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Autor: Oliver Demont
Freitag, 24. Januar 2020

Karl Barth ist so etwas wie ein theologischer Solitär, sein Denken ragt aus der Zeit heraus. Bis heute gilt er als «Kirchenvater des Protestantismus» im 20. Jahrhundert. Mit seiner Dialektik hob er die vorherrschende Theologie seiner Zeit aus den Angeln. Unerreicht mutig und entschieden wehrte er sich gegen ein Christentum, das Gott für Krieg und Greuel preisgibt. Den Nationalsozialisten bot er die Stirn, mit allen Konsequenzen.

Als Eberhard Busch 1965 zum persönlichen Assistenten von Karl Barth wurde, war dieser bereits ein alter Mann. Kaum jemand weiss heute mehr über Karl Barth als sein letzter Mitarbeiter. Drei Jahre war Eberhard Busch Teil des Barthschen Kosmos, bis Barth 1968 starb. Später trat er – unbewusst, wie er im Gespräch sagt – in die biografischen Fussstapfen seines Lehrmeisters und wurde Pfarrer in der Aargauer Gemeinde Uerkheim, nur wenige Kilometer von Safenwil entfernt, wo Karl Barth einst als Pfarrer wirkte. 1986 folgte er dann dem Ruf an den Lehrstuhl für Reformierte Theologie in Göttingen, den vor ihm bereits Barth innehatte.

Zu Besuch bei Eberhard Busch in Friedland, zehn Kilometer südlich von Göttingen, wo der mittlerweile 82jährige noch immer lebt. Hier wohnt er mit seiner Frau Beate in einem Haus mit riesigen Zimmern. Sie sind mit einem Klavier, geschwungenen Holzmöbeln, Spitzendecken, Büchern in Ledereinband und Geschirr mit Goldrand eingerichtet. Es gibt Tee mit Stullen.

Eberhard Busch

Herr Busch, Sie sind in einem Pfarrhaus im Ruhrgebiet aufgewachsen und studierten Theologie in verschiedenen deutschen Städten. 1959 landeten Sie bei Karl Barth an der Universität Basel. Warum gingen Sie ausgerechnet in die Schweiz?

Ich hatte damals einen Verdruss über die Situation in meiner Heimat. An den deutschen Universitäten, an denen ich studierte, gefiel es mir nicht sonderlich. Die Theologie und auch die Kirche empfand ich als ziemlich freudlos. Da wurde mir Karl Barth interessant. Bereits mein Vater studierte bei ihm. Mein älterer Bruder meinte dann, ich solle doch zu ihm nach Basel gehen. Als ich im Alter von 22 Jahren Barth zum ersten Mal im Hörsaal reden hörte, war ich – wie so viele Studenten – begeistert. Er war ein unerhört wacher Geist, eine Ausnahmeerscheinung, einmalig.

Was war einmalig an ihm?

Lassen Sie mich eine kleine Geschichte erzählen. Mein Vater plante in den 1920er Jahren, bei Karl Barth zu studieren. Als die pietistische Verwandtschaft von seinen Plänen erfuhr, hiess es: Auf keinen Fall gehst du zu Karl Barth, der bringt dich nur vom Glauben ab! Meine verwitwete Grossmutter, eine Bauerstochter, setzte sich daraufhin an den Tisch und schrieb Barth einen Brief, voll mit Fragen wie: «Glauben Sie an die Auferstehung?» oder «Sie reden von der Rechtfertigung, wissen Sie auch, was Heiligung ist?» Karl Barth antwortete ausführlich. Er bemerkte, dass die Fragen meiner Grossmutter – so schlicht sie auch waren – echt waren. Für ihn war klar, dass er sich als Theologe ernsthaften Fragen stellen musste, ob von hoch oder niedrig gestellt.

War das nicht einfach nur Höflichkeit, diese Fragen zu beantworten?

Nein. Aus meiner Zeit als Assistent von Karl Barth weiss ich, dass er auch schroff und abweisend sein konnte. Aber er spürte eben auch sehr genau, wann Menschen ernste Fragen an ihn herantrugen. Barth war sehr feinfühlig und in solchen Momenten in keiner Art und Weise elitär, wie man dies vielleicht bei einem Theologen seines Formats denken könnte.

Hatte Barths Brief an Ihre Grossmutter Folgen?

