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Autor: Fabian Kramer
Bilder: Fabian Kramer
Freitag, 02. September 2016

Wer eine Krise hat, geht pilgern. Ich wollte pilgern und bekam zuerst mal eine Krise. Alles begann mit einer alten Sehnsucht. Ich wollte auf den Athos, weil ich ein Nostalgiker der Kirchengeschichte bin. Der Heilige Berg der Mönche in Griechenland war ein halbes Jahrtausend lang das religiöse Zentrum des Byzantinischen Reichs gewesen. Für mich bedeutete Byzanz so etwas wie das Goldene Zeitalter des Christentums, das Kunstschätze voller Schönheit hervorgebracht hatte.

Der Berg ruft, sagen die Alpinisten. Mich hat der Berg Athos gerufen. Doch als ich anfing zurückzurufen, erhielt ich kein Echo. Ich wählte die Nummer des Pilgerbüros in Thessaloniki, das über die Einreise zum Heiligen Berg wacht. Der Zutritt ist streng geregelt, nur zehn Nichtorthodoxe pro Tag erhalten ein Visum. Als ich zu den Büroöffnungszeiten anrief, erklärte mir der Telefonbeantworter, ich würde es ausserhalb der Büroöffnungszeiten versuchen. Ich schrieb Mails und bekam keine Antwort. Wenn ich jemanden erreichte, waren die Termine, zu denen ich reisen wollte, schon vergeben.

Auch meine sonstigen Kontakte halfen mir nicht weiter. Ein griechischer Priestermönch, den ich aus gemeinsamen Studientagen kenne, meldete sich irgendwann nicht mehr auf meine vielen Anfragen. Ein Professor für orthodoxe Theologie war noch sauer wegen eines Artikels, den ich über seine Universität geschrieben hatte. Und dass ich über meine Reise berichten wollte, machte die Sache auch nicht einfacher. Ein bekannter Journalist, der über dreissig Mal auf dem Berg gewesen war, liess mich wissen: «Grundsätzlich legen die Mönche keinerlei Wert auf mediale Berichterstattung.» Ich wurde vor der Garstigkeit orthodoxer Eiferer gegenüber Nicht-Rechtgläubigen gewarnt.

Als es mit dem Visum schliesslich doch noch klappte, fühlte sich das Ganze schon nicht mehr als eine Traumreise, sondern nur noch wie ein Pflichtbesuch an. Die byzantinischen Zustände hatten mich mürbe gemacht. Aber dann stiess ich bei der Suche nach einer Unterkunft auf einen Mann in der Athos-Verwaltung, dessen Name bis heute das Einzige ist, was ich von ihm weiss. Er schien alles möglich machen zu können. Er besorgte mir einen Klosterplatz und sorgte dafür, dass mein Visum von den üblichen vier auf zehn Tage verlängert wurde. Der geheimnisvolle Helfer liess für mich sogar das Verwaltungsgebäude aufsperren, in dem wenige Wochen zuvor der russische Präsident Wladimir Putin empfangen worden war. Wenn ich ihm wortreich dankte, sagte er nur: «Nothing.»

Schliesslich brach ich auf, mit meinem säuberlich vorbereiteten Reiseplan im Gepäck. Damals wusste ich noch nicht, dass mir solche kleinen Wunder auf dem Heiligen Berg noch öfter passieren sollten.

Das Herz der Orthodoxie

Der Athos ist für Fremde nur über das Meer zu erreichen. Zwei Stunden dauert die Schifffahrt vom Hafen in Ouranoupoli, aus der eine Zeitreise von mehreren Hundert Jahren wird. Wie Burgen treten die Klöster eines nach dem anderen hinter den Klippen hervor. Sie thronen auf Felsvorsprüngen, schmiegen sich in Buchten, sind geschützt von meterdicken Mauern und überragt von Wehrtürmen. Ihre Bauweise erinnert an die Gefahren, denen sie im Lauf der Geschichte ausgesetzt waren. Der Athos hatte viele falsche Freunde und richtige Feinde über die Jahrhunderte. Von Seeräubern und Kriegsherren wurde er geplündert, von Kreuzrittern und Osmanen ausgepresst, von Griechenland einverleibt und schliesslich von der Europäischen Union geduldet.

