ich von dort in den Bereich komme, in den ich will, sind rund fünfzehn Minuten vergangen. Auf meinem Weg komme ich an einer Bibliothek, Schulungsräumen und einem Sportzentrum vorbei und werde von uniformierten Angestellten und Sicherheitsleuten durch gepflegte Grünanlagen gelotst.
Da noch etwas Zeit bleibt bis zum Treffen mit den Männern, suche ich nach einem Café. Vor Gottesdiensten und grösseren Veranstaltungen öffnen jeweils mehrere kleine Espressobars, die auf dem Gelände verteilt sind. Zurzeit ist das Café auf dem Campus das einzige, das geöffnet hat.
Hier ist alles perfekt, der Edelstahl blitzt, die lange Theke aus hellem Holz ist poliert. Der Kaffee aus der gigantischen Espressomaschine kostet die Hälfte des Preises, den man ausserhalb des Campus bezahlt, er wird durch die Mitglieder der Kirche subventioniert.
«Ich kann dich lieben und deine Sünde hassen»
Wie Dream City in Phoenix gehört auch diese Kirche zu den Assemblies of God, einem der grössten evangelikalen Dachverbände, dessen Kirchen im Gegensatz zu vielen anderen Evangelikalen wie Nicht-Evangelikalen über die letzten Jahrzehnte grossen Zuwachs erhalten haben.
Rund drei Millionen Mitglieder zählen die Kirchen des Verbandes, Hunderttausende mehr in Lateinamerika und Afrika. Sie sind sogenannte Pentecostalists, Mitglieder der Pfingstbewegung, die Bibel lesen sie als unfehlbares Wort Gottes.
Ich erkunde den Campus weiter. Im kleinen Buchladen, der an das Café angeschlossen ist, liegt die erzkonservative Haltung offen. «Ich kann dich lieben und deine Sünde trotzdem hassen», steht in einem kleinen Büchlein zu Homosexualität. «Frauen sind Frauen und Männer sind Männer» in einem weiteren.
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