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Autor: Oliver Demont
Autorin: Andrea Aebi
Freitag, 16. September 2016

Herr Mösli, angenommen, ein Ehepaar, seit rund fünfzig Jahren zusammen, der Mann mit einer tödlichen Krankheit, die Frau gesund, kommt mit der Absicht zu Ihnen, sich zu töten. Was würden Sie als Seelsorger raten?

Mösli: Ich würde nach den Hintergründen fragen. Warum sieht es als Paar nur noch diesen Weg? Wie geht es jedem einzelnen damit? Dabei würde ich besonders auf die Zwischentöne hören, also auf das Unfertige, auf die Gefühle. Und ganz wichtig: Ich würde die Angehörigen des Paares, also die Familie, mit einbeziehen. Denn: Der Weg, den das Paar beschreiten will, ist nicht nur sein Weg, sondern auch jener der Familie. Alle sind davon betroffen.

Frau Kuhn, würden Sie als Exit-Sterbehilfebegleiterin auch diese Fragen stellen?

Kuhn: Ja, sicher. Fragen nach dem Umfeld oder der Einsamkeit stellen auch wir. Die zuvor beschriebene Situation erleben wir bei Exit oft: Ein Paar, beide sind Mitglied bei uns, ein Partner erfährt von einer tödlichen Krankheit und will sich töten, und der andere will mit ihm gehen – weil er nach langem Leben und langer Ehe nicht nochmals etwas Neues anfangen will.

Als Aussenstehender hat diese Überlegung auch etwas Verstörendes.

Kuhn: Ja, aber man muss solche Situationen in den richtigen Kontext stellen. Meist sind die Leute nach einer Diagnose geschockt und denken: Sofort mit Exit aus dem Leben scheiden. Im Gespräch setzt dann aber ein Prozess ein, in dem der assistierte Suizid, wie Exit ihn anbietet, eine Option sein kann – aber nicht muss. Es ist meine Aufgabe herauszufinden, ob jemand alle Möglichkeiten prüft.

Mösli: Ich finde das problematisch. Sie beraten eine sterbewillige Person als Vertreterin einer Organisation, deren Aufgabe es ist, den assistierten Suizid schliesslich auch durchzuführen.

Warum ist das problematisch?

Mösli: Als Seelsorger höre ich von kranken Menschen häufig die Aussage: «Ich bin bei Exit, das ist mein Plan B.» Menschen, die den Plan B aber als Option verinnerlicht haben, sind – wenn sie sich an eine Sterbehilfeorganisation wenden – oft gar nicht mehr bereit, sich auf einen ergebnisoffenen Prozess einzulassen.

Kuhn: Wir machen da eine andere Erfahrung. Es kommt immer wieder vor, dass ich merke, dass über den Plan A noch gar nie nachgedacht wurde. Gerade vor kurzem war ich bei einem Paar, das auch mit dem Wunsch zu mir kam, sich selbst zu töten. Im Gespräch kam dann heraus, dass der Mann mit seiner dementen Frau komplett überfordert war. Er wusste nicht, wie er die fremde Hilfe bezahlen sollte. Gemeinsam suchten wir nach Lösungen. Der Wunsch nach dem Plan B ist heute bei dem Paar kein Thema mehr.

Aber erfolgreich wurde Exit doch gerade, weil die Organisation den assistierten Suizid im Angebot hat.

Kuhn: Und wofür wir viel Zuspruch aus der Bevölkerung erhalten. Der Prozess ist nicht so schwarzweiss, wie viele denken. Oftmals hängt es davon ab, zu welchem Zeitpunkt eine Person zu uns kommt. Klar: Je mehr jemand bereits auf den assistierten Suizid hinsteuert, desto schwieriger wird es, gewisse Fragen und Einwände einzubringen.

Wie lange dauern solche Prozesse bei Exit?

Kuhn: Das kann einige Monate bis Jahre dauern. Unüberlegtes Handeln können wir so ausschliessen. Exit zwingt die Leute zur Reflexion. Wir respektieren aber auch den Wunsch, wenn ein Mensch sterben möchte. Mich irritiert es immer wieder, wenn gewisse Menschen einfach nicht akzeptieren wollen, dass jemand stark leidet und keine weiteren gutgemeinten Angebote mehr wünscht, sondern nur noch sterben will.