Die Mönche vom Athos lassen sich selten fotografieren. Lässt es einer dennoch zu, dann nur mit missbilligendem Blick.

Mythen ranken sich um die Halbinsel, die knapp fünfzig Kilometer in die blauen Wellen der Ägäis hinausragt und in dem Berg gipfelt, der dem ganzen Gebiet den Namen gibt. Sicher ist, dass das klösterliche Leben seinen Ursprung in der Blütezeit des Byzantinischen Reichs hat. Die Kaiser aus Konstantinopel hielten stets ihre schützende Hand darüber und gewährten den Mönchen die Selbstverwaltung. Diese Sonderrolle blieb mit Unterbrüchen bis heute erhalten, was zweifellos das erstaunlichste Wunder in der Geschichte des Heiligen Berges ist. Seit 1926 hat er den Status einer autonomen Mönchsrepublik unter griechischer Souveränität.

Gierige Möwen verfolgen unser Schiff, das langsam Kloster um Kloster abfährt. Auf dem Oberdeck findet sich ein hochgestimmter Herrenclub zusammen: schwarzgekleidete Mönche, braungebrannte Griechen und bleichgesichtige Russen. Ein türkischer Professor hält sein Kameraobjektiv über die Reling wie eine Schiffskanone. Frauen sucht man vergebens. Ihnen ist der Zutritt zum Berg verboten, ebenso weiblichen Tieren aller Art, von Scharen magerer Katzen abgesehen. Und trotzdem wacht eine über allem: «Keiner ist hier, dem es nicht die Heilige Jungfrau erlaubt hat», wird mir später einer der Brüder zuraunen.

Am winzigen Hafen von Dafni, in dem die Fähre schliesslich anlegt, flattert die gelbe Fahne mit dem Doppeladler von Byzanz, direkt neben den griechischen Farben Blau und Weiss. Es gilt der alte julianische Kalender, und oft zeigen die Uhren neben der griechischen noch die byzantinische Zeit, die mit Sonnenuntergang beginnt. Hier schlägt seit tausend Jahren das Herz der christlichen Orthodoxie.

Protestanten auf die Hinterbänke

Oben. Unten. Rechts. Links. Beim Gottesdienst am nächsten Morgen muss ich mich konzentrieren, mich auf orthodoxe Weise richtig zu bekreuzigen, um nicht noch mehr aufzufallen, als ich dies ohnehin schon tue. Ich stehe in der Kirche des heiligen Andreas, einem gewaltigen Bau des russischen Zaren aus dem 19. Jahrhundert im Zentrum der Halbinsel. Um kurz vor vier Uhr wurde draussen die hölzerne Stundentrommel zum Frühgebet geschlagen. Als ich um acht Uhr eintrete, dauert die Göttliche Liturgie noch eine halbe Stunde. Eine Pause zwischendurch gibt es nicht.

In sich versunken, lehnen einige Mönche im Chorgestühl. Andere kommen und gehen, bedienen sich von einer geschmiedeten Kanne am Eingang mit Wasser. Die Pilger drängen sich dicht an dicht im Seitenschiff. Die Messe nähert sich ihrem Höhepunkt. Seit Stunden harren die Besucher aus, erheben und setzen sich, senken den Kopf, bekreuzigen sich. Mehr gibt es nicht zu tun.

Die Regeln der orthodoxen Liturgie sind streng, und hier in St. Andreas sind sie sogar noch etwas strenger. Der Gastpater geht durch die Reihen und platziert bei Bedarf die Leute um. Die Mönche gehören zuvorderst, die Nichtorthodoxen zuhinterst hin. Beim letzten Vespergebet trug ein Geistlicher östlicher Herkunft blaue Crocs-Sandalen zum Priestergewand und wurde prompt ermahnt: «Father … tomorrow … church … shoes!» Der Gast verstand nichts und hob lachend den Hut.

