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Autor: Oliver Demont
Bild: Jan Bolomey
Freitag, 29. März 2019

Nach unserer Hochzeit im Frühling 2006 planten mein Mann und ich eine mehr­monatige Hochzeitsreise. Ich freute mich und machte mir gleichzeitig Sorgen. So bat ich Angelika vor der Reise um ein Versprechen: Sie versprach mir hoch und heilig, mit Ehrenwort und so weiter, dass sie sich ganz bestimmt nichts antun würde. Sie versicherte mir, dass sie leben wolle. Versprach mir, sich nicht das Leben zu nehmen.

Trotzdem erarbeiteten wir einen kleinen Notfallplan. Darin hielten wir fest, welche Optionen Angelika hat, wenn die Suizidgedanken zu stark werden. Auf einem Blatt Papier notierten wir dazu einfache Dinge, besonders solche, die Angelika bereits geholfen hatten, wie: Joggen gehen, einen Kaffee machen und Tagebuch schreiben, einen Film schauen, sich mit jemandem treffen, mit mir Kontakt aufnehmen oder die Therapeutin anrufen. Zudem wies ich eine Freundin an, sich während meiner Abwesenheit um Angelika zu kümmern.

Angelika hatte meine Handy­nummer, für sie war ich immer erreichbar – sie für mich auch. Als ich mich von Angelika am Flughafen verabschiedete, ahnte ich nicht, dass ich sie das letzte Mal sehen würde. Bei der Verabschiedung drückte sie mir eine Karte in die Hand, der letzte Satz lautete: «Gott söll dir nöch sii mit sinere Liebi, sim Liecht und söll dir Läbeschraft schänke. Und ich wird mich bemüehe, das alles au wieder z gspüre und für mich in Aaspruch z näh.»

Frau Müller, was haben Sie für Erinnerungen an den Moment, als Sie von Angelikas Tod erfuhren?

Es war der 16. August 2006, in den Abendstunden. Ich war mit meinem Partner im Bryce Canyon, Sonnenuntergang, eine fröhliche Stimmung. Da entdeckte ich einen verpassten Anruf von Angelika auf meinem Handy. Beunruhigt versuchte ich sie zu erreichen, aber es nahm niemand ab. Stunden später war ihre Schwester am Telefon, sie reichte mich sofort an den Vater weiter. Angelika sei tot. Ich sass im Motelzimmer und es wurde mir übel. Mein Atem und meine Sprache waren blockiert. Der Spiegel am Kleiderschrank begann um mich herumzukreisen. Ich erlebte den totalen Ausnahmezustand. Dennoch wollte ich wissen, was passiert ist.

Und?

Der Vater zögerte zu Beginn. Dann gab er mir zu verstehen, dass er nicht darüber reden wolle. Erst Tage später, nach der Obduk­tion, konnte ich ihn zum Reden bringen: Angelika hatte mehr als hundertzwanzig Tabletten geschluckt.

War es tatsächlich Angelika, die Sie damals im Bryce Canyon zu erreichen versuchte?

Nein, das war bereits ihre Familie. Sie wollte wissen, wie Angelika bestattet werden sollte. Denn nur ich kannte ihren Wunsch.

Kommen wir in die Gegenwart. Sie wollten uns an Ihrem Arbeitsort, der Theologischen Fakultät der Universität Zürich, treffen. Hier haben Sie vor 14 Jahren Angelika kennengelernt. Wenn Sie durch die Räumlichkeiten des theologischen Seminars gehen, taucht vor Ihrem inneren Auge nicht immer wieder Ihre Kommilitonin auf?

Das geschieht bis heute sehr oft. Im Zimmer 200, dem sogenannten Sternlisaal mit den vielen kleinen Lämpchen an der Decke, büffelten wir zusammen unendlich viele Stunden Hebräisch und Altgriechisch. Oder wir spielten am Töggelikasten. Angelika im Sturm und ich im Goal. Wir waren ein unschlagbares Team. Es dauerte sehr lange, bis ich den Töggelikasten wieder anfassen konnte. Vor eineinhalb Jahren war es so weit.

Nach dem Tod von Angelika mussten Sie Ihr Studium unterbrechen. Warum?

