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Bilder: Michel Gilgen
Freitag, 20. Oktober 2017

Für den Besuch haben Steffi und Danielle Kekse auf dem Küchentisch bereitgestellt. An der Wand hängt ein Kreuz, daneben ein Hochzeitsfoto. Es zeigt Steffi in jungen Jahren im weissen Kleid. Sie lacht in die Kamera. Eng neben ihr steht Danielle. Damals noch ein Mann Ende zwanzig mit schüchternem Blick. Das war 1999 in der Basler Pauluskirche.

Danielle ist heute 47. Sie spricht leise und sortiert. Steffi ist ein Jahr jünger und lacht noch immer oft. Gemeinsam mit ihrem 17 Jahre alten Sohn Matthias wohnen sie in einem gediegenen Quartier von Basel. Hier seien sie «die lustigen Nachbarn», sagt Danielle. Sie findet diese Zuschreibung alles andere als erheiternd.

In der Küche erzählen sie von sich als Paar, von Gott und auch von der Kirche. Gemeinsam engagieren sie sich seit Jahren in der reformierten Kirchgemeinde im Quartier. Sohn Matthias wurde dort ihrem Beisein konfirmiert. Das war in der Zeit, als Danielle ihre ersten Operationen am Körper vornehmen liess. Während Danielle und Steffi reden, fassen sie sich immer wieder an den Händen; mal leicht und liebevoll, dann wieder fester, fast tröstend. Steffi verliert dabei immer wieder die Stimme. Ihre Worte gehen dann in ein Schluchzen über. Danielle steht häufig vom Küchentisch auf, um heisses Wasser in ihre Teetasse nachzugiessen.

Der mitgegebene Körper fühlt sich falsch an

Bis heute arbeitet Steffi als Freiwillige in der reformierten Kirchgemeinde mit, neuerdings auch in der katholischen Kirche nebenan. Dort war Danielle allerdings noch nie. «Ich möchte das Steffi nicht kaputtmachen», sagt Danielle. Zu gross sei das Risiko, dass die Transition, ihre Feminisierung des Äusseren, zum Problem für Steffis Arbeit als Freiwillige werden könnte. Aber auch bei den Reformierten mag sie sich immer weniger blicken lassen. «Die Leute glotzen.» Wenn sie in der Kirche hilft, dann lieber im Hintergrund, ohne gross aufzufallen. Unangenehme Momente gibt es aber auch so. Als sie bei einem Fest der Kirche Küchendienst machte, musste sie vor allem Auskunft geben. Darüber, dass ihr Sein kein sexueller Fetisch sei oder was sie alles habe «machen lassen». Auf Dauer sei das Zur-Schau-gestellt-Werden und Sich-erklären-Müssen sehr anstrengend und verletzend, sagt sie.

Als sich Danielle und Steffi kennenlernten, waren sie Teenager, 17 und 16 Jahre alt. An den Augenblick, als sie Steffi in einem Gemeindezentrum sah, kann sich Danielle genau erinnern. «Ich dachte, es läuft mir ein Engel entgegen.» Dreissig Jahre ist das nun her, und bis heute hält der Augenblick an.

Sie sei ein behütetes Mädchen mit einem starken Glauben und einem sonnigen Gemüt gewesen, sagt Steffi. Das Haus, in dem sie heute mit Danielle und ihrem Sohn Matthias wohnt, ist auch ihr Elternhaus. Steffis Vater war Chirurg, die Ehe der Eltern «recht schwierig». Als sie Kind war, aber auch später, kam es immer wieder zu heftigen Streitereien. Halt fand sie jeweils in der Beziehung zu Gott, sagt sie. «Mein lieber Gott ist mein lieber Papi.» Ihr Daheim, in das sie jederzeit gehen kann. Egal ob sie heulen muss oder Geborgenheit sucht. Mögen für manche solche Sätze fromm und fremd klingen, so hätten sie als Paar diese «emotionale und spirituelle Ebene» von Anfang an geteilt, sagt Steffi. In der Zweisamkeit fühlten sie sich geborgen. «Wir diskutierten nächtelang über Gott und die Welt. Und das meine ich nicht als Floskel.»

Danielle wuchs in Riehen, einer Gemeinde nahe Basel, auf. Es waren die siebziger Jahre. Sie seien eine klassische Mittelstandsfamilie gewesen, durchaus offen im Geist, sagt Danielle. An ein konkretes Gefühl, dass der ihr mitgegebene Körper die falsche Behausung für sie war, erinnert sie sich bereits im Alter von dreieinhalb Jahren. Später dann, in der Pubertät, als andere sich über den Bartwuchs, die tiefe Stimme oder die breiten Schultern freuten, blickte sie mit Entsetzen auf ihren Körper. «Ich empfand die Veränderungen als schlimm und verstörend. Doch wem und wo hätte ich mich anvertrauen können? Google gab es damals ja noch nicht.»