Stirn. Nabel. Schulter. Schulter. Wieder ein Kreuzzeichen. Ich trete von einem Fuss auf den anderen. Die endlosen Litaneien sind eine Zumutung, die Zurücksetzung als Protestant sowieso. Der Rücken tut weh, der Magen knurrt. Heute gibt es für mich kein Wunder.

Fasten, fasten, fasten

Die Keimzelle der Mönchsrepublik liegt weit im Osten, direkt an der marmornen Bergflanke. Hier errichtete Athanasios der Athonite im 10. Jahrhundert die Grosse Lavra, das älteste der zwanzig Klöster, denen weitere klosterähnliche Anlagen, Mönchsdörfer und Einsiedeleien zuhauf angeschlossen sind. Der Heilige hatte einige Mühe mit dem Bau, wie berichtet wird. Jeden Tag arbeitete er an der Kirche, und jede Nacht zerstörten Dämonen sein Werk. Irgendwann entschied er sich, die Kirche in einem Tag fertigzustellen. Und es gelang.

Diese Legende erzählt mir ein ukrainischer Kernphysiker, als ob er persönlich dabei gewesen wäre. Wir stehen vor der riesenhaften Zypresse im Klosterhof, die der Gründer noch selbst gepflanzt haben soll. Um uns blühen Blumen, summen Bienen. Die Sonne senkt sich über den Bergrücken, bis nur noch die Kirchturmspitzen im goldenen Licht strahlen. Wir finden uns gerade rechtzeitig zum Abendessen im Speisesaal ein. Ohne es zu ahnen, betreten wir ein lebendiges Bilderbuch, von dem wir nichts nach Hause nehmen dürfen ausser dem, was in der Erinnerung Platz hat. Fotografieren ist hier – wie an vielen Orten auf der Halbinsel – streng verboten. Die Mahlzeit gilt als Fortsetzung des Gottesdienstes, weshalb der Raum von innen aussieht wie eine Kirche. Gegessen wird schnell, aber nicht hastig, schweigend, aber nicht wortlos. Ein Mönch liest ein Stück geistliche Literatur vor.

Von den dunkel bemalten Mauern blicken die Heiligen streng auf uns herab. Darunter haben, an zerfurchten Marmortischen, die Mönche Platz genommen, deren Gesichter sich immer mehr denjenigen der Fresken angleichen – wobei das Strenge öfter hervortritt als das Heilige. Und schliesslich wir, das Dutzend Besucher, jeder mit einem Blechteller voller kalter Bohnen vor sich, eine Scheibe Brot in der Hand. Es ist Fasttag. Doch das will nichts heissen, hier wird ständig gefastet. Montag, Mittwoch, Freitag, dazu in den vier Fastenzeiten des Kirchenjahrs.

Seit dem Morgen habe ich nichts mehr zu mir genommen, und jetzt bleibt kaum eine Viertelstunde, um satt zu werden. Das leise Klappern des Blechgeschirrs bricht abrupt ab, als der Abt sich erhebt. Noch nie habe ich so gierig einen Teller kalte Bohnen verschlungen. Als ich zum Dessert ein paar Scheiben Wassermelone bekomme, bin ich sicher: Dies muss die Frucht des Paradieses sein.

In einem einzigen Tag wurde die Kirche der Grossen Lavra, des ältesten Klosters der Mönchsrepublik, laut Legende erbaut. Bedeutend länger brauchte wohl die Zypresse, um zu ihrer heutigen Grösse heranzuwachsen.

