Manches habe ich probiert spirituell. Das meiste ging daneben. Für tantrische Verrenkungen bin ich zu grobmotorisch. Beim Meditieren fallen mir die Augen zu. Und der Dalai Lama hat es bislang auch nicht geschafft, mich zu erleuchten mit einem Lachen. Erschwerend kommt hinzu: Ich bin kein glühend gläubiger Veganer, habe also keine besondere Heilserwartung an mein Frühstück. Alle Wege, die der spirituell suchende Städter heutzutage geht, nur um nicht in die Kirche gehen zu müssen, sind mir deshalb verschlossen. Gleichzeitig bin ich ein Kind meiner Zeit. Als solches tue ich mich schwer, mich so vorbehaltlos am Weihrauch zu berauschen, wie es die Generation meiner Eltern noch vermochte.
Lange dachte ich, ich bin metaphysisch versaut. Dann erkannte ich, dass ich nur ein Gläubiger anderer Art bin: Ich lese.
Formal bezeichnet «lesen» nur eine Kulturtechnik zur Aneignung von Wissen. Doch wird diese Definition dem, was in mir vorgeht dabei, nicht mal ansatzweise gerecht. Vorausgesetzt es stimmt also, was der Religionswissenschaftler Rudolf Otto behauptet – dass das Heilige ein Amalgam ist aus «tremendum et fascinans», dem «Erschütternden und Erhabenen» –, kann auch Lesen religiösen Charakter besitzen. Dann kann es heilig sein für mich, wenn Bücher mich ausreichend erschüttern.
Die Vorstellung allerdings, dass Bücher mehr sind als bedrucktes Papier, einen gar verändern, berühren oder trösten können, wirkt heute auf viele Menschen sicher befremdlich. Laut einer Studie des Börsenvereins des deutschen Buchhandels kaufen nur 45,6 Prozent der Deutschen überhaupt noch Bücher. Pro Kopf und Jahr ersteht Deutschland 4,5 Bücher. In der Schweiz ist es noch ärger. Hier sind es nur noch 2,8 Bücher, die eine Schweizerin in zwölf Monaten im Durchschnitt kauft.
Was Nichtleser nie verstehen werden: Sinn- und Übersinnlichkeit gehören für jeden Gläubigen zusammen. Wir sind Augen, Ohren, Herz und Hirn.
In den letzten zehn Jahren mussten in der Deutschschweiz 100 Buchhandlungen deshalb schliessen. Damit hat der Buchhandel in den letzten Jahren mehr an gesellschaftlicher Relevanz verloren als die beiden Kirchen. Denen gehören trotz Säkularisierung und Austrittswelle heute noch 54 Prozent der Deutschen und gar 63 Prozent der Schweizer an. Dabei galten Buch und Kirche lange als selbstverständliche Sinn-Instanzen in der Welt. Doch weiss die Welt mit diesem Sinn mittlerweile immer weniger anzufangen.
Warum noch lesen? Warum glauben? Wer das fragt, muss auch fragen: Wieso lese ich überhaupt? Woran glaube ich denn noch?
Die interessanteste Theorie, warum die Moderne Buch und Kirche den Rücken kehrt, hat momentan der deutsche Islamwissenschaftler Thomas Bauer zu bieten. In einem Buch über die Vereindeutigung der Welt macht er einen Verlust an «Ambiguitätstoleranz», der Fähigkeit also, «Mehr- oder Vieldeutigkeit» auszuhalten, nicht nur für die Krise des Lesens und Betens, sondern für die des Westens an sich verantwortlich.
Und schaut man sich den derzeit mächtigsten Mann des Westens an, den amerikanischen Präsidenten Donald Trump, muss man sagen: Da ist etwas dran. Schliesslich ist für Trump der ideale Text gleichbedeutend mit einem Tweet, der in möglichst wenigen Zeichen möglichst viele Randgruppen mit möglichst wenig Interpretationsspielraum beleidigt. Dass Trump Bücher für Zeitverschwendung hält, ist da nur folgerichtig, wenn auch bitter – besonders für Verehrer der amerikanischen Literatur wie mich.
Moby Dick neben dem Ohrensessel
Andererseits bestätigt und verstärkt der Verfall des Westens aber auch den im gläubigen Leser angelegten Bekenntnisdrang. Weil einem das Lesen wichtig ist, weil man damit Schönheit und Gnade verbindet, versucht man das Medium Buch eben im Alleingang zu retten. Deshalb können Buchgläubige wie ich keine noch so gesichtslose Thalia-Filiale ohne Druckwerk verlassen.
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