Mein Freund macht neuerdings Sport. Kein lockeres Kicken bei der hiesigen Fussballmannschaft mit anschliessendem Bier, von dem man sagen könnte, dass es der eigentliche Grund sei für die körperliche Betätigung. Sondern eher so etwas wie den Mega-Marsch, bei dem man 100 Kilometer in 24 Stunden wandert. Mir ist schleierhaft, wie man sich freiwillig für so etwas anmelden kann. Schliesslich ist von vorneherein klar, dass man sich am Ende einfach nur grauenhaft fühlen wird.
Als ich meinen Freund gefragt habe, was ihn daran reizt, meinte er halb ernst, halb ironisch, er wolle mal wieder so einen richtig schönen Wolf haben. Wie damals, im Militär (als er noch jünger war). Ich glaube jedoch, es geht ihm um etwas anderes: Er will sich etwas beweisen. Schauen, wie weit er es schafft, um sich beim nächsten Mal selbst zu übertreffen.
Damit befindet er sich in guter Gesellschaft. Bekannte von mir gehen ohne Fitnesstracker nicht mehr aus dem Haus, jeden Tag muss eine vordefinierte Anzahl Schritte erreicht werden – am besten mit einer Steigerung über einen bestimmten Zeitraum hinweg. Andere berechnen, wie viel Gramm Protein in drei Kürbiskernen stecken, oder nutzen einen Schlafphasenwecker, um am nächsten Tag auch ja gut erholt aufzuwachen.
Alles muss ständig optimiert werden: die Muskeln, die Ernährung und sogar der Geist. Sowohl die analoge wie auch die digitale Welt sind voll mit Angeboten, die uns helfen sollen, unser «kreatives Potenzial auszuschöpfen» oder «unser bestes Ich» zu erreichen.
Selbst die Freikirche ICF ist auf den Zug aufgesprungen und erklärt mir neuerdings in Podcasts, wie ich mein «wahres Leadership-Potenzial entdecke» und als «Leaderin wachsen» kann. Dabei will ich das gar nicht! Ich will nur anständig und genussvoll durchs Leben gehen und mich am Ende rund und glücklich davon verabschieden.
It’s the economy, stupid!
Allein, unsere Welt scheint etwas dagegen zu haben. Denn Optimierung ist ein Grundzug von kapitalistischer Gesellschaftsordnung – daran kommen wir nicht vorbei, wenn wir uns nicht gerade auf die einsame Alp zurückziehen wollen (doch da ist es mir zu kalt und zu einsam).
Schon der berühmte Homo oeconomicus verhält sich so, dass er seinen Nutzen maximiert. Zwar wird das Modell, seit es zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden ist, zu Recht kritisiert, weil es auf einigen leicht schrägen Annahmen beruht; etwa dass Menschen ohne Emotionen handeln oder dass sie immer über sämtliche Informationen bezüglich des Marktes verfügen.
Dennoch wird wohl niemand abstreiten, dass Unternehmen in einem kapitalistischen System nach möglichst viel Gewinn streben. Und um das zu erreichen, müssen sie die Arbeits- und Produktionsabläufe optimieren.
Wer optimiert, konsumiert
Heinrich Böll persiflierte diesen Geist schon 1956 in seiner kurzen Erzählung «Es wird etwas geschehen». Darin kommt ein «dem Nichtstun zugeneigter Mensch» wegen Geldsorgen zu einem Bewerbungstest in eine Fabrik, wo er Telefone bedienen soll.
Auf die Frage, ob er es richtig findet, dass Menschen nur zwei Arme, Beine, Ohren, Augen haben, antwortet er übertrieben pflichteifrig: «Selbst vier Arme, Beine, Ohren würden meinem Tatendrang nicht genügen. Die Ausstattung des Menschen ist kümmerlich.» Zudem fühle er sich mit nur sieben Telefonen unruhig, erst mit neun sei er richtig ausgelastet.
Der weitere Verlauf der Geschichte zeigt, dass der Bewerber den Tatendrang des Fabrikbesitzers, der dauernd herumrennt und ruft «Es muss etwas geschehen!», nicht nur vorwegnimmt, sondern ihn richtiggehend verinnerlicht. So schafft er es, die Telefone zuerst auf elf und dann auf dreizehn zu steigern.
Auch uns Verbraucherinnen wird Optimierung seit jeher als etwas Erstrebenswertes präsentiert. Die jährlichen Krankenkassenvergleiche zeugen davon ebenso wie die Werbungen, die uns dazu verleiten, ein neues Handy zu kaufen, damit wir noch bessere Fotos machen können.
Aus kapitalistischer Sicht ist das nur logisch: Kapitalismus beruht auf Wachstum, darauf, dass wir alle immer mehr Produkte kaufen und Dienstleistungen beziehen. Und wer optimiert, konsumiert: mein Freund eine neue Wanderausrüstung, die Lifestyle-Bloggerin einen neuen Fitnesstracker. Und wenn ich die 30-Tage-Pilates-Challenge machen wollte, die mir seit Monaten auf Instagram angezeigt wird, müsste ich nicht nur ein Abo lösen, sondern wahrscheinlich auch gleich noch die süsse Leo-Leggins kaufen, die mir direkt darunter in den Feed gespült werden, die ich aber überhaupt nicht brauche, weil ich schon Leggins habe (schwarze).
