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Bilder: Rahel Zuber
Donnerstag, 19. Juni 2025

Kapitel N° 1

WAS DER KLIMAWANDEL FÜR DIE LANDWIRTSCHAFT BEDEUTET

Es waren spektakuläre Bilder, als im Sommer 2018 die Armee mit dem Helikopter Wasser zum Tränken von Kühen auf Schweizer Alpen flog. Vier Jahre später war der Sommer erneut aussergewöhnlich trocken; wieder flog die Armee Wasser auf Alpen. Dieses Mal aber war die Medienaufmerksamkeit deutlich kleiner: Mediale Gewöhnung geht schnell.

2024 lag die weltweite Durchschnittstemperatur 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau. Es war das wärmste Jahr seit Messbeginn – und allen wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge das wärmste seit 120 000 Jahren.

Viele realisierten erstmals im Sommer 2003, dass die Klimaerwärmung auch sie betrifft. Über Monate stieg die Temperatur auf Werte um die 30 Grad, es regnete kaum, Rasenflächen präsentierten sich struppig braun. Einen solchen Sommer hatte es im ganzen 20. Jahrhundert keinen gegeben. Seither sind Jahre wie 2003 fast schon normal. Die drei wärmsten, die in der Schweiz je gemessen wurden, waren die drei letzten: 2022, 2023, 2024.

Was bedeutet diese Entwicklung für die Schweizer Landwirtschaft? Wie muss sie sich verändern? Oder ist das gar nicht nötig? Kann sie weitermachen wie bisher – notfalls unterstützt durch Helikopter?

Für den Präsidenten der SVP, die sich als die Partei der Bauern sieht, ist die Sache halb so wild. In einem Interview mit der «NZZ» im Jahr 2023 sagte Marcel Dettling: «Es ist mir lieber, wenn es wärmer wird als kälter. Für die Bauern ist die Klimaerwärmung nicht schlecht» Und: «Wenn man jetzt einfach dem Menschen die Schuld an der Klimaerwärmung gibt, ist das eine neue Form der Hexenjagd.»

Landwirt Dettling – seine Frau führt eine Kälbermast in Oberiberg – hätte vielleicht nicht ganz unrecht, wenn es einfach nur wärmer würde, gleichmässig übers Jahr verteilt: Dadurch wird die Vegetationsperiode länger.

Aber so einfach ist es nicht.

2007 publizierte das Beratende Organ für Fragen der Klimaänderung – eine inzwischen aufgelöste Kommission, die den Bundesrat beriet – den Bericht «Klimaänderung und die Schweiz 2050», der ein Kapitel zur Landwirtschaft enthielt. «Tendenziell», steht da, «wird sich aber eine moderate Klimaerwärmung von weniger als ca. 2–3 °C im Jahresmittel (gegenüber vorindustrieller Zeit, Anm. d. Red.) bis 2050 allgemein positiv auf die Landwirtschaft in der Schweiz auswirken.»

Das mag beruhigend klingen. Nur: Jetzt schreiben wir erst das Jahr 2025, und in der Schweiz ist es bereits 2,9 Grad wärmer als in vorindustrieller Zeit. Ausserdem weiss man mittlerweile mehr als 2007.

Die Auswirkungen der Klimaerhitzung betreffen die Landwirtschaft heute schon und werden sie in naher Zukunft vor massive Probleme stellen. Hinzu kommt: Die Landwirtschaft ist Mitverursacherin der Klimakrise. Nach den offiziellen Zahlen des Bundes erzeugt sie 15,5 Prozent der in der Schweiz ausgestossenen Treibhausgasemissionen.

Die Bilder zu dieser Geschichte zeigen die Schweizer Landwirtschaft auf ungewohnte Art und Weise. Für ihr Projekt «Nährstoffkonzentration» tauchte die Zürcher Fotografin Rahel Zuber analoge Fotos, die sie von Wiesen, Weiden und Feldern gemacht hatte, in Substanzen, die sie rund um die Bauernhöfe gefunden hatte. Daraus entstanden verfärbte, von einem weissen Film überzogene oder mit knalligen Streifen versehene Bilder.

Zwar folge die Schweizer Landwirtschaft strengen Umweltstandards und Pflanzenschutzmittel sowie Dünger seien oft biologisch abbaubar, sagt Zuber. Dennoch würden in Gewässern immer wieder zu hohe Nährstoffkonzentrationen gemessen. «Die Absicht hinter meinem Projekt ist es zu zeigen, dass wir immer Spuren hinterlassen, wenn wir etwas nutzen.» So hätten auch natürliche Dünger, die sie auf Bio-Höfen fand, die Fotografien deutlich verändert. «Solche Substanzen gelangen normalerweise nicht auf Fotos, aber ins Abwasser oder auf unser Gemüse und unsere Früchte», so Zuber.

