Am Anfang lag nur Dunkelheit über der ganzen Erde. Sonne, Mond und Sterne entstanden erst später.» Mit diesen beiden Sätzen beginnt der Weltschöpfungsmythos der /Xam, der afrikanischen Buschleute. Ihre Hirten hatten Gideon Retief von Wielligh, einem südafrikanischen Landvermesser, Ende des 19. Jahrhunderts erzählt, wie Sonne, Mond und Sterne in den Himmel über ihnen gelangt waren und ihren Urahnen Licht geschenkt hatten. Die Sonne war eine leuchtende Gestalt, ein grosser Jäger und starker Mann, dem alle mit Respekt begegneten.
Ganz anders der Mond. Er war aus einem Schuh entstanden, der Kaggen gehört hatte, einer impulsiven, angeberischen Figur. Einem Trickster mit magischen Kräften, der stets auf seinen Vorteil bedacht war. Die Milchstrasse, zu der Sonne und Mond gehören, wurde aus der Asche eines Feuers gebildet, die Sterne, die in ihr leuchten, aus glühenden Kohlen. Ein Mädchen hatte beides in den Himmel geworfen, ein Wirbelwind Asche und Kohle in den Himmel getragen.
Nachlesen kann man den Weltschöpfungsmythos der /Xam in einem Wälzer mit den Massen einer Bibel, 32 × 28 × 8 cm. Er ist vier Kilogramm schwer, 1280 Seiten dick, jede einzelne eng bedruckt. Das Papier ist elegant eierschalenfarben, der Griff ist satiniert. Auf dem dunkelblauen Leineneinband steht gedruckt, was Leserinnen erwartet: «Atlas der Sternenhimmel und Schöpfungsmythen der Menschheit». Eine Enzyklopädie also. Sie versammelt die Sternenhimmel von 17 Kulturen und erzählt die dazugehörigen Mythen zur Erschaffung der Welt und der Menschen. Wer sie aufschlägt, wird fast ein bisschen nostalgisch – es riecht nach Druckerschwärze.
Recherchiert und geschrieben hat den Sternenhimmel-Atlas der Schriftsteller und Komparatist Raoul Schrott. Sechs Jahre lang hat er insgesamt daran gearbeitet, fünfmal zusammen mit den Korrektoren die Druckfahnen gelesen, die rund 6400 Buchseiten zählen, um dann, als das Werk vorlag, beim ersten Aufschlagen gleich einen stilistischen Fehler zu entdecken. «Da liest man das Ganze immer und immer wieder und denkt: Wieso bloss habe ich übersehen, dass da ein ‹dann› steht und in der Zeile darunter wieder eins? Aber Sachfehler hats keine drin!»
Die Leserschaft kümmern die Wortwiederholungen nicht. Die erste Auflage des «Atlas der Sternenhimmel» mit 18 000 Exemplaren ist neun Monate nach Erscheinen verkauft, in den Buchhandlungen liegt bereits die zweite auf – die Fehler, sagt Schrott, sind nun korrigiert.

Andromedagalaxie, Sternbild Andromeda, 2,5 Millionen Lichtjahre entfernt.
Raoul Schrott, Sie bezeichnen Ihr Werk im Vorwort als «umfassende Dokumentation des ungreifbaren Weltkulturerbes von Sternenhimmeln». Wie ist es zu diesem Jahrhundertwerk gekommen? Ist jemand mit der Idee dafür an Sie herangetreten oder war es Ihre eigene?
Es war meine. Ich wollte bündeln, was ich bis dahin aus poetischem Interesse, aber völlig unsystematisch, zu Sternenhimmeln und Schöpfungsmythen gesammelt hatte, unterschiedlichste Geschichten von indigenen Völkern.
Was hat das Sammelfieber geweckt?
Im Studium entdeckte ich zufällig, dass die Ägypter völlig andere Sternbilder haben als wir. Das überraschte mich, in meiner damaligen Ignoranz wäre ich nie auf diese Idee gekommen. Ich dachte bis dahin, es gebe weltweit nur unsere Sternbilder. Daraufhin fand ich vor allem in Büchern regelmässig Hinweise auf Sternbilder von anderen Kulturen oder auf Schöpfungsmythen.
Dem Schriftsteller fällt immer mehr Material zu. Bald erkennt er, dass Sternbilder und Sternsagen zusammengehören. Die Sagen erklären die Bilder, vermitteln aber auch das Ethos einer bestimmten Kultur. Sie handeln von Geboten und Verboten, unterhaltsam erzählt, damit sie in der Erinnerung haftenbleiben. Aufgezeichnet haben sie Ethnologen und Anthropologen, Forschungsreisende, Missionare, Pfarrer.
Was auffällt: Die Astronomie trennt die Wissenschaft und ihren kulturellen Aspekt, Geschichten zu den Sternen sind ihr nicht bekannt. Als Schrott während der Covid-19-Pandemie in einer Gruppe von Wissenschaftlern in Tel Aviv babylonische Texte bearbeitet, will er von einem von ihnen, einem Professor für Assyrologie und Experte für mesopotamische Sternnamen, mehr über die Götter erfahren, die den Sternenhimmel des Zweistromlandes bevölkerten.
«Er wusste nichts darüber. Mehr noch, er hat sich nicht mal damit befasst oder befassen wollen. Und seltsamerweise auch keine Vorstellung, wo die Sternbilder, mit denen er sich beschäftigt, am Himmel umgehen könnten.» Dabei begann das Studium des mesopotamischen Sternenhimmels bereits Mitte des 19. Jahrhunderts, und Literatur gibt es dazu auch genug. «Aber es sind halt zwei verschiedene Interessen. Umgekehrt schauen die Kulturwissenschaftler nicht in den Himmel, das überlassen sie den Astronomen.»
Je tiefer Schrott ins Thema eintaucht, desto stärker kristallisiert sich heraus: «Da gibt es ein immenses Wissen. Allerdings droht es nach und nach verloren zu gehen. Ich wollte es dokumentieren, bevor es völlig verschwunden sein wird.»
Er schlägt der deutschen Kulturstiftung in Halle einen Sternenhimmelatlas vor und stösst auf offene Ohren. Zwei Jahre lang finanziert sie sein Projekt. Dann übernimmt die Stiftung Kunst und Natur. Deren Gründerin ist Susanne Klatten, deutsche Unternehmerin und BMW-Erbin; sie gehört zu den hundert weltweit reichsten Personen. «Sie interessierte sich für meine Idee. Ohne sie gäbe es den Atlas nicht. Die teure Grafik der Sternbilder hätte sich niemand sonst leisten können.»
Der Sternenhimmelatlas vereint Anthropologie und Archäologie, Astronomie und Astrologie. Wobei mit letzterer nicht die Tages-, Wochen- oder Monatshoroskope gemeint sind, die man allerorten lesen kann, sondern ein allumfassendes, weltumspannendes Deutungssystem, das ursprünglich aus Mesopotamien kommt. Die damaligen Kulturen, die Sumerer, Assyrer, Akkadier und Babylonier, waren überzeugt, dass man die Götter im Himmel beeinflussen und so Vorhersagen machen kann.
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