Ja. Seine Antworten haben sie überzeugt. Sie erklärte: Mein Sohn muss bei Karl Barth studieren. Er tat es so, dass er später tapfer bei der evangelischen Oppositionsbewegung Bekennende ­Kirche dabei war. Mein Vater ist Hitler nie gefolgt.

Ihr Vater war Pietist. Karl Barth war bekannt aber dafür, dass er den Pietismus kritisierte.

Barths Kritik zielte nicht auf einzelne Anhänger des Pietismus, sondern auf die Frömmigkeit der Bewegung. Er glaubte: nicht wir steigen zu Gott in den Himmel, wie es die Frommen wollen, sondern Gott kommt auf die Erde, und zwar zu allen. Gott ist auch ein Gott der Gottlosen. Karl Barth war aber auch keiner, der einem Menschen sein Denken oder seine Herkunft ausreden wollte. Was er aber als Professor wollte: uns Studenten die Türen öffnen. Er wollte, dass wir zu neuen Einsichten gelangten.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ihm war wichtig, auch gegenläufige Meinungen im Unterricht zu erschliessen. In einem Seminar zum liberalen Theologen Friedrich Schleiermacher appellierte er an seine Studenten: «Ich will keine Einwände aus meiner Kirchlichen Dogmatik hören! Ihr müsst jetzt fühlen mit Schleiermacher, ihr müsst mit ihm leben! Nur dann lernt ihr etwas!»

Einmal lud Barth Joseph Ratzinger, damals noch Theologieprofessor in Tübingen, in sein Seminar ein. Barth sass da und lauschte wie ein Kind. Am Ende fragte er: «Lieber Herr Ratzinger, sind wir uns einig: Die katholische Kirche ist eine einzige Flucht vor dem Heiligen Geist?» Das war typisch Barth. Eberhard Busch

Barth war es wichtig, dass sich die Studentinnen und Studenten vorbehaltlos auf Texte einlassen, egal aus welcher Ecke sie reden.

Genau, und dennoch war er nicht beliebig. Barth ging es vielmehr um den Respekt vor der Wahrheit, für die man kämpfen muss und vor der man sich zu bescheiden hat. Er konnte in einer Predigt sagen: «Ein Pfarrer ist dafür da, die Wahrheit zu sagen», und schob später nach, dass er auch nur ein «irrendes Menschlein» sei. Einmal lud er Joseph Ratzinger, damals Theologieprofessor in Tübingen und später Papst in Rom, in sein Seminar ein.

Kam er?

Und ob er kam! Mit einem ganzen Pulk an katholischen Theologiestudenten füllte er den Raum.

Dann begann er zu reden. Eine Stunde lang, druckreif. Ein glänzender Denker. Barth sass einfach da und lauschte wie ein Kind. Am Ende, nach einem Moment der Ruhe, fragte Barth überraschend: «Lieber Herr Ratzinger, sind wir uns einig: Die katholische Kirche ist eine einzige Flucht vor dem Heiligen Geist?»

Was meinte er damit?

Dass die Kirche niemals meinen darf, das Evangelium im Griff zu haben. Das war übrigens eine typische Frage Barths. Er stellte sie sich auch selbst im Blick auf das, was er gesagt und geschrieben hatte.

Was war Ratzingers Reaktion?

Er war edel genug, nicht zu antworten. Alles andere wäre auch kitschig gewesen. Manchmal ist Schweigen die beste Antwort, namentlich dann, wenn man bereit ist, sich eine Frage selbst zu stellen.

1965 wurden Sie Sekretär von Karl Barth und blieben es bis zu seinem Tod drei Jahre später. Wie wird man persönlicher Assistent des wohl einflussreichsten evangelischen Theologen des 20. Jahrhunderts?

Da bin ich überfragt. Ich habe das ja nicht angestrebt. Als aber die Anfrage kam, ob ich ihm helfen könne bei «verschiedenen Sachen», wie er es nannte, sagte ich zu. Klar, ich freute mich – fand es aber auch merkwürdig, dass er ausgerechnet mich wollte. Nach dem Warum fragte ich jedoch nicht.

Irgendwas musste er in Ihnen gesehen haben. Wie ist er auf Sie aufmerksam geworden?