Exit berät also auch mit dem Angebot des assistierten Suizids ergebnisoffen?

Kuhn: Natürlich. Das zeigt sich auch daran, dass nur zwei Drittel der Menschen, die einen assistierten Suizid mit Exit vorbereiten, diesen dann auch tatsächlich umsetzen.

Mösli: Ich tue mich schwer mit Ihren Aussagen. Bitte verstehen Sie mich richtig: Ich zweifle nicht daran, dass Sie als Einzelperson Ihre Arbeit verantwortungsvoll machen. Aber wer in eine Klinik geht, wo über dem Eingang «Hilfe beim Sterben» steht, durchläuft einen anderen Aufenthalt, als wenn die Klinik mit «Hilfe zum Sterben» beschriftet ist. Was ich sagen will: Der Hut, den der Berater von der Organisation trägt, für die er arbeitet, beeinflusst in hohem Mass die Gedanken der Menschen, die zu ihm kommen. Bei Exit geht es dann eher um ein Abfragen, ob man sich alles auch wirklich genau überlegt hat. Ich finde es aber zentral, mit dem Sterbewilligen einen ganz offenen Weg zu gehen.

Wie könnte solch ein Weg aussehen?

Mösli: Assistierter Suizid und die Palliative Care, also leidenslindernde Massnahmen bei unheilbar kranken Menschen, sollten nicht getrennt werden. Heute bieten Organisationen wie Exit und Dignitas den assistierten Suizid an. Pflegeeinrichtungen wiederum setzen auf Palliative Care, die Heime lehnen in der Regel den assistierten Suizid ab. Das führt zu einer Spaltung.

Was wäre die Lösung?

Mösli: Meiner Meinung nach müsste sich Palliative Care für den Grenzfall des assistierten Suizids öffnen.

Frau Kuhn, was kann Exit – abgesehen vom assistierten Suizid – leisten, was die Seelsorge nicht leisten kann?

Kuhn: Was Herr Mösli kritisch sieht, sehe ich als Chance: Dass eine Person bei Exit vielleicht ehrlicher formulieren kann, was ihr Wunsch ist.

«Auch mit Palliative Care bekommen wir das Sterben nicht in den Griff. Es ist eben kein Problem, das sich lösen lässt, sondern etwas, das mit uns geschieht.» Pascal Mösl

Denn nicht nur wir haben einen Hut an, sondern auch die Seelsorge. Ich weiss von Menschen, die dem Pfarrer am Spitalbett etwas anderes erzählen als uns. Ich glaube, am Ende ist die Qualität der Beziehung entscheidend. Also das Vertrauen, das zwischen mir und der ratsuchenden Person besteht. Da spielt es auch keine Rolle, ob das Gegenüber ein Seelsorger, eine Hausärztin oder eine Exit-Vertreterin ist.

Mösli: Ich sage nicht, dass das Gegenüber ein Seelsorger sein muss. Auch eine Hausärztin kann diese Rolle übernehmen. Aber es muss jemand sein, der nicht für die gleiche Instanz arbeitet, die dann auch den assistierten Suizid durchführt.

Kuhn: Ich teile diese Einschätzung nicht. Interessant ist dabei auch die paradoxe Tatsache, dass sich viele von unseren Ratsuchenden wieder von der Idee des begleiteten Suizids abwenden, gerade weil wir ihn im Angebot haben. Anders formuliert: Erst die Möglichkeit, die Exit eröffnet, bringt viele auch wieder von ihrem Entscheid ab.

Herr Mösli, Sie schlagen vor, dass sich Palliative Care für den assistierten Suizid öffnet. Wäre das eine neue Organisation?

Mösli: Es wäre keine neue Organisation, eher eine Erweiterung der bisherigen Palliative-Care-Bewegung. Die Menschen erhalten ja bei Palliative Care in ihrem Leiden und in ihren Schwierigkeiten Unterstützung. Die Erweiterung würde darin bestehen, dass der Grenzfall «assistierter Suizid» nicht ausgeklammert wird. Vielmehr würde er als Grenzfall der Selbstbestimmung angesehen.

Selbstbestimmung wird aber sehr unterschiedlich definiert.

