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Donnerstag, 09. Oktober 2025

Tribe» – «Stamm» heisst die Männergruppe der Dream City Church in Arizona, die auf ihrem begrünten Hauptcampus viele politische Figuren vom rechtsextremen Rand der Republikanischen Partei begrüsst. Ein Flyer, der aufliegt, wirbt für einen Grillabend unter dem Motto «Unentschuldigte Männlichkeit», inklusive Wettbewerb im Gewichtheben.

Auf einem Prospekt sind muskulöse Männer in militärisch-anmutender Sportkleidung abgebildet, solche wird von breiten Teilen der jungen amerikanischen Rechten getragen. Das erinnert mehr an eine Werbung für einen Energy-Drink als an Informationsmaterial einer Kirche.

Dass ich mich in einer evangelikalen Megachurch umsehe, hat damit zu tun, dass die USA einen grossen Sprung nach rechts gemacht haben. Wer sich für die Ursachen interessiert, landet immer wieder bei einer kleinen, aber einflussreichen Gruppe: evangelikalen Männern.

Mein Vater wanderte von Deutschland in die USA aus, ich bin in Austin, der Hauptstadt von Texas, aufgewachsen. Texas ist eine Hochburg der Republikanischen Partei. Nicht nur Weisse, sondern auch viele Latinos, traditionell eine Wählergruppe der Demokraten, haben sich in diesem Bundesstaat Trump zugewandt. Genauso die Jungen: Die Generation Z, Jahrgänge von 1995 bis 2012, ist in den USA die konservativste seit Jahrzehnten.

Dass der Einfluss von Evangelikalen hier besonders gross ist, selbst in den progressiven urbanen Ecken, habe ich selbst erfahren. Die Tage in der Highschool begannen wir mit einem Fahneneid auf «Eine Nation unter Gott», Sexualkunde beschränkte sich auf eine einzige Schulstunde in der achten Klasse, in der uns als einzig wirksames Verhütungsmittel Abstinenz empfohlen wurde. Mitschüler, die Probleme mit dem Gesetz oder mit Drogen bekamen, wurden vom Jugendgericht meistens an christliche Organisationen weitergereicht.

Wie sich ein Mann in dem Bundesstaat zu verhalten hat, der gerne «God’s Country» genannt wird, habe ich schnell verstanden. Für meinen alternativen, queeren Freundeskreis hatten die Anhänger des texanischen Machismo mit ihrem steifen Gang, den Cowboystiefeln und unnötig grossen, sauber polierten Pick-Up-Trucks oft etwas von Karikaturen. Trotzdem weigerten sich fast alle meiner männlichen Freunde, auf Partys zu tanzen, und sprachen so gut wie nie über ihre Gefühle.

Wahlkampfveranstaltung von Turning Point USA in der Dream City Church in Phoenix, Arizona: Im Juni 2020, während der Pandemie, tritt Donald Trump vor einem Publikum aus jungen Amerikanerinnen und Amerikanern auf. (Bild: Keystone / Everett Collection)

Nun ist mit Donald Trump ein Präsident an der Macht, der wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt worden ist und der Leute wie Nick Fuentes, einen rechtsextremen Aktivisten und Anhänger der White-Supremacy-Bewegung, zum Essen einlädt. Fuentes wandelte den Slogan der Abtreibungsbewegung «My Body, my choice» – «Mein Körper, meine Entscheidung» um in «Your body, my choice» – «Dein Körper, meine Entscheidung».

Flankiert wurde Trump – bis sich die beiden Männer zerstritten – von Milliardär Elon Musk, der auf Sozialen Medien Posts teilt wie: «Männlichkeit ist zurück» und damit auf eine Riege «grosser Männer», also Autokraten, anspielt, die weltweit gerade an die Macht gelangen.

Frauenhass und Männlichkeitsgehabe

Das ist der bekannte Teil. Doch in den USA existiert auch ein Kosmos von antifeministischen YouTubern, Podcastern und Influencern, die «Manosphere». An der Spitze des antifeministischen Netzwerks stehen Männer wie der Influencer und ehemalige Kampfsportler Andrew Tate, der mehrfach der Vergewaltigung und des Menschenhandels bezichtigt wird.

