Frau Bücker mussten Sie heute schon sehr geduldig sein?
Wir hatten glücklicherweise einen reibungslosen Start in den Tag. Mein Partner und ich bringen die beiden Kinder abwechselnd zur Schule und in die Kita, heute morgen war er dran und alles hat gut geklappt.
Und wenn es mal nicht so rund läuft, erleben Sie sich selbst als geduldig?
Ich bin sehr nachsichtig. Das haben mir meine Kinder beigebracht: Wer versucht, den Prozess zu beschleunigen, macht alles nur noch schlimmer. Nach einem Satz wie: «Jetzt zieh dir endlich die Schuhe an!» dauert es meistens doppelt so lange. Hilfreicher ist es, direkt Geschwindigkeit rauszunehmen, dann kommt man eben fünf Minuten zu spät, aber wenigstens nicht fünfzig.
Sind zeitliche Zwänge nicht auch etwas, in das Kinder hineinwachsen müssen?
Das ist ja eine der zentralen Aufgaben der Schule. Dort lernen Kinder, sich an feste Zeiten zu halten und unter Zeitdruck zu lernen. Aber welchen Sinn soll das haben? Im Sinne der kindlichen Entwicklung ist es jedenfalls nicht. Es geht dabei doch vor allem darum, dass sich die Kinder dem Erwachsenenleben anpassen.
Bisher war Teresa Bücker vor allem als Twitter-Ikone, Talkshowgast und Kolumnistin aufgefallen. Die 38jährige gilt als eine der bekanntesten Feministinnen Deutschlands. Jetzt hat sie ihr erstes Buch veröffentlicht: «Alle_Zeit — Eine Frage von Macht und Freiheit». Darin geht es um die grosse Frage, wie Zeit unser Leben beeinflusst.
Sollte sich die Erwachsenenwelt stattdessen stärker nach den Zeiten der Kinder richten?
Eine Annäherung wäre sinnvoll. In erster Linie aber geht es mir um eine höhere Wertschätzung für die Zeit von Kindern, über die wir ja nicht verfügen wie über die Zeit von Untergebenen. Umgekehrt sollten sich Eltern nicht komplett dem Zeitgefühl der Kinder unterordnen, das wäre Unsinn. Aber es ist in der Verantwortung der Erwachsenen, für einen gewissen Ausgleich zu sorgen.
Irgendwer muss immer zurückstecken. Lassen Sie im Zweifel lieber Ihren Partner warten oder einen beruflichen Termin sausen?
Ich nehme grundsätzlich Rücksicht auf die Zeit anderer, weil ich aus eigener Erfahrung weiss, wie eng unser aller Tage getaktet sind und wie schnell etwas ins Wanken kommen kann, wenn es irgendwo zu Verzögerungen kommt. Gerade in professionellen Kontexten wird Zeit ja durchaus auch als Machtinstrument eingesetzt, wenn etwa Vorgesetzte ihre Untergebenen bewusst warten lassen. Auch in Wartesituationen, beispielsweise beim Arzt, oder wenn Professorinnen ihren Studierenden nur eine Stunde Sprechzeit pro Woche anbieten. Vielen scheint noch gar nicht bewusst zu sein, dass Hierarchien auch über Zeit konstruiert werden. Ein Anliegen meines Buches ist, dass wir zu einer Zeitkultur kommen, in der Platz ist für Unvorhergesehenes – etwa Krankheit.
Kinder haben — zumindest meine — oft das Nachsehen, weil wir Erwachsenen Verpflichtungen nachkommen müssen. Ist die Zeit von Kindern weniger wert?
Nein, aber wir werten sie häufig ab. Etwa wenden viele Eltern Regeln gegenüber ihren Kindern härter an als bei sich selbst. Kinder müssen etwa oft ihr Spiel unterbrechen, wenn das Abendessen fertig ist, die Erwachsenen schreiben aber noch eben eine E-Mail fertig. Kinder spiegeln das sehr schnell, wenn sie dann auch anfangen, Sätze zu sagen wie: «Ich muss nur noch kurz dies oder das.» Das sollte ein Signal in Richtung der Eltern sein, selbst zuverlässiger zu werden.
Jetzt weiterlesen
Tagespass Online
- gültig direkt ab Kauf
- 24 Stunden Zugriff auf alle Inhalte
Haben Sie bereits ein Abo?
Bitte hier einloggen

