Der Termin in der Klinik in Valencia stand schon, da entschieden sich Martin und Silvia Scheidegger kurzfristig um. Im Internet hatten sie sich wochenlang durch Foren und Selbsthilfegruppen von Spenderkindern gelesen. «Praktisch alle wollten ihre genetischen Eltern kennenlernen», erzählt die 42-jährige Ärztin. «Aber in Spanien ist das nicht möglich.»
Fast zehn Jahre ist es jetzt her, dass sie und ihr Mann für eine Eizellenspende ins Ausland fuhren – nach Finnland. Nach zwei erfolglosen In-Vitro-Fertilisation-Behandlungen hatte die Gynäkologin dem Paar nicht mehr viel Hoffnung machen können. Mit 28 Jahren war Silvia Scheidegger viel zu früh in die Wechseljahre gekommen. Um ihre Anonymität zu schützen, haben wir die Namen der Familie für diese Reportage geändert.
Weil die Eizellenspende in der Schweiz bislang verboten ist, reisen jedes Jahr geschätzt 400 bis 500 Paare dafür ins Ausland. Sie alle wünschen sich sehnlichst ein Kind und haben meist schon mehrere erfolglose In-Vitro-Fertilisationen (IVF) hinter sich.
Die Paare lassen sich oft in Ländern behandeln, in denen die Spende anonym abläuft. Wie in Spanien oder Tschechien zum Beispiel. Für ihre zukünftigen Kinder bedeutet dies: Ihnen wird das Recht auf Identität verweigert, sie haben keine Möglichkeit, jemals ihre genetische Herkunft zu erfahren. Wissenschaftliche Studien zur reproduktiven Mobilität machen ausserdem deutlich, dass die Eizellen häufig von jungen Frauen stammen, die sich aus finanzieller Not diesem belastenden und nicht risikofreien Eingriff aussetzen.
Die Wissenschaftskommission des Nationalrats beauftragte deshalb im Jahr 2021 den Bundesrat mit der Motion «Kinderwunsch erfüllen, Eizellenspende für Ehepaare legalisieren», eine entsprechende Gesetzesvorlage auszuarbeiten.
Eines der zentralen Argumente lautete: Nur wenn man die Eizellenspende auch hierzulande erlaube, könne man den Reproduktionstourismus eindämmen und Voraussetzungen schaffen, die den Schutz der Spenderinnen und das Wohl des Kindes garantieren. Was in der politischen Debatte jedoch selten mit bedacht wird, sind die Bedingungen, unter denen Eizellen für eine Spende gewonnen werden.
Das finnische Modell
Im Internet erfuhr das Ehepaar Scheidegger zunächst, wie Grossbritannien die Eizellenspende regelt. Sie ist erlaubt und das Kind hat das Recht, seine genetische Herkunft zu erfahren. Allerdings gibt es zu wenig Spenderinnen und die Wartezeiten sind lang. Um den Bedarf zu decken, gibt es eigens ein Programm für sogenanntes «Egg Sharing». So können Frauen ihre Eizellen kostenlos für eigene Zwecke einfrieren lassen oder erhalten eine IVF-Behandlung zum halben Preis, wenn sie einen Teil der gewonnenen Eizellen an unfruchtbare Frauen spenden.
Dann stiessen Scheideggers auf Finnland. Dort werden die Daten der Eizellenspenderinnen in einer nationalen Datenbank gespeichert, damit ihre genetischen Kinder, wenn sie mit 18 volljährig werden, Kontakt zu ihnen aufnehmen können. Ausserdem sind in Finnland offenbar viele Frauen als Stammzellen- wie auch als Eizellenspenderinnen registriert. Sie bekommen die Spende nicht honoriert, aber Arbeitsausfall und Fahrtkosten werden gegen Nachweis entschädigt.
