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Autorin: Pascale Müller
Illustration: Jannis Pätzold
Freitag, 10. Juni 2022

In meiner Arbeit als Journalistin zweifle ich ständig. Ich berichte über Machtmissbrauch, oft über sexuelle Be­lästigung und sexualisierte Gewalt. Ein gesellschaftlich sehr aufgeladenes Thema. In Diskussionsrunden werde ich deshalb oft gefragt, wie ich weiss, ob etwas wahr ist. Mich überrascht diese Frage immer wieder. In jüngster Zeit bin ich dazu übergangen, etwas provokant zu sagen: Wahrheit interessiert mich nicht.

Was ich damit ausdrücken will: In meiner Arbeit geht es selten um einen absoluten und damit zwangsläufig naiven Begriff von Wahrheit. Bei einem Fall von sexualisierter Gewalt etwa muss ich mich in einen Raum begeben, in dem es keine überprüfbare Wirklichkeit gibt. Bei dem, was sich zwischen den Beteiligten abgespielt hat, war ich nicht dabei, und fast immer gibt es unterschiedliche Versionen davon. Ich kann mich den Geschehnissen lediglich annähern und auf Basis eines begründeten Verdachts darüber berichten. Deshalb nennt man diese Art von Journalismus auch Verdachtsberichterstattung.

Elementar dafür ist der Zweifel, das permanente Hinterfragen: Habe ich ausreichend Belege gefunden, um einen Verdacht zu begründen, oder muss ich ihn aufgeben? Wie gewichte ich welche Aussage? Welche Versuche, an eine Information zu kommen, habe ich noch nicht bedacht? Habe ich alle Seiten gehört? Und was weiss ich nicht?

Zweifeln ist hier weniger ein Hinarbeiten auf Wahrheit als ein Rekapitulieren der bisherigen Schritte. Und dann: ein zögerliches Vorarbeiten. Ein Tasten. Auch die Veröffentlichung ist in diesem Prozess nicht das Ende, nicht die Wahrheit, sondern nur eine Momentaufnahme. Das mit bestem Gewissen aufgeschriebene Wissen, das ich mir bis Redaktionsschluss aneignen konnte.

Selig sind die Glaubenden

Ich treffe immer wieder auf Menschen, die überrascht oder gar wütend sind, dass die journalistische Arbeit unvollkommen bleibt, eine Annäherung an etwas, das niemals greifbar sein wird. Von Objektivität wird dann oft gesprochen. Oder in diffamierender Abgrenzung dazu: von Aktivismus. Im Grunde zeigt sich hier, dass im Alltag häufig mit einem völlig überhöhten Wahrheitsbegriff hantiert wird, der der Tatsache nicht Rechnung trägt, dass menschliche Erkenntnis immer unvollständig bleiben muss. Ich glaube: dass dieser Wahrheitsbegriff fortbesteht, hat auch etwas damit zu tun, welche Geschichten wir uns entscheiden über Zweifel, Wahrheit und Scheitern zu erzählen.

Im Koran gibt es die Geschichte von einem Mann, der ein Leben nach dem Tod bezweifelt. Allah lässt ihn sterben und erweckt ihn nach hundert Jahren wieder zum Leben, um ihn glauben zu machen. Auch in der Bibel gibt es viele Zweifelnde. Der vielleicht bekannteste unter ihnen ist der ungläubige Thomas. Die Erzählung über ihn geht so: Jesus erscheint nach der Auferstehung seinen Jüngern. Doch Thomas ist in diesem Moment nicht dabei. Als die anderen ihm von der Auferstehung berichten, kann er nicht glauben, dass Jesus lebt. Erst als dieser sich die Zeit nimmt, auf seinen Zweifel einzugehen, Thomas die Wundmale von Jesus berühren darf, ändert sich seine Haltung. Die Male beweisen, dass es wirklich der Mann ist, den er am Kreuz hat sterben sehen, und erst jetzt kann auch Thomas an die Auferstehung glauben. Die Verfasser dieser Bibelstelle lassen Jesus daraufhin etwas Entscheidendes antworten. Nämlich: «Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.»

Die Anekdote vom Zweifler Thomas bekommt so ein negatives Ende. Auch wenn sich Jesus ihm zuwendet, ihn nicht etwa bestraft, hebt er doch das Zweifeln als Makel hervor. Mehr Hindernis und bestenfalls Zwischenstation zu höherer Erkenntnis, zu einem besseren Sein. Der Zweifel ist ein Zustand, den es zu überwinden gilt.

Zwang zum Glücklichsein

Dieses Narrativ ist noch immer aktuell. Gegenwärtig wird der Zweifel in die kapitalistische Erzählung eingebettet – nämlich als Teil einer Story ultimativen Erfolgs. Die Protagonistin, die auf ihrem Weg nach oben kurz stehen bleibt, nachdenkt, eine Schleife dreht, am Ende den Zweifel überwindet und reüssiert. Das Scheitern verkommt so zum blossen dramaturgischen Kniff. Ein Grossteil medialer Geschichten funktioniert bis heute nach diesem uralten Schema. Erzähltechnisch sind wir damit seit zweitausend Jahren nicht weitergekommen, auch wenn wir alle wissen, dass diese Geschichten nicht repräsentativ sind für menschliches Erleben.

Die Soziologin und Genderforscherin Franziska Schutzbach sagt in einem Interview zu ihrem Buch «Die Erschöpfung der Frauen. Wider die weibliche Verfügbarkeit» dazu: «Sogenannte negative Emotionen haben eine Entwertung erfahren und sollen unter Verschluss gehalten werden, gleichzeitig gibt es den Zwang zum positiven Denken, ja zum Glücklichsein.

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