Die von Zuber verwendete Technik des Einlegens von Bildern in Flüssigkeiten ist in der Fotografie als Filmsuppe bekannt. Die mit einer analogen Minolta-Kamera (35 mm) geschossenen Bilder legte sie für 24 Stunden in die vorgefundenen Substanzen. Vor dem Entwickeln liess sie die Fotos rund zwei Wochen trocknen.

Für die Arbeit «Nährstoffkonzentration» gewann Rahel Zuber den 1. Preis beim Swiss Press Photo Award in der Kategorie «Schweizer Geschichten». Die Bilder waren ausserdem Teil der Serie «GRADwanderung» der Fotoagentur Lunax, bei der sich 14 Künstlerinnen und Künstler mit dem Thema Klimawandel auseinandersetzten. eba

Wesentlich grösser ist der «Klima-Fussabdruck» des Schweizer Ernährungssystems, wenn man die gesamte Wertschöpfungskette betrachtet: Es verursacht im Ausland etwa doppelt so viele Emissionen wie in der Schweiz selbst. Und in der Vergangenheit hat die Gewinnung von landwirtschaftlichem Kulturland aus Feuchtgebieten – etwa im Berner Seeland, in der Aareebene zwischen Büren und Solothurn, in der Linthebene oder im St. Galler Rheintal – gigantische Mengen Treibhausgase verursacht.

Der Grund dafür: Nasser Boden speichert Kohlenstoff. Wird der Boden trockengelegt, oxidiert der Kohlenstoff und gelangt als CO2 in die Luft. Ein Teil der «korrigierten» Gewässer muss heute revitalisiert werden. Zum einen damit sie bei Hochwasser genug Platz haben und so Überschwemmungen vorgebeugt werden kann, zum anderen um die Biodiversität zu stärken. Das geht auf Kosten von Kulturland.

Mehr Trockenheit, mehr Wasser, weniger Eis

Der Denkfehler von Dettling und vielen anderen: Es wird nicht einfach «nur» wärmer. Die Veränderungen lassen sich nicht in einer Zahl – wie der Durchschnittstemperatur – fassen. Mitunter sind die Auswirkungen paradox.

Beispielsweise, was die Niederschläge angeht. Übers Jahr gesehen werden in Zukunft ähnliche Niederschlagsmengen fallen wie heute. Trotzdem wird es einerseits mehr und längere Phasen der Trockenheit geben, andererseits mehr Starkregen. Fällt aber der Regen auf ausgetrocknete Böden, sickert er nicht ein, sondern fliesst oberirdisch ab; in schlimmeren Fällen kommt es zu Überschwemmungen und Erdrutschen sowie der Erosion von fruchtbarem Humus.

Was widersprüchlich klingt, ist leicht erklärbar. Wenn es wärmer ist, verdunstet mehr Feuchtigkeit aus den Böden und von den Pflanzen. Pro Grad Wärme kann Luft aber auch 7 Prozent mehr Wasser aufnehmen. Es dauert also an warmen Tagen länger als an kühleren, bis die Luftfeuchtigkeit den Punkt der Sättigung erreicht, bei dem es zu regnen beginnt. Ist es dann aber so weit, fällt umso mehr Wasser vom Himmel.

Wir sprechen hier nicht von einem Szenario, das in einer fernen Zukunft liegt. Eine Forschungsgruppe der ETH Zürich unter der Leitung der Klimawissenschaftlerin Sonia Seneviratne hat berechnet, dass ein so trockener Sommer, wie wir ihn 2022 erlebt haben, ohne Klimaerwärmung höchstens alle 400 Jahre erwartbar wäre. Unter den heutigen klimatischen Bedingungen müssen wir aber alle zwanzig Jahre damit rechnen – das Szenario ist zwanzigmal wahrscheinlicher geworden.

Auf die Landwirtschaft hat das enorme Auswirkungen.

Heute werden schweizweit etwa 5 bis 7 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche bewässert. Laut einer 2023 veröffentlichten Studie von Agroscope, dem Kompetenzzentrum des Bundes für die landwirtschaftliche Forschung, könnte die Zahl der bewässerungsbedürftigen landwirtschaftlichen Nutzflächen bis 2035 auf 70 Prozent ansteigen.

Das Bewässern wird aber nicht einfacher, im Gegenteil: Heute führen die Flüsse, die aus den Alpen kommen, zwar das ganze Jahr über Wasser. Aber nur wegen der Gletscher. Diese speichern die Winterniederschläge bis in den Sommer; auch wenn es im Sommer nicht regnet, fliesst in den Flüssen Schmelzwasser. Aber die Gletscher schwinden. Bis 2100 könnten sie ganz verschwunden sein. Mit einem weltweit ambitionierten Klimaschutz liesse sich immerhin ein Viertel des heutigen Eisvolumens retten.