Der Gang durch die Wüste

Es gibt noch eine zweite Erklärung, weshalb die Errichtung des Klosters dem frommen Athanasios Probleme bereitete. Demnach waren es nicht die Dämonen, die keine Lust auf den Neubau hatten, sondern die Einsiedler, die damals bereits in der Gegend hausten. Der südöstliche Steilhang mit seinen Felsklüften ist von jeher das Revier der Eremiten, der Asketen. Vom Geist dieser Gegend zeugt schon der Name einer ihrer Siedlungen: Kavsokalyvia , was so viel bedeutet wie «brennende Hütten». Ihr Gründer übergab nach der Legende seine Wohnstätten regelmässig dem Feuer, wenn ihm ein anderer zu nahe kam. Danach zog er sich noch weiter in die Wildnis zurück.

Das ganze Gebiet wird «die Wüste» genannt, was im geistigen Sinn zu verstehen ist, denn überall spriesst die Natur. Hier sollen die wahrhaft Weisen wohnen, die man als Aussenstehender nicht suchen, sondern nur finden kann. An einem heissen Julimorgen breche ich auf, dieses weite Revier zu durchqueren. Steil führt die Wanderung hinauf zu einem Höhenpfad, um die ganze Flanke des Berges herum, durch trockenes Buschland mit verblühtem Ginster, durch lichte Wälder von Steineichen und Kastanien. Ich komme an verfallenen Kapellen und halb versiegten Brunnen vorbei. Stunden ohne menschliche Begegnung vergehen.

Ein typisches Merkmal orthodoxer Kirchen: Christus als Pantokrator, als Allherrscher, in der Kuppel.

Plötzlich knackt es hinter mir im Wald. Ich fahre herum und sehe zwischen den silbrigen Baumstämmen eine Gruppe Maultiere schnell näherkommen. Sie müssen aus der Tiefe hochgestiegen sein und tragen schwere Waren. Sofort trete ich zur Seite und zücke die Kamera. Ich denke an den Rat eines Mitpilgers, der in der Computerbranche in den USA reich geworden ist: «Bitte nicht um Erlaubnis. Bitte um Entschuldigung.» Doch der Mönch, der die Tiere begleitet, hat mich bereits entdeckt. «No photo! No photo!» ruft er. Ich lasse die Kamera sinken. Ich treffe keinen heiligen Asketen an, sondern einen eiligen Alten, der, ohne stehen zu bleiben, mit kurzem Gruss seinen Tross an mir vorbeitreibt.

Als ich ein paar Tage später einem Mönch von der mittelalterlichen Szene im Wald erzähle, nickt er nur: «Ich habe von Maultieren mehr gelernt als von Menschen. Je grösser die Last ist, die man ihnen auferlegt, desto stärker werden sie, desto entschlossener werden sie, ihr Ziel zu erreichen.» So habe ich doch noch eine Weisheit aus der Wüste gelernt, und eine aus dem Silicon Valley obendrein.

Das Beverly Hills des Athos

Es wird schon dunkel, als ich an diesem Abend die letzten Meter zur Siedlung der heiligen Anna hinunterstolpere, die auf der anderen Seite des Berges am Westhang liegt. Böse Zungen nennen das Dorf das «Beverly Hills des Athos». Hier wohnen wohlhabende Künstlermönche, die zu den wichtigsten Ikonenmalern Griechenlands zählen. Statt Luxushotels wie an anderen Küsten stehen hier Kirchen, und die Mönchshäuschen liegen in Villenlagen. Der Sonnenuntergang über der benachbarten Ferienhalbinsel Sithonia ist inklusive.