Das war in seinen Seminaren. Dort hat er seine Schüler gefunden und gemacht. Er hatte die Gewohnheit, vier Studenten vorne, unmittelbar vor sich, zu platzieren. Zuvor wies er sie an, den Unterrichtsstoff zu präparieren. Dann führte er mit ihnen Gespräche. Ich war manchmal einer dieser Gesprächspartner.

Was hat Sie bei Arbeitsantritt im Hause Barth am meisten überrascht?

Wie wenig Schlaf er benötigte. Fuhr ich nach Feierabend mitternachts mit meinem Fahrrad von Barths Reiheneinfamilienhaus in Basel zum Schlafen nach Hause in einen Vorort, kam bereits um sieben Uhr in der Früh ein Anruf von Karl Barth: «Wo bleiben Sie?»

Das klingt streng.

Ja, aber er forderte nur, wenn er jemandem vertraute. Es war also auch ein Kompliment. Aber klar, ich hatte wirklich viel zu tun. Meine Doktorarbeit, die ich bei ihm machen wollte, wurde erst nach seinem Tod fertig. Barth war aber auch gesellig. Abends, wenn er sich entschied, mit der Arbeit aufzuhören, sagte er zu mir: «Jetzt ist die Arbeit für heute getan. Ab nun wird nicht mehr theologisch geschafft.»

War der Arbeitsame auch ein Geniesser?

Oh ja! Wenn die Arbeit für den Tag getan war, hörte er gern Mozart – er hatte eine grosse Plattensammlung. Und er liebte es, wenn meine Frau Beate ihm dann etwas aus der klassischen Literatur vorlas. Er nannte sie «Augentrost».

Hatte er auch weltlichere Genüsse? Trank er Alkohol?

Bei Tisch trank er nur Wasser. Abends gab es ein Glas Wein. Und wenn seine Frau nicht da war, genehmigte er sich manchmal auch ein zweites. Er scherzte dann, dass er ein «Wiedersäufer» sei, nachdem er lange Zeit ein überzeugter Anhänger des Blauen Kreuzes war. Barth trank in seiner Zeit als junger Pfarrer im aargauischen Safenwil keinen Alkohol. Er tat das in Rücksicht auf die Arbeiter an seinem Ort. Die sollten sich nicht betrinken, anstatt für ihre Rechte zu kämpfen.

Barth kam 1911 in die Industriegemeinde. Als 25jähriger Pfarrer traf er dort auf Arbeiter, die für wenig Geld sechs Tage die Woche in den Fabriken schuften mussten. Wurde in dieser Zeit der politische Karl Barth geboren?

Auf alle Fälle ermöglichte ihm diese Erfahrung eine Begegnung «mit der wirklichen Problematik des wirklichen Lebens», wie er notierte. Er begann sich in die Fabrikgesetzgebung, in das Versicherungswesen, in die Gewerkschaftskunde und dergleichen hineinzuknien. Später trat er der Sozialdemokratischen Partei bei. Mir missfällt aber die Bezeichnung eines «politischen Karl Barth».

Warum?

Barth war kein Politiker, sondern redete immer strikt als Christenmensch. Sein Engagement gründete auf seiner Erkenntnis, dass Gott alle Dinge regiert. Und stets auf der Seite derer ist, die sich für das Recht einsetzen, und erst recht bei denen, die unter Ungerechtigkeit leiden.

Womit Barth definierte, wer auf der richtigen Seite stand. Genau dies wird auch heute an der Kirche kritisiert: zu links, zu viel Gutmenschentum.

Na ja, gut, die Kirche stand allzu lange rechts, da darf sie jetzt auch etwas links stehen. Jedenfalls muss die Kirche für das Gemeinwohl aller einstehen, und das bemisst sich am Ergehen der Bedrängten. Wann haben Christen jemals genug getan zugunsten der Zukurzkommenden? Nach Hitlers Machtergreifung 1933 verstand Barth: Die evangelische Kirche verleugnet Gott, wenn sie nicht eintritt für die Schwachen.

Der Plan war, die Kirchen mit dem Nationalsozialismus gleichzuschalten. Das war zumindest das Ziel der Deutschen Christen, einer rassistischen und antisemitischen Strömung im Protestantismus. Wie stark war diese Bewegung?