Es fiel mir schwer, an den Ort zurückzukehren, wo unsere sechsjährige Freundschaft begonnen hatte. Da waren einfach zu viele schmerzhafte Erfahrungen. Auch heute noch streift mich da und dort eine Traurigkeit. Beispielsweise wenn ich mich in gewissen Räumen befinde oder an Stellen vorbeigehe, die in mir ein Bild von uns als jungen Studentinnen hervorrufen. Aber wissen Sie was? Heute bin ich gerne hier. Es ist mein Ort geworden. Ich bin den Weg weitergegangen. Ohne Angelika. Alleine.

«Die Vorstellung, ohne Angelika zu leben, war für mich schlicht unvorstellbar. Sie war der nächste Mensch für mich, meine engste Vertraute. Und dann war sie tot.» Sabrina Müllers

Sie erzählen das ruhig.

Das war nicht immer so. Sie müssen sich vorstellen: Wir haben zusammen gelernt, zusammen geträumt, zusammen unsere Zukunft geplant. Wir wollten das Ausbildungsjahr zur Pfarrerin in benachbarten Kirchgemeinden absolvieren und danach eine Pfarrstelle teilen. Die Vorstellung, ohne sie zu leben, war für mich schlicht unvorstellbar. Angelika war der nächste Mensch für mich, meine engste Vertraute. Und dann war sie tot.

Was hat das mit Ihnen gemacht?

Ich war traurig und zugleich wütend auf Angelika, dass sie mich alleine zurückliess – obschon sie mir vor der Abreise versprochen hatte, sich nicht das Leben zu nehmen. Da war aber auch die Wut auf mein kirchliches Umfeld und auf Angelikas Familie, die ohne mich trauerte. Ich fühlte mich von allen im Stich gelassen.

Gerne wollte ich Angelika noch einmal sehen. Ihr Gesicht noch einmal betrachten, die Erinnerungen und Momente festhalten. Noch einmal, bevor alles vorbei zu sein schien. Intuitiv und kognitiv wusste ich, dass es hilfreich für den Trauerprozess ist, die verstorbene Person noch einmal zu sehen. Das Unfassbare wird fassbarer, auch wenn es eine Konfrontation mit der knallharten Realität ist. Es gab aber ein Problem, das zwischen meiner verstorbenen Freundin und mir lag, und es war nicht nur der Atlantik. Als ich am Telefon gegenüber Angelikas Vater den Wunsch äusserte, sie noch einmal zu sehen, blockte er ab.

Seine Stimme veränderte sich, er teilte mir mit, dass «sie nicht mehr so schön aussehe». Das war mir doch egal! Ich wollte sie noch einmal sehen! Gleichzeitig spürte ich, dass nun, nachdem sie von mir die nötigen Auskünfte für die Beerdigung – inklusive Gottesdienst – hatten, meine Arbeit getan war. Ich war kein Familienmitglied und war so irgendwie auch nicht mehr erwünscht. Als «Fremde» eine Person nochmals sehen zu wollen, die sich das Leben genommen hatte, sprengte den Rahmen der familiären Intimität. Der tote Körper schien Familieneigentum. Die Familie war am Tag der Kremation bei Angelikas totem Körper.

Diese Begleitung wurde mir gegenüber am Telefon harmonisch, idyllisch und irgendwie schön dargestellt. Mir verschlug es die Sprache! Ich war so wütend und voller Vorwürfe! Natürlich sprach ich sie nicht aus. – Nun war also die Familie da, jetzt, wo sie tot ist! Jetzt, wo sich nichts mehr ändern lässt! Jetzt! Wie häufig war über Angelikas psychischen Zustand hinweg­gesehen worden? Wie oft waren ihre psychischen Probleme verharmlost worden? Eine Szene ist mir noch in lebhafter Erinnerung: Angelika versuchte ungefähr ein Jahr vor ihrem Tod, ihren Eltern mitzuteilen, dass sie Depressionen hatte. Die Reaktionen waren zurückhaltend, im Sinne von: «Schlimm, hattest du das, aber schön, ist das nun vorbei.» Ja, und nun war die Begleitung plötzlich da, zu spät! Dieses Gedankenkarussell drehte in meinem Kopf, am Tag und in der Nacht.

Sie waren Hinterbliebene, aber kein Teil der Familie. Warum war das so schwierig für Sie?

Ich merkte, dass meine Trauer keinen Platz hatte. Bereits in den USA erhielt ich vom Pfarrer, den ich kannte, die Abdankungspredigt. Ich stellte fest, dass die Art, wie Angelika starb, nicht zur Sprache kam. Ebenso war sie als Person kaum spürbar. Kein Wort davon, dass ihr Leben alles andere als einfach gewesen war. Überall dieses Schweigen.

