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Autorin: Andrea Jeska
Freitag, 20. Oktober 2017

Immer sind es die Hände, die mehr erzählen als der Mund. Die einen Ausdruck finden, wenn die Worte versiegen, die Gesichter sich zu Boden senken, in Scham, Trauer oder Verzweiflung. Auch Sefas Hände sind die Hilfserzähler einer Geschichte, an der die Sprache versagt. Sie streichen über das Sofa, auf dem sie sitzt, drehen sich umeinander, verbergen ihre Augen, wenn sie weint.

Sefa ist 28 Jahre alt, Jesidin und Mutter von vier Kindern. Sie lebt in der Stadt Sinuni am Fusse des Sinjar-Gebirges im Nordirak. Doch ihre Heimat ist nur geborgt: Das Haus gehört Verwandten, die nach Deutschland geflohen sind, als die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) drei Jahre zuvor in die Gegend einfiel. Auch Sefa und ihre Familie mussten damals weg. Ihr Haus wurde zerstört, zurück können sie nicht mehr.

Im geliehenen Heim sitzt Sefa in den geliehenen Möbeln, die Kinder dicht bei ihr, scheu und stumm. «Sie haben Hunger», sagt sie und greift nach einem der Mädchen. Sefa hat wenig Essen im Haus, hat kaum Geld, auch das muss sie sich immer leihen. Hungrige Kinder, sagt sie, würden irgendwann still.

Junge Mädchen, die wussten, was jungen Mädchen passiert, die dem IS in die Hände fallen, stürzten sich von den Felsen in den Tod.

Die junge Frau will ihren Nachnamen nicht nennen, weil sie nach all der Zeit in Unsicherheit und Angst dem Leben nicht mehr recht traut. Besser ist, sie bleibt anonym, sagt sie, und auch ihre Kinder. Sie alle haben Vornamen, die mit F. beginnen.

Terror in der Stadt, Tod auf dem Berg

Als im August 2014 die Todesschwadronen des IS durch Sinuni und all die anderen Orte rund um das Sinjar-Gebirge zogen, töteten sie alles, was sich ihnen in den Weg stellte. Die Jesiden, die in den Augen der Dschihadisten als Ungläubige gelten, wurden gnadenlos verfolgt. Tausende Frauen und Kinder wurden verschleppt, viele Hundert sind bis heute verschollen, wohl gefangen in Kellern und Zimmern. Das Gebirge, in dem viele Jesiden – so auch Sefa mit ihrem Mann und den Kindern – Zuflucht suchten, wurde zur Falle: Unten lag der Terror, oben gab es nichts. Kaum Wasser. Keine Lebensmittel. Nur Hitze. Die Alten starben zuerst, dann die kleinen Kinder. Junge Mädchen, die wussten, was jungen Mädchen passiert, die dem IS in die Hände fallen, stürzten sich von den Felsen in den Tod. Am dritten Tag ohne Essen auf dem Berg hatte sich Sefas Mann mit vier anderen Männern zurück nach Sinuni geschlichen, um Lebensmittel zu stehlen. Er kam nicht wieder, auch die anderen nicht.

Die nordirakische Stadt Sinuni liegt an der Grenze zur Türkei und zählte vor dem Einmarsch der Terrormiliz IS 25 000 Bewohner. Heute leben noch rund 6000 Menschen in der Stadt.

Schliesslich schoss die syrische Kurdenmiliz YPG einen Korridor auf der Westseite des Gebirges frei. Vielen gelang die Flucht nach Syrien, bevor der IS diese Route unter Beschuss nahm. Auch Sefa und ihre vier Kinder gehörten dazu. In Syrien lebten sie zwei Jahre in einem Flüchtlingslager, in einem Zelt, durch das im Winter der kalte Wind pfiff und in dem im Sommer die Hitze stand. In dem alles Private auch öffentlich war, denn die anderen Zelte standen dicht daneben. Und immer, trotz den Hilfsorganisationen, mangelte es an vielem: Essen, Seife, warme Schuhe, Kleidung für die Kinder, Medikamente. «Aber wenn man gar nichts mehr hat, dann ist man dankbar für alles», sagt Sefa. Als gelte eine solche Aufzählung als Undank.