Oder der ehemalige Fox-News-Moderator Tucker Carlson, der auf einer Rede unter dem Motto «When Dad comes home» dafür plädierte, Kinder mit einer Tracht Prügel zu bestrafen. Ein weiteres Beispiel: Der Football-Spieler Harrison Butker forderte, dass Frauen ihren Platz am Herd einnehmen. Ausserdem nannte er Homosexualität eine Sünde. Die zentrale Nachricht der Manosphere: Männer haben das Sagen, Frauen ihnen in erster Linie zu dienen.

Um den Mechanismus hinter diesem Antifeminismus zu verstehen, der nicht nur in den USA an Einfluss gewinnt, muss man auch das Rollenbild der Evangelikalen verstehen, denn Manosphere und Christentum überschneiden sich in grossen Teilen. Also melde ich mich für eine Männergruppe einer Megachurch im Bundesstaat New Mexico an.

Um die 23 Prozent aller Amerikanerinnen und Amerikaner verstehen sich als Evangelikale. «Es ist die dominanteste Aus- legung christlichen Glaubens in den USA, und sie hat einen politischen Einfluss, der weit über ihre eigentliche Grösse hinausgeht.»

Das sagt Kristin Kobes Du Mez, Professorin für Geschichte und Gender Studies an der Calvin University und Autorin von «Jesus and John Wayne», einer umfangreichen Geschichte der Männlichkeit in der modernen evangelikalen Kirche Amerikas.

«Die evangelikale Bewegung beschränkt sich nicht auf einzelne Konfessionen, sondern verbreitet sich über christliche Medien wie Bücher und Radiosender und formiert den Glauben einer breiten Gruppe von Menschen in den USA», sagt sie. Die Evangelikalen haben einen protestantischen Hintergrund und stellen die unmittelbare Kommunikation mit Gott in den Mittelpunkt.

Viele Evangelikale verstehen die Bibel als das unverfälschte Wort Gottes, die überwiegende Mehrheit ist tief konservativ, insbesondere in Bezug auf die Rollen von Frau und Mann. Ein grosser Teil der Evangelikalen stellt sich politisch hinter Trump. Die Mehrheit der grossen evangelikalen Kirchenverbände hat sich klar zu den Zielen der Regierung bekannt.

Megachurches sind Kirchen mit 1000 Gemeindemitgliedern und mehr. Häufig sind es über 10 000. Häufig teilen sie diese auf mehrere regionale Campus auf, die Predigten werden von Lasershows untermalt und über eigene Apps an Gläubige auf der ganzen Welt ausgestrahlt.

Durch das Gesetz vor jedem Einblick in ihre Finanzen geschützt, verfügen die Megachurches oft über gigantische Budgets. Ihre Führungspersönlichkeiten reisen häufig im Privatflugzeug an.

Eine Kirche, gross wie ein Quartier

Der Hauptcampus der Kirche nimmt so viel Fläche ein, dass er in Berlin als eigener Kiez gelten würde. Als ich ihn das erste Mal besuche, nehme ich die falsche Einfahrt und lande aus Versehen auf dem Parkplatz der angeschlossenen Grundschule.

Bis ich von dort in den Bereich komme, in den ich will, sind rund fünfzehn Minuten vergangen. Auf meinem Weg komme ich an einer Bibliothek, Schulungsräumen und einem Sportzentrum vorbei und werde von uniformierten Angestellten und Sicherheitsleuten durch gepflegte Grünanlagen gelotst.

Da noch etwas Zeit bleibt bis zum Treffen mit den Männern, suche ich nach einem Café. Vor Gottesdiensten und grösseren Veranstaltungen öffnen jeweils mehrere kleine Espressobars, die auf dem Gelände verteilt sind. Zurzeit ist das Café auf dem Campus das einzige, das geöffnet hat.

Hier ist alles perfekt, der Edelstahl blitzt, die lange Theke aus hellem Holz ist poliert. Der Kaffee aus der gigantischen Espressomaschine kostet die Hälfte des Preises, den man ausserhalb des Campus bezahlt, er wird durch die Mitglieder der Kirche subventioniert.

«Ich kann dich lieben und deine Sünde hassen»

Wie Dream City in Phoenix gehört auch diese Kirche zu den Assemblies of God, einem der grössten evangelikalen Dachverbände, dessen Kirchen im Gegensatz zu vielen anderen Evangelikalen wie Nicht-Evangelikalen über die letzten Jahrzehnte grossen Zuwachs erhalten haben.