In der Pubertät, als andere sich über Bartwuchs, die tiefe Stimme oder die breiten Schultern freuten, blickte Danielle mit Entsetzen auf ihren Körper.

Und doch wagte sie als Heranwachsende Versuche, über das zu sprechen, wofür sie damals selbst kaum Worte fand. Als sie einmal versuchte, mit ihren Eltern über ihre Gefühle zu reden, sagten sie: «Was redest du da für Zeug?» Es war mehr Antwort als Frage. «Ich zog mich daraufhin zurück und versuchte, meine Probleme mit mir selbst auszumachen.»

Ihr Unwohlsein, im falschen Körper zu stecken, blieb. Sie begann sich im Zimmer zu verschanzen und tagelang vor dem Computer zu sitzen, den sie damals als eine der ersten in der Gemeinde hatte. Später dann konsumierte sie Drogen, auch harte. Zu dieser Zeit war sie bereits mit Steffi zusammen. «Ich wusste zwar nichts davon, aber ich habe es vermutet», sagt Steffi. Seit 25 Jahren rührt Danielle keinerlei Drogen mehr an.

Wut auf Danielle, auf sich, aber auch auf Gott

Die Zeit, als sie äusserlich noch ein Mann war, hat Steffi in sehr guter Erinnerung. Dazu zählt auch der Abend, als beide darüber diskutierten, wie sich Frauen und Männer unterschiedlich bewegen. Steffi begann, unterschiedliche Gangarten zu imitieren. «Das eine gab das andere, irgendwann begannen wir uns gegenseitig zu schminken und alberten im Haus in Frauenkleidern herum. Ein Riesengaudi war das», erinnert sich Steffi. Danach räumten sie alles auf. «Das war es dann aber auch.»

«Dass wir es speziell hatten, habe ich gar nicht gemerkt», sagt Steffi. So konnte sie mit Danielle schon immer über «Frauenzeug» quatschen. Erst als Freundinnen zu ihr sagten, dass sie ihrem Mann längst nicht alles erzählen würden, realisierte sie: «Vielleicht ist unsere Beziehung doch anders.»

Heute fragt sich Steffi, wie sie jahrelang so blind gewesen sein konnte. Sie wünschte, sie hätte alles früher erfahren, um Danielle schneller zu helfen. Einzig die stete Traurigkeit, die von Danielle ausging, bemerkte Steffi früh. Immer wieder fragte sie: «Was steckt dahinter? Zeig es mir!» Danielle schwieg. Jahrelang, bis es nicht mehr ging. Es war kurz vor den Ferien, Sommer 2006, als sie zu Steffi sagte: «Ich muss mit dir reden. Sonst tue ich mir etwas an.»

Danielle erzählte Steffi, dass sie sich in ihrem männlichen Körper elendig falsch fühle, ihre Männlichkeit gespielt war, über Jahre antrainiert. Sie sprach viel, versuchte sich zu erklären. Von Minute zu Minute wurde ihre grosse Insel der Einsamkeit in der Beziehung mit Steffi kleiner. Währenddessen ging für Steffi gerade die Welt unter. Sie fühlte Wut. Auf Danielle, auf sich, aber auch auf Gott. «Wieso stopft er Menschen in falsche Körper?» Irgendwann stellte Steffi die Frage: «War es das jetzt mit uns? Gehst du?» Woraufhin Danielle entgegnete: «Schmeisst du mich jetzt raus?»

Sie reisten trotzdem in die Ferien. «Ganz, ganz schlimm» seien diese gewesen, erinnert sich Danielle. Die Situation eskalierte nach zweieinhalb Wochen. Steffi erlitt nachts einen Zusammenbruch. Danach bat sie Danielle, sich doch zu helfen, um gemeinsam eine Lösung zu finden. Steffi sagt, dass sie in dieser Nacht erstmals glasklar realisierte: Ich will, dass Danielle bleibt. Ich will, dass wir das alles gemeinsam durchstehen, komme, was wolle.

Es war nachts, als Steffi glasklar realisierte: Ich will, dass Danielle bleibt. Ich will, dass wir das alles gemeinsam durchstehen, komme, was wolle.

Ihr Sohn Matthias war da sechsjährig. Zwei Jahre später erzählten sie ihm, was los ist. Seine grösste Sorge: «Verliere ich meinen Papi? Lasst ihr euch scheiden?» Nach der Versicherung, dass er niemanden verlieren werde, beruhigte sich die Situation für Matthias fürs erste.