Mösli: Die Pionierin für Palliative Care, Cicely Saunders, hat die Selbstbestimmung einmal wie folgt beschrieben: «Selbstbestimmung heisst, wir wollen Platz schaffen, dass diese Person ihre eigene Entwicklung machen kann.» Diese Definition gefällt mir sehr. Es geht um einen Prozess und darum, wie verschiedene Menschen dazu beitragen können, dem Menschen «einen Platz zu schaffen». Selbstbestimmung ist also Teil eines gemeinschaftlichen Geschehens.

Trotzdem hätte in solch einer Organisation auch der assistierte Suizid seinen Platz.

Mösli: Ja, er wäre eine Handlungsoption im Grenzfall. Und dann würde es auch nicht mehr diese absurde Situation geben, dass Menschen ihre gewohnte Umgebung verlassen müssen, um den assistierten Suizid bei einer Sterbehilfeorganisation in Anspruch zu nehmen. Was mich aber in diesem Gespräch stört, ist dieser Tunnelblick auf den assistierten Suizid.

Inwiefern?

Mösli: In der Schweiz wählen 0,7 Prozent den assistierten Suizid. Viel mehr Menschen aber, nämlich rund 40 Prozent, sterben in der Schweiz infolge passiver Sterbehilfe. Bei diesen Menschen wird also auf lebenserhaltende Massnahmen verzichtet. Mein Anliegen wäre es, dass viel bekannter wird, wie heute in der Regel gestorben wird.

Wie stirbt heute die Mehrheit der Menschen?

Mösli: Eben nicht mehr nach dem Cliché «so lange wie möglich an den Schläuchen hängend», sondern die Selbstbestimmung spielt eine wichtige Rolle. Man wird gefragt – oder hat in einer Patientenverfügung seine Vorstellung vom Sterben hinterlegt. Deshalb ist es auch so wichtig, sich über das eigene Sterben Gedanken zu machen und sich mit seinen Angehörigen auszutauschen. Denn diese werden bei Bewusstlosigkeit gefragt werden.

Kirchenvertreter sehen in der Palliative Care oftmals das Wundermittel, das alle Probleme löst. Ist das wirklich so?

Mösli: Nein, auch mit Palliative Care bekommen wir das Sterben nicht in den Griff, nicht immer lassen sich alle Schmerzen behandeln. Sterben ist eben kein Problem, das sich lösen lässt, sondern etwas, das mit uns geschieht. Palliative Care sucht aber mit dem sterbenden Menschen Wege, die er selbst gehen möchte. Dies kann sich auch täglich ändern: Wie viel Schmerzen halte ich aus, was möchte ich noch erledigen, wen möchte ich noch sehen – um solche Fragen geht es. Palliative Care ist im Kern das Anliegen, dass wir Menschen uns im Sterben nicht alleinlassen.

Frau Kuhn, was halten Sie von der Idee, Organisationen wie Exit aufzulösen und in eine neue Organisation überzuführen?

Kuhn: Exit ist derzeit nicht wegzudenken. In einer neuen Organisation bliebe die von Ihnen kritisierte Bandbreite an unterschiedlichen Beratern bestehen.

«Ich werde das Gefühl nicht los, dass es für gewisse Kreise chronisch und psychisch kranke Menschen nicht geben darf. Aber ihr Leidensdruck ist enorm. » Melanie Kuhn

Es gibt grosse Unterschiede unter den Seelsorgern, das gleiche gilt für die Freitodbegleiterinnen von Exit. Letztlich sind wir alles einfach nur Menschen. Ein Problem, das ich allerdings bei der vorgeschlagenen Organisation sehen würde: Ganz viele Menschen, die jetzt bei Exit anklopfen, fallen bei der Philosophie von Palliative Care raus.

Welche Menschen meinen Sie?

Kuhn: Es melden sich bei Exit auch Betagte, die tatsächlich sozial vereinsamt sind oder an unterschiedlichen, nicht zwingend zum Tod führenden Gebrechen leiden. Dann auch all die Menschen mit psychischen und chronischen Erkrankungen. Sie alle kommen in der Philosophie der Palliative Care nicht vor – weshalb sie sich auch nicht dort melden. Sie melden sich aber auch nicht bei der Seelsorge oder dem Hausarzt. Diese Menschen fallen durch alle Helfernetze.

Mösli: Und genau da stellt sich doch die Frage, was wir als Gesellschaft tun. Es kann doch nicht sein, dass sich jemand wegen Vereinsamung in Begleitung suizidiert!