Rund drei Millionen Mitglieder zählen die Kirchen des Verbandes, Hunderttausende mehr in Lateinamerika und Afrika. Sie sind sogenannte Pentecostalists, Mitglieder der Pfingstbewegung, die Bibel lesen sie als unfehlbares Wort Gottes.

Ich erkunde den Campus weiter. Im kleinen Buchladen, der an das Café angeschlossen ist, liegt die erzkonservative Haltung offen. «Ich kann dich lieben und deine Sünde trotzdem hassen», steht in einem kleinen Büchlein zu Homosexualität. «Frauen sind Frauen und Männer sind Männer» in einem weiteren.

Darin wird nicht-heteronormative Sexualität als eine Wahl behandelt, die Menschen auch nicht treffen können. Wie die meisten Kirchen der Assemblies of God gibt man sich hier modern und vorwärtsorientiert. Die Menschen tragen legere Kleidung, aus den Lautsprechern klingt fromme, aber poppige und moderne Musik. Die Welt der «Praise Music» ist ein Paralleluniversum für sich, in dem Millionen verdient werden.

Witze über Pronomen und Gender

Das Treffen findet in einem kleinen Klassenzimmer statt, in dem am Wochenende jeweils Sonntagsschule ist. Der grelle, bunt dekorierte Raum passt weder zum dunklen Abend noch zu dem halben Dutzend Männer mittleren Alters, die sich hier eingefunden haben. «Michael» stellt sich vor, er ist gross und spricht am lautesten unter den Anwesenden. Ich werde zu Beginn der Runde entspannt willkommen geheissen, es scheint normal zu sein, dass neue Leute kommen.

Auf ihrer Internetseite verspricht die Gruppe einen direkten und christlichen Umgang mit intimen Themen wie Sex, Geld und Einsamkeit. Ich bin gespannt, nicht nur aus journalistischem Interesse, sondern weil es mir tatsächlich nicht besonders gut geht.

Ich fühle mich abgekoppelt in meinem neuen Wohnort in den Bergen, und meine Partnerin und ich streiten uns ständig, angewiesen aufeinander. Ich weiss, dass mich der religiöse Aspekt als Agnostiker nicht ansprechen wird. Trotzdem interessiert mich, wie andere Männer mit ihren Krisen umgehen.

Die Realität ist ernüchternd. Die Männer der Kirche wirken unter sich nicht weniger verklemmt als in gemischter Gesellschaft. Sie stehen in ihren festen Jacken im Kreis und fallen einander gegenseitig ins Wort, sie machen Witze über Pronomen und Gender.

«Einer der Teilnehmer hat erzählt, dass er seit fünf Jahren keinen Sex hatte», erzählt Michael ernst von einem kürzlichen Männerwochenende der Kirche. Dann schaut er in die Runde, fängt an zu grinsen – und ruft: «Wir wissen alle, dass es Peter war!» Die Gruppe johlt, alle wollen Michael gefallen. Über Gefühle spricht hier keiner.

Hauptteil des Abends ist die gemeinsame Bibellektüre, wir lesen Zeile für Zeile aus dem Neuen Testament. Die Stimmung im Raum ist zäh und desinteressiert, die grelle Deckenbeleuchtung und das langsame Vorlesen machen, dass ich mich wie in der Schule fühle.

Ein zurückhaltender Mann um die vierzig lacht besonders viel, wenn Michael einen seiner Witze macht. Ein, zwei Mal versucht er zu ergänzen, was Michael uns gerade über die letzte Bibelzeile gesagt hat. Er scheint sehr bibelfest zu sein.

Fast ein Jahr wird vergehen, bis ich mich wieder ernsthaft mit dem Thema beschäftige. Für ein paar Monate lebe ich bei einer Familie mit einem jugendlichen Sohn, der mir auf YouTube Videos zeigt, in denen Waffen und Autos zu sehen sind und Männer in engen T-Shirts ihre Muskeln spielen lassen. Untertitel erklären, wie sich ein «Alpha»-Mann verhält. Was hier gezeigt wird, hat einen enormen Einfluss auf die Politisierung junger Männer.