Sie fühlten sich auch von der Kirche im Stich gelassen. Wo zeigte sich das?

Ich war in der Jugendarbeit aktiv, habe den Cevi Gossau mitgeleitet, das sind vierhundert Leute. Mein Netzwerk war also gross, ich hatte viel investiert. Aber die wenigsten kamen nach Angelikas Tod auf mich zu und fragten, wie es mir gehe. Nur meine engsten Freunde – meine Mitbewohnerin, mein Mann und der Kirchgemeinde-Coach für Freiwillige – erkannten, wie schlecht es mir wirklich ging und konnten meine Trauer aushalten. Meine kirchliche Gemeinschaft hingegen trug mich nicht. Das zu realisieren hat mir den Boden unter den Füssen weggezogen. Ich verlor das Vertrauen und zog mich zurück.

Wie erklären Sie sich rückblickend dieses Unvermögen?

Ich habe lange darüber nachgedacht. Das eine ist sicher, dass ich ein Mensch bin, der sehr souverän auftritt. Vielleicht wirke ich einfach nicht wie jemand, der Hilfe nötig hat. Ich war zuvor immer diejenige, die auf andere zuging und sich um sie kümmerte, wenn es erforderlich war. Aber letztlich geht es um etwas anderes: Die Leute haben Angst vor dem Thema Suizid. Es ist ein Tabu. Viele trauten sich wohl nicht, mich darauf anzusprechen.

Was macht es so schwierig, darüber zu sprechen?

Da ist zum einen schon mal die Mühe mit dem Tod an sich. Ich habe sechs Jahre als Pfarrerin gearbeitet und gemerkt, dass die Leute grosse Mühe haben, darüber zu reden. Ein Suizid macht es gleich nochmals schwieriger. Angelika starb ja nicht an einer Krankheit oder durch einen Unfall, sondern sie hat sich mit Absicht das Leben genommen. Auf Hinterbliebene zuzugehen fällt aber auch deshalb schwer, weil diese mit Schuldgefühlen, Hilflosigkeit, Ohnmacht und Vorwürfen kämpfen. Das war auch bei mir so. Ich machte mir viele Vorwürfe.

Welche zum Beispiel?

Mich quälte die Frage, ob ich Angelikas Tod hätte verhindern können. Immer wieder fragte ich mich, ob ich die Reise in die USA nicht hätte antreten sollen, und bereute jeden verpassten Anruf. Nimmt sich jemand das Leben, stellt dies das ganze Umfeld in Frage: Waren wir nicht genug da? Hätten wir das verhindern können? Und auch: War uns dieser Mensch genug wichtig? Es hat etwas zutiefst Verunsicherndes. Ich musste mich vielem stellen. Da geht es auch um Gefühle von Scham und Gesichts­verlust gegenüber sich selbst und der Gesellschaft. Vielen macht das Angst.

Zwei Wochen nach ihrem Suizid fand Angelikas Trauerfeier statt. Die Kirche war voll betroffener junger Menschen: Studierende, Cevi-Leute und Freundinnen und Freunde. Nach und nach über die nächsten Tage, Wochen und Jahre erreichten mich ihre Fragen: Was war mit Angelika geschehen? War es ein Unfall? Eine plötzliche Krankheit? Nach und nach über die Jahre sprach ich aus, was in der Kirche, während der Trauerfeier nicht gesagt wurde: «Es war Suizid, Angelika hat sich das Leben genommen.»

Sie haben selber als Pfarrerin gearbeitet. Kommt es oft vor, dass Angehörige von Menschen, die sich das Leben nahmen, darum bitten, den Suizid an der Abdankung zu verschweigen?

Ich weiss von anderen Kollegen, dass dies immer wieder der Fall ist. So war es ja auch bei Angelika und ihrer Familie. Aber ich habe in meiner Zeit als Pfarrerin immer klar kommuniziert, dass ich dazu nicht Hand bieten will. Über Suizid muss gesprochen werden.

«In meiner Zeit als Pfarrerin habe ich Angehörigen, die den Suizid in der Abdankung verschweigen wollten, immer klar gesagt, dass ich dazu nicht Hand bieten will. Über Suizid muss gesprochen werden.» Sabrina Müllers

Gilt es nicht den Willen der Angehörigen zu respektieren?

