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Samstag, 13. Februar 2021

Lieber F.D.,

«F. D.» war Ihr Autoren-Kürzel, und deshalb spreche ich Sie so an. Denn alle Versuche, mit Ihnen in Kontakt zu kommen, scheiterten. Meine Anrufe stiessen auf das Bollwerk, das die Sekretärin um Sie herum aufgebaut hatte. Einmal hiess es, Sie seien gerade zu einer Reise aufgebrochen. Ein andermal wurde mir beschieden, Sie seien mit dem Abschliessen eines Manuskripts beschäftigt. Dabei waren Sie es, die mich bei unseren kurzen Begegnungen dazu ermutigt hatten, mich bei Ihnen zu melden. Und so blieb es denn bei «F. D.» und Ihrem Werk, das mein Leben begleitet und herausgefordert hat.

Mit Ihrem Roman «Der Richter und sein Henker» begegnete ich Ihnen im Deutschunterricht zum ersten Mal. Und auch meine eigenen Anfänge als Autor habe ich Ihnen zu verdanken. Den ersten Zeitungsartikel im «Bieler Tagblatt» verfasste ich 1968 über Ihr Stück «Der Besuch der alten Dame», aufgeführt von der Theatergruppe meines damaligen Gymnasiums. Der Autor meiner Maturaprüfung in Deutsch: Sie.

Im Zürich der 1970er Jahre, wo ich Theologie und Philosophie studierte, dann doktorierte und schliesslich lehrte, besuchte ich mit meiner Frau alle Uraufführungen Ihrer späteren Stücke. Auch wenn das Publikum mit Dramen wie «Der Mitmacher», «Die Frist» oder «Achterloo» nicht mehr so viel anfangen konnte: Wir beide fanden diese spannend und verfolgten die Entwicklung Ihres Werks weiterhin. Und so wurde ich dann auch, ab 2000 und bis heute, ein regelmässiger Mitarbeiter des Centre Dürrenmatt Neuchâtel. Hier übersetze ich Ihre Texte ins Französische und mache bei Publikationen und Tagungen mit.

Ihr Werk ist zum Begleittext meines Lebens geworden. Ich bin Ihnen zu grossem Dank verpflichtet. Ob Sie sich darüber freuen würden, dass nun ausgerechnet ein Theologe wie ich Ihnen zum 100. Geburtstag gratuliert, da habe ich so meine Zweifel. Denn mit Theologen hatten Sie Ihre liebe Mühe. Zeitlebens haderten Sie damit, sowohl Pfarrerssohn wie auch Pfarrersvater zu sein. Wie fast immer nahmen Sie es mit Humor: «So wie mein Vater einmal versucht hatte, mich zu überreden, Pfarrer zu werden, versuchte ich nun meinen Sohn zu überreden, nicht Pfarrer zu werden. Beide Versuche endeten erfolglos.»

Vergeblich blieb auch Ihr Bestreben, sich von den Theologenreihen loszusagen. Je mehr Sie Kritik übten, desto lebhafter wurde das Gespräch mit Ihnen. Wie sonst lässt sich erklären, dass 1983 die Universität Zürich ausgerechnet Ihnen den Ehrendoktor in Theologie verlieh? So mancher im Publikum des Dies academicus soll «Spinned die?» geraunt haben. Sie selbst waren über diese Würde ebenfalls verwundert. Zugleich waren Sie davon auch ein wenig fasziniert. Dass die Wahl auf Sie fiel, ist aber alles andere als Zufall. In Ihrem Werk kommen Theologen und Pfarrer oft vor: immer mit ironischer Distanz, aber nicht lieblos inszeniert.

Ich denke an den Obertheologen Utnapishtim in «Ein Engel kommt nach Babylon», der so sehr in seiner Theologie gefangen ist, dass er gar nicht ahnen kann, dass das Mädchen Kurrubi, das der Engel auf die Welt gebracht hat, ein Geschenk himmlischer Gnade ist. Da ist aber auch der Heilsarmeemajor Friedli im «Meteor», der die Not des nicht sterben könnenden Nobelpreisträgers Schwitter nicht wahrnimmt, ihn vielmehr als Auferstandenen feiert – und mit seinem Chor «Morgenglanz der Ewigkeit» anstimmt.

BILD: KEYSTONE / PHOTOPRESS-ARCHIV UND ZVG / PRIVATARCHIV

Sie haben Theologie öfters mit Rechthaberei gleichgesetzt, etwa in der Figur des Papstes, der am Wahn leide, im Besitz der Wahrheit zu sein. Später haben Sie – vielleicht nicht ganz zu Unrecht – diese «päpstliche» Tendenz, den Glauben abzusichern, auch dem Theologen Karl Barth vorgeworfen. Schon Ihr Vater las Karl Barth, und Sie selbst haben ab und zu erwähnt, dass dessen Römerbrief Sie in frühen Jahren stark geprägt hat. Später haben Sie auch ab und zu in seinem Monumentalwerk, der «Kirchlichen Dogmatik», gelesen, die er Ihnen persönlich überreichte.

