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Bild: Filippo Tosi
Freitag, 15. März 2019

Herr Costa, als Bürgermeister der Gemeinde Luzzara in Norditalien untersagen Sie Ihren Mitbürgerinnen und Mitbürgern, boshaft zu sein. Meinen Sie Ihr Verbot ernst?

Natürlich, mir ist es absolut ernst mit dieser Sache. Die Verordnung ist ein legitimer Verwaltungsakt. Ich stelle seit einiger Zeit fest, dass im Hinblick auf den Umgang miteinander alle Dämme gebrochen sind. Jeder Art von verbaler, aber oft auch physischer Aggression sind Tür und Tor geöffnet. Während die meisten Menschen bis vor einiger Zeit noch eine innere Schranke hatten, die nicht übertreten wurde, drischt man heute einfach verbal auf die Mitmenschen ein.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dazu eine Verordnung zu erlassen?

Ich dachte schon einige Zeit darüber nach, weil ich gemerkt hatte, dass in Italien der Umgang miteinander immer rücksichtsloser wird. Da spielen auch die sozialen Netzwerke wie Facebook eine Rolle, wo man kein echtes Gegenüber mehr hat, dem man die Dinge ins Gesicht sagt, sondern quasi anonym agieren kann.

Was war der Auslöser für das Gesetz?

Die Neujahrsansprache von Staatspräsident Sergio Mattarella, in der er über die trennende Kraft der Angst spricht und den notwendigen Zusammenhalt in einer Gesellschaft anmahnt, hat mich tief bewegt. Auch die Worte von Papst Franziskus in seiner Weihnachtsbotschaft rüttelten mich auf. Franziskus sagte: «Ohne die Brüderlichkeit behalten all unsere Bemühungen um eine gerechtere Welt einen kurzen Atem, und selbst die besten Vorhaben drohen seelenlose Strukturen zu werden. Daher ist mein Glückwunsch zu Weihnachten ein Wunsch nach Brüderlichkeit.» Das hat mich wirklich bewegt.

«Wer die Schönheit in sein Leben lässt, für den ist es schwieriger, ein boshafter Mensch zu sein.»

Andrea Costa

Inwiefern?

Wir vergessen oft, dass wir Brüder und Schwestern sind. Das ist doch der Kern des Christseins: Man fühlt sich als ein Volk, das Solidarität lebt, das sich um die Abgehängten kümmert, das den Einsatz für die Mitmenschen anmahnt, um die Welt gerechter zu machen.

Ein guter Christ fragt nicht, woher du kommst und wer du bist. Im Gegenteil, wenn er sieht, dass dir kalt ist, zieht er seinen Mantel aus und legt ihn dir um.

Man muss unweigerlich an die Flüchtlinge denken, die auch jetzt wieder übers Mittelmeer nach Italien kommen. Wie stark erleben Sie die «trennende Kraft der Angst» in Italien?

Alle Landsleute spüren sie. Manche sind sich ihrer Ängste vielleicht nicht bewusst. Und ganz ehrlich: Ich selbst war ja auch nicht frei von dieser ansteckenden Krankheit.

Was meinen Sie damit?

Ich habe Innenminister Matteo Salvini auf Twitter als «Clown» und «gefährlichen Idioten» bezeichnet. Das war ein Fehler, für den ich mich entschuldige. Aber dieser Fehltritt hat mir gezeigt: Wenn schon jemand wie ich, der sich immerhin doch einige Gedanken zu diesem Thema gemacht hat, anstecken lässt, wie muss es da anderen ergehen?

Besonders aufsehenerregend sind die Strafen, die Sie für Verstösse gegen die Anti-Boshaftigkeits-Verordnung vorsehen: Lektüre von Büchern, Ansehen von Filmen, Besuche von Museen und Gedenkstätten, ehrenamtliche Arbeit …

Ein Verstoss soll ja keine Bestrafung zur Folge haben, sondern einen Weckruf. Wer verbal aggressiv wird, ist eigentlich ein Opfer, dem geholfen werden muss. Also haben wir unter anderem Wer die Nachtigall stört von Harper Lee, Papa, was ist ein Fremder? von Tahar Ben Jelloun, Ich zähmte die Wölfin von Marguerite Yourcenar, Ist das ein Mensch? von Primo Levi oder Die Einsamkeit der Primzahlen von Paolo Giordano gewählt.

Andrea Costa

Welche Filme sehen Sie als Sanktionen vor?

Verstösse können mit dem Ansehen der Filme Das Leben ist schön von Roberto Benigni, mit Philadelphia mit den Schauspielern Tom Hanks und Denzel Washington oder dem Anima­tionsfilm Alles steht Kopf oder Citizen Kane von Orson Welles geahndet werden. All diese Filme und Bücher vermitteln Toleranz, Solidarität, Beharrlichkeit, Mitmenschlichkeit und das Meistern grosser Herausforderungen. Es sind bildende Werke, auch für mich. Ich habe sie selbst gelesen und angeschaut.