Mit meiner Erfahrung kann ich das nicht mehr. Aus der Forschung weiss man, dass es viel schwieriger ist, den Suizid eines nahestehenden Menschen zu verarbeiten, wenn nicht darüber gesprochen wird. Das Reden darüber war auch mein Weg aus der Verzweiflung. Vielleicht unterliegt Ihre Frage einem Denkfehler. Es geht eben nicht nur um die Hinterbliebenen, sondern auch um die verstorbene Person. Sie soll mit ihrer ganzen Geschichte erinnert werden, ohne dass dabei etwas zensiert wird.

Wenn man dies vertuscht, nimmt man ihr die Würde. Ich habe sogar erlebt, dass Menschen Mühe haben, den Namen von Verstorbenen auszusprechen, die sich das Leben nahmen. Als hätte es sie nie gegeben. Das finde ich schrecklich.

Lange hat die Kirche den Suizid als Selbstmord verurteilt.

Historisch ja. Suizid galt als eine Todsünde. Menschen, die sich das Leben nahmen, durften nicht auf Friedhöfen bestattet werden, man durfte nicht um sie trauern. Es war die schlimmste Sünde.

Wie geht das mit der heutigen Vorstellung eines barmherzigen Gottes zusammen?

Gar nicht. Früher blickten die Menschen anders auf Gott und die Welt. Der Mensch gehörte einzig Gott und nicht sich selber. Damals waren alle viel mehr in eine Gemeinschaft integriert und somit Teil eines Kollektivs; das Leben war viel weniger individualistisch. Wenn ein Familienvater sich selbst tötete, liess er Witwe und Waisen zurück. Ohne ihn verloren sie ihre Lebensgrundlage. Man wollte auch das vorherrschende Märtyrertum unterbinden.

Was meinen Sie damit?

Um sich Christus anzunähern, existierte in den Anfängen des Christentums ein regelrechter Kult ums Leiden und Sterben. Kirchenväter wie Augustin kritisierten diese Praxis. Sie sagten: Wer sich das Leben nimmt, ist gegen Gott. 860 nach Christus deklarierte Papst Nikolaus I. schliesslich den Suizid als Todsünde. Übrigens war es Martin Luther, der diese Vorstellung im problematischen Wort «Selbstmord» in die deutsche Sprache übertrug.

Warum ist es ein Problem, von Selbstmord zu sprechen?

Der im Volksmund verwendete Begriff Selbstmord ordnet den Suizid dem Morden zu, also der schlimmsten und verwerflichsten Form der Tötung. Wie vorhin ausgeführt, klingt die über Jahrhunderte verbreitete Meinung an, dass ein Suizid eine zutiefst verachtenswerte Tat sei, die rechtlich bestraft werden müsse. Mit dieser Bezeichnung hängt somit auch die lange geltende Stigmatisierung und Kriminalisierung der Selbsttötung zusammen.

Und wie ist es mit dem Begriff Freitod?

Auch da bin ich skeptisch, denn er suggeriert, dass ein freier Wille dazu geführt hat, dem Leben ein Ende zu bereiten. Der Freitod bezeichnet einen Tod, der aus philosophischen oder religiösen Überzeugungen gewählt wird. Das Bild stammt von Nietzsche, der ihn zu einem heroischen Akt stilisierte. Das ist eine Vorstellung aus der Romantik, die bis heute anhält. Etwa wenn von sogenannten Bilanzsuiziden die Rede ist. Im Sinne von: Ich hatte ein pralles Leben, jetzt ist genug.

Also selbstbestimmt zu sterben. Was gibt es dagegen einzuwenden?

Eigentlich nichts, aber seien wir ehrlich: Die meisten Suizide passieren doch nicht aus einer inneren Freiheit und Stärke. Sie passieren, weil ein Mensch in grosser Not ist. Weil er oder sie keinen anderen Ausweg kennt. Da ist psychisch eine totale Verengung, in vielen Fällen gehen Gefühle der Ausweglosigkeit und Depressionen voraus. Pure Verzweiflung herrscht vor – und die sollte man nicht verschweigen. Freiheit ist was anderes. Deshalb habe ich auch dieses Buch geschrieben. Ich wollte nicht mein eigenes Leid schildern, sondern zeigen, dass meine Geschichte und die von Angelika kein Einzelfall sind. Ich will klarmachen, dass sich solche Geschichten verhindern lassen, indem man redet.

Bilanzsuizide werden auch von Sterbehilfe­organisationen begleitet. Darf eine Pfarrerin die Begleitung eines Menschen ablehnen, der auf diesem Weg aus dem Leben scheiden will?