Tatsächlich standen die meisten Protestanten hinter Hitler, so schmerzhaft dieses Faktum bis heute auch ist. Die gängige Meinung war, dass im Politischen die Nazis recht haben und auf der Kanzel die Bibel. Aber da sah Karl Barth die Kirche auf einem total falschen Weg. Er war Hauptautor der Barmer Erklärung, die das Fundament der Bekennenden Kirche wurde. Die Bewegung wandte sich ab von der bisherigen Zweigleisigkeit, und ihre Mitglieder bekannten sich dazu, dass die Kirche in allem einzig dem Wort Gottes zu folgen hat.

Barth schwieg nicht, sondern äusserte seinen Unmut über Hitler auch öffentlich.

Und zwar sehr entschieden! Am Reformationstag 1933 in Berlin kritisierte er vor versammelter Pastorenschar das Mitläufertum der Kirchen: «Was sagt ihr zu der Behandlung der Juden? Was sagt ihr zum neuen Gesetz, wonach Menschen in Konzentra­tionslager geführt werden? Wer das Wort Gottes zu predigen hat, muss dazu reden.»

Was war die Reaktion?

Karl Barths enge Mitarbeiterin Charlotte von Kirschbaum meinte, dass kaum einer von den anwesenden Kirchenvertretern diese Fragen verstanden habe. Die Staatsvertreter hatten sie sehr wohl verstanden. Wegen ebendieser Sätze wurde er dann als Professor abgesetzt. Zuvor war er noch einmal in Berlin. Dort trafen sich die Leiter der evangelischen Kirchen. Sie wollten ein Treffen mit Hitler vorbereiten. Als Barth hörte, dass sie ihm zuerst beipflichten wollten, rief er in die Runde: «Wir sind nicht in der gleichen Kirche! Wir glauben nicht an den gleichen Gott! Wir sind getrennt!» Für mich war er in solchen Momenten prophetisch. Was für ein Mut!

Und was für eine ungeheure Wachheit.

Ja. Er war felsenfest davon überzeugt, dass man als Christ nicht Hitler folgen darf. Keine Sekunde zweifelte er daran. Seine Kraft, im entscheidenden Augenblick präsent zu sein und Nein zu sagen, beeindruckt mich bis heute. Ein gewöhnlicher Mensch würde sich das nicht getrauen.

Als ihn die Nazis 1935 von seinem Professorenamt in Bonn suspendierten, kehrte er in die Schweiz zurück. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum Barth keine Sekunde daran zweifelte, dass er nach dem Evangelium handelt? Christen, die Hitler zujubelten, waren ja davon auch überzeugt.

Man kann auch von Falschem überzeugt sein. Viele evangelische Christen im Dritten Reich beriefen sich auf eine Art Zwei-Reiche-Lehre. Sie bedeutete, dass eine herrschende Obrigkeit, in diesem Fall also Hitler, von Gott verordnet sei und ihm darum Gehorsam zu leisten sei. Für Barth ging das so nicht. Nach ihm haben Christen allein dem Gott zu folgen, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt ist. Das erste der Zehn Gebote sagt: Ich bin der Herr, dein Gott … Du sollst nicht andere Götter haben neben mir. Dieser Gott spricht zu uns Christen in Jesus Christus. Wohlgemerkt: der sprach nicht nur einst irgendwo im Nahen Osten, sondern er spricht zu uns heute als der lebendige Gottessohn.

Das heisst?

Wir sollen uns nicht in Beziehung setzen zu einer Gestalt der Vergangenheit. Wir haben davon auszugehen, dass der lebendige Christus sich heute in Beziehung setzt zu uns. Und was wir dabei in der Gegenwart hören, das haben wir mit unserem Reden und Handeln zu bezeugen. Zuerst haben wir jeweils neu zu hören.

Lassen Sie uns über die Dreiecksbeziehung von Karl Barth mit seiner Ehefrau Nelly Barth und seiner Mitarbeiterin Charlotte von Kirschbaum sprechen.

Von mir aus. Ich möchte das aber auf kleiner Flamme halten. Klar, es gab diese Beziehung und ich verstehe auch, dass es Leute gibt, die daran Interesse haben. Aber man darf daraus nicht so eine unverhältnismässige Sache machen. Karl Barths Botschaft sollte im Mittelpunkt stehen. In ihr hat er uns einiges zu sagen.