Den Spenderinnen in Finnland wird empfohlen, die eigene Familienplanung abzuschliessen, bevor sie Eizellen an fremde Familien abgeben. Daher ist das Durchschnittsalter höher als zum Beispiel in Spanien. «Je jünger die Frau, von der die Eizellen stammen, desto grösser ist natürlich die Erfolgsquote», sagt Martin Scheidegger. «Aber uns war es wichtig, dass das Modell für alle Beteiligten stimmt.»
Spenden aus altruistischen Motiven
Ende Januar 2025 hat der Bundesrat nun die Eckwerte für eine Zulassung der Eizellenspende in der Schweiz beschlossen. Erste wichtige Bedingung: Die Spende muss unentgeltlich erfolgen. Keine Frau soll ihre Eizellen aus finanziellen Gründen spenden, sondern nur aus altruistischen Motiven. Ihr Aufwand, also etwa Lohnausfall und Spesen, soll jedoch entschädigt werden.
«Die Eizellenspende aus Nächstenliebe ist ein Mythos», meint Carolin Schurr, Professorin für Sozial- und Kulturgeographie an der Universität Bern. Sie hat die letzten zehn Jahre mit ihrem Team zu reproduktiver Mobilität in Spanien und Mexiko geforscht.
Eine dieser Forschungsarbeiten ist die Dissertation von Laura Perler. Fast ein Jahr lang war die Humangeographin an einer Reproduktionsklinik in Valencia tätig und führte Interviews mit Spenderinnen, den Mitarbeitenden der Klinik sowie Frauen mit Kinderwunsch. Ihr Fazit: «Die meisten Frauen spenden ihre Eizellen vor allem, weil sie Geld brauchen.» Das gilt auch dann, wenn offiziell nur eine Aufwandsentschädigung gezahlt wird.
In Spanien beträgt sie zwischen 800 und 1000 Euro pro Zyklus – für Frauen in prekären Lebenssituationen können das bis zu drei Monatslöhne sein. Die Spenderinnen sind oft alleinerziehende Mütter oder Migrantinnen, die sich mit dem Geld die Miete für ihre Wohnung oder ihr Studium finanzieren.
Der Bundesrat betont, dass Eizellen nicht kommerzialisiert und Kinder nicht zur Ware werden dürfen. Das verbietet auch die Verfassung. Zudem hat die Schweiz die Biomedizin-Konvention von 1997 unterzeichnet: Der völkerrechtliche Vertrag schreibt fest, dass mit dem menschlichen Körper oder Teilen davon kein Gewinn gemacht werden darf.
«Keimzellen werden bestellt, geliefert, bezahlt»
Dennoch gibt es auf internationaler Ebene längst einen Markt. «Samen- und Eizellen haben heute einen bedeutenden wirtschaftlichen Wert», schreiben die Philosophin Barbara Bleisch und die Rechtswissenschaftlerin Andrea Büchler in ihrem Buch «Kinder wollen. Über Autonomie und Verantwortung». Was konkret bedeutet: «Keimzellen werden bestellt, verpackt, verfrachtet, verzollt, geliefert, bezahlt.»
Dieses Jahr wurde ein Fall aus Georgien bekannt, wo rund hundert Frauen aus Thailand offenbar systematisch ausgebeutet wurden. Laut der englischsprachigen Tageszeitung «The Nation» aus Bangkok hielt ein kriminelles Netzwerk die Frauen auf einer Art «Menschenfarm» fest, entnahm ihnen regelmässig Eizellen und verkaufte diese ins Ausland.
Das ist ein illegaler Fall von Menschenhandel. Aber auch ganz legal machen Kliniken und Laboratorien mit der Entnahme, Testung, Aufbereitung, Lagerung und dem Transport von Keimzellen oft beträchtlichen Profit. Reproduktionsmedizinische Zentren in der Schweiz haben Dependancen in Italien oder Österreich, wo die Eizellenspende legal ist. Die Frauen, von denen die Eizellen stammen, profitieren meist nicht vom Gewinn, der anfällt.
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