Erst in der Pubertät kam es zu heftigen Diskussionen, die immer wieder im Streit endeten. Um die Situation zu entspannen, lebte er zeitweise bei der Grossmutter.

Operationen von bis zu zehn Stunden

Den Weg der Transition, wie der Prozess des Übergangs von einem Geschlecht in das andere heisst, gehen Steffi und Danielle bis heute gemeinsam. Dass zwischen transident und transsexuell unterschieden werde, ist Danielle wichtig. Der Begriff Transsexualität richte den Fokus stark auf die sexuelle Komponente, wohingegen Transidentität das behandle, worunter sie von Geburt an leide: «Als Frau im Körper eines Mannes geboren zu sein. Das ist mehr als eine sexuelle Spielerei.» Das vorherrschende Unwissen sei manchmal schwierig auszuhalten, sagt sie. «Noch immer ist es die gängige Meinung, dass ich einfach ein Mann bin, der sich fröhlich ab und zu Frauenkleider anzieht.»

In den vergangenen fünfzehn Monaten hat Danielle elf Operationen hinter sich gebracht. Insgesamt waren es noch einige mehr. Allein bei der ersten Operation erfolgten 500 Stiche inwendig. Diese lebensgefährlichen Operationen können auch mal zehn Stunden dauern. Die Schmerzen davor und danach sind längst nicht nur äusserlich. Steffi ist in solchen Momenten immer an ihrer Seite. Selbst wenn die Reisen nach Belgien, Südkorea oder nach Thailand führen. Im Königreich in Südostasien arbeiten besonders viele Spezialisten für solche Operationen. In den Krankenhäusern übernachtet sie jeweils auf dem Notbett. Bis heute sei es für sie wahnsinnig schwierig, wenn Danielle in den Operationssaal gefahren werde: «Ich habe immer Angst, dass sie nicht mehr aufwacht.»

Hinzu kommen Bemerkungen aus ihrem Bekanntenkreis, die sie belasten. Sätze wie: «Was gehst du da überhaupt mit? Ist das nötig? Mit diesen Operationen pfuscht ihr doch ins Handwerk von Gott!» Für Steffi macht Gott keine Fehler, davon ist sie felsenfest überzeugt. «Damit wir unseren Sohn kriegen konnten, musste einer von uns einen männlichen Körper haben. Matthias ist kein Fehler.» Als Steffi das sagt, weint sie. Danielle fasst sie am Arm.

Matthias blickt heute mit Stolz auf seine Eltern. «Was wir als Familie gemeistert haben, hat uns stark gemacht.» Die aussergewöhnliche Reise seiner Familie habe ihn geprägt. Auch den Blick auf das Leben und generell auf die Menschen.

«Du verlierst vor den Leuten an Wert, sie machen mit dir, was sie wollen. Wir fühlen uns wie Freiwild oder wie Affen im Käfig», sagt Steffi.

Sein Freundeskreis sei bunt, erzählt er. «Respekt und Toleranz sind für mich keine Worthülsen. Ich weiss sehr genau, wie überlebenswichtig sie für Menschen sein können.»

Danielle würde trotzdem nicht am Besuchstag ihres Sohnes teilnehmen – sosehr sie das auch möchte. «Ich will nicht, dass Matthias wegen mir in der Schule gemobbt wird.»

Kein Freak in Frauenkleidern

Wer in der Schweiz eine Geschlechtsangleichung in Betracht zieht, muss zur Psychiaterin. Ohne zahlreiche Gutachten und Abklärungen kann niemand mit einer Hormontherapie starten oder sich einer Operation unterziehen. Sie habe für die strengen Regeln zwar ein gewisses Verständnis, sagt Danielle. Zugleich sei es auch seltsam: «Wer würde sich so was freiwillig antun? Ich bin ja nicht eines Tages aufgewacht und dachte: Heute lass ich mich zur Frau umoperieren.» Diesen Weg gehe nur, wer immens leide und nicht anders könne.

Die internationale statistische Krankheitsklassifikation führt Danielles Leiden unter F64.0 / Transsexualismus. Ein Mensch kann sich dabei nicht mit dem Geschlecht, das ihm bei der Geburt zugewiesen wird, identifizieren. «Nach der Diagnose dachte ich mir: Nun hatte ich zertifiziert einen an der Waffel», sagt Danielle. Mit dem psychiatrischen Gutachten war der Weg frei für die Operationen. Die Kosten der geschlechtsangleichenden Erstoperation übernahm die Krankenkasse. Alle weiteren Eingriffe wurden der Schönheitschirurgie zugeordnet und gehen bis heute auf Kosten von Danielle.