In seinem Leben spielten nun mal Nelly Barth und seine persönliche Assistentin Charlotte von Kirschbaum eine grosse Rolle.

Alle sprechen immer nur von der schwierigen Konstellation der zwei Frauen und gehen davon aus, dass Barth eine bequeme Position in dieser Beziehung hatte. Doch auch Barth litt. In einem Brief an seine Ehefrau benannte er eine «von allen dreien getragene Traurigkeit», an der alle unterschiedlich zu tragen hätten. Es hat keinen Sinn, hier für irgendjemanden Partei zu ergreifen.

Mit Sicherheit wollte Nelly Barth nicht, dass Charlotte von Kirschbaum in das Haus einzog. Dass sich zwischen Barth und Kirschbaum eine Liebesbeziehung entspann, war aber nicht rückgängig zu machen. Eberhard Busch

Aber was war der Grund für Barths Trauer?

Das Unglück nahm seinen Lauf, weil Barths Liebe seines Lebens noch einmal eine andere Frau war: Rösy Münger. Die beiden lernten sich 1907 in Bern kennen und waren aufs glücklichste ineinander verliebt. Sie wollten heiraten. Aber es kam anders. Der Vater verbot seinem Sohn, sich mit der Rösy zu verloben.

Weshalb?

Als Grund nannte der Vater, dass er und seine Frau dies nicht wollten.

Elternwille sei Gottes Wille, hiess es. Der wahre Grund war ein anderer: Rösys Familie zählte zum liberalen Teil der Berner Münstergemeinde, die Familie Barth zum bibeltreuen, sogenannten positiven Flügel. Am Ende trennten sich Karl und Rösy.

Karl Barth, der sonst so widerständig war, gehorchte dem Vater?

Er tat es – und doch auch nicht: Zum Missfallen seiner Eltern wandte er sich in den kommenden Jahren eben der liberalen Theologie zu, vor der sie ihn bewahren wollten. Ich interpretiere das als Abkehr vom elterlichen Nein und ihrer theologischen Ausrichtung.

Zu Rösy Münger fand er nicht zurück?

Nein. Sie starb im Alter von 37 Jahren an Leukämie. Geheiratet hatte sie nie. Karl Barth war für ihre Familie nach der Trennung gestorben, erzählte mir Rösys Schwester einmal. Barth selbst konnte Rösy zeitlebens nie vergessen. Besuchte er Bern, dann ging er an ihr Grab und legte Blumen nieder. In den letzten Jahren in Basel sah ich ihn oft mit Rösys Fotografie in der Hand. Wenn er abends Mozart hörte, sass er in seinem Sessel und ­betrachtete ihr Bild.

Aber warum soll Rösy Münger die Ursache für die spätere leidvolle Dreiecksbeziehung sein?

Unter den Schatten dieser unerfüllten Liebe gerieten Karl Barths spätere Verbindungen. 1911 verlobte er sich mit der 17jährigen Nelly Hoffmann, die er zwei Jahre später heiratete. Er hatte sie während seiner Zeit als Hilfspfarrer in Genf kennengelernt. Sie war seine Konfirmandin. Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor.

Als Sie 1965 Ihre Arbeit als Assistent im Hause Barth aufnahmen, lebten zwei Frauen unter dem gemeinsamen Dach. Ein Jahr später wurde Charlotte von Kirschbaum aufgrund einer zerebralen Störung in ein Pflegeheim eingeliefert. Danach waren Sie alleine mit Karl und Nelly Barth. Wie war das?

Ich mochte Nelly. Manches Mal habe ich mit ihr musiziert. Sie sprach dann auch aus, wie ihr Leben anders gelaufen ist, als sie gedacht hatte. Nelly war sprachlich und musisch begabt. Sie hätte gerne Musik studiert, aber das war ihr verwehrt. Heute würde man sagen: So etwas geht doch nicht! Frauen müssen wie Männer die Möglichkeit haben, sich zu entfalten.

Das klingt nach Nelly Barths Anteil an der «von allen dreien getragenen Traurigkeit».