Doch erschienen Ihnen Barths 9000 Seiten immer mehr als ein umfassender Versuch, den Glauben auf den Begriff zu bringen und ihn damit in Wissen zu verwandeln. Die kritische Auseinandersetzung führte Sie wohl auch zum steilen Satz: «In der Theologie vollzieht der Glaube Selbstmord.» Stand da vielleicht immer noch der Schatten des Vaters im Hintergrund? Schwingt in der Ambivalenz gegenüber Karl Barth auch eine Ambivalenz gegenüber Reinhold Dürrenmatt mit? Und wie ist das denn bei mir: Wäre ich auch Theologe geworden, wenn ich nicht auf einem Bauernhof, sondern wie Sie in einem Pfarrhaus aufgewachsen wäre?

Ihre Kritik schrieb ich mir jedenfalls hinter die Ohren. Wie schaffe ich es, der Versuchung eines theologischen Rechthabens zu widerstehen? Wie über den Glauben sprechen, ohne ihn zu einem Wissen zu machen und ihn damit zum Verschwinden zu bringen? Zwar hatten Sie mir auch schon eine Anleitung geliefert, mit Ihrem wiederkehrenden Hinweis, dass Glaube nie ohne Zweifel zu haben sei. Auch in Ihrem letzten Lebensjahr bezeichneten Sie sich noch als einen Mann, dem «der Zweifel so teuer wie der Glaube ist».

Als Sie davon erzählten, wie Sie am Sterbebett Ihrer Mutter standen, haben Sie deren festen, unbeirrten Glauben als ein Schwert bezeichnet, das immer noch zwischen Ihnen beiden lag, «den Sohn von seiner Mutter trennend, den Sohn an seine Mutter bindend». Doch zugleich kam Ihnen mit dem Tod Ihrer Mutter die Einsicht, «dass Glauben nicht ein Für-wahr-Halten, sondern ein Erschüttertsein bedeutet, das durch nichts bewiesen werden kann und das auch nicht bewiesen werden muss».

Nie ohne Pfeife : Schriftsteller Dürrenmatt hinter seinem Schreibtisch, undatierte Aufnahme.

Später hat Sie diese Auseinandersetzung zwischen Glauben und Zweifel dazu geführt, sich als Atheist zu bekennen und von einer «Pflicht zum Atheismus» zu sprechen. Damit steigerte sich natürlich die Herausforderung für mich. Aber das Gespräch blieb auch mit dem Atheisten möglich, denn Sie wählten keinen billigen Atheismus, der alles als erledigt betrachtet und die Gottesfrage hinter sich lässt. Auch als Maler hat Sie diese Frage nie losgelassen: Sogar in Ihrem letzten Lebensjahr zeichneten Sie noch Gottes- und Götterbilder. Es ging Ihnen also nicht um reine Ablehnung, sondern mehr um diese vielen Menschen allzu vertraute Erfahrung eines «Nicht-mehr-glauben-Könnens». Das setzten Sie denen entgegen, die diese Erfahrung in den Wind schlugen und behaupteten, im Besitz der Wahrheit zu sein. Ihr Atheismus war in diesem Sinne ein kämpferischer, entstanden in einer «Zeit der Khomeinis», der Fundamentalisten.

«Gott ist etwas Subjektives», sagten Sie auch als erklärter Atheist noch. Pierre Bühler

Und das gilt ebenso für den Glauben, der auf einen Gott vertraut. Kein objektives System könne diese Gottesbeziehung einfangen. Die Einsicht in die radikale Subjektivität des Glaubens teilen Sie mit dem dänischen Religionsphilosophen Søren Kierkegaard, den Sie in Ihrem Leben öfters studiert hatten.

Karl Barth hatte einst vor diesem Denker gewarnt: Man solle zwar bei ihm in die Schule gehen, aber ja nicht in dieser gefährlichen Klasse verharren. Sie jedoch sind in Kierkegaards Schulzimmer geblieben. Auch für mich wurde Kierkegaard zu einer lebenslangen Schule, in die mich ein Bieler Philosophielehrer eingeführt hatte. So konnte ich Sie und Kierkegaard parallel lesen, was mich davor bewahrte, mich existenziell je in Sicherheit – und im Recht – zu wähnen. So zumindest meine Hoffnung.

Bei Kierkegaard entdeckten Sie auch die tiefe Bedeutung von Ironie und Humor. Sie schaffen die Distanz, den Abstand, der nötig ist, um den Leserinnen und Zuschauern tragikomische Gestalten zuzuspielen, in denen diese, im sokratischen Sinn, sich selbst erkennen können. Das gilt nicht zuletzt für die glaubenden Gestalten, die Sie schufen. Diese werden von Ihnen in den «Tiegel der Komödie» geworfen, «um zu sehen, ob denn wirklich Gottes Gnade in dieser endlichen Schöpfung unendlich sei, unsere einzige Hoffnung».