Orientierung am Westernhelden

Um das Phänomen besser zu verstehen, treffe ich Kristin Kobes Du Mez, Protestantin und Professorin für Geschichte und Gender Studies an der Calvin University. Du Mez ist Autorin von «Jesus and John Wayne», einer umfangreichen Geschichte der Männlichkeit in der modernen evangelikalen Kirche Amerikas.

Sie sagt, dass sich das Männlichkeitsbild von Evangelikalen an Westernhelden orientiere, statt sich aus biblischen Quellen zu speisen. «Es gibt nicht viele Bibelverse in diesen Büchern über christliche Männlichkeit, sie orientieren sich an der Popkultur, an mythologischen Figuren, Soldaten oder Cowboys.»

So wird der sanfte, barmherzige Jesus der Bibel mit dem rauen Westernhelden in Einklang gebracht. Die Evangelikalen, so Du Mez, «suchen nach einer heroischen Männlichkeit und stossen dabei auf säkulare Motive, die sie dann zu christlichen ernennen und sie sakralisieren.»

In «Jesus and John Wayne» beschreibt Kristin Kobes Du Mez, wie sich Evangelikale in den 1980er- und 1990er-Jahren politisierten. Aus schläfrigen und vereinzelten Glaubensgemeinschaften entstand – auch in Reaktion auf die Bürgerrechtsbewegung in den USA – eine kulturelle Gegenbewegung, mit der Kirche im Mittelpunkt. Der durchsetzungsfähige und harte Mann, dieses Ideal passte gut zu diesem Wandel.

«Jesus war kein Hippie und keine Schwuchtel» zitiert Du Mez in ihrem Buch den Prediger Mark Driscoll, der in den 1990er-Jahren Aufsehen erregte. Aus dem Sohn der Handwerkerfamilie aus Nazaret wurde in Driscolls Darlegung ein hart arbeitender Familienmann, «ein Mann mit einem Hammer».

Krise der amerikanischen Männer

Ich frage mich, ob es unter Evangelikalen nicht auch gemässigtere Männergruppen gibt, die ein progressiveres Geschlechterbild vertreten. Dass Männer sich treffen und über ihre Probleme sprechen, wäre angesichts der Krise, in der sich amerikanische Männer befinden, wünschenswert. Junge US-Männer fallen mit ihren schulischen Leistungen immer weiter hinter ihre Mitschülerinnen zurück.

Ihre Arbeitslosigkeit ist dreimal höher als im Bevölkerungsschnitt. Und psychisch geht es ihnen schlecht: Sie sind dreimal so häufig suchtgefährdet, klagen über Einsamkeit und begehen viermal häufiger Suizid als Frauen. Das macht sie empfänglich für die vielen wütenden, rassistischen, misogynen und antidemokratischen Stimmen im Netz.

Ich stosse auf «ManUP». Anders als die meisten anderen, wird dieses Programm nicht von einer Kirche geführt, sondern von einem einzelnen Pastor, der seine Predigten und Kurse gratis ins Netz stellt. Die Macher wirken auf den ersten Blick nicht wie die Macho-Männer, von denen Du Mez spricht. Auf der Website der Gruppe geht es um Einsamkeit, Ärger und Sucht, das Programm verspricht Männlichkeit nach christlichem Vorbild.

«Man up» bekommen Jungs und Männer in den USA gesagt, wenn sie aufhören sollen zu weinen, wenn sie sich zusammenreissen oder bei der Arbeit «durchziehen», also durchbeissen sollen. Ich hab es in all diesen und Hunderten weiteren Situationen gehört, als Witz, als «woman up» von Frauen, die sich etwas von dieser Mentalität borgen wollen. «Sei ein Mann», ist vielleicht die treffendste deutsche Übersetzung.

Gospel und die Heilsbotschaft

Zwei Wochen nach meiner Kontaktaufnahme mit ManUP sitze ich im Auto nach Round Rock, einer Vorstadt von Austin. Dort treffe ich den Pastor Steve Mielke. Mielke ist gross und scheint, selbst wenn er ernst guckt, ein bisschen über seine Brillenränder hinaus zu strahlen. Er ist Anfang vierzig, wirkt aber gut zehn Jahre jünger. Mielke ist bei ManUP für die Netzwerkarbeit zuständig und erst seit kurzem dabei.