Die Situation war für sie noch einmal anders. Nelly steckte mit Karl Barth in einer Ehe, die zwar von Respekt geprägt war, aber in der beide auch Mühe miteinander hatten. Ihre Unterschiede waren einfach zu gross: Da der schriftstellerische Barth und dort seine Frau, die nachmittags Damen aus der Basler Gesellschaft zum Tee einlud und Freude gehabt hätte, wenn ihr Mann auch dabei gewesen wäre.

Im Sommer 1925 trat Charlotte von Kirschbaum, später von allen Lollo genannt, in das Leben von Karl Barth. Da war er 39jährig und inzwischen ein weltbekannter Professor, der an der Universität in Münster lehrte.

In der Begegnung mit Lollo erlebte Barth eine Art schöner Beflügelung. Charlotte von Kirschbaum, eine Krankenschwester, Sozialpädagogin und Stenotypistin aus Ingolstadt, war eine hochbegabte Frau. Bald schon stenografierte sie seine Predigten mit und lernte Latein, Griechisch und Hebräisch. 1929 zog sie in das Haus von Nelly und Karl Barth in Münster ein.

War das einvernehmlich mit Nelly Barth?

Mit Sicherheit wollte sie das nicht. Dass sich zwischen Barth und Kirschbaum eine Liebesbeziehung entspann, war aber nicht rückgängig zu machen. Da Nelly eine Scheidung nicht wollte, wie Karl Barth ihr das 1933 vorschlug, blieb ihr nichts anderes übrig, als sich mit der Situation zu arrangieren.

Einmal lehnte sich Charlotte von Kirschbaum mit Tränen an meine Schultern und sagte: «Ich kann nicht mehr.» Sie musste unglaublich viel arbeiten. Eberhard Busch

Wie muss man sich dieses Zusammenleben im Hause Barth vorstellen?

Beide Frauen waren mit unterschiedlichen Aufgaben betraut. Nelly sorgte für die Kinder und lud immer wieder Freunde und Studenten zum Essen ein. Gern hat sie auch Patience gespielt. Charlotte war bei den Kindern als Tante Lollo anerkannt.

Karl Barth 1886 – 1968
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Sie sammelte Tausende von Notizen, Quellen und Querverweisen, die in Barths vierzehnbändigem Monumentalwerk der Kirchlichen Dogmatik Eingang fanden. Sie musste unglaublich viel arbeiten. Ich erinnere mich, dass sie sich einmal mit Tränen an meine Schultern anlehnte und sagte: «Ich kann nicht mehr.» Lollo war eine unersetzliche Mitarbeiterin, aber keine heimliche Ehefrau.

Dass die beiden nicht intim wurden, ist schwer vorstellbar.

Briefe belegen, dass beide bewusst auf Intimität verzichtet haben. Für Barth wie für Kirschbaum war klar, dass sie nicht verheiratet waren. Dieser Verzicht fiel beiden nicht leicht. Es gab wohl immer wieder einen Kuss, aber sie haben nicht als Mann und Frau miteinander verkehrt. Letztlich aber ist das auch nicht so wichtig, und ich möchte da auch nicht so viel reingeheimnissen, wie das heute manche machen.

Aber Liebe war das schon?

Ja, klar!

Es wird regelmässig diskutiert, wie viel Anteil Charlotte von Kirschbaum am Werk von Karl Barth hatte. Was denken Sie?

Das bringt man nicht raus. Es gibt Leute, die sagen, dass alles Kleingedruckte in der Dogmatik von Lollo stammt. Ich halte das für falsch, weil gerade diese Abschnitte seine Handschrift verraten. Aber sicher stammt auch manches von ihr. Wenn Karl Barth jemandem vertraute, dann konnte dieser auch mitarbeiten. Lollo vertraute er.

So wie Ihnen. Wie viel Busch steckt in Barths Werk?

Ich will das nicht grossmachen, aber ich erhalte bis heute ein kleines Honorar für Seiten, die ich beigesteuert habe. In seinen letzten Jahren hat er noch seine Tauflehre herausgebracht. Er meinte, dass ich schauen soll, was man veröffentlichen könne und welche Änderungen es noch brauche. Das war Karl Barths Arbeitsweise.

Das klingt uneitel.

Ja, ihn interessierte, was bei der Arbeit herauskommt. Er hatte keine Mühe damit, dass andere ihn unterstützten. «Arbeit heisst Mitarbeit» schrieb er in seiner Dogmatik. Vielleicht hatte diese uneitle