Im Wallis, der trockensten Region der Schweiz, nutzt die Landwirtschaft seit Jahrhunderten das Bewässerungssystem der Suonen. Ohne Gletscherwasser wird eine Technik, die über unzählige Generationen ihren Dienst tat – und nicht wenig zum Stolz der Walliserinnen und Walliser beiträgt – trockenfallen. Schon heute hat sich die Zeit der stärksten Eisschmelze vorverschoben. Das führt dazu, dass die Suonen Anfang Sommer am meisten Wasser führen – und nicht mehr wie einst Ende Sommer, wenn der Bedarf am grössten ist.

Auch was die Temperaturen angeht, kommt es zu paradoxen Folgen. So nimmt etwa das Risiko von Frostschäden an Obstbäumen nicht etwa ab, wenn es wärmer wird – sondern zu. Wegen milderer Winter blühen die Obstbäume heute zwei Wochen früher als im Durchschnitt der Jahre von 1960 bis 1990. Frostnächte kann es aber weiterhin bis weit in den Frühling hinein geben. Der Frost macht den Bäumen nichts, solange sie nicht blühen – die Blüten jedoch überleben die Minusgrade nicht.

Neue Schädlinge tauchen auf

Eine weitere Folge der Klimaveränderungen betrifft Schädlinge und Krankheiten. Neue Schädlinge tauchen bei uns auf, denen es früher noch zu kalt war – etwa die aus Asien stammende Marmorierte Baumwanze, die 2004 erstmals in der Schweiz gesichtet wurde. Sie befällt Früchte zahlreicher Arten und ist für die Landwirtschaft ein Problem. Einheimische Schädlinge wie der Apfelwickler haben in wärmeren Jahren mehr Fortpflanzungszyklen pro Jahr als früher. Krankheitserreger wie Pilze, Bakterien und Viren reagieren unterschiedlich. Bei trockenerem Wetter sinkt etwa das Risiko eines Pilzbefalls tendenziell; eine Kombination von Feuchtigkeit und Wärme steigert es.

Das Wetter wird unberechenbarer, die Planbarkeit nimmt ab.

Andere Weltregionen werden noch stärker betroffen sein als die Schweiz. Aber weil die Wertschöpfungsketten auch in der Landwirtschaft längst globalisiert sind, werden sich Ernteausfälle beispielsweise in Regionen, die Futtermittel für Schweizer Vieh produzieren, auch hierzulande auswirken.

Ein Gewitter als Weckruf

Die meisten wissenschaftlichen Studien untersuchen heute die Szenarien, die am ehesten erwartbar sind. Weil es aber nicht einfach gleichmässig wärmer wird, muss zunehmend auch mit Extremen gerechnet werden, die in den üblichen Szenarien nicht enthalten sind. Ein trockener Sommer schadet der Landwirtschaft; mehrere trockene Sommer hintereinander steigern die Schäden überproportional.

Das Forschungsprogramm «Extremes» der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft untersucht, was es heisst, wenn mehrere Extremereignisse gleichzeitig oder in Serie auftreten. Die Auswirkungen auf die Landwirtschaft stehen nicht im Fokus des Programms, aber es zeigt: Die Folgen von Extremereignissen nehmen überproportional zu, wenn mehrere solcher Ereignisse zusammentreffen.

Sind sich die Landwirte und Landwirtinnen der Dimensionen bewusst, die auf sie zukommen?

«Das ist sehr unterschiedlich – wie in der Gesamtbevölkerung», sagt Hannah von Ballmoos, Fachverantwortliche Klima und Energie beim Schweizerischen Bauernverband, SBV. «In der Landwirtschaft ist es normal, dass man sich anpassen muss. Zu denken: ‹Es gab schon immer trockene Sommer› ist ein naheliegender Schutzmechanismus. Es liegt aber in der Natur der Landwirtschaft, die Produktion an Bedingungen anzupassen, die sich ändern – unabhängig davon, was man als Ursache erkennt. Aber heute geht der Wandel viel schneller. Ob die Betriebe das richtig einschätzen können, ist schwer zu sagen. In der Romandie ist die Sensibilität aufgrund der stärkeren Betroffenheit der letzten Jahre etwas höher als in der Deutschschweiz.»

Konrad Langhart, der im zürcherischen Stammheim einen biodynamischen Hof führt, sagt auf die Frage, ob seine Berufskolleginnen und Berufskollegen die Dimensionen der Krise verstanden hätten: «Jein. In meinen Kreisen – also unter Bio- und Demeterbauern – auf jeden Fall. Aber es gibt immer noch Landwirte, die bei Extremereignissen sagen: ‹Das sind Ausnahmen.› Obwohl wir jetzt sehen, dass das nicht stimmt.»