Ich habe die längste Wanderung meines Lebens hinter mich gebracht. Ein freundlicher Mönch empfängt mich im Gästehaus. Er ist jung, wie überraschend viele hier, Teil einer neuen Generation von Athos-Bewohnern, deren Zahl seit einer Krise im 20. Jahrhundert wieder wächst und inzwischen über 2000 beträgt. Sein Mitbruder tischt mir ein Mahl im Refektorium auf. Diesmal bleibt genügend Zeit, die Bilder zu studieren. Hinter dem Tisch des Abtes thront die heilige Anna, die Mutter Marias, die Unfruchtbare, die dennoch gebar. Sie hält ihre Tochter auf dem Schoss und diese ihren Sohn. Hier hat das Christkind nicht nur eine Mutter, sondern ebenso eine Grossmutter. Auch wenn es an der Einreise gehindert wird, ist das Weibliche dennoch gegenwärtig. Es entfaltet sogar, wie alles vermeintlich Abwesende, erst recht seine Macht. Maria ist die heimliche Herrin der Mönchsrepublik.

Nach dem Abendessen erteilt ein Malermönch auf einem Sitzplatz nebenan eine geistliche Belehrung. Für die orthodoxen Pilger sind solche Stunden der Hauptgrund ihrer Reise. Ich aber verstehe nur ein paar Fetzen Griechisch und begnüge mich mit dem Traubenschnaps und den gepuderten Geléewürfeln, die meist zu solchen Gelegenheiten gereicht werden. Die Gastfreundschaft üben die Athoniten als eine ihrer vornehmsten Pflichten aus. Von orthodoxer Garstigkeit ist hier nichts mehr zu spüren – zumindest solange ich mich nicht auf eine theologische Debatte einlasse.

Der Weg zum Glück

Trotzdem kommt der Tag, an dem auch ich mich belehren lassen muss. Es ist ein heiterer Samstagabend über der azurblauen Bucht des Klosters Gregoriou. Ich stehe mit Vater Parthenios zusammen, einem gebürtigen Kreter, der für Schweizer Sackmesser schwärmt, die auf seiner Heimatinsel sehr beliebt seien.

«Es kommt mir vor, als würde der Abt mich mit blossem Blick vom Boden heben, in die Luft halten, ein wenig zappeln lassen und an einem anderen Ort wieder abstellen.»

Ich versuche, meine Weiterreise zu planen, was an einem Ort ohne Strasse gar nicht so einfach ist. Doch mein Gegenüber lässt alle Bemühungen an sich abprallen, in einer Mischung aus griechischer Gelassenheit und christlichem Gottvertrauen. «Vater, fahren morgen zwei Schiffe Richtung Dafni oder eines?» «Es ist so, wie es auf dem Fahrplan beim Gästehaus steht.»

«Dort steht ein Schiff.»

«Dann fährt eines.»

«Aber für heute stand auch ein Schiff. Und es kamen zwei.»

«Dann weiss ich es nicht. Aber mach dir keine Sorgen.»

Das ist die Antwort, die ich am häufigsten höre. Ich beginne mich zu ärgern. Doch jetzt folgt das, was Parthenios mir eigentlich sagen will: «Weisst du, ich kann dir den besten Rat geben. Aber es ist wie bei einer Diskette. Wenn sie vollgeschrieben ist, kannst du kein neues Programm speichern. Du musst erst die Diskette leeren.» Gerne würde ich diesen Gedanken mit einer humorvollen Bemerkung wegwischen, aber dafür passt er zu gut. Ich habe soeben eine kleine Kostprobe athonitischer Weisheit erhalten, ein spirituelles Häppchen gewissermassen, das mir im Hals stecken bleibt.

Richtung Dafni schaffe ich es am nächsten Tag dennoch nicht. Obwohl ich pünktlich an der Anlegestelle warte, tuckert das Schiff an mir vorbei. Niemand hat mir gesagt, dass ich einen Platz reservieren muss. Sämtliches Fuchteln und Fluchen hilft nichts. Ein Fischer nebenan am Wasser meint achselzuckend: «Du hast das Schiff verpasst, weil Gott will, dass du hier bleibst.» Wie sich herausstellt, arbeitet der Mann auf einer Baustelle des Klosters Simonos Petras, das eine halbe Wegstunde entfernt an der Küste steht und das schönstgelegene von allen ist. Es wächst wie ein tibetisches Bergkloster siebenstöckig aus einem Felsen, fast dreihundert Meter über dem Meer. Dorthin wollte ich immer, doch nach drei Absagen per Mail und Telefon gab ich auf. Jetzt hefte ich mich auf gut Glück an die Fersen des Fischers, nachdem er seinen Fang ausgenommen hat.