Pillen und Kryokammern
Zwei gesellschaftliche Trends verdeutlichen den Zusammenhang von (Selbst-)Optimierung und Kapitalismus – und die seltsamen Blüten, die das mitunter treibt: Longevity und effektiver Altruismus.
Bei Longevity oder auch Langlebigkeit geht es darum, seine Gesundheit so zu optimieren, dass man möglichst lange lebt. Der bekannteste Vertreter dieses Konzeptes, der amerikanische Tech- und Finanzunternehmer Bryan Johnson, investiert laut «Business Insider» rund 2 Millionen Dollar pro Jahr in sein Langlebigkeitsprojekt namens Blueprint. Er verwendet um die hundert Präparate und folgt einem strengen Tagesablauf, bei dem er nach 11 Uhr nichts mehr isst und vor 21 Uhr ins Bett geht.
Da fragt man sich, wo denn hier die schönen Dinge des Lebens Platz haben: Müssiggang, ein Schokotörtchen, Sex.
Johnson ist ein Extrembeispiel. Doch Longevity boomt – auch in der Schweiz. Mehrere Startups forschen zur Zellgesundheit oder zum Darmmikrobiom, und spezialisierte Kliniken bieten alles von Kältetherapie bis Blutwäsche. Im vergangenen Sommer berichtete unter anderem SRF über eine Handvoll Menschen, die sich über Longevity in einer WhatsApp-Gruppe austauschen. Deren Name: «Don’t Die Switzerland».
Natürlich fände auch ich es schön, gerade noch nicht zu sterben. Aber zwischen «nicht sterben» und «blossem Existieren» liegt das, was man gemeinhin «Leben» nennt. Und dieses Leben sollte doch von mehr geprägt sein als davon, in Kryokammern bei minus 110 Grad zu frieren oder mir säckeweise Pillen von Bryan Johnson zu bestellen, damit ich genau die gleichen Nährstoffe zu mir nehmen kann wie der kreidebleiche, aber mit Muskeln gut bestückte Millionär.
Denn natürlich hat Johnson Blueprint längst zu einer erfolgreichen Marke ausgebaut, mit Proteinpülverchen und Nahrungsergänzungskapseln. Das Starter-Paket, in dem immerhin noch eine Flasche Olivenöl enthalten ist, kostet schlappe 393 Dollar.
Rational bis zum bitteren Ende
Medial etwas weniger im Fokus als Longevity steht der effektive Altruismus (EA). Dabei handelt es sich um eine Philosophie, wonach die beschränkten Ressourcen Geld und Zeit so eingesetzt werden sollen, dass möglichst viele Menschen möglichst stark davon profitieren. Man optimiert also, was man selber hat, um die Welt damit ein Stück besser zu machen – auf Basis von Rationalität und Effizienz (der Homo oeconomicus lässt grüssen).
Natürlich ist erst einmal nichts dagegen einzuwenden, dass privilegierte Menschen einen Grossteil ihres Geldes für wohltätige Zwecke ausgeben. Beschäftigt man sich jedoch länger mit EA, bilden sich Fragezeichen.
So kommen die Vertreter des Konzepts zum Schluss, dass ein gespendeter Dollar am meisten bewirkt, wenn man damit Moskitonetze für Malariagebiete kauft. Gleichzeitig seien Spenden an Spitalclowns oder Ähnliches pure Verschwendung, weil sie nichts zur Lösung der drängendsten globalen Probleme wie Armut oder Klimawandel beitragen.
Ertrinkenden retten oder Moskitonetze kaufen?
Ich gebe zu: Als emotionaler Mensch wird mir bei so viel Kalkül ein wenig flau in der Magengegend. Geradezu schwindlig wird mir, wenn ich versuche, all die Faktoren zu berechnen, die in eine solche Kosten-Nutzen-Rechnung miteinfliessen müssen.
Ein Bekannter erzählte mir in diesem Zusammenhang von einem Gedankenexperiment: Ein Mann steht in einem 300 Franken teuren Anzug an einem See, in dem gerade jemand zu ertrinken droht. Entscheidet er sich, die Person zu retten und dabei seine Kleidung zu ruinieren – oder geht er nach Hause, verkauft seinen Anzug und spendet das Geld – zum Beispiel für Moskitonetze?
Effektive Altruisten müssten sich streng genommen für zweiteres entscheiden, denn in ihrer Sichtweise sind alle Menschen gleich viel wert, egal ob nah oder fern, gegenwärtig oder künftig.