Unter den Strafen ist auch die Besichtigung ausgewählter Kunstwerke vorgesehen. Warum?

Wer die Laokoon-Gruppe in den Vatikanischen Museen, Michelangelos Pietà Rondanini in Mailand oder die Giotto-Fresken in Padua ansieht, wird Zeuge grosser bellezza. Schönheit gehört zum Menschen und ist einer der Schlüssel dafür, ins Gleichgewicht zu kommen. Wer die Schönheit in sein Leben lässt, für den ist es schwieriger, ein boshafter Mensch zu sein.

Sie sprechen eher wie ein Philosoph und nicht wie ein Politiker.

Wahrscheinlich haben wir alle ein degeneriertes Bild von Politik im Kopf. Politik ist dafür da, Ideale hochzuhalten. Meine Gemeinde hat mir ein zeitlich begrenztes Mandat erteilt, das ich auch in diesem Sinne nutzen möchte. Es geht nicht nur darum, Löcher im Asphalt zu stopfen oder die Strassenbeleuchtung instand zu halten, sondern auch den zivilen und moralischen Niedergang aufzuhalten. Meine Aufgabe ist, mich um die Seelen meiner Gemeinde zu kümmern!

«Wenn mein Handeln als Bürgermeister nicht von Werten inspiriert ist, dann ende ich vielleicht als anständiger Verwalter, aber nicht als guter Mensch.»


Andrea Costa

Das ist doch die Aufgabe eines Pfarrers.

Nein, das ist eine kollektive Verantwortung. Ich bin schliesslich der erste, der einen Fehler gemacht hat. Ich bitte meine Mitbürgerinnen und Mitbürger um Mithilfe. Nicht der Bürgermeister, sondern die Gemeinschaft ist aufgerufen, sich der Verrohung entgegenzustellen.

Was meinen Sie damit, dass Sie sich «um die Seelen der Gemeinde» kümmern müssen?

Ich meine das so, wie ich es sage. Wenn ich für mein öffentliches Mandat nicht inspiriert bin, bedeutet das, ich fülle diese Aufgabe und Pflicht nicht zur Genüge aus. Es kann sein, dass ich mich angemessen um die öffentlichen Belange kümmere. Aber wenn ich die Seele ausser acht lasse, wenn mein Handeln nicht von Prinzipien und Werten inspiriert ist und ich diese Werte nicht in meinem Tun weitervermittle, dann ende ich vielleicht als anständiger Verwalter, aber nicht als guter Mensch.

Wie waren die Reaktionen auf die Verordnung?

Ich habe Tausende Nachrichten und Glückwünsche bekommen. Ich würde mich freuen, wenn andere Gemeinden die Verordnung übernehmen. Schliesslich handelt es sich um eine weltweite Dynamik. Die Wut der Bürger wird immer grösser, dazu trägt die Ungleichheit bei. Das Problem ist, dass die Politik zur Eskalation beiträgt, indem sie Aggressivität legitimiert.

Praktische Frage: Wie setzen Sie die Strafen durch? Verdonnern Sie die Wutbürger persönlich zur Lektüre?

Natürlich tue ich das. Meine Erfahrung zeigt mir allerdings, dass es meist genügt, sich mit einem Bürger zu einem Gespräch zusammenzusetzen und über sein aggressives Verhalten zu diskutieren. Danach muss man in der Regel überhaupt nichts mehr durchsetzen, denn er versteht, dass er übertrieben hat. Allein die friedliche Auseinandersetzung führt dazu, dass Menschen ihr Verhalten ändern.

Sie sind also als Bürgermeister auch Philosoph, Pfarrer und Therapeut.

Jetzt übertreiben Sie. Es gibt aber Leute in der Gemeinde, die ganz ohne irgendeine Strafandrohung begonnen haben, die ­Bücher aus der Verordnung in Eigeninitiative zu lesen.

Glauben Sie, Ihre Art des Politisierens löst die Probleme?

Natürlich lässt sich mit dem Lesen von Büchern oder dem Betrachten einer Skulptur nicht ein Problem wie jenes der Arbeitslosigkeit lösen. Aber ich stelle mich mit meiner Politik gegen die Lösung, wie sie aktuell landauf, landab vorgetragen wird: andere attackieren und Feindbilder schaffen. Stattdessen müssen wir uns zusammentun und Lösungen finden. Das ist die Lösung.

Seit 2015 ist der 41jährige Andrea Costa Bürgermeister von Luzzara in der Region Emilia-Romagna in Norditalien. Die Gemeinde zählt rund 9000 Einwohner. Zu Jahresbeginn 2019 hat er ein «Boshaftigkeitsverbot» erlassen. Jede Äusserung von «Boshaftigkeit, Groll oder Wut» ist seither sowohl im öffentlichen Raum als auch in den sozialen Netzwerken untersagt. Wer dagegen verstösst, soll Bücher lesen, Filme ansehen oder Museen besuchen.

Der Journalist Julius Müller-Meiningen lebt als Korrespondent in Rom.
Der Fotograf Filippo Tosi lebt in Italien.