Als wir schwitzend, keuchend und durch Maultierkot stapfend beim Kloster ankommen, blickt mich der Gastpater kurz an und sagt: «Wenn du jetzt schon diesen ganzen Weg hinter dich gebracht hast, kannst du bei uns bleiben.» Langsam bin ich dem geheimnisvollen Gesetz auf der Spur, das hier zu herrschen scheint: Alles steht geschrieben – aber alles kann jederzeit wieder geändert werden. Weil der Moment es erfordert, weil Maria es wünscht oder weil es ganz einfach wieder einmal Zeit für ein Wunder ist.

Ein Wunder zum Schluss

In der vorletzten Nacht meines Aufenthalts endet die dritte von vier Fastenzeiten des orthodoxen Kirchenjahrs. Es ist die Nacht zum Hochfest der Apostelfürsten Petrus und Paulus, zu deren Ehren eine Feier abgehalten wird, die treffend die «schlaflose», «Agrypnia» heisst. Die Kirche des Klosters Pantokratoros an der Ostküste ist kaum noch erhellt, als ich durch das offene Tor trete. Eine dünne Kerze brennt im Vorschiff über der Ikone der beiden Heiligen, die sich umarmen. Vom überlebensgrossen Christus als Weltherrscher in der Höhe leuchtet nur der Glorienschein auf. Erst allmählich beginne ich die Umrisse der anderen Besucher zu erkennen. Aus dem Innern dringt machtvoll der byzantinische Gesang im Wechsel zwischen zwei Chören, nur übertönt vom Scheppern des Weihrauchfasses. Der Diakon macht die Runde und hinterlässt eine Duftwolke wie von einem Rosengarten im Orient. Leicht benommen sinke ich in meinen Chorstuhl. Das Gefühl für Zeit und Raum beginnt zu schwinden.

Gegen Mitternacht trete ich hinaus unter den Sternenhimmel. In der Küche brennt noch Licht. Zwei Mönche rüsten für das morgige Festmahl. Ich möchte das Geheimnis der Tomatenmarmelade erfahren, die es zum Mittagessen gab, und des athonitischen Brots, das für mich immer ein bisschen wie Kuchen schmeckte. Doch meine Gesprächspartner übernehmen das Fragen: «Woher kommst du? Bist du orthodox? Bist du verheiratet?» Sie interessieren sich stets für die gleichen Dinge. Schweiz ist gut, reformiert und unverheiratet sind es weniger. Als Protestant bleibe ich ein Fremder, über dessen Irrtümer man bestenfalls höflich schweigt. Aber die strengen Glaubensüberzeugungen der Mönche sind nur das eine. Das andere ist die Wärme, mit der sie mich eine Woche lang beherbergt und bewirtet, eingeladen und herumgefahren haben, ohne je Geld oder eine Gegenleistung, ja auch nur einen Dank zu erwarten.

Am Tag meiner Abreise wollen mir die Brüder unbedingt noch ihren Abt zeigen, als wäre dieser eine besondere Sehenswürdigkeit ihres Klosters. Ich bin in Eile und begreife nicht, warum das wichtig sein soll. Bis der ehrwürdige Alte vor mir steht und mich aus braungrünen Augen mustert. Es kommt mir vor, als würde er mich mit seinem blossen Blick vom Boden heben, in die Luft halten, ein wenig zappeln lassen und an einem anderen Ort wieder abstellen. Dann streckt er mir lächelnd seine Hand entgegen und sagt: «Ich hoffe, beim nächsten Mal werden wir mehr Zeit haben.» Dafür braucht es nur ein Wunder.

Fabian Kramer ist redaktioneller Mitarbeiter bei bref.