Trotz den Mängeln leben viele Jesiden bis heute in den Flüchtlingslagern. Aus Angst. «Wem sollen wir trauen?» fragt Sefa. Als der IS kam – so erzählt sie und erzählen es Dutzende andere –, waren es die arabischen Nachbarn, die den Terroristen die Häuser der Jesiden zeigten. «Der da», hätten sie gesagt, «der ist ein Jeside. Nehmt ihn mit. Oder tötet ihn.»

Drei Monate lang hielt der IS Sinuni. Dann wurde die Stadt von den Peschmerga, den Streitkräften der Autonomen Region Kurdistans, zurückerobert. Seither haben Teile der Provinz einen neuen Namen: die befreiten Gebiete.

«Wir wollten nicht länger Flüchtlinge sein»

Seit einigen Monaten kehren die Menschen nun zögerlich dorthin zurück, bauen die Häuser wieder auf, eröffnen Geschäfte, versuchen sich ein neues Leben zu schaffen. Nicht alle. In Sinuni, einst eine Stadt mit 25 000 Bewohnern, sind es gerade mal 1800 Familien, rund 6000 Menschen. Genug für keimende Hoffnung auf eine Zukunft, aber nicht genug, um die Geisterhaftigkeit des Ortes zu durchbrechen. Mehr als die Hälfte aller Häuser sind unbewohnt; in den Strassen sind die Rollläden der Geschäfte heruntergelassen, die Stille wie ein Hall.

Sefa und ihre vier Kinder gehörten zu den ersten, die zurückkehrten. «Wir haben gehofft, alles werde besser. Wir wollten nicht länger Flüchtlinge sein», sagt Sefa. Doch wie leben, wie Geld verdienen in einer Gegend, in der es keine Industrie gibt, nur gleissendes Licht am Tag und goldenes Licht am Abend? Einige versuchen sich im Einzelhandel, bescheiden ist das Warenangebot. Andere reparieren Autos, hauptsächlich die Fahrzeuge der Peschmerga. Im Zentrum Sinunis bietet ein Geschäft alles an Ausrüstung, was man braucht, um in die Schlacht gegen den IS zu ziehen. Nur Waffen nicht; deren Verkauf geht über den Schwarzmarkt, erzählt der Verkäufer.

Geld für Knochen

Die Hoffnung, dass Sefas Mann noch lebt, ist klein. Der Onkel von Sefas Mann, der mit in dem geliehenen Haus lebt, ist schon bei einer Registrierstelle für Genozidopfer gewesen, hat seine DNA abgegeben. Doch ohne die Knochen des Toten zum Abgleich gibt es keine Kompensationszahlung. «Die Knochen», sagt Sefa, «wie soll ich die je finden?»

Vom möglichen Tod des Mannes erzählt sie im Beisein der Kinder. Die schmiegen sich noch dichter an, so, als wollten sie die Mutter schützen. Ob das nicht zu schlimm sei für so junge Ohren? Sefa schaut ratlos: «Sie kennen den Tod, sie haben schon viele Tote gesehen. Sie waren doch dabei, als ihr Vater ging und nicht zurückkam. Sie wissen, dass wir die Knochen brauchen, damit wir alle zu essen haben.»

Sefas einzige Einnahmequelle ist das Geld, das sie bei einem der Cash-for-work-Programme – Geld für Arbeit – der Hilfsorganisationen bekommt. In dieser Woche hat sie mit anderen Frauen den Garten des jesidischen Kulturzentrums in Sinuni von Schutt gereinigt, die Erde umgegraben, Rasensamen gesät, zwei Olivenbäume gepflanzt. «Wir haben viel gelacht», sagt sie, und die Hände bleiben für einmal still im Schoss. «Lachen ist wie eine seltene Speise geworden.»

Sefa ist dankbar für dieses Geld, dankbar, dass überhaupt jemand Hilfe anbietet. Lieber wäre sie bei ihren Verwandten in Deutschland oder auch in jedem anderen Land, in dem sie wüsste, wovon sie leben soll. Denn die 250 Dollar, die sie am Ende des Monats bekommt, füttern die Münder ein paar Wochen, aber reichen nicht, um der Zukunft eine Kontur zu geben. Und ein weiteres Programm wird es nicht geben: Die Hilfsorganisationen stellen dafür keine Gelder mehr zur Verfügung.

