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Autorin: Johanna Wedl
Autorin: Barbara Schmutz
Bilder: Alexandra Wey
Donnerstag, 13. November 2025

«Wir spielen, bis der Ball nur noch aus Fetzen besteht. Mein Überbleibsel aus dieser Zeit ist ein Stück Polyester»

Von Jonas Gabrieli

Nervös blicken wir Kinder zur Strassenlampe. Wir wissen: Sobald sie leuchtet, müssen wir das Schulareal verlassen. Als es soweit ist, kicken wir trotzdem weiter. Einfach gestresster. Noch ein letzter Angriff. Noch ein letztes Tor. Aber der Schulhaus-Abwart kommt schon angelaufen und grätscht verbal dazwischen: «So, jetzt ist Feierabend!»

Jeden Tag dasselbe Spiel: Schule, nach Hause, Ufzgi machen, dann auf den Pausenplatz. Auf dem Weg dahin bei den Freunden klingeln. Den Albanern, dem Portugiesen, dem Schweizer. Auf dem roten Tartanplatz schürfen wir unsere Knie auf, rutschen an regnerischen Tagen umher und spielen, bis der Ball nur noch aus Fetzen besteht. Tschutten ist unser Freiraum, bei dem wir nebst technischen Feinheiten auch viel über Konfliktmanagement lernen.

Mein Überbleibsel aus dieser Zeit ist ein Stück Polyester. Es passt mir schon lange nicht mehr, aber weggeben? Das wäre eine Nummer zu gross für mich.

Zu viele Emotionen und Erinnerungen sind in dieses schwarzweiss gestreifte Leibchen eingeschwitzt. Mein erstes Fussballtrikot hängt noch immer in meinem Kleiderschrank.

Es ist nicht das ästhetischste Kleidungsstück, der Sponsor auf Brusthöhe hat leichte Risse, der Druck auf dem Rücken ist genauso verblichen wie die Strahlkraft meines damaligen Idols Alessandro Del Piero.

Wie meine Grosseltern stammt er aus der Region Venezien. Weil er Koteletten hatte, wollte ich mir als Zwölfjähriger auch welche wachsen lassen. Klappte leider nicht. Immer, wenn in der Zeitung über ihn berichtet wurde, griff ich zur Schere.

Der 1,73 Meter grosse Fussballer war ein Künstler auf dem Feld, schlenzte die Bälle aus grosser Distanz ins hohe Eck. Sein Spitzname: «Il pinturicchio», der kleine Maler. So war einst schon Bernardino di Betto genannt worden, der die Fresken in der Sixtinischen Kapelle in Rom mitgemalt hatte.

Apropos Renaissance: Auch Del Piero erlebte vor über 20 Jahren eine. Nach einem Kreuzbandriss und durchzogenen Saisons führte er sein Team 2003 ins Finale der Champions League. Natürlich nahm ich das Spiel auf Videokassette auf.

Kurz: Del Piero war mein Superheld. Und das Trikot sein Superhelden-Kostüm.

Also sparte ich beharrlich und bestellte das Trikot. Aber als es im Sommer 2003 eintraf, war ich zunächst enttäuscht. Es war nicht jenes, in dem mein Idol all seine herrlichen Tore erzielt hatte.

Stattdessen sandte mir der Fussballcorner Oechslin aus Zürich das Trikot der bevorstehenden Saison zu. Ein Trikot wie ein weisses Blatt Papier. Zu allem Übel bügelte meine Mutter den mitgelieferten Aufnäher – Symbol für den Gewinn der italienischen Meisterschaft – schräg auf. Ein schwieriger Start.

Zum Glück bemerkte das kaum jemand. Zu schnell rannten wir auf dem roten Platz umher, spielten die Szenen der Profis nach, kommentierten gleichzeitig unsere Spielzüge und kürten uns jeden Abend zu Weltmeistern. So wie Del Piero 2006. Solange die Strassenlampe dunkel blieb, waren wir in einer anderen Welt.

Heute blicke ich kritischer auf das Milliardengeschäft Fussball, des Sports, der sich hinter einer unpolitischen Haltung versteckt und Menschenrechtsverletzungen in Kauf nimmt.

Aber als ich vor zwei Jahren im Internet just jenes Trikot entdeckte, das ich als Zwölfjähriger bestellt hatte, legte ich es in den digitalen Warenkorb. Das war ich meinem Kindheits-Ich schuldig.

«Meine Namens-Tasse hält unentwegt heissen Kaffee für mich bereit. Unscheinbar und zuverlässig»

Von Andres Eberhard

Es gibt Dinge, die gehen sofort kaputt. Beziehungsweise just dann, wenn die Garantie abläuft. Meine elektrische Zahnbürste ist so ein Beispiel. Als der Bürstenkopf anfing zu lottern, kramte ich in meinem Kassenzettel-Mäppli – und musste feststellen, dass eine Woche zuvor die zweijährige Garantie abgelaufen war.

Da alles Schrauben nichts half und ich keine zielführenden Reparatur-Video-Tutorials fand, blieb mir nichts anderes übrig, als eine neue zu kaufen.

Dann wiederum gibt es Dinge, die halten ewig. Solche mehr oder weniger zeitlosen Stücke finden sich in meinem Kleiderschrank, aber auch im Bad oder in der Küche. Die Namens-Tasse, die mir meine Mutter vor gefühlt 100 Jahren von einem Weihnachtsmarkt mit nach Hause brachte, steht stellvertretend für diese unkaputtbaren Dinge.

Im Marketing wird diese Unterscheidung als «Peaches» versus «Lemons» bezeichnet. Die süssen Pfirsiche sind die Waren, die du haben willst: Sie sind funktionstüchtig und zuverlässig. Das Problem ist, dass sie im Regal direkt neben den Zitronen liegen – und dass von aussen nicht sichtbar ist, welche Produkte Pfirsiche und welche Zitronen sind.

Geschäftige Betriebswirtschaftler folgern daraus: Menschen sind bereit, viel Geld auszugeben, um sicher zu sein, nicht in eine saure Frucht beissen zu müssen. Also machen sie aus ihrem Produkt eine Marke und verkaufen sie teuer.

Bei meiner elektrischen Zahnbürste bin ich auf diesen Trick reingefallen. Sie war ein Markenprodukt und kostete fast 100 Franken. Weil sie unmittelbar nach Garantieschluss ablag, vermute ich eine hinterhältige Strategie: die sogenannte «geplante Obsoleszenz».

Demnach bauen Firmen absichtlich Verschleissteile in ihre Produkte ein, damit diese nach einer vordefinierten Zeit kaputtgehen. Denn: Niemand verdient Geld mit Dingen, die ewig halten.

Die Kunst des Lebens scheint mir aber, vereinfacht gesagt, sich nicht über das Saure aufzuregen, sondern das Süsse zu geniessen. Aus meiner Namens-Tasse habe ich schon Hunderte von Kaffees getrunken. Das sieht man ihr an: vom Rand ist etwas Keramik abgebröckelt, das Innere prägen ein Riss sowie Verfärbungen von stehengelassenem Kaffee.

bref+

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