Wir treffen uns auf der Aussenterrasse eines kleinen Cafés. Über den Lärm der Einkaufsstrasse, an dem das Café liegt, erzählt Mielke, dass er sich zu Gospel, zum Evangelium, «schon sehr früh hingezogen» fühlte. Er lächelt breit.

Gospel hat in den USA einen hohen Stellenwert. Der Schwerpunkt liegt auf der Heilsbotschaft, die in die Welt hinausgetragen wird. «Haben Sie schon die gute Nachricht gehört?», begann eine beliebte Floskel, mit der amerikanische Evangelikale lange das Gespräch zu Jesus suchten; oft sprühen sie von einem übersprudelnden Missionseifer.

Etwas bemüht taste ich mich zum Thema vor, das mich hierhergeführt hat. «Naja, unter manchen Leuten gibt es die Ansicht, dass wir jetzt ein wenig von diesem ganzen Männlichkeitsding wegkommen sollten», sage ich. Dabei versuche ich, die Schlagwörter der amerikanischen Kulturkämpfe zu vermeiden.

Steve Mielke macht keine Umwege: «Toxische Männlichkeit ist bei uns ein grosses Thema», sagt er. Bei ManUP gehe es nicht nur darum, sich um Männer zu kümmern, sondern auch um die, die mit ihnen lebten. «Wir wissen, wie viel Männer zerstören können», sagt er, während er seine Sonnenbrille dem grellen Licht entgegenhält. Dann muss er los, um seine Kinder abzuholen, er lädt mich ein, ihn später nochmals zu Hause zu besuchen.

Der Lohn der Ehefrau finanziert das Haus

Mielke wohnt mit seiner Frau und seinen Kindern am Ende einer kleinen, grünen Sackgasse. Die Nachbarschaft der Familie ist eine filmreife amerikanische «Suburbia», eine der idealisierten Vorstadtlandschaften. Während mich Mielke begrüsst, flitzen seine Kinder in den angrenzenden Park, im sauberen Vorgarten liegt ein Roller, und die grossen Eichen zwischen den Häusern dämpfen die schwere texanische Hitze und den Verkehr der nahen Autobahnen.

Ich erkenne die Stadt, in der ich aufgewachsen bin, kaum wieder, so rapide und flächendeckend war das Wachstum der letzten Jahrzehnte. Junge Familien wie die von Steve Mielke haben immer mehr Schwierigkeiten, hier das Ideal des Hauses mit Garten zu verwirklichen.

«Wir haben unheimlich Glück gehabt», sagt Mielke mit seinem grossen Lächeln. Als Pastor verdiene er «nicht gerade viel», ohne das höhere Gehalt seiner Ehefrau wäre ein solches Leben hier nicht möglich, sagt er.

Steve Mielke, Netzwerkverantwortlicher von «ManUP» (Bild: zvg)

In Mielkes Verständnis gibt es keinen Widerspruch zwischen seiner Identität als guter Ehemann nach biblischem Vorbild und dem Umstand, dass seine Frau mehr Geld verdient und in finanziellen Dingen meistens das Sagen hat. Eher im Gegenteil, wie er erklärt.

«Ich bemühe mich, ein guter Vater zu sein», sagt Mielke, der sich nach der Schule oft um die Kinder kümmert und der sie während unseres Gesprächs ab und zu daran erinnert, ihre Schuhe auszuziehen, wenn sie an uns vorbei ins Haus zurückgehen. Er sagt, er übernehme damit einen Teil dieser als klassisch weiblich gelesenen Arbeit.

«‹Der Dienende König› ist das Beispiel von Jesus, das wir bei ManUP in den Mittelpunkt stellen.» Und das sei auch das Männerbild, das er als Christ seinen Kindern vorleben möchte. «Jesus war kein Macho.»

«Was ist, wenn ich schwul bin?»

Mielke möchte vor allem, dass sein Sohn versteht, dass ein Mann über seine Gefühle sprechen soll, sich selbst und anderen Fehlern eingestehen kann. Mit Hilfe des jahrtausendealten Männlichkeitsideals von Jesus möchte Mielke nicht in eine patriarchale Vorzeit zurück, sondern in eine bessere Zukunft. «Ich habe nie von meinem Vater gehört, dass ihm etwas leid tut», sagt er in einem der wenigen Momente in unserem Gespräch, in dem sich ein Schatten über seine Ausstrahlung zu legen scheint.