«Wird man uns vergessen?»

Wenn Sefa gar nicht mehr weiterweiss, dann geht sie zu ihrer Nachbarin, der 23jährigen Hayat, die beim Angriff des IS Giftgas einatmete. Nicht, dass Hayat Sefa helfen könnte oder einen Rat hätte. Im Gegenteil. Hayats Sinne verdunkeln sich oft und dann schlägt sie ihre Kinder, bis sie bluten. Sie bräuchte therapeutische Hilfe, ihr Sohn hat Herzprobleme, er bräuchte eine Operation. Hayats Mann arbeitet für die Peschmerga, aber er hat seit Monaten keinen Lohn gesehen. Wenn sie Hayat so sehe, sagt Sefa, dann wisse sie, dass alles noch viel schlimmer hätte kommen können. «In allem Unglück haben wir vielleicht auch Glück gehabt.»

Ob der Frieden in den befreiten Gebieten hält oder bald wieder an konkurrierenden Machtinteressen zerbrechen wird, weiss niemand. Es braucht Garantien für die Sicherheit, es braucht Chancen für die Zukunft. Nicht nur Leid und Lethargie, Hilflosigkeit. «Man wird uns doch nicht vergessen?» fragt Sefa.

Ob sie schon von Nadia Murat gehört habe? Murat ist eine Jesidin, die für die Vereinten Nationen als Botschafterin in der ganzen Welt über das Schicksal ihres Volkes aufklärt. Sie lebt in Deutschland und hat schon Preise für den Mut erhalten, ihre Geschichte zu erzählen. Da lächelt Sefa ein wenig und dreht ihre Finger umeinander. «Hier in Sinuni gibt mir niemand einen Preis, wenn ich meine Geschichte erzähle. Hier hat jeder ähnliches erlebt.»

Stanislav Krupař ist freischaffender Fotograf und lebt in Prag.

Die Journalistin Andrea Jeska wurde für ihre Reportagen bereits mehrfach ausgezeichnet, u.a. auch mit dem Zürcher Journalistenpreis. Sie lebt im deutschen Rondeshagen.

Das Jesidentum ist die Ursprungsreligion der Kurden. Als Jeside wird man geboren. Niemand kann zum Jesidentum übertreten, deshalb wird auch nicht missioniert. Mitglieder heiraten nur Gläubige ihrer Religion. Das Jesidentum vereint Elemente altorientalischer Religionen; sein Ursprung geht auf die vorislamische und vorchristliche Zeit zurück. Gott gilt als allwissend, mächtig und unfehlbar, einen Gegenspieler hat er nicht. Im Gegensatz zum Christentum, Islam oder Judentum ist das Jesidentum keine Buchreligion, hat kein für alle verbindliches Schriftwerk wie die Bibel, den Koran oder die Thora. Der Glaube wird mündlich überliefert. Die Jesiden gelten bei radikalen Muslimen als Ungläubige und Teufelsanbeter und werden deshalb verfolgt. Faktisch existieren für Jesiden allerdings weder Teufel noch Hölle. Sie glauben nicht an das Böse, weil seine Existenz ein Zeichen für die Fehlbarkeit Gottes wäre. Laut Schätzungen gehören der Religion rund 800000 Menschen an. Sie leben im Nordirak, im nördlichen Syrien und im Süden der Türkei; rund 100 000 sollen laut der Föderation jesidischer Vereine in Deutschland leben. Wie viele in der Schweiz ansässig sind, ist unbekannt. Die Jesiden sind seit 2014 Opfer eines andauernden Genozids durch die Terrormiliz IS. Dabei werden die Gläubigen zwangsbekehrt, vertrieben oder umgebracht. Die Jesiden sind in zweifacher Hinsicht eine Minderheit: als Kurden in den jeweiligen Ländern, aber auch innerhalb der mehrheitlich muslimischen kurdischen Gemeinschaft. (dem)