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Dienstag, 14. August 2018

Am Mittag des 20. Februar 2016 sah Ivamere Naikomo die erste Welle kommen. Sie stand vor ihrem Haus, nur ein paar Meter vom Ufer entfernt. Sie blickte auf den Ozean. Fünf Meter hoch baute sich die Welle auf – höher als jede der 62 Holz- und Wellblechhütten von Nukubalavu, einem Dorf im Süden der zweitgrössten FidschiInsel Vanua Levu. Kinder rannten umher. «Warum kommen die Wellen zu uns?» schrien sie. «Scht!» zischte Naikomo. «Seid still! Wir wissen das nicht!»

Zu fünft eilten sie ins Haus, schlossen die Tür und beteten. Naikomo, 55 Jahre alt, graugelbe Locken, wollte standhaft bleiben in ihrem Glauben. Sie wollte ihr Haus nicht verlassen, obwohl das Meer – oder Gott – baumhohe Wellen schickte und gegen ihr Haus schleuderte. Sie blieb auf ihrem Plastikstuhl sitzen, als ihr Haus von der Wucht erzitterte und das Meerwasser ihre Beine umspülte. Sie fühlte sich sicher, denn Mutter Maria und Jesus waren bei ihr. Sie sah sie direkt vor sich. Gott kam, um ihr Dorf für seine Sünden mit dem Wirbelsturm «Winston» zur Rechenschaft zu ziehen, dem stärksten je gemessenen tropischen Wirbelsturm in der südlichen Hemisphäre, wie es später hiess. Das glaubt Naikomo bis heute.

Allein ist sie damit nicht. Viele Bewohner der Südseeinseln können die Auflösung der Trocken- und Regenzeiten, die Megazyklone oder die ungewöhnlich langen Dürren nicht mehr mit dem in Einklang bringen, woran sie sich im Laufe ihres Lebens gewöhnt haben. Und doch kennen sie all das – die Fluten, die Dürren, die Stürme –, und zwar aus den Geschichten der Bibel, die der Pastor jeden Sonntag vorträgt. In vielen Dörfern hält sich bis heute der Glaube, dass der Klimawandel eine Strafe Gottes sei.

Etwa eine Million Menschen leben auf den Fidschi-Inseln. Seit 1993 steigt der Meeresspiegel hier um sechs Millimeter pro Jahr — mehr als im globalen Durchschnitt. Laut der Uno wird es seit 1942 auf den Inseln zudem immer wärmer. Die veränderte Wetterlage trägt zur Verbreitung von Infektionskrankheiten bei — so brach 2013 das Denguefieber auf Fidschi aus. 2016 starben beim Zyklon «Winston» 44 Menschen. Der Sachschaden lag bei 1,4 Milliarden Euro — mehr als ein Drittel von Fidschis Bruttoinlandsprodukt. Die Stärke tropischer Zyklone wird laut Prognosen noch weiter zunehmen. Erzbischof Peter Loy Chong aus Fidschi greift zu deutlichen Worten: «Der Klimawandel bedeutet für uns nicht in erster Linie, dass wir wirtschaftliche Chancen verpassen. Es geht um unsere Nahrungsgrundlagen, unsere Zukunft. Es geht um Leben und Tod!» sagte er im August laut Mitteilung des internationalen katholischen Hilfswerks Kirche in Not. ms

Eine, die das ändern will, ist Frances Namoumou. Die 34jährige Mitarbeiterin des pazifischen Kirchenrats hat es seit 2004 zu ihrer Mission gemacht, ihre Landsleute in Fidschi und die Bewohner aller Südpazifikinseln zu befreien von diesem Glauben, der für sie ein Irrglauben ist. Sie sitzt in ihrem Büro in der Hauptstadt Suva. Im Vergleich zu den Dörfern ist es eine andere Welt. Während auf dem Land Asphaltstrassen fehlen, oft auch Sanitäranlagen und Strom, ist Suva eine moderne Stadt, in der mehr Hybridautos fahren als in einer vergleichbar grossen Stadt in Deutschland.

Die Landbevölkerung von Fidschi zeigt vor allem auf Suva, wenn sie über den Klimawandel als Strafe Gottes für weltliche Verfehlungen redet. Und meint damit die Schattenseiten der Moderne – Prostitution, Kriminalität, Alkohol, Drogen und die Regentschaft des Geldes.

Im übertragenen Sinne mag auch Namoumou ihnen recht geben: Der Mensch hat die Natur ausgebeutet und über seine Verhältnisse gelebt, ohne Rücksicht auf die Schöpfung Gottes zu nehmen. Nun wird er dafür bestraft. Das Problem sei aber, dass mit den Inselbewohnern gerade diejenigen, die den kleinsten Beitrag zum Klimawandel geleistet haben, dafür aber am meisten von den Folgen betroffen sind, die Schuld bei sich selbst suchen – anstatt bei den eigentlich Verantwortlichen, den Industriestaaten.

Und wer akzeptiert, dass der Klimawandel Gottes Strafe ist, nimmt ihn möglicherweise eher hin, statt sich gegen ihn zu wappnen. Für die Provinzoffiziellen erleichtert das nicht gerade die Aufgabe, wenn sie in den nächsten fünf bis zehn Jahren dafür sorgen müssen, knapp fünfzig Dörfer von der Küste in die Berge umzusiedeln, weil die Küste erodiert und Meerwasser in den Boden eindringt, das Trinkwasser versalzt und das Getreide eingeht. Gerade die Älteren bestehen oft darauf, zu bleiben. Sie wollen den Ort nicht verlassen, an dem ihre Eltern und Grosseltern begraben liegen. Gott gab ihnen doch diesen Ort zum Leben, der Boden gilt ihnen als heilig.

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Namoumous Ziel ist es, widerstandsfähige Gemeinden aufzubauen. Allerdings hat sie einen schweren Stand, ihre Landsleute zu überzeugen. Zwar haben die meisten Bewohner selbst entlegener Dörfer aus dem Radio vom Klimawandel gehört. Aber das Sagen im Dorf haben die Älteren und unter ihnen oft jene, die strenggläubig sind und Naturkatastrophen als Strafe Gottes betrachten. «Diejenigen, die sehr stark in ihrem Glauben sind, sind meistens auch diejenigen, die stimmmächtig in den Gemeinden sind», sagt Namoumou. «Wenn sie sprechen, hören die anderen zu, und es wird zur Wahrheit.»

bref+

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