Kuhn: Einsamkeit alleine ist auch bei Exit nie eine Indikation für eine Freitodbegleitung. Wir benötigen zwingend ein Arztzeugnis, das auch körperliche Beschwerden ausweist.

Mösli: Es geht mir in diesem Fall auch nicht um das Arztzeugnis. Vielmehr: Einsame Menschen, die nur noch wenige Bindungen erleben, wollen oft nicht sterben, sie können einfach so nicht mehr weiterleben. Ich fuhr in Irland an einem Bergwerk vorbei, in dem früher einmal Arbeiter verschüttet wurden. Noch heute erinnert eine Tafel an das Unglück von damals: «Don’t stop digging, I’m still not dead.» Hört nicht auf zu graben, ich bin noch nicht tot. Am Ende wurden noch zahlreiche Bergwerkarbeiter gefunden. Ich sehe das als Kapitulation, wenn wir verzweifelten Menschen den assistierten Suizid anbieten.

Kuhn: Aber diese Menschen kommen nun mal zu uns. Sie sind da und sehr real. Exit nimmt sie mit ihrem Anliegen ernst. Nur weil es problematisch ist, dass wir als Gesellschaft nicht allen alten und einsamen Menschen helfen können, dürfen wir ihnen nicht vorschreiben, dass sie ihr Leben unter diesen Umständen weiterleben müssen. Auch ein Seelsorger kann einen Menschen nicht aus seiner sozialen Vereinsamung retten.

Mösli: Das habe ich auch nicht behauptet. Ich bin kein Retter. Mich treiben vielmehr die Fragen um, wohin unsere Gesellschaft in den Fragen rund ums Sterben geht und wie sich die Palliative Care verändern muss, damit es Organisationen wie Exit nicht mehr geben muss.

Weshalb war der Suizid so lange Zeit ein Tabu in der Kirche, Herr Mösli?

Mösli: Bis heute gilt in den Kirchen, dass das Leben nicht dem Menschen gehört, sondern Gott. Gott hat es geschenkt – und deshalb kann der Mensch darüber nicht verfügen. Das Leben ist grösser als der einzelne Mensch, der ja ein Teil dieses Lebens ist. Doch das Problem war, dass die Kirchen dieses Argument auch gegen die Menschen gewendet haben. Gegen die Menschen, die in ihrer Verzweiflung nicht mehr leben konnten, die es nicht mehr geschafft haben, das Leben als Geschenk zu spüren, sondern nur noch als unerträgliche Last. Die Kirchen haben jahrhundertelang Menschen, die sich suizidierten, massiv verurteilt – und mit ihnen ihre Angehörigen. Dies prägt viele Menschen bis heute. Aber glücklicherweise haben sich die Positionen vieler Christen weiterentwickelt.

Wohin?

Mösli: Das Bild vom Leben als Geschenk ist zwiespältig. Man könnte ja auch sagen: Wer ein Geschenk erhält, kann damit machen, was er will. Der reformierte Theologe Karl Barth sagte einmal: «Dass du leben kannst und dass du das Leben geschenkt erhältst, kann im Umkehrschluss nicht bedeuten, dass du leben musst.»

Für die Kirche eine sehr revolutionäre Aussage, selbst in der heutigen Zeit.

Mösli: Absolut. Und ich würde sogar noch weiter gehen und sagen, dass der Mensch nicht das Geschenk des Lebens erhalten hat, sondern dass er selbst ein Geschenk ist. Der Mensch hat nicht das Leben, sondern er ist Teil des Lebens, Teil eines geheimnisvollen, grossen Prozesses. Er entscheidet und tut nicht nur, sondern er empfängt noch viel mehr. Selbstbestimmung ist nicht dasselbe wie Autarkie, sondern eingebettet in tausend Prozesse, in die ich verwoben bin. Viele wollen sterben, wie es Woody Allen einmal präzise formuliert hat: «Ich habe keine Angst vor dem Sterben. Ich möchte bloss nicht dabei sein, wenn es passiert.» Auch mit viel Sympathie für den Regie-Altmeister: So einfach macht es uns das Sterben nicht.

Waren Sie als Seelsorger jemals bei einem assistierten Suizid dabei?

Mösli: Nein. Ich wurde nie gefragt.

Würden Sie eine Person, die sich für diesen Weg entscheidet, bis ans Ende begleiten?