Langhart weiss, wie konservative Landwirtinnen und Landwirte ticken, denn «seine Kreise», das war eine Weile lang die SVP. 2011 wurde er für die Partei in den Zürcher Kantonsrat gewählt, 2016 bis 2019 präsidierte er die Kantonalpartei. Dann trat er als Parteipräsident zurück und wechselte schliesslich im Frühling 2021 zur CVP (heute Die Mitte), für die er bis Anfang 2025 im Kantonsrat sass.

Im August 2017 richtete ein Gewitter, wie er es noch nie erlebt hatte, in seinen Kulturen grosse Schäden an. Da sei ihm klar geworden: «Das ist nicht mehr normal.» Die Klimafrage sei denn auch ein Grund für den Parteiwechsel gewesen: «Die Diskrepanz wurde immer grösser, und heute könnte ich mir nicht mehr vorstellen, in der SVP zu sein. Ich glaube, die meisten SVP-Bauern sind hin- und hergerissen zwischen dem, was sie erleben, und dem, was die Partei sagt.»

Die Bundesämter für Umwelt und für Landwirtschaft haben 2023 die «Klimastrategie Landwirtschaft und Ernährung 2050» präsentiert. Dieses Dokument wird deutlicher, als man es von politischen Debatten gewöhnt ist. So steht etwa: «Es braucht eine Transformation des Ernährungssystems.» Denn erstens muss das Ernährungssystem vor den Folgen der Klimaerhitzung geschützt werden, zweitens soll es einen Beitrag leisten und seine Treibhausgas-Emissionen senken. Und drittens ernähren sich Schweizerinnen und Schweizer ungesund. Nötig für eine Transformation – aber politisch extrem unpopulär – ist eine Veränderung des Konsums: «Der Fleischkonsum ist zu hoch», heisst es im Bericht klipp und klar.

Konsum über die Produktion lenken?

Allerdings bleibt das Emissionsziel der «Klimastrategie Landwirtschaft und Ernährung 2050» bescheiden: Um «mindestens 40 Prozent» gegenüber 1990 sollen die landwirtschaftlichen Treibhausgas-Emissionen sinken. Zum Vergleich: Für die Industrie sieht das Gesetz bis 2050 eine Emissionsminderung um 90 Prozent vor, für Gebäude und Verkehr eine solche um 100 Prozent.

In einer Stellungnahme begrüsst der Bauernverband die Klimastrategie des Bundes, kritisiert aber «die Bemühungen, die tierische Produktion einzuschränken und den Konsum zu lenken».

Die Schweizer Bauern produzieren, was Schweizerinnen und Schweizer kaufen. Das klingt plausibel. Aber auch die Anreize sind auf die Tierhaltung ausgerichtet. Gemäss Bundesamt für Landwirtschaft fliessen rund vier Fünftel der Direktzahlungen direkt oder indirekt in die Tierhaltung – eine Zahl, die der SBV bestreitet und die sich tatsächlich nicht präzise verifizieren lässt. Klar ist: Pflanzen anzubauen lohnt sich für die Landwirtinnen und Landwirte in vielen Fällen einfach weniger.

Das hat auch Hannah von Ballmoos erlebt. Auf dem eigenen Landwirtschaftsbetrieb hat sie mit ihrem Mann einige Jahre Süsskartoffeln und Quinoa angebaut – zwei Kulturen, die in einem wärmeren Klima einheimische ersetzen könnten. Damit haben sie wieder aufgehört, weil es sich nicht rechnete. So gibt es für Quinoa, anders als für Fleisch, keinen Grenzschutz. Verglichen mit importiertem Quinoa ist der Anbau in der Schweiz zudem nicht konkurrenzfähig und die Zahlungsbereitschaft der Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten zu gering.

Böte der Bauernverband Hand zu einer weniger fleischlastigen Produktion, wenn die Bedingungen stimmten?

Hannah von Ballmoos sagt: «Wir wehren uns nicht gegen bessere Bedingungen für die pflanzliche Produktion, im Gegenteil! Aber man kann nicht einfach die Subventionen von der Viehwirtschaft in den Pflanzenanbau umleiten. Wenn man die Fleischproduktion weniger unterstützt, die Menschen aber immer noch gleich viel Fleisch essen wollen, müssen wir mehr importieren. Das nützt weder dem Klima noch dem Tierwohl. Ausserdem ist die Viehwirtschaft wichtig für die Nutzung des Grünlandes, auch im Talgebiet. Es ist gut, dass die Klimastrategie das ganze Ernährungssystem in den Blick nimmt. Aber die Massnahmen, die sie vorschlägt, zielen vor allem auf die Landwirtschaft ab.»