Man muss nicht Direktbetroffener sein, um die Notwendigkeit solcher Operationen zu verstehen. «Ich will kein Freak in Frauenkleidern sein, sondern auch im Gesicht als Frau erkennbar sein», sagt Danielle. Das heisst mit einer schmaleren Nase, schlankeren Kieferknochen und ohne Bartschatten. Nur dann funktioniere das für sie so entscheidende «Passing». Es stammt vom Englischen «to pass» und bedeutet, in einer Situation «bestehen zu können». Danielle will in der Öffentlichkeit bestehen können. Menschen draussen auf der Strasse sollen sie als Frau wahrnehmen. Doch wie weiss sie, dass dieser Punkt erreicht ist? «Ganz einfach: wenn die Leute nicht mehr starren. Dann habe ich es geschafft». Noch ist es nicht so weit. Noch immer wird Danielle angestarrt.

Einmal, als sie mit ihrem Sohn an der Tramhaltestelle in Basel steht, kommt ein Tram angefahren, in das sie nicht einsteigen müssen. Zwei Männer schauen aus dem Fenster, entdecken Danielle und beginnen, sie anzustarren. Dann fangen sie an, weitere Personen in dem Tram auf sie aufmerksam zu machen. Danielle schaut die zwei Männer an. Schaut wieder weg. Schaut wieder hin. Dann zücken sie hinter der Tramscheibe ihre Mobiltelefone. Danielle erschrickt: «Die fotografieren mich!» Sie sieht noch, wie der eine dem anderen das Foto zeigt und beide anfangen, breit zu grinsen. Das Tram fährt weg. Danielle steht da und wischt sich die Tränen aus den Augen. Ihr Sohn Matthias bekommt davon nichts mit.

Rückzug in die Natur

Kommen Danielle und Steffi auf die Übergriffe im öffentlichen Raum zu sprechen, reiht sich Anekdote an Anekdote. Jugendliche beim Einkaufen, die ihr «Du Pädophile!» nachrufen, oder die Mutter im Wald, die ihre beiden Kinder exakt in jenem Moment fest und schützend an die Hände nimmt, als ihr Danielle und Steffi entgegenkommen. Sie wurde auch schon angespuckt. Oder Steffi an der Fasnacht gefragt: «Hast du jetzt eine Conchita Wurst daheim?»

«Du verlierst vor den Leuten an Wert, sie machen mit dir, was sie wollen», sagt Steffi. Als Familie fühlten sie sich oft wie Freiwild oder wie Affen im Käfig. Manche sagen, Danielle solle sich ein dickeres Fell zulegen. Das schaffe sie aber nicht. Bleibt noch die «Szene». Orte, an denen sich Schwule, Lesben, Bisexuelle oder Transidente treffen. «Ich war auch schon dort. Aber das ist nicht so meins.» Sie suche nicht diese Art von Aufmerksamkeit. Auch könne sie in ihrer Situation nichts mit Parolen wie «I’m Proud To Be Trans» anfangen. Es sei völlig in Ordnung, wenn andere das lautstark verkünden. Für sie sei das aber nichts, sagt Danielle. Hinzu kommt: eine eigentliche «Szene» einzig für transidente Menschen gibt es nicht. Nur ein Netzwerk, in dem man sich austauscht und hilft. Danielle war auch schon an solchen Treffen. «Mich hat das aber mehr runtergezogen, als dass es mir half.»

Danielle zieht sich lieber zurück. Weg von den Strassen, von Plätzen, von Cafés, von Kaufhäusern. Hauptsache, keine Menschen. Geht sie nach draussen, dann am liebsten um vier Uhr in der Früh. Im nahegelegenen Wald sucht sie ein ruhiges Plätzchen und wartet auf den Sonnenaufgang. «Das gibt mir Kraft.» Die Natur, die Schöpfung, Steffi und ihr Sohn Matthias, «das sind meine Kraftquellen».

Matthias besucht heute eine internationale Schule in Basel und spielt in der reformierten Kirche Orgel. Er habe sich mehrmals geärgert, als auch von reformierten Kanzeln gegen Homosexuelle gewettert wurde. Kaltherzig und selbstgerecht. «Wenn die Kirche sich weiterhin so engstirnig verhält, muss sie sich nicht wundern, wenn die Jungen gehen.»

Vom Informatiker zur möglichen IV-Bezügerin

Die meisten Menschen würden ihre innere Not wohl nie verstehen, sagt Danielle. «Es ist ja nicht nur der Schmerz über die Ablehnung von aussen, es ist auch der in meinem Herzen: Warum ist es ausgerechnet bei mir so? Warum bin ich so?»