In manchen Momenten wirkt ManUP für mich wie ein perfektes Gegenstück zur harten, fast immer frauenfeindlichen Männlichkeit, die im Säkularen wie Religiösen auf dem Vormarsch zu sein scheint. Aber als ich frage: «Was ist, wenn ich schwul bin?», zögert Mielke. Er weicht aus, möchte sich nicht festlegen und sagt, ich solle das am besten mit «Jay» besprechen.

Jay, das ist J. Huffman, Mitte fünfzig, braun-graue Haare, mit dem lässig-professionellen Auftreten eines Geschäftsmannes. Ich treffe ihn am Hauptsitz der Organisation in Austin, in einem Bürogebäude, das sich ManUP mit anderen christlichen Organisationen teilt. In ummittelbarer Nachbarschaft: die Privatanwesen von Elon Musk und Joe Rogan, dem erfolgreichsten Podcaster der Welt, eine frühe Ikone der Manosphere.

Probleme mit Gewalt oder Schweigen lösen

Huffman ist Leiter und Vordenker von ManUP. Er hat die kleine gemeinnützige Organisation 2014 gegründet und versteht sie mittlerweile als seine wichtigste Arbeit. Als er erzählt, was ihm seine Arbeit bedeutet, kommen ihm die Tränen. ManUP ist sein Lebenswerk. Er wischt sich die Augen und sagt: «Tut mir leid, das ist halt das, was man mit J. Huffman bekommt. Ich bin ein emotionaler Typ.»

Huffman machte Karriere in einer Megachurch, ehe er ein Burnout erlitt. Er kündigte seine Stelle und folgte fortan dem simplen Rat eines engen Freundes: «Man up» oder eben: Steh auf, sei ein Mann. Dank Spenden schaffte es Huffman, dass er sich nun in Vollzeit der Aufgabe widmen kann, die er als eine der grössten unserer Zeit versteht, nämlich den Männern zu helfen. Dazu fühlt er sich auch von Gott berufen.

Jay Huffman, Gründer von «ManUP» (Bild: zvg)

«Ich sehe die Situation von Männern als eine tiefe Krise, für die weder die Politik noch die Kirche Lösungen haben», sagt er. Männer hätten üblicherweise zwei Strategien, um mit ihren Kränkungen und verletzten Gefühlen umzugehen: «Gewalt oder Schweigen.»

Sie würden trinken, sich schlagen oder ihren Frust so lange runterschlucken, bis sie schlussendlich an ihm zugrunde gehen. «Das betrifft alle», fügt er tonlos hinzu. Spätestens wenn sie ihren Frust durch Gewalt nach aussen tragen, wird das Problem der Männer auch zum Problem für andere.

Auf die Frage, wie es ManUP mit schwulen Männern hält, sagt Huffman: «Vieles von dem, was Sie mich fragen, ist politisch.» Bei ManUP, sagt er immer wieder, seien alle willkommen. «Gott liebt alle, auch ihre Sünden.» Doch ich lasse nicht von dem Thema ab, und es wird klar, dass eine Sünde für Mielke und Huffman eben doch eine Sünde ist.

Auch zu Trump, zur Tatsache, dass das Land von einem verurteilten Kriminellen regiert wird, möchte sich Huffman nicht äussern, obwohl er sagt, dass sexueller Missbrauch eine schreckliche Sünde sei, auf jeden Fall. Auch zur Vermengung von militaristischer Politik und protestantischem Glauben schweigt er, nicht aber zum Bild eines kriegerischen Jesus: «Schau in die Bibel. Diesen Jesus gibt es nicht.»

«Make Dads Great Again»

Kristin Kobes Du Mez überraschen die Aussagen und das Schweigen der Evangelikalen nicht. Sie hat die Strategien gemässigter Evangelikaler, sich mit den emotionalen Belangen von Männern zu beschäftigen, in ihrem Buch beschrieben. «Sanfte Krieger» heisst das Kapitel. Es handelt von den «Promise Keepers» und anderen «weichen» evangelikalen Männern der 1990er-Jahre.