In vier Phasen zur Transformation

Der SBV sagt sinngemäss: Wir wären schon bereit, anders zu produzieren – aber wir müssen produzieren, was die Konsumentinnen und Konsumenten kaufen wollen. Das ist zwar richtig – aber gekauft wird auch, was angeboten wird. Angebot und Nachfrage sind wie die Frage, was zuerst da war: das Huhn oder das Ei. Darum gelingt die nötige Transformation nur, wenn das Ernährungssystem als Ganzes in den Blick genommen wird – mit seinen ökonomischen Anreizen und Fehlanreizen, seiner kulturellen und sozialen Dimension bis hin zu Gewohnheiten, die nicht in Stein gemeisselt sind.

Genau das haben Wissenschaftler getan. Wie sich ein nachhaltiges Ernährungssystem erreichen liesse, in dem tatsächlich weniger tierische Produkte nachgefragt werden, hat das wissenschaftliche Gremium Ernährungszukunft Schweiz unter der Leitung des ETH-Politikwissenschaftlers Lukas Fesenfeld untersucht und in einem Bericht dargelegt. Er analysiert die Situation klar: «Die Ernährungssicherheit ist gefährdet. Ohne rasches Handeln kann die globale Ernährungssicherheit – auch in der Schweiz – dauerhaft nicht gewährleistet werden und die Nachhaltigkeitsziele werden deutlich verfehlt.»

Der Bericht schlägt Massnahmen in vier Phasen vor. Die Abfolge der Phasen soll «positive Kipppunkte» auslösen – Entwicklungen, die sich selbst beschleunigen und Akzeptanz für weitere Massnahmen schaffen. So soll ein «gesamtgesellschaftlicher Verhandlungsprozess für eine Ernährungssystempolitik» in Gang kommen.

  • Zuerst soll ein Transformationsfonds eingerichtet werden mit dem Ziel, «neue Wertschöpfungsmöglichkeiten zu generieren, gesellschaftliche Normen zu wandeln und die Akzeptanz weitergehender Massnahmen in späteren Phasen zu erhöhen». Der Fonds könnte beispielsweise Aus- und Weiterbildungsprogramme finanzieren, Junglandwirte bei der Umstellung ihres Hofs unterstützen oder technische Innovationen fördern. Für die Gastronomie und den Handel würden wiederum steuerliche Anreize für Lebensmittelspenden geschaffen.
  • Phase zwei bringt regulatorische Massnahmen – etwa Zölle für tierische Produkte und importierte Futtermittel, eine CO2-Abgabe auf Lebensmittel oder Abgaben auf Stickstoff-, Ammoniak- oder Phosphorüberschüsse. Auch die öffentliche Förderung von Werbung für Fleischprodukte müsste dem Bericht zufolge gestrichen werden.
  • Phase drei sieht agrarpolitische Massnahmen vor und Unterstützung für den ländlichen Raum. Etwa mit einer Anpassung bei den Direktzahlungen, der Regulierung beim Gebrauch von Zertifikaten oder dem Abbau von Abgaben auf besonders nachhaltige Produkte. Des Weiteren könnten Working Poor in der Landwirtschaft finanziell unterstützt werden, damit sie zumindest so viel verdienen wie Sozialhilfebeziehende. Da Landwirte etwa doppelt so häufig Burnout-gefährdet sind wie der Durchschnitt der Bevölkerung, werden auch psychosoziale Therapieangebote vorgeschlagen.
  • In Phase vier wären dann Massnahmen fällig, die «tiefergreifende regulatorische Massnahmen» bringen, die «bisher noch weniger Akzeptanz geniessen». Konkret schlägt der Bericht beispielsweise vor, dem Detailhandel Aktionen für Niedrigpreis-Fleisch und andere tierische Produkte zu verbieten. Restaurants sollen Herkunft und Nachhaltigkeit von Fleischprodukten deklarieren müssen, ein Nachhaltigkeitslabel soll weitere Anreize setzen. Zudem werden Kontrollmassnahmen gegen Kinderarbeit in Ländern vorgeschlagen, aus denen wir Lebensmittel importieren. Internationale Handelsabkommen sollen angepasst werden.

Die gute Nachricht: Der Bericht zeigt, tiefgreifende Veränderungen sind möglich. Doch dafür braucht es politischen Willen. Damit der sich bildet, muss uns die Dringlichkeit bewusst werden. Denn es eilt. Das wissenschaftliche Gremium Ernährungszukunft Schweiz schlägt in seinem Bericht von 2023 einen ambitionierten Zeitplan vor: Phase I hätte bis 2025 umgesetzt sein sollen, Phase IV sollte 2030 beginnen.

