Martin Walser starb am 26. Juli 2023 im Alter von 96 Jahren in seinem Wohnort Nussdorf am Bodensee.
Martin Walser ökonomisiert seine Kräfte im hohen Alter mit derselben leidenschaftlichen Entschiedenheit, mit der er früher keiner Wortschlacht ausgewichen ist. Er haushaltet streng mit seinen Gesten, die Sätze beschränken sich auf das Notwendige. Das ist nicht nur einer gewissen Altersschwäche geschuldet, sondern auch Stilprinzip. In seinem jüngsten Buch, «Mädchenleben oder Die Heiligsprechung», reduziert er die einst so ausschmückende Sprache auf ein paar blühende Disteln, schön und stechend. Martin Walser gibt nur mit Widerwillen direkt Auskunft über sich selbst. Lieber spricht er aus seinen Figuren heraus, lässt sie an seiner Stelle antworten. Er versteht sich selbst inzwischen mehr denn je als die Summe seiner Bücher.
Wie eine dicke Milchwand steht der Nebel über dem Bodensee, wo der Schriftsteller in Nussdorf bei Überlingen lebt. Ihn friert. Sein Arbeitszimmer hat er ins Erdgeschoss verlegt, im Wohnzimmer empfangen der Autor und seine Frau Käthe Gäste, noch immer hüpfen die buschigen Augenbrauen bei jeder Gesichtsmimik. An diesem späten Nachmittag ist im Hause Walser auch der Schriftsteller und Büchnerpreisträger Arnold Stadler zugegen, er ist seit Jahrzehnten mit Walser eng befreundet. Walser hatte ihn gebeten, ihn zu unterstützen, wenn es ihn allzu viel Anstrengung kostet, im Gespräch das richtige Wort zu finden.
Vor allem darum geht es Martin Walser noch: Er hat keine Lust mehr auf Umschreibungen, die nicht treffen, was er zur Sprache bringen will. Schriftlich fällt ihm es nach wie vor leicht, das zu finden. Unvermittelt rückt dann das, was er spricht, in den Rang einer Gebetsformel, alles ist tönender Aphorismus oder Psalm, verknappt, verdichtet wie ein japanisches Haiku. «Mein Fudschijama», sagte Martin Walser einmal einem Besucher, «ist der Säntis», der höchste Berg im Schweizer Alpstein. Bei guter Sicht kann er ihn von seinem Arbeitszimmer aus sehen.

Martin Walser
Herr Walser, unter betagten Leuten kursiert zuweilen das Bonmot: «Ich fühle mich wie ein Dreissigjähriger. Aber nur zwei Stunden am Tag.» Sie werden im kommenden März 93 Jahre alt. Wie geht es Ihnen?
(schweigt sehr lange) Solange ich noch schreiben kann, geht es mir gut. Ich mache auch noch Lesungen, wenn sie hier in der Gegend sind, aber weiter weg fahre ich nicht mehr. Das Reisen ist mir zu beschwerlich geworden. Neulich war ich mit meinem neuen Buch in Stuttgart. Das war wunderbar.
Im November ist Ihr neues Buch, «Mädchenleben», erschienen, es handelt von einer Heiligsprechung. Das Buch basiert auf Tagebucheinträgen aus dem Jahr 1962, da waren Sie 35 Jahre alt. Waren Sie damals etwa schon auf der spirituellen Suche?
Ich habe nie gesucht. Ich habe mich immer verhalten, wie es mir gerade zumute war. Plötzlich kamen mir halt die Tagebuchaufzeichnungen wieder in den Sinn. Als ich sie geschrieben habe, habe ich nicht gewusst, dass ich mit ihnen nochmal etwas anfangen würde. Erst jetzt ist der Stoff für mich wasserdicht geworden. Ich schreibe nichts auf mit dem Vorsatz, es später zu verwenden. Ich kenne kein Wohin und Warum. Ich weiss nur, dass ich die Sätze jetzt unbedingt aufschreiben muss. Ich nenne es planlose Notwendigkeit.
Planlose Notwendigkeit auch als Lebensprinzip — bis heute?
Schreiben ist ein anderes Wort für Notwendigkeit. Ein Autor besteht ja aus vielen Möglichkeiten. Und er hat keine Wahl. Gewisse Ausdrucksarten sind für ihn einfach notwendig, ich nenne das «Existenz pur». Und wie Sie wissen, gibt es da Tausende von Arten, und du hast eben deine Art zu finden. Und die kann ich nur finden durch Probieren, nicht durch denkendes Erkunden und Erforschen. Sondern allein nur durch Schreiben. Ich habe gar keine Existenzwahrnehmung ausser als Schreibender. Die grosse Kunst besteht für mich darin, etwas mit Worten zu fassen und sie dabei nicht dingfest zu machen.
Dinge zu benennen bedeutet doch zwangsläufig, sie auf einen Begriff festzunageln …
Ich versuche, die Sprache in der Schwebe zu halten. Mehr kann ich dazu nicht sagen.
Wie viel von Ihnen steckt in diesem jungen Mädchen, das religiöse Erscheinungen hat?
Ich kann über mein Innenleben nur schriftlich Auskunft geben. Wenn ich höflich sein wollte, dann könnte ich jetzt etwas erfinden.
Das klingt sakral: Worte werden in der Schwebe gehalten wie die Erscheinung des Heiligen Geistes — der nicht benannt, sondern nur angerufen werden kann. Bricht sich beim alten Walser nun doch eine Religiosität Bahn?
Dass ich mich erst im Alter mit religiösen Dingen beschäftige, kann nur jemand sagen, der meine Werke nicht kennt. Jemand, der nicht teilgenommen hat an meinem ausformulierten Innenleben.
Mit Verlaub, ich habe Sie anders kennengelernt. In Ihnen wohnt ja auch ein scharfer, sozialer Beobachter, der in seinen Romanen eine genaue Analyse bürgerlicher Lebensverhältnisse liefert. Und Ihre teils polternden politischen Reden haben in der öffentlichen Wahrnehmung oft den leiseren Walser übertönt.
Der leise Walser war immer da. Und auch mein Interesse am Religiösen. In meinem Buch «Mein Jenseits» geht es zum Beispiel um die Rettung des Heiligen in einer unheiligen Welt. Ein Psychiater wird für verrückt erklärt von seinen Kollegen, weil er eine Monstranz retten will. Den anderen draussen in der Welt ist der Sinn für das Heilige längst abhanden gekommen.
«Erscheinung ist für sich genommen ein Ding der Unmöglichkeit. Es muss die Erfahrung des Schönen dazukommen. Dass der Gedanke Gottes etwas Schönes ist.»
Auch in Ihrem Buch «Mädchenleben» wird Sirte, Ihre Hauptfigur, die nach dem Willen des Vaters heiliggesprochen werden soll, pathologisiert. Der Arzt stellt dem wundersam eigentümlichen Mädchen die Diagnose «schizophrene Psychose» aus. Sie isst Ameisen, bringt einem Raben das Sprechen bei und lässt sich von einem blindwütigen Alkoholiker stellvertretend für dessen Ehefrau schlagen, bis er sich eines Besseren besinnt, von ihr ablässt und Reue zeigt.
Ein Wunder. Das prädestiniert Sirte dazu, eine Heilige zu werden, aber die Welt kann damit nichts anfangen. Der Leser schon, wenn er das Buch liest als das, was es ist: eine Heiligenlegende. Mit kritischen Massstäben ist sie nicht zu begreifen.
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