Mösli: Grundsätzlich käme das in Frage. Entscheidend ist die konkrete Situation. Wenn ich als Seelsorger diesen Menschen auf seinem ganzen Weg begleitet hätte und er auch sonst keine Bezugspersonen hätte, dann ja: Ich würde mit ihm den Weg bis ans Ende gehen und bei ihm bleiben.

Sie ringen sichtlich um eine Antwort. Quält Sie diese Vorstellung?

Mösli: Quälen ist das falsche Wort. Es sind einfach sehr anspruchsvolle Situationen. Und man kann beim Dabeisein, selbst bei guter Vorbereitung, unverhofft Teil von etwas werden, das man nicht gesucht hat.

Wie meinen Sie das?

Mösli: Ich weiss von einer Frau, deren Mann den assistierten Suizid wählte. Der Mann wünschte sich, dass seine Frau ihn während der Einnahme des Mittels bis zum Todeseintritt im Arm hält. Sie tat es für ihn. Später aber ist sie dieses Bild nie mehr losgeworden und litt darunter. Die Frau wurde zur «Gefangenen» seines Suizids, wie es ein Pfarrer einmal bei einer Abdankung ausdrückte. Ich will mit diesem Beispiel keine Polemik betreiben. Vielmehr möchte ich aufzeigen, wie anspruchsvoll solche Situationen sind und was für Auswirkungen sich für Hinterbliebene ergeben können. Nur leider wird in der aktuellen Debatte über solche Dinge wenig gesprochen.

Kuhn: Meine Erfahrung ist eine andere. 95 Prozent aller Sterbewilligen, die von Exit begleitet werden, sterben bei sich zuhause in vertrauter Umgebung. Es ist unsere Pflicht, auch ihre Angehörigen auf den assistierten Suizid vorzubereiten. Schliesslich müssen sie danach mit dem Ereignis weiterleben können. Was ich bei meiner Arbeit erlebe, ist, dass Angehörige in erster Linie um den Verlust ihrer Liebsten trauern – nicht aber wegen der Art, wie diese gestorben sind. Auch bin ich der Meinung, dass die Medien sehr wohl über die Formen des Sterbens berichten. Es gibt ja auch immer mehr Betroffene. Allerdings tendiert die Berichterstattung über Sterbehilfe sehr ins Polemische und Unsorgfältige.

Ginge es nach Ihnen, Herr Mösli, wie müsste Exit sich verändern?

Mösli: Die Organisation selbst sollte sich anpassen. Exit könnte sagen: Wir kehren zu dem zurück, wie alles angefangen hat: nämlich nur sterbenskranke, schwer leidende Menschen in ihrer letzten Phase zu begleiten.

Kuhn: Und bei allen anderen sagen wir: Tut uns leid, machen wir nicht?

Mösli: Ja.

Kuhn: Das ist unvorstellbar für uns. Gerade Sterbenskranke haben heute mit der Palliative Care gute Möglichkeiten, möglichst schmerzfrei und gut betreut zu sterben. Herausfallen würden somit all die chronisch und psychisch kranken Menschen. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass es für gewisse Kreise diese Menschen und ihre Schmerzen nicht geben darf. Aber ich weiss von meiner Arbeit: Ihr Leidensdruck ist enorm. Und ich gehe davon aus, dass künftig noch mehr Personen, die nicht sterbenskrank sind, Sterbehilfeorganisationen wie Exit in Anspruch nehmen werden.

Herr Mösli, Sie wollen solche Menschen tatsächlich einfach sich selbst überlassen?

Mösli: Nein, natürlich nicht. Ich finde allerdings, dass gerade der assistierte Suizid ein Weg sein kann, jemanden mit seinem Leid alleinzulassen. Wir wollen und können nicht aushalten, dass es in der jetzigen Situation keine Lösung gibt.

Nochmals die Frage: Was hat die Seelsorge solchen Menschen zu bieten?

Mösli: Wir sollten bei ihnen bleiben, auch wenn wir im Moment vielleicht nichts anderes zu bieten haben als diese Präsenz. Ich begleite oft Menschen, die Suizidgedanken hegen. Zwei Dinge sind aus meiner Sicht zentral: dabeibleiben und den riesigen Schmerz anerkennen. Und dazu an der Überzeugung festhalten, dass es einen anderen Weg geben kann. Sonst können wir die Suizidprävention bleiben lassen.