«Alles mit Humor», sei die Antwort, schrieben Sie deshalb, wenn man Sie mit der Frage verfolge, wie Ihr Werk letztlich zu interpretieren sei. Deshalb muss für Sie auch Gott – falls es ihn denn gibt – Humor haben. Das erlaubt mir, selber kurz ins Register des Humors zu wechseln, um Ihnen eine kleine Gottesgeschichte zu erzählen. Die Geschichte, die Sie damals am Grab Ihres verstorbenen Freundes und Malers Willy Guggenheim, alias Varlin, erzählten, möchte ich Ihnen auch, in angepasster Fassung, zu Ihrem 100. Geburtstag erzählen:

Weil Gott bei der Erschaffung der Welt seine unermessliche Kraft ganz in einen ungeheuren Urbefehl gelegt hat, fällt er danach in einen tiefen Schlaf. Nach Abermillionen Jahren wacht er auf und betrachtet verwundert, was er einst erschaffen und was sich nun daraus entwickelt hat. Er schweigt lange. Einen Augenblick könnte man glauben, er werde zornig, aber dann lächelt er.

Und dann greift er zu einem Bleistift, setzt sich an sein Pult mit einem Stapel Blätter und beginnt über seine Geschöpfe Geschichten zu schreiben, ganz so wie Sie es gemacht haben: mit viel Güte, mit viel Humor über das nicht so ganz Gelungene. Und so schreibt er immer noch, in stets neuen, überarbeiteten Fassungen, von diesen Menschen, die sich den Herausforderungen des Lebens stellen, sie bestehen oder an ihnen scheitern. Und wenn er nicht mehr weiterweiss, geht er zu einem anderen Stapel Blätter und beginnt seine Geschöpfe zu zeichnen, in immer neuen Anläufen, stets mit demselben gütigen Lächeln.

«Gott?

Jener Grosse,

Verrückte,

der noch immer

an Menschen

glaubt.»

Friedrich Dürrenmatts Augias und Phyleus im Blumengarten aus dem Jahre 1954. Format und Verbleib unbekannt.

So hat der Lyriker und Pfarrer Kurt Marti, Ihr Mitschüler im Berner Freien Gymnasium, diesen Humor Gottes zur Sprache gebracht.

Diesen Glauben an den Menschen, der Kurt Marti Gott zuspricht, hatten Sie auch. Im Zeichen eines «neuen Humanismus» sagten Sie, der Mensch sei «das grösste Wunder, das wir im Weltall kennen». Aber Sie wussten auch um die Gefahren, denen er ausgesetzt ist, um die Katastrophen, die ihn bedrohen. «Er ist in seine eigene Falle gerannt.» Deshalb haben Sie stets die Sorge um dieses bedrohte «grösste Wunder» thematisiert. Wie ist ihm zu helfen? Muss ein Held auftreten, oder kann die Hilfe nur im kleinen, mit bescheidenen Schritten geschehen?

Damit bin ich beim Stück «Herkules und der Stall des Augias». Elis, eine Art griechische Schweiz, soll ausgemistet werden, und deshalb wird der sagenhafte Held geholt. Doch Herkules scheitert an den Kommissionen und Unterkommissionen, deren Bedenken und Zögern den Mist ansteigen lassen. Am Schluss jedoch erfährt man, dass Augias insgeheim einen Blumengarten angelegt hat, in dem er Mist in Humus verwandelt. Diese schlichte, bescheidene Arbeit möchte er seinem Sohn Phyleus als die wahre Herkulesarbeit übergeben: «Wage jetzt zu leben und hier zu leben, mitten in diesem gestaltlosen, wüsten Land, nicht als ein Zufriedener, sondern als ein Unzufriedener, der seine Unzufriedenheit weitergibt und so mit der Zeit die Dinge ändert.» Doch Phyleus verabschiedet sich, lässt das im Mist erstickende Elis hinter sich und zieht mit Herkules weg.

Hätte ich mir wünschen können, irgendwo in Ihrem Werk auftreten zu dürfen, so wohl am liebsten als ein zweiter Sohn des Augias. Als ein Sohn, der bleibt und die ihm vom Vater anvertraute Aufgabe übernimmt, als Unzufriedener mit der Zeit Dinge zu ändern, Mist in Humus zu verwandeln und Blumen der Hoffnung zu pflanzen. So verstehe ich auch meine Arbeit als Theologe.

Lieber F. D., nochmals: Danke für alles! Ich gratuliere Ihnen zu Ihrem runden Geburtstag, mit einem Glas Bordeaux in der Hand.

Mit herzlichen Grüssen

Ihr Pierre Bühler