Kapitel N° 2

DAS ERNÄHRUNGSSYSTEM UMKREMPELN – VORSCHLÄGE EINER FORSCHERIN

«Die Supermärkte bestimmen, was angeboten wird»

Weder einzelne Konsumentinnen noch Landwirte können den Absatzmarkt grundlegend verändern, sagt ETH-Professorin Johanna Jacobi. Sie plädiert für eine tiefgreifende Transition des Ernährungssystems – und für eine Fleischsteuer.

Frau Jacobi, warum brauchen wir agrarökologische Transitionen — also weitreichende Veränderungen nicht nur des landwirtschaftlichen Anbaus, sondern des ganzen Ernährungssystems bis hin zum Konsumverhalten?

Weil das Ernährungssystem ökologisch, ökonomisch und sozial in der Krise ist.

Man könnte effizienter produzieren und weniger verschwenden.

Das reicht nicht. Beispielsweise ist der Konsum an tierischen Produkten, Zucker und Alkohol viel zu hoch – das ist weder umweltverträglich noch gesund. Das sagt auch der Bund in seiner «Klimastrategie Landwirtschaft und Ernährung 2050». Aber die dominante politische Erzählung sagt: Das Problem sind die einzelnen Konsumentscheide.

Stimmt das denn nicht?

Konsumentinnen und Konsumenten haben im Supermarkt keine freie Wahl. Die Supermarktketten bestimmen, was angeboten wird, die Werbung lenkt unsere Aufmerksamkeit. Als einzelne Landwirtin oder als einzelner Konsument kann man sich dem nur schwer widersetzen.

Johanna Jacobi ist Förderprofessorin des Schweizerischen Nationalfonds an der ETH Zürich, wo sie die Gruppe Agrarökologische Transitionen leitet. Sie hat unter anderem in Indien und Bolivien geforscht. (Bild: zvg)

Wie liesse sich denn beispielsweise der Fleischkonsum senken?

Zum Beispiel mit preislichen Anreizen. Man weiss aus Mexiko und Kalifornien, dass die Zuckersteuer wirkt. Warum sollte also eine Fleischsteuer nicht auch Wirkung zeigen? Stattdessen subventioniert der Bund heute Fleischwerbung. Besser wäre es, andere Vertriebswege zu fördern: zum Beispiel Vegi-Tage oder vegetarische Kochkurse.

Eine Fleischsteuer würde die Freiheit beschränken.

Will ich die Freiheit haben, Produkte zu kaufen, die unter Sklaverei-ähnlichen Bedingungen produziert wurden oder für deren Anbau Regenwald zerstört wurde? Es stehen doch unsere Lebensgrundlagen auf dem Spiel! Und die agrarökologische Transition ist nicht nur mühsame Pflicht, sondern eine total schöne Aufgabe. Es geht um Vielfalt, ein Grundprinzip des Lebens – um Artenvielfalt, um Vielfalt von Betrieben und Produktionsformen, um kulinarische Vielfalt.

Das müsste in einer Konsumgesellschaft anschlussfähig sein.

Ja. Aber die Supermärkte bieten eine Scheinvielfalt. Es gibt viele Joghurtsorten, aber dahinter stecken wenige Unternehmen und immer dieselbe Verwertungslogik. Es gab in der Schweiz mal über tausend Apfelsorten, aber heute macht eine einzelne Sorte – Gala – einen Drittel aller verkauften Äpfel aus. Die Hochstamm-Obstbäume, die einst die Landschaft im Mittelland prägten, wurden ab den 1950er- bis in die 1970er-Jahre gezielt vernichtet. Täglich geben in der Schweiz zwei landwirtschaftliche Betriebe auf, die verbleibenden werden immer grösser und immer einheitlicher.

Wo muss eine Transition ansetzen?

Auf mehreren Ebenen. Zuerst: die giftigsten Pestizide und importierte Düngemittel ersetzen. Dann: die Landwirtschaft wieder diverser machen, mit Fruchtfolgen, die bereits ein guter Anfang sind. Und mit Mischkulturen, mit Agroforst, also dem Einbezug von Baumkulturen in den Acker- oder Gartenbau, und mit einem Nebeneinander von Pflanzen und Tieren. Drittens: neue Verbindungen zwischen Produktion und Konsum herstellen wie solidarische Landwirtschaft oder Direktvermarktungsmodelle. Schliesslich: internationale Regeln für einen fairen und nachhaltigen Handel schaffen. Das Ernährungssystem muss verantwortungsvoll und demokratisch geregelt sein und auf humanen, sozialen und ökologischen Werten beruhen.

Vieles gibt es in Nischen schon. Aber kann man so ein ganzes Land ernähren?

