Die Seite wurde Ihrer Lesezeichenseite hinzugefügt. Klicken Sie auf das Menüsymbol, um alle Ihre Lesezeichen anzuzeigen. Die Seite wurde von Ihrer Lesezeichenseite entfernt.
Bilder : Pascal Mora
Donnerstag, 19. Dezember 2024

Frau Wyss, wann haben Sie Ihren letzten Liebesbrief geschrieben?

Ui, das muss lange her sein. Ich habe viele geschrieben, an den letzten kann ich mich aber nicht mehr erinnern.

Liegt einer Ihrer Liebesbriefe im Archiv?

Nein! Das ist tabu, in der Forschung arbeitet man nicht mit eigenem Material.

Ist es das Persönliche und Intime der Liebesbriefe, das Sie bei Ihrer Arbeit reizt?

In der Germanistik hatte man bislang vor allem Liebesbriefe von Schriftstellern und Prominenten untersucht, heute würde man sagen, von alten weissen Männern. Ich wollte erfahren, welche Liebesbriefe Leute aus der Mitte der Gesellschaft schrieben und wie sich die Normen im 19. und 20. Jahrhundert veränderten.

Die Schweizer Sprachwissenschaftlerin Eva Wyss gründete 1997 in Zürich das Forschungsprojekt Liebesbriefarchiv. 1998 bis 2004 wurde es mit Hilfe des Schweizerischen Nationalfonds gefördert. Mit ihrem Ruf an die Universität in Koblenz (D) im Jahr 2013 zog auch das Archiv mit einem damaligen Bestand von 6000 Liebesbriefen um. Dieses Jahr wurde ihm der Kulturpreis deutscher Sprache verliehen. Es enthält derzeit fast 50 000 Liebesbriefe aus 64 Ländern und vier Jahrhunderten und ist damit zum grössten Liebesbriefarchiv im deutschsprachigen Raum gewachsen. Die Briefe, die hier lagern, werden seit 2021 von Freiwilligen transkribiert, anonymisiert und eingescannt. Einsendungen, ob in analoger oder digitaler Form, sind weiterhin willkommen. Mehr dazu auf liebesbriefarchiv.de.

Um an Forschungsmaterial zu kommen, haben Sie 1997 ein Zeitungsinserat aufgegeben und innert einem halben Jahr über 2500 Liebesbriefe erhalten. Wie erklären Sie sich diesen grossen Rücklauf?

Liebesbriefe sind Teil des Kulturerbes. Viele der Absender freuen sich, dass man sich für ihre Geschichten interessiert. Und manche waren einfach froh, dass ihre Briefe irgendwo aufbewahrt werden. Eine Frau, die etwa sieben Beziehungen hatte, schickte uns eine Schachtel mit Briefen und schrieb, es komme ihr vor wie eine Organspende. Sie hat die Briefe auch als etwas sehr Körperliches wahrgenommen.

Sind sie öffentlich zugänglich?

Nur ein kleiner Teil. Der Grossteil dient Forschungsarbeiten und ist anonymisiert. Auf Wunsch scannen wir die Liebesbriefe ein und schicken das Original zurück

«Meine These ist, dass Menschen, sobald sie Schreibmaterial hatten, sich Liebesbriefe schrieben.»

Welche Erkenntnisse konnten Sie bisher gewinnen?

Dass es eine riesige Vielfalt an Liebesbriefen gibt. Ich hätte nie gedacht, dass Liebesbriefe so unterschiedlich sein können, manche sehr schmuckvoll, andere nur auf Zettelchen gekritzelt. Es gibt aber auch Strukturen, die fast immer eingehalten werden.

Welche?

Zum Beispiel die Anrede mit Kosenamen. Sie definiert die Beziehung zwischen Absender und Empfängerin. Diese Form der Beeinflussung scheint wichtig zu sein und kommt fast überall vor, ob in alten Briefen, in Telegrammen, E-Mails, sogar in WhatsApp-Chats.

Der älteste Liebesbrief in Ihrem Archiv stammt aus dem Jahr 1715. Seit wann werden Liebesbriefe geschrieben?