Kuhn: Nein, das finde ich nicht. Man kann auch der Überzeugung sein, dass es einen Weg gibt – und dabei trotzdem die Möglichkeit eines assistierten Suizids offenhalten.

Frau Kuhn, der kontrollierte Tod als unaufgeregter Akt weckt selbst in progressiven Kreisen Unbehagen. Woher stammt dieses Gefühl?

Kuhn: Das hängt wohl mit der Geschichte zusammen. Angefangen hat Exit in einem Graubereich in den 80er Jahren. Heimlich haben ein Pfarrer und ein Arzt Menschen begleitet, die mit einem Medikament aus dem Leben scheiden wollten. Diese Pioniergeneration hat sehr stark gekämpft. Unter anderem auch gegen die medizinisch-technischen Fortschritte, die immer mehr dafür sorgten, dass sterbende Menschen endlos lange am Leben gehalten wurden.

Exit hat massgeblich dafür gesorgt, dass die Menschen heute eine andere Haltung gegenüber den medizinischen Möglichkeiten am Ende des Lebens haben.

Kuhn: Ja, und heute ist man auf dem Weg zu einer grossen, professionellen Organisation. Dabei müssen wir sehr, sehr sorgfältig arbeiten und dürfen keine Fehler machen. In der Öffentlickeit existieren da und dort auch falsche Bilder von dem, was wir tun.

Mösli: Entschuldigung, aber mir läuft es kalt den Rücken hinunter, wenn Sie sagen, dass Exit keinen Fehler machen darf. Solche Sterbebegleitungen und die damit verbundenen Prozesse können doch nicht von Einzelpersonen einer Organisation wie Exit abhängen, die sich wiederum selbst überwacht. Die Frage vom assistierten Suizid darf nicht einzig bei Organisationen wie Exit oder Dignitas liegen.

Kuhn: Das ist nicht korrekt. Exit wird von aussen streng überwacht – sowohl durch Angehörige, involvierte Ärzte als auch in jedem einzelnen Fall durch die Justiz, die nach einer Begleitung sowohl die verstorbene Person als auch deren medizinische Krankenakte untersucht.

Herr Mösli, egal wie man zu Exit steht: Die Leute suchen die Organisation auf und vertrauen ihr offenbar.

Mösli: Das stimmt. Gerade deshalb wäre eine gesellschaftliche Diskussion so wichtig. Nehmen wir als Beispiel Demenz: Gemäss Prognosen werden in Zukunft vierzig bis fünfzig Prozent aller alten Menschen an dieser Krankheit leiden. Es wird also sehr wichtig sein, wie wir als Gesellschaft über Demenz denken und welche Vorstellung wir von ihr entwickeln, ob das ein Leben ist, das sich noch lohnt – oder nicht. Wir sind da erst am Anfang. Aber was heisst es, wenn sich in einer Gesellschaft die Position verbreitet: Demenz: Da verstehen wir, dass man nicht mehr weiterleben will! Für diesen Fall gibt es Sterbehilfeorganisationen.

Frau Kuhn, verändert die abgeklärte Art und Weise, wie heute die Gesellschaft über das Sterben spricht, unseren Umgang mit dem Tod?

Kuhn: Im besten Fall trägt dies zu einer Enttabuisierung des Themas und zu einer guten Debatte bei. Dass eine hochindividualisierte Gesellschaft das Leben einer demenzkranken Person stigmatisiert und ein solches Leben für sich selber ausschliessen möchte, erklärt sich von selbst. Die Vorstellung, völlig abhängig zu sein von Dritten und die gesellschaftlichen Regeln nicht mehr zu begreifen, behagt wohl niemandem von uns.

Wie sehr trägt das Angebot von Exit zu dieser Entwicklung bei?

Kuhn: Viele sehen Exit als Ursache dieser Diskussion. Das stimmt aber nicht. Der heutige Umgang mit all den Fragen rund um das Sterben ist ein gesellschaftliches Phänomen. Dieses wiederum gründet im Zeitgeist totaler Selbstbestimmung.

Mösli: Aber Exit hat einen grossen Einfluss, wie unsere Gesellschaft über diese Themen spricht. Und die Vorstellung, dass in der gesellschaftlichen Debatte der assistierte Suizid wie eine Dienstleistung am Lebensende zur Verfügung steht, bereitet mir als Seelsorger und Bürger dieses Landes Sorgen.