Man kann das skalieren. Wenn man dabei allerdings dem üblichen Wachstumsparadigma folgt, bekommen wir einfach neue grosse Anbieter mit einem neuen Label. Es muss um Qualität statt Quantität gehen. Es sollte nicht immer weniger grössere, sondern immer mehr kleine solcher Betriebe geben. Wir müssen unsere Erwartungen und gemeinsamen Ziele überdenken. Wichtiger als möglichst billige und «perfekt» aussehende Nahrung muss sein, dass Nahrung gut produziert wird und gesund und möglichst lokal ist, und wie die Landschaft aussieht.

Ist das nicht elitär? Wer gut verdient, kann einfach sagen: Es muss nicht billig sein.

Unter den heutigen Rahmenbedingungen hat das leider etwas Elitäres. Aber dass in einigen Orten zum Beispiel die Mieten so hoch sind, dass manche Leute deshalb bei der Nahrung sparen müssen, wird politisch hingenommen. Gesamtgesellschaftlich gesehen, ist der billige Konsum nicht billig, sondern mit seinen Umwelt- und Gesundheitskosten sehr teuer.

Die Klimastrategie des Bundesrats sieht vor, dass die Landwirtschaft ihre Treibhausgasemissionen bis 2050 um 40 Prozent senkt. Ginge nicht mehr?

Doch, natürlich! Der Tierbestand muss kleiner und ökologischer werden, besonders was Schweine und Hühner angeht. Wir müssen weniger synthetischen Dünger und Pflanzenschutzmittel einsetzen, die auch Treibhausgase verursachen. Aber ich spreche lieber vom Ernährungssystem als Ganzem als nur von der Landwirtschaft hier in der Schweiz. Immerhin importieren wir die Hälfte der Nahrungsmittel, alle chemischen Düngemittel, alle fossilen Treibstoffe, einen grossen Teil der Futtermittel und der Pestizide; all das verursacht Treibhausgasemissionen und andere Schäden im Ausland.

Sie sassen in der Begleitgruppe der Klimastrategie Landwirtschaft.

Ja. Da gab es wenige Vertreterinnen der Wissenschaft und viele Vertreter von grossen Unternehmen. Das war nicht sehr demokratisch. Und es galt das Mantra: Alles muss freiwillig sein. Dabei zeigt uns die Forschung, dass das die letzten Jahrzehnte überhaupt nicht gut funktioniert hat.

Was macht die Schweiz heute bereits richtig?

Vieles. Der Bund fördert die Agrarökologie offiziell, neu zudem den Agroforst. Es gibt auch viele Initiativen auf kantonaler und kommunaler Ebene. Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern gibt es immer noch relativ kleine Höfe, die im Familienbetrieb geführt werden, und keine riesigen Agrarwüsten wie in Nachbarländern. Der Fleischkonsum sinkt, der Bio-Anteil an der Produktion steigt – wenn auch sehr langsam.

Haben Landwirtinnen, die landwirtschaftlichen Verbände, Politik, Verwaltung und die landwirtschaftlichen Schulen die Herausforderungen verstanden?

Auch wenn sie es vielleicht verstanden haben, geht es gleichwohl mehrheitlich darum, ein Weiter-So zu sichern. Es gibt grosse Ängste: Man will uns die Tierhaltung verbieten! Da bestehen tiefe argumentative Gräben und auch grosse Sachzwänge.

Nennen Sie uns bitte ein paar Beispiele für eine gute Entwicklung.

Der Verein Agroecology Works, in dessen Vorstand ich bin, präsentiert an den Tagen für Agrarökologie jedes Jahr achtzig bis hundert Initiativen von Fermentationskursen über Agroforst, solidarische Landwirtschaft, saisonal kochende Restaurants bis hin zu elektrifizierten Betrieben. Für so ein kleines Land ist das viel, das motiviert mich sehr.

Kapitel N° 3

MÖGLICHE ZUKUNFTSSZENARIEN

Wie sich die Nahrungsproduktion verändern könnte – drei Beispiele

Kartoffeln – wachsen unter Bäumen

Der Kartoffel setzt die Klimaerwärmung besonders zu. Sie wird bereits heute häufig bewässert. In Zukunft wird es noch viel mehr Bewässerung brauchen. Weil sie flach wurzelt, kann die Kartoffel bei Trockenheit Wasser nicht aus der Tiefe des Bodens holen. Ausserdem verträgt sie keine Hitze: Schon ab 25 Grad reduziert sie ihre Knollenbildung. Heisse Sommer wie 2022 und 2023 brachten deshalb schlechte Ernten mit sich. Aber auch anhaltende Regenperioden wie im Frühling und Frühsommer 2024 sind ein Problem, weil die Nässe Krankheiten wie die Kraut- und Knollenfäule begünstigt.