Diese Denke lässt sich steigern bis zum Exzess. Demnach könnte es zum Beispiel in Ordnung sein, Geld auf dem Buckel anderer Menschen zu scheffeln, solange ein Grossteil davon wieder für wohltätige Zwecke gespendet wird. Und es wäre auch okay, Milliarden in (potenziell klimaschädliche) Technologien wie die Raumfahrt zu investieren, wenn damit das Überleben der Menschheit (etwa auf dem Mars) langfristig gesichert werden kann. So behauptet auch Elon Musk, seine Unternehmen dienten primär philanthropischen Zwecken.
Das Problem ist nur: Wissen wir mit Sicherheit, dass wir es rechtzeitig zum Mars schaffen, bevor wir hier alles in die Luft gesprengt haben? Können wir abschätzen, welchen Schaden wir auf dem Weg zur ersten Million anrichten?
Wir sind eben weder Gott noch verfügen wir, um in der Sprache des Homo oeconomicus zu bleiben, über sämtliche Informationen des Marktes. Vielleicht ist der Anzug, den wir verkaufen wollen, nicht mehr in Mode und wir kriegen dafür nur 100 Franken. Oder vielleicht gibt es in der Fabrik einen Produktionsfehler und meine Moskitonetze müssen eingestampft werden. Hat es sich dann gelohnt, dass ich den Menschen im See habe ersaufen lassen?
Das Optimierungsdilemma
Zugegeben, es ist ein grosser Sprung von meinem Freund, der sich ein bisschen herausfordern will, bis hin zu Elon Musk (Gott sei Dank). Ausserdem mögen Longevity und EA durchaus ihre positiven Seiten haben (aber das hier ist ja eine Polemik).
Wovon ich jedoch zutiefst überzeugt bin: Mit unserem ständigen Optimieren tun wir uns nichts Gutes. Wir geben Geld aus für Produkte und Dienstleistungen, die wir gar nicht brauchen, vor allem aber verschwenden wir Zeit, die wir für etwas anderes nutzen könnten.
Der Ökonom und Glücksforscher Mathias Binswanger hat dieses Optimierungsdilemma sehr schön beschrieben. In seinem Buch «Die Tretmühlen des Glücks» führt er aus, was der wirtschaftliche Aufschwung der letzten Jahrzehnte bewirkt hat: Nicht nur haben wir immer mehr Geld zur Verfügung, sondern es gibt auch immer mehr Möglichkeiten, wie wir dieses Geld ausgeben können.
Die «Multioptionsgesellschaft» mache sich in sämtlichen Lebensbereichen bemerkbar, wir müssten uns entscheiden, welchen Joghurt wir im Supermarkt kaufen, wo wir Ferien machen, welches Hobby wir wählen. Ich würde ergänzen: wie wir trainieren, wie wir arbeiten, wen wir daten (wer schon mal eine entsprechende App genutzt hat, weiss, nach welchen knallharten Kriterien dort der vermeintlich perfekte Partner herbeigeswiped wird).
Das Problem ist nur: Aus allen Optionen die für uns Beste auszusuchen, überfordert uns. Wir ersticken in den verfügbaren Informationen und haben obendrein zu wenig Zeit und geistige Kapazitäten, um den optimalen Entscheid zu treffen. Der Mensch werde in der Multioptionsgesellschaft zum «Gefangenen seiner selbst», schreibt Binswanger. Oder etwas einfacher ausgedrückt: Der Versuch, ständig alles optimieren zu wollen, macht uns nicht glücklich.
Der Weg zum Glück
Eine Zeitlang habe ich mich gefragt, ob ich vielleicht zu wenig ehrgeizig bin, um in das Hamsterrad aus immer besser, immer schöner, immer stärker einzusteigen. Zu faul, um im Prozess der Selbstoptimierung meinen inneren Schweinehund zu bezwingen. Aber ich habe in mich hineingehorcht, und wissen Sie was? Es gibt dort gar keinen Schweinehund!
Stattdessen sitzt da die Erkenntnis, was mir kostbar ist: Zeit, Mitgefühl, ein gewisses Mass an Genuss. Es ist es mir schlicht nicht wert, Stunden meines Lebens zu investieren, um mit komplizierten Abzügen hundert Franken aus meiner Steuererklärung herauszupressen.
Ich will keine Lebenszeit auf eine Karriere verschwenden, die mich zwar reich, aber nicht glücklich macht und die mich vergessen lässt, dass da vor meinen Augen gerade jemand um Hilfe ruft. Und ich möchte zwar gerne alt werden, aber nicht, wenn ich dafür nicht mehr in der Sonne liegen oder Croissants in Milchkaffee tunken darf.
Glaubt man der Forschung, besteht ein glückliches Leben aus zwei Hauptkomponenten. Zum einen geht es um längerfristige Aspekte wie Sicherheit, Gesundheit oder einen Beruf, der einem Freude bereitet. Zum anderen ist aber auch entscheidend, dass man es schafft, täglich möglichst viele kleine Glücksmomente zu erleben. Wer solches empfindet, wenn er mit dem Schrittzähler durch den Wald stapft, dem sei das unbenommen. Mich findet man derweil in der Strandbar beim Feierabendcocktail.