«Ich möchte auch über andere Facetten des Sterbens sprechen. Über die Herausforderung, Selbständigkeit abzugeben und sich helfen zu lassen.» Pascal Mösli

Es hat nämlich auch zur Folge, dass wir Phänomene der Bedürftigkeit, des Alterns und des Sterbens stigmatisieren. Als Gesellschaft müssen wir darüber sprechen, dass wir im Leben auch auf andere angewiesen sind und nicht immer alles selber kontrollieren können.

Kuhn: Ich bin einverstanden, dass wir alles dafür tun sollten, dass Kranke und Alte ihr Leben für lebenswürdig erachten können. Aber es gibt nun einmal Menschen, auch nicht todkranke, die nicht länger Hilfe annehmen möchten – und die nicht nur aus einer Not heraus ihr Leben beenden wollen, sondern mit einer grossen inneren Bereitschaft. Ist das nicht auch eine Frage des Respekts, sie und ihren Wunsch ernst zu nehmen?

Frau Kuhn, wie steht Exit eigentlich der Kirche gegenüber?

Kuhn: Von unserer Seite gibt es keine Feindschaft. Diese Art zu denken entspricht mir und meinen Kollegen auch nicht. Wohl eher deklarieren gewisse fromme Kirchenkreise uns als Gegner. Die Arbeit von Exit ist heute in der Bevölkerung etabliert und anerkannt, ganz im Gegensatz zu früher. Dafür muss sich heute die Kirche eher rechtfertigen für ihr langes Tabuisieren gewisser Realitäten am Ende des Lebens.

Herr Mösli, ärgern sich Kirchenvertreter über Sterbehilfeorganisationen wie Exit oder Dignitas?

Mösli: Ich kann nur für mich sprechen. Ja, ich ärgere mich manchmal. Weil die Sterbehilfeorganisationen zu stark die gesellschaftliche Diskussion in der Schweiz über das Sterben dominieren. Ich würde mir wünschen, dass wir auch über andere Facetten des Sterbens sprechen. Über die Herausforderung, Selbständigkeit abzugeben und sich helfen zu lassen. Ebenso über das Geheimnis des Sterbeprozesses, der uns entzogen ist und zugleich das Menschsein ausmacht. Wir sollten auch andere Möglichkeiten, in aussichtslosen Situationen den Todeszeitpunkt mitzubestimmen, ins Zentrum rücken.

Welche denn?

Mösli: Beispielsweise das Sterbefasten, also der Verzicht auf Flüssigkeit und Nahrung.

Wie lautet eigentlich die offizielle Haltung der reformierten Kirche zum assistierten Suizid?

Mösli: Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund als Dachorganisation der reformierten Kirchen in der Schweiz hat in einem Papier zum Ausdruck gebracht, dass die Kirche den Leuten keine Einheitsmoral aufzwingt. Will heissen: Den Gewissensentscheid jedes Menschen gilt es zu respektieren. Zugleich sollen Menschen so unterstützt werden, dass sie diesen Entscheid in einem Netz von Verantwortung fällen können – sich selber gegenüber, anderen Menschen gegenüber und Gott gegenüber.

Und was heisst das konkret?

Mösli: Es zählt der Weg, den jeder persönlich geht. Der reformierte Blick auf das Thema ist ein sehr differenzierter und umfassender, wie ich finde. Deshalb ärgert es mich manchmal, dass wir bei dieser Frage einfach in den Topf mit anderen Kirchen geworfen werden.

Mit welchen?

Mösli: Mit all jenen, die sagen, dass der assistierte Suizid unter gar keinen Umständen toleriert werden kann.

Menschen im Sterben zu begleiten ist seit je eine Aufgabe der Kirche. Könnte sich das ändern, Frau Kuhn?

Kuhn: Das weiss ich nicht. Was ich aber merke: Etliche Ratsuchende, die zu Exit kommen, haben sich von der Kirche abgewendet. Die Kirche ist für sie kein Ort, wo sie Antworten erhalten. Aus welchen Gründen auch immer.