Nicht jeder Kartoffelacker lässt sich bewässern. Das sei aber nicht unbedingt problematisch, sagt Patrice de Werra von Agroscope, da frühe Sorten auch in Zukunft ohne Bewässerung auskommen könnten. Ein Ausweichen in höhere Lagen – die Kartoffel stammt aus den Anden – biete sich nicht an, weil die dortigen Flächen begrenzt sind und weil sich ihre Topografie für den mechanisierten Anbau nicht eignet. Nebst zusätzlicher Bewässerung und angepassten Sorten könnten auch andere Anbautechniken wie beispielsweise Agroforst (Mischkulturen mit Schatten spendenden Bäumen) sinnvolle Lösungen darstellen.

Keinen Ersatz bietet die (mit der Kartoffel nicht verwandte) Süsskartoffel. Zwar handelt es sich um eine Kultur, die dank der Erwärmung neu angebaut werden kann und bei der die Nachfrage seit einigen Jahren zunimmt. Sie ist aber weit davon entfernt, die 45 Kilogramm Kartoffeln, die Schweizerinnen und Schweizer pro Jahr konsumieren, zu ersetzen. mh

Rindvieh – Kühe nachts grasen lassen

Milchkühe sind chemische Fabriken, die Gras in Milch umwandeln. Dabei entsteht Abwärme. Wenn auch die Umgebung warm ist, reduziert die Kuh ihre Leistung, um nicht zu überhitzen. Sie gibt weniger Milch.

Kühe reagierten auf hohe Temperaturen individuell unterschiedlich, sagt Mirjam Holinger vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau. Sie hat zu Hitzestress von Milchkühen geforscht. Die wärmeempfindlichen Tiere würden bereits unter Hitzestress leiden, wenn es für Menschen noch kühl sei. Viele Bauern und Bäuerinnen unterschätzten die Folgen zu hoher Temperaturen für Tierwohl und Produktion. Das liege auch daran, dass die Tiere, die auf eine hohe Milchleistung gezüchtet werden, dadurch auch wärmeempfindlicher würden. Mutterkühe und Mastvieh seien weniger heikel, da ihr Stoffwechsel weniger leisten muss.

Mit der Klimaerhitzung wird die Zahl der Tage, an denen es über 25 oder sogar über 30 Grad warm ist, stark zunehmen. An solchen Tagen leiden die Tiere massiv. Es braucht deshalb Anpassungen im Weidemanagement. Die Tiere müssten nicht nur im Stall, sondern auch auf der Weide saufen können und bräuchten Schatten, sagt Holinger. Im Sommer solle man Kühe vermehrt nachts auf die Weide lassen und tagsüber im schattigen Stall behalten. mh

Weinbau – wie viel Wärme tut den Reben gut?

Die besten Weine werden im Mittelmeerklima angebaut – man vermutet also, dass der Weinbau in der Schweiz profitiert, wenn das Klima mediterraner wird. Stimmt das?

Vivian Zufferey von Agroscope sagt: Die bisherige Erwärmung war für den Schweizer Weinbau tatsächlich eher positiv. Es komme weniger zu Verrieselung (eine Befruchtungsstörung mit Ertragsminderung), die Reifung der Trauben sei besser gewährleistet und der Zuckergehalt höher. Weil die Weinrebe – falls es der Boden zulässt – tief wurzelt, kann sie mit mässiger Trockenheit gut umgehen. Das Risiko von Frostschäden sei indes nicht gemindert, da die Reben früher im Jahr blühen, wenn noch Frostnächte auftreten können.

Umgekehrt bringe die Erwärmung Nachteile wie vermehrtes Unkrautwachstum, erhöhte Anfälligkeit auf Pilzkrankheiten und neue Schädlinge wie den Japankäfer oder die Kirschessigfliege. Starke Trockenheit wirke sich auf die Qualität des Weins aus. Weisse Sorten verlören Sortencharakteristik, würden bitterer und hätten mehr Gerbstoffe. Die Qualität roter Weine könne von Trockenheit profitieren, allerdings gehe der Ertrag zurück.

Für Weinbauern seien die Sortenwahl und die Bodenpflege die Schlüsselfaktoren für den langfristigen Erfolg. Agroscope trägt mit der Entwicklung pilzresistenter Sorten wie Divico und Divona zur klimarobusten Zukunft des Weinbaus bei.

Praxisbeispiele landwirtschaftlicher Betriebe, die heute schon agrarökologisch arbeiten, finden sich auf biovision.ch/leuchttuerme. mh

Schluss mit Ausreden!

Treffen Sie in Diskussionen um die Klimaerwärmung auf hartnäck...

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