Niemand kann eine Pfarrerin oder einen Pfarrer dazu verpflichten. Ich sehe darin aber eine seelsorgerliche Chance. Dies besonders in Bezug auf die Hinterbliebenen. Es bringt auch nichts, Bilanzsuizide zu verurteilen. Wichtig ist aber, dass vor einem Entscheid zum assistierten Suizid psychologische und medizinische Abklärungen stattgefunden haben. Zudem sollten bei einer Sterbehilfebegleitung finanzielle Interessen keine Rolle spielen.

Die Kirche hat sich bis heute nicht offiziell zum Thema Suizid verlauten lassen. Sollte sie das tun?

Eine Stellungnahme, die den Suizid nicht verurteilt, wäre wichtig. Es ist die Aufgabe der Diakonie, bei Depression und Suizid hinzuschauen und ein Signal zu senden. Zu sagen: Als Kirche trauern wir mit, wir sind betroffen, dass jemand in diese Not gekommen ist. Wir verurteilen das nicht, sondern bieten Menschen mit Suizidgedanken und Hinterbliebenen Unterstützung. Da wäre so viel Potenzial, genau dieses Tabu anzusprechen, dieses Schweigen zu brechen und deutlich zu machen, dass psychische Erkrankungen eine Realität sind. Sie gehen uns alle an, auch wenn niemand darüber spricht.

Worauf achteten Sie als Pfarrerin besonders im Umgang mit Menschen, die auf diese Weise eine nahestehende Person verloren haben?

Grundsätzlich ist es eine sehr schwierige Aufgabe, innerhalb eines Pfarramtes Hinterbliebene zu begleiten. Es braucht Wissen und viel Zeit. Meine Geschichte hat mich sensibilisiert, genau hinzuschauen und auch auf diejenigen zu achten, die nicht zur sogenannten Kernfamilie gehören. So schaute ich jeweils bei einer Bestattung genau, wer abseits vom Grab stand und mittrauerte. Bisher gilt: Die Begleitung von Angehörigen ist Sache des Pfarramts. Aber eigentlich ist es eine Überforderung. Es bräuchte regionale Fachstellen und begleitete Selbsthilfegruppen, die langfristig und professionell Hilfe anbieten.

Was hat Angelikas Tod eigentlich mit Ihrem Glauben gemacht?

Es war wie ein Erdbeben. Wie kann sich meine beste Freundin das Leben nehmen, die doch selber auch an Gott geglaubt hat? Wie ist das möglich? Wie kann ich da noch an einen barmherzigen Gott glauben? Lange verwarf ich alles. Ich musste Gewissheiten wie eine Zwiebel wegschälen. Fast alles habe ich dabei verworfen und gelangte an den Punkt, wo ich selber nicht mehr wusste, ob ich noch leben möchte.

Sie wurden selber suizidal?

Ja. Es gab eine Phase, in der ich mich fast aufgab. Es war verlockend: Angelika hatte mir den Weg vorgezeigt. Ich wusste ja, er ist gangbar, ich hätte ihr einfach folgen können. Wir hatten im Leben alles geteilt, zusammen Pläne gemacht – warum sollte ich ihr nicht auch an diesen Ort folgen? So geht es übrigens vielen Hinterbliebenen. Eine Person, die jemanden durch Suizid verloren hat, trägt ein um vierzig Prozent höheres Risiko, sich das Leben zu nehmen, als ein Mensch ohne diese Erfahrung.

Erinnerungen sind verblasst, ein grosser Teil der Trauer liegt hinter mir. Mein Lebens­entwurf hat neue und andere Konturen angenommen, als ich damals gedacht hatte. Das Leben geht weiter, mit Freuden, Trauer, Arbeit, Herausforderungen, mit Freundschaften und viel Kaffee. Meine Gedanken wandern nicht mehr mehrmals täglich zu Angelika. Manchmal vergesse ich auch für ein paar Tage, wer sie für mich war.

Doch nie lange, und dann sitze ich da, wie heute nacht, trinke meinen Kaffee und denke wehmütig an Angelika zurück. An ihr sanftes Wesen, ihre Empathie, die ernsten Gespräche und die lustigen Momente und an alle nicht mehr gelebten Tage. Sie fehlt. Sie hat eine Lücke hinterlassen. Alles bleibt anders. Und doch ist ihr Verlust keine offene, eiternde und triefende Wunde mehr. (…) Der Verlust, die Trauer, der Schmerz haben mich gezeichnet und geformt. Das hindert mich nicht daran, das Lebendige zu suchen, mit meinen Hunden zu spielen und mich vertrauend in die Hände der Heiligen Geistkraft zu geben. Eine Leerstelle wird bleiben, und vielleicht ist das gut so.