Mösli: Die Kirche leistet bereits sehr viel und wird dies auch in Zukunft tun, davon bin ich überzeugt. Wo ich noch Potenzial sehe: Die Kirchgemeinden als Netzwerke verfügen über immens viele Kontakte zu Menschen in Not. Sei dies beim Besuchsdienst, im Rahmen von Trauergruppen, bei der Begleitung von Angehörigen und Sterbenden. Eine Zusammenarbeit von Kirchen mit den palliativen Netzwerken könnte da eine neue Kraft entwickeln. In erster Linie sollten dabei Bürgerinnen und Bürger einbezogen werden, und nicht einzig Profis. Aber am wichtigsten bleibt, dass die Kirche zu den Menschen geht, die ihre Unterstützung wünschen: zu den Sterbenden, den Angehörigen und auch den Helfenden.

Kuhn: Das sehe ich auch so. Wenn ich sehe, wie viele Menschen alleine ihre Fragen und Ängste in Bezug auf das Sterben wälzen, kann es eigentlich nicht zu viel aufsuchende Arbeit und Hausbesuche geben. Die Kirche leistet hier unbestritten sehr wichtige Arbeit.

Frau Kuhn, glauben Sie, dass der Mensch einzig sich selbst gehört?

Kuhn: Sagen wir es mal so: Ich bin überzeugt, dass jemand sein Leben beenden darf – und dass das richtig ist. Aber auch mit dieser Ansicht weiss ich, dass kein Mensch nur mit sich selber ist. Jeder hat ein Umfeld, und dort sind auch Beziehungen zu finden. Beziehungen müssen aber nicht zwingend eine Bindung ans Leben bedeuten. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Letztlich gehört der Mensch sich selbst, ja.

Herr Mösli, darf jemand sein Leben beenden?

Mösli: Was ein Mensch darf, kann nur er selbst im Gegenüber seiner Nächsten und dem grossen Ganzen, Gott, entscheiden. Exit sagt, dass der assistierte Suizid eine Option ist. Ich sage: Nein, er ist keine Option.

Sondern?

Mösli: Der allergrösste Notfall.

Aber ein Mensch darf sich töten.

Mösli: Ja. Weil ich weiss, dass es Situationen gibt, in denen es Menschen einfach nicht mehr schaffen weiterzuleben. Das an[1]erkenne ich.

Frau Kuhn, Herr Mösli, wie möchten Sie idealerweise sterben?

Mösli: Am liebsten draussen in der Natur, unter Bäumen, an einem Fluss. Mit Leuten um mich herum, die schauen, dass es mir so gut wie möglich geht und ich nicht in Panik gerate. Ich möchte möglichst wach sein. Ich weiss nicht, woher dieser Wunsch kommt: Aber die Vorstellung, im Freien zu sterben, gibt mir Kraft.

Kuhn: Ich ahnte, dass diese Frage noch kommen wird. Also: nicht mit Exit. Auch wenn ich es natürlich gut finde, dass es die Organisation gibt. Wichtig wäre mir, dass mir Zeit bleibt, um mich von meinen lieben Menschen zu verabschieden. Könnte ich wählen, dann möchte ich darauf vertrauen, dass ich mein Sterben nicht kontrollieren muss. Ich möchte mit mir im reinen sein und sagen: Alles ist gut. Ich kann jetzt gehen. Von diesem Punkt bin ich aber noch ziemlich weit entfernt.

Oliver Demont ist Redaktionsleiter bei bref.
Die Pfarrerin Andrea Aebi ist Projektleiterin Radio/TV bei den Reformierten Medien.
Der Fotograf Roshan Adhihetty lebt in Zürich

Der Theologe Pascal Mösli (50) ist Beauftragter für die Spezialseelsorge und Palliative Care bei den Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn. Davor war er sieben Jahre lang Co-Leiter der Seelsorge am Inselspital in Bern. Mösli gilt als ausgewiesener Kenner in Fragen rund um Sterbebegleitung und Suizidprävention. Mit seinem Wissen berät er auch Organisationen und Einzelpersonen. Er lebt in Bern. dem

Die Beraterin Melanie Kuhn (41) arbeitet in Bern für die Sterbehilfeorganisation Exit im Bereich Patientenverfügung und Freitodbegleitung. Kuhn studierte Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste in Berlin und absolvierte den CAS in psycho-sozialer Beratung an der Berner Fachhochschule für Soziale Arbeit. Sie lebt in Bern. dem