Die Frage ist nur, wie lange Danielles Kraft reicht, all die quälenden Fragen immer wieder zu rationalisieren. Der Arzt, der sie begleitet, ist froh, dass sie noch lebt. Die Antidepressiva hat sie inzwischen abgesetzt, weil sie dann gar nichts mehr empfinde. Keinen Schmerz, aber auch keine Freude. Danielle selbst sieht sich als eindeutig krank. Allerdings sei nicht ihr Hirn das Problem: «Auch wenn mein Leiden von der Wissenschaft als psychische Störung klassifiziert wird, so ist das einzig Kranke an mir mein falscher Körper. Wenn heute meine Seele leidet, dann leidet sie daran, wie mit mir umgegangen wird.»

In der Zwischenzeit hat Danielle ihren ehemals sehr guten Job als Informatikerin verloren. Zuerst wurde sie krankgeschrieben, am Ende hat man ihr gekündigt. Angeblich, weil die Kunden mit ihrer Transidentität nicht zurechtkamen. Danielle weiss von einigen transidenten Menschen, die nach jahrelangem gesellschaftlichem Mobbing und Jobverlust im Rotlichtmilieu landeten. Dort würden Freier sie als eine Art sexuelle Delikatesse kaufen. Danielle versucht in ihrem ehemaligen Berufsfeld auf dem laufenden zu bleiben. Doch oft starrt sie nur auf den Bildschirm. Dann, wenn sie mit der Konzentration kämpft, weil ihr zu viele Gedanken durch den Kopf gehen. Vom sehr gut verdienenden Informatiker zur wohl baldigen IV-Bezügerin Danielle: «Wenn du krank wirst, bist du in dieser Gesellschaft nichts mehr wert. Das ist Wahnsinn», sagt Steffi. Das Geld werde knapp. Beide haben Angst, dass irgendein «Bürogummi» ihre mögliche IV-Rente ablehnt.

Danielles Weiterleben

Zurück in die Küche von Danielle, Steffi und Matthias. Es ist Sommer. Danielle trägt noch die Spuren der letzten Operation im Gesicht. Ein Stützverband verläuft wie eine grosse Osterei-Schlaufe um den Kopf. «Immerhin habe ich jetzt Ohrenwärmer für den Sommer», sagt Danielle. An den Augen sind die Schwellungen abgeklungen. Noch immer da sind aber die Schmerzen, wenn auch in unterschiedlicher Intensität.

Danielle und Steffis Geschichte ist die Geschichte einer grossen Liebe. Noch viel mehr ist sie aber deren Tatbeweis.

Nach jedem Mal, wenn ihr der Kiefer korrigiert, die Stirnplatte abgetrennt, abgeschliffen und wieder in verändertem Winkel eingesetzt wird oder die Nase verfeinert wurde, hofft Danielle, dass nach dem Abheilen das Passing gelingt.

Für viele Menschen sei sie ein Freak, der nicht aufhören könne, sagt Danielle. Dabei sei es ihr grösster Wunsch, in der Öffentlichkeit nicht mehr aufzufallen. Trost findet Danielle hin und wieder im Gebet. «Ich bin ein ziemlich gläubiger Mensch», sagt sie. Regelmässig gibt sie Gott Zeit und Raum. Allerdings nicht mehr in der Kirche, sondern in den eigenen vier Wänden.

Nach all den Jahren ist für Steffi eine Frage ins Zentrum gerückt: «Was können wir machen, dass sie auf dieser Welt weiterleben kann?» Jeden Morgen, wenn Danielle joggen geht, hat Steffi Angst, dass sie nicht mehr heimkommt. Die Suizidrate bei transidenten Menschen ist hoch, bis zu achtzig Prozent. Es gab auch schon Zeiten, da wurde Danielle deswegen rund um die Uhr überwacht.

Danielle und Steffis Geschichte, das ist die Geschichte einer grossen Liebe. Noch viel mehr ist sie aber deren Tatbeweis. Getragen von der fragilen Hoffnung, dass Wunden aller Art heilen mögen. Sie ist aber auch ein Appell. Damals, als die Zeit der Angleichung kam, fragte Steffi die Pfarrerin, ob sie, Danielle und Matthias überhaupt noch Platz in der reformierten Kirchgemeinde hätten. Daraufhin antwortete die Pfarrerin: «Wo, wenn nicht hier?»

Constanze Broelemann ist Pfarrerin und Journalistin. Sie lebt in St.Gallen.
Der Fotograf Michel Gilgen lebt in Zürich.