War es für Sie auch ein Verrat an Angelika, weiterzuleben?

Diese Frage stellte ich mir tatsächlich: Darf ich überhaupt weiterleben? Darf ich mein Leben neu gestalten? Es hat mich schliesslich viel Überwindung gekostet, wieder an die Uni zu gehen und einfach weiterzumachen, was wir gemeinsam angefangen hatten und was wir zusammen geplant hatten.

Sie haben im Leben wieder Tritt gefasst.

Auch dank meinem Mann, meiner Freundin und meinem Mentor an der Universität. Sie liessen nicht locker, sie liessen mich nicht los. Und ich wollte ihnen das nicht antun, was Angelika mir angetan hat. Dann war da auch mein Glaube: Ein kleines Licht blieb und trug mich durch diese Zeit. Gerettet hat mich der Kern eines Johannesverses: Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst.

«Ich hatte vor meinem Studium ein Jahr in einer charismatisch-evangelikalen Megachurch in den USA gearbeitet. Dort sangen wir: ‹I will worship you in my darkest hour›, ich werde dich in meiner dunkelsten Stunde preisen. Diese Form des Glaubens ist mir nach dem Suizid von Angelika fremd geworden.» Sabrina Müllers

Angelika vermochte dieses Licht nicht zu retten.

Genau – und damit hadere ich bis heute. Ich muss das aushalten. Es hat aber auch meinen Glauben für immer verändert.

Wie?

Ich hatte vor meinem Studium ein Jahr in einer charismatisch-evangelikalen Megachurch in den USA gearbeitet. Dort sangen wir: «I will worship you in my darkest hour», ich werde dich in meiner dunkelsten Stunde preisen. Diese Form des Glaubens ist mir fremd geworden. Der Zweifel und die Wut gehören heute für mich dazu. Da bin ich Hiob ähnlicher, der auch mal wütet und stampft.

Dreizehn Jahre sind vergangen, seit Angelika starb. Haben Sie wieder eine so enge Freundin gefunden?

Das ist eine schwierige Frage. Es dauerte lange, bis ich wieder für Nähe bereit war. Heute habe ich Freundinnen und Freunde, mit denen ich sehr offen sein kann. Vielleicht ist es aber auch dem Voranschreiten des Lebens zuzuschreiben, dass man sich nicht mehr mit dieser Leichtigkeit in eine so intensive Freundschaft stürzt. Man wird kritischer. Darum glaube ich, dass ­Angelika die Freundin meines Lebens bleibt.

Alle persönlichen Aufzeichnungen in diesem Interview stammen aus: Sabrina Müller: Totsächlich. Trauern und begleiten nach einem Suizid. TVZ, Zürich 2018; 164 Seiten; 24.80 Franken.

Susanne Leuenberger ist Redaktorin bei bref.
Oliver Demont ist Redaktionsleiter bei bref.
Der Fotograf Jan Bolomey lebt in Zürich.

In Bern, Biel und Zürich treffen sich in der Selbsthilfegruppe Nebelmeer (www.nebelmeer.net) Menschen zwischen 12 und 30, die einen Elternteil durch Suizid verloren haben. Der Verein wurde vom langjährigen Jugendbeauftragten der Reformierten Kirche Zürich, Jörg Weisshaupt, gegründet. Menschen über 30 finden beim Trauernetz (www.trauernetz.ch) Unterstützung.

Das Angebot von Refugium (www.verein-refugium.ch) bietet Hilfe für Hinterbliebene in den Regionen Basel, Bern, Zentralschweiz und Zürich. Der Verein wurde vor rund zwanzig Jahren durch die Initiative des reformierten Pfarrers Ebo Aebischer gegründet. Die Selbsthilfevereinigung Regenbogen Schweiz (www.verein-regenbogen.ch) hilft Menschen weiter, die ein Kind verloren haben.

Die Gedanken ihrer Trauer und fachliche Reflexionen veröffentlichte die Theologin und Pfarrerin Sabrina Müller auf ihrem Blog (www.godthoughts.ch) und im Buch Totsächlich. Trauern und begleiten nach einem Suizid. Das Buch wendet sich insbesondere an Suizidhinterbliebene und Trauerbegleitende.