An Heiligabend 1967 hörte Weihnachten für mich auf, ein Fest der Freude und Liebe zu sein. Neun Jahre war ich alt. Wie alle Jahre zuvor wartete ich aufs Christkind. Doch wer stattdessen kam, das war der Tod. Er holte sich meinen Grossvater.
Erzähle ich heute befreundeten Priestern und Pfarrerinnen vom Tod meines Grossvaters, sehen sie die Sache meist sehr symbolisch. In seinem Ableben ausgerechnet an Heiligabend spiegele sich der Dreischritt des Christenlebens: von der Geburt über die Passion bis hin zu Tod und Erlösung. Und obwohl ich mich sehr bemüht habe, die Sache so zu sehen wie sie, tue ich mich auch 51 Jahre später noch schwer damit. Am Tod meines Grossvaters erscheint mir nichts symbolisch, kein grösserer Sinn offenbart sich rückblickend in ihm. Dass er ausgerechnet an Heiligabend starb, erscheint mir heute noch als Ironie des Schicksals, als schlechter Scherz auf seine und meine Kosten.
Grossvater fehlt. Jeden Heiligabend denke ich an ihn. Sein Tod hat mir Weihnachten verdorben. Ich verbinde seitdem Verlust, Schmerz und eine grosse Stille mit dem Fest der Liebe. Ja, ich bin ein Weihnachtsmuffel und wünschte mir zugleich, ich wäre es nicht. Ob ich mit Weihnachten jemals ins reine komme?
Die Geschichten meines Opas
Mein Grossvater, ein Oberlehrer im Ruhestand, glich keinem dieser Opas aus der Sahnebonbonwerbung. In Aussehen und Art hatte er etwas von Thomas Mann, nur dass er keine Bücher schrieb. Las er aber uns Kindern etwas vor, klang das, als hielte der Nobelpreisträger eine Fernsehrede an die Nation. Jedes Jahr das gleiche Ritual: Während Grossmutter und Mutter in der Küche werkelten und der Vater sich am Christbaum zu schaffen machte, sass er in seinem Sessel, liess die Zeitung sinken und winkte uns heran, um uns die nicht enden wollenden Nachmittage vor der Bescherung zu verkürzen.
Die Stimme meines Grossvaters bildete den Kern meiner Weihnachtsemphase. Mit ihm verstummte sie für immer.
Bei dieser Gelegenheit erzählte er uns einmal, wie es dazu kam, dass er in den russischen Wäldern Peter und dem Wolf begegnete. Und wie ein Zauberer zog er plötzlich aus seiner Lehrer-Aktentasche eine Schallplatte hervor und legte sie auf den Plattenteller.
Fasziniert sogen wir das musikalische Märchen auf. Und für uns war sonnenklar: Sergei Prokofjew, der Komponist, musste von diesem denkwürdigen Treffen im Wald irgendwie Wind bekommen haben und danach so beeindruckt gewesen sein, dass er Grossvaters Geschichte vertonte. Das ergab Sinn: Dadurch konnten auch andere Kinder in der ganzen Welt davon erfahren.
Ein andermal brachte uns der betagte Herr in der quälenden Wartezeit die mandschurische Nationalhymne bei. Cousin, Cousine, Schwester: Wie die Orgelpfeifen aufgereiht, sangen wir Kinder schliesslich, die Hand am Herzen, den staatstragenden Text: «Bunda, Bunda, Himmelcocalaja, Dschay, Dschay, Dschay.» Dass lediglich das letzte Wort dieses Liedes nicht seiner Phantasie entsprungen war, sondern auf Russisch Tee bedeutet, hatte uns Grossvater vergessen zu sagen. Seine Stimme bildete den Kern meiner Weihnachtsemphase. Mit ihm verstummte sie für immer.
Lametta als Trauerflor
In jener Nacht, in der mein Grossvater starb, blieben meine ältere Schwester und ich zum ersten Mal uns selbst überlassen. Während sich die Christenheit mit Hilfe ihrer Krippen in den Stall von Bethlehem imaginierte, gruppierten sich meine Eltern mit der Grossmutter um ein Sterbebett. Ihr Stern von Bethlehem war eine flackernde Kerze, ein fahles Licht. Die Grosseltern wohnten sechzig Kilometer von unserem Wohnort entfernt, mit der schwäbischen Eisenbahn damals noch eine halbe Tagesreise.
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