Die Promise Keepers waren eine Organisation, die auf ihrem Höhepunkt 1997 einen Marsch von rund 700 000 Männern in Washington D. C. organisierte. Die Rolle der aktiven Vaterschaft war für sie zentral. Bei Du Mez’ Beschreibungen muss ich an den «Hausmann» Steve Mielke denken.

«Schauen Sie, was mit den Promise Keepers passiert ist», sagt Du Mez. Die kurzzeitig so einflussreiche Organisation gibt es heute immer noch. «Make Dads Great Again» steht auf ihrer Website, in Anspielung auf den Wahlkampf-Slogan von Donald Trump.

In ihrer heute noch bestehenden Form setzt sich die Organisation vor allem für ein neuerliches Verbot der gleichgeschlechtlichen Ehe in den USA ein. Den sanften Kriegern von damals wurde das Weiche über die Jahre abgeschliffen.

Kristin Kobes Du Mez, Professorin für Geschichte und Gender Studies an der Calvin University. (Bild: zvg)

Kobes Du Mez ist skeptisch gegenüber Organisationen wie ManUP, die sich zu den Fragen unserer Zeit taktisch geben. «Die Frage ist, wie lange es möglich sein wird, diese unpolitische Haltung zu bewahren», sagt sie. Denn letztlich sieht Du Mez in der Nicht-Positionierung auch eine Haltung. Und zwar eine, die auch in anderen Teilen der evangelikalen Bewegung zu beobachten ist. Dort scheinen die meisten das Programm der Regierung zu unterstützen. Wer es nicht tut, schweigt.

«Viele der evangelikalen Kirchen haben sich absichtlich nicht gegen die Manosphere positioniert, da diese zum Teil ihre eigenen Vorstellungen zu Geschlechterrollen teilt», sagt sie. Doch dieser Kuschelkurs habe auch die Kirchen verändert. «Heute werden Dinge gesagt, die vor ein paar Jahren noch unsagbar gewesen wären.» Misogyne, rassistische oder transphobe Einstellungen, über die man früher vielleicht gar nicht und wenn doch, nur durch die Blume sprach, würden heute offen ausgesprochen.

Eine Theologin zeigt Zivilcourage

Kurz nach meinem Besuch bei ManUP beginnt die Regierung Trump mit Abschiebungen. Alte Menschen, Kinder und Erwachsene werden bei Tageslicht von der Strasse entführt und interniert, unter den Einsatzkräften der Migrationsbehörden befinden sich auch begnadigte Mitglieder des Mobs, der am 6. Januar das Kapitol stürmte.

Der Präsident kündigt massive Streichungen im Sozialstaat an und er politisiert das Militär. Als in Los Angeles gegen Trumps Migrationspolitik demonstriert wird, entsendet er die Nationalgarde und Marinesoldaten in die Metropole, und zum 250. Jahrestag, dem Gründungstag der US-Armee, lässt er in Washington D. C. eine Parade organisieren – er feiert damit auch gleich seinen 79. Geburtstag, der auf denselben Tag fällt.

Die Bischöfin Marianne Budde hatte Donald Trump nach dessen zweiter Amtseinführung in einem Gottesdienst gebeten, Barmherzigkeit gegenüber den Menschen im Land zu üben, und erinnerte ihn an das Leid von Immigranten und sexuellen Minderheiten. Eine Theologin machte vor, wie man christlich und politisch zugleich sein kann – auch wenn sie damit den Zorn Trumps und der ganzen Manosphere auf sich zog.

Ich schreibe nochmals Mielke und Huffman von ManUP und möchte wissen, ob sich in den Monaten nach unseren Gesprächen bei ihnen etwas geändert hat. Schliesslich hat die zweite Trump-Regierung auch grosse Teile des Spendenapparats abgebaut.

Die harten Männer haben die amerikanische Barmherzigkeit, von Lebensmittelspenden bis Entwicklungshilfe, geopfert. Wann kommt der Zeitpunkt, sich davon abzugrenzen – zu sagen, dass dies mit Gospel nichts zu tun hat? Ich warte wochenlang vergebens auf eine Antwort.

Coverbild: Keystone / AFP / Ronaldo Schemidt

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