Meine These ist, dass Menschen, sobald sie Schreibmaterial hatten, sich Liebesbriefe schrieben. Denken Sie an Schulkinder: Sobald sie schreiben können, reichen sie sich Zettelchen, auf denen etwa «I ha di gern» draufsteht. Liebesbriefe sind existenziell.

Annelies Döring und Bernd Theophil haben sich spät gefunden. Wie ist es, sich im Alter neu zu verlieben ?
Es ist Liebe

Annelies Döring und Bernd Theophil haben sich spät gefunden. W...

Februar 2021
Anja Maier
Ina Schönenburg

Wie unterscheiden sich frühe Liebesbriefe, die von Männern und Frauen geschrieben wurden, voneinander?

Im Gegensatz zu den Männern schrieben Frauen im 19. Jahrhundert zurückhaltend über ihre Emotionen, alles andere hätte als aufdringlich gegolten. Sie gaben den Männern auch selten Kosenamen. Männer hingegen schrieben Frauen mit «Hasi» oder «meine Süsse» an. In einem Brief wird eine Frau mit «mein Kerl» angesprochen, in einem anderen mit «mein lieber Firlefanz». Da gibt es lustige Formulierungen.

Spielt Religion eine Rolle in Liebesbriefen?

In früheren Briefen waren Religiosität und Konfession ein wichtiges Thema, vor allem wenn ein Verlöbnis oder eine Ehe anstand. Heute findet man eher Anzeichen von Alltagsspiritualität, eine Art Liebesreligion, in der man sich mit «mein Engel» anredet oder die Gefühle als etwas Wundervolles und Unbeschreibliches darstellt. In Chats zum Beispiel mit Stern- oder Elfen-Emojis.

«Im richtigen Augenblick ein Zettelchen auf dem Nachttisch zu finden kann manchmal viel wichtiger sein als jeder Brief der Welt.»

Heute schreibt man sich kaum noch Briefe, dafür viele WhatsApp-Nachrichten. Welche Bedeutung hat ein handgeschriebener Brief noch?

Das kommt auf die Situation und den Inhalt an. Vom kulturellen Habitus und der Inszenierung her ist ein Brief natürlich wichtiger als eine kurze Nachricht. Aber es kann unangenehm oder gar übergriffig sein, von einer Person, die man nicht mag, einen Liebesbrief zu erhalten. Briefe werden oft strategisch eingesetzt, um jemanden zu überzeugen oder auch herumzukriegen. Auch der Moment ist entscheidend.

Wie meinen Sie das?

Gefühle sind etwas Flüchtiges. Im richtigen Augenblick ein Zettelchen auf dem Nachttisch zu finden oder eine WhatsApp-Nachricht zu erhalten kann manchmal viel wichtiger sein als jeder Brief der Welt.

Sie sammeln und untersuchen auch Chats.

Bei WhatsApp-Nachrichten kann man neue Phänomene beobachten. Das Problem ist, dass ein Chat ein Bandwurm ist, in dem viel Nebensächliches drinsteht. Da wissen wir noch nicht, wie wir belanglose Inhalte ohne grossen Aufwand aussortieren können.

Von welchen Phänomenen reden Sie?

In Nachrichten entwickeln sich oft Paarsprachen und Insider-Codes. Es werden Emojis verwendet, die mit der Zeit zur gemeinsamen Identität gehören und sogar als Interpunktionszeichen eingesetzt werden, zum Beispiel ein Tier-Emoji. Es gibt aber auch andere lustige Beobachtungen.

Erzählen Sie bitte.

Ein Paar hat in seinem Chat eine Art Babysprache entwickelt. Die beiden haben sich nur noch «Baba Bubu Baba Lala» und solche Sachen geschrieben (lacht). Das waren Leute aus der Medienbranche, die gut schreiben können.

Geehrtes Fräulein Guhling Möchte mich vorerst wegen meinem Betragen am gestrigen Abend entschuldigen. Hoffentlich zürnen sie mir nicht mehr! Bin am heutigen Morgen gesund und munter angekommen. Hoffentlich haben sie bei Ihren Eltern keine Unannehmlichkeiten gehabt was mir sehr Leid tun würde. Wenn sie mir nicht mehr zürnen, so würde ich mich sehr freuen einmal Nachricht von Ihnen zu erhalten. Auf jeden fall würde ich sehr erfreut sein wenn ich sie am folgenden Sonntag am Millerntor erwarten dürfte wenn es Ihnen recht ist 8 Uhr. Bis dahin seien sie herzlich gegrüsst von Ihrem Paul(?) (Bild: zvG, Liebesbriefarchiv)

Haben Sie eine Erklärung?

In Paarverbindungen möchte man häufig vorbehaltlos angenommen werden, auch mal so sein können, wie man sonst nicht ist. Dazu gehören auch Blödeln und Unvernunft.

Wird in Liebesbriefen auch gestritten?

Wir haben einen längeren Briefwechsel, der zeigt, wie heftig eine Frau mit ihrem zukünftigen Mann über ihre Rolle in der Ehe gestritten hat. Das war Anfang der 1960er-Jahre, als die Frauenbewegung aufkam. Das ist auch historisch betrachtet spannend.

Wer transkribiert all diese Briefe?

Wir haben Freiwillige, sogenannte Bürgerwissenschaftlerinnen, die uns dabei helfen. Kürzlich hat jemand ein ganzes Konvolut transkribiert, es umfasst bis zu zwanzig Seiten lange Briefe, die ein Mann seiner Angebeteten täglich schrieb. Mit der Feder! Ausserdem verfasste er Geschäftskorrespondenz, und wöchentlich schrieb er auch noch jedem Familienmitglied einen Brief. Einmal klagt er über Schreibkrämpfe.

Welcher Brief hat Sie am meisten berührt?

Sehr berührend sind Briefe aus Kriegszeiten: Soldaten, die von der Front oder aus dem Lazarett ihrer Frau, Verlobten oder dem Kind schreiben. Und trotz ihrem offensichtlichen Schmerz gute Stimmung verbreiten wollen, Witze machen oder romantische Zeichnungen mitschicken.

Archivieren Sie Begleitmaterial?

So gut es geht. Wir erhalten alles Mögliche: Haare, Kalender-Abrissblätter, pornografische Bilder, Liebesbriefe auf grossen Herren-Stofftaschentüchern, Fotos von Liebeserklärungen, die mit Kreide auf den Boden gemalt wurden. Einmal erreichte uns ein drei mal fünf Meter grosser Liebesbrief, plastifiziert, mit Ösen zum Aufhängen. Oft bekommen wir ganze Pakete, meist von Angehörigen, die das Haus ihrer Eltern oder Grosseltern räumen und dabei auf Liebesbriefe und Beigaben stossen.

Erhalten Sie Anfragen, wie man einen guten Liebesbrief schreibt?

Bisher noch nie. Und jetzt hilft sowieso ChatGPT (lacht).

Ist das so?

Wir haben es ausprobiert – das Resultat ist gar nicht so schlecht. Vor allem, wenn man es noch bearbeitet und personalisiert. Ich merke es allerdings, wenn jemand einen Liebesbrief mit ChatGPT schreibt. Der Text wirkt oberflächlich und geschliffen.

Ob mit Feldpost in Kriegsgefangenschaft (oben) oder auf verziertem Papier (unten): Liebesbriefe werden in allen Lebenslagen und Formen geschrieben.

(Bild: zvG, Liebesbriefarchiv)

Wo kann man sich sonst inspirieren lassen?

Im Internet findet man Liebesbriefmaschinen und in Buchhandlungen Bücher mit Liebesbriefen. Wer gar nicht mehr weiterweiss, wendet sich an eine professionelle Briefstellerin, die wie einst Cyrano de Bergerac für andere Personen Liebesbriefe schreibt.

Sie haben schon so viele Liebesbriefe gelesen. Was sollte man auf jeden Fall vermeiden?

Sich über die Bedürfnisse der anderen Person hinwegzusetzen.

Und was kommt immer gut an?

Wenn ein Engagement erkennbar ist. Indem man kreativ ist oder sich bei der Handschrift Mühe gibt. Man sollte sich zudem gut überlegen, in welcher Situation sich die Empfängerin gerade befindet. Wenn man sich dessen bewusst ist, kann man mit dem Schreiben beginnen. Aber es gibt keine allgemeingültigen Regeln. Wer jemandem ein Zeichen der Liebe schickt, macht damit schon vieles richtig.