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Freitag, 04. Mai 2018

Herr Mosebach, vor drei Jahren haben IS-Kämpfer an der libyschen Küste 21 koptische Christen enthauptet. Was hat Sie bewogen, darüber ein Buch zu schreiben?

Es war die Art, wie dieses Martyrium bekannt wurde: durch ein beispielloses Video. Es gab inzwischen viele Aufnahmen von Enthauptungen und Massakern, aber dieses Video verriet geradezu künstlerischen Ehrgeiz. Es wurden mehrere Kameras eingesetzt, es gab eine Schiene, auf der sie neben den Opfern entlangfuhren. Die Henker waren einen Kopf grösser als ihre Opfer, das Meer leuchtete im Hintergrund. Ein abscheuliches VideoKunstwerk und zugleich blutige Realität mit echten Toten. Was IS-Propaganda sein sollte, wurde zu einem Dokument der Standhaftigkeit der Ermordeten und ihres Bekenntnisses zu Jesus Christus. Um mehr über diese Männer zu erfahren, bin ich in Ägypten in die Dörfer gefahren, aus denen sie stammten.

In Berlin fand wenige Tage nach dem Massaker ein Gedenkgottesdienst statt. Der koptische Bischof Damian sagte damals: «Für die Martyrer beten wir nicht, diese beten jetzt für uns.» Teilen Sie diesen Umgang mit dem Ereignis?

Er ist vollständig konsequent. Für die Kopten sind die Ermordeten keine beklagenswerten Opfer, sondern Heilige. Das entspricht allgemein der Auffassung der frühen Kirche.

In der westlichen Kirche ist die Vorstellung des Martyriums, salopp gesagt, etwas aus der Mode gekommen. Worauf führen Sie das zurück?

Ich glaube, das Phänomen des christlichen Martyrers, der ganz bewusst für Jesus leidet, löst in unserer westlichen Gegenwart eine gewisse Verlegenheit aus. Die Vorstellung eines derart unbedingten Bekenntnisses ist uns ein bisschen peinlich, weil wir in einer Welt leben, in der Diskussion, Dialog, Toleranz, Kompromissfähigkeit bis hin zur Indifferenz grosse soziale Werte sind. Wer bis zum Tod bei einer Sache bleibt, ist kein Vorbild, sondern der wirkt starrsinnig, unbeweglich, fast bedauernswert vernagelt. Aber wir müssen uns klarmachen, dass die grosse Zahl der Martyrer der Grund für die frühe und schnelle Ausbreitung des christlichen Glaubens war. Noch bevor es das Neue Testament gab, starben Männer und Frauen für den Glauben an den Gottmenschen; die Evangelien haben den Glauben der Martyrer aufgeschrieben und die Evangelisten sind selbst Martyrer gewesen – einzig Johannes ist nach der Tradition sehr alt geworden. Bis heute sind die Martyrer der Massstab für das richtige Verständnis der Bibel, der auch für die neuzeitliche kritische Bibelexegese gilt. Bei ihren Ergebnissen ist immer zu fragen: Wären dafür Menschen in den Tod gegangen?

Martyrium hat ja immer mit einem bestimmten Konzept von «Heiligkeit» zu tun. Auf der einen Seite gibt es das Konzept von «Heiligkeit», das auf dem Martyrium gründet. Dem gegenüber steht ein Konzept, das ein vorbildliches Leben in den Fokus stellt. Wie unterscheidet sich beides voneinander?

Der «Heilige» ist der «christusförmig» gewordene Mensch. Auf vielerlei Weise, an je seinem Platz in der Welt hat er sich Christus anverwandelt. Die Nachfolge Christi, die darin besteht, das Leiden in ein Opfer zum Lobpreis Gottes zu verwandeln, kann in Verborgenheit während eines langen Lebens geschehen oder in der dramatischen Situation der Blutzeugenschaft.

Der Begriff des Martyrers aber ist verbraucht, diskreditiert. Die NS-Ideologie hat den Deutschen eingeredet, sie opferten sich; auch die IS-Kämpfer sehen sich als Martyrer, die ins Paradies kommen. Wie destilliert man da diesen reinen, friedlichen Martyrium-Begriff wieder heraus?

Martyrer heisst zunächst einmal nichts anderes als Zeugnis ablegen. Und Zeugnis heisst in diesem Fall: Zeugnis für den Gottmenschen, für die Menschwerdung Gottes. Das Menschenleben steuert unvermeidlich und spätestens in der Todesstunde auf das Leiden zu, und deshalb war die göttliche Menschwerdung notwendig mit der Hinnahme des Leidens verbunden. «Einer in der Dreifaltigkeit hat gelitten», sagen die Orthodoxen. Wer das weiss, der erkennt im Leiden die äusserste Konsequenz der Menschwerdung. Es ist richtig, dass der Martyrer-Begriff vielfach missbraucht worden ist und missbraucht wird – aber die Christen haben das älteste Recht auf ihn, können darauf nicht verzichten und müssen immer wieder darauf hinweisen, wie er richtig zu verstehen ist.

Die Macher des Enthauptungsvideos haben unabsichtlich ein sehr christliches Glaubenszeugnis dokumentiert. Wie wird dieses Video in Ägypten rezipiert, und zwar nicht nur unter den Kopten, sondern auch im übrigen Ägypten?

Den meisten Menschen in Ägypten ist dieses Video bekannt. Es hat auch bei den Muslimen Beklommenheit ausgelöst. Die Bildersprache dieses Films – die orangefarbenen Overalls der Opfer, die an Guantánamo erinnern sollen, die schwarzen Vermummungen der Henker, Meer, der Sandstrand – hat sich derart eingeprägt, dass sie sogar in einem Comedy-Film zitiert wurde, der während meines Aufenthalts in Kairo im Kino lief.

Aber selbst so etwas zeigt doch, dass das Kalkül der islamistischen Macher nicht aufgeht, oder?

Nun ja, Schrecken zu verbreiten ist ihnen gelungen. Aber bei den Kopten ist der Stolz auf die neuen Martyrer hinzugekommen, Stolz auf die Kraft ihres Glaubens, der grösser ist als Angst und Einschüchterung. Die 21 Getöteten werden auf Ikonen als Gekrönte dargestellt. Der ägyptische Staatspräsident kam nicht umhin, dem Heimatdorf der Martyrer eine grosse Wallfahrtskirche zu stiften. An staatlich finanzierten Kirchen gibt es sonst nur die Markuskirche in Kairo, die noch von Nasser gebaut wurde. Anders als der Islam erhält die koptische Gemeinschaft in Ägypten sonst keine staatliche Förderung – obwohl sie einen Viertel der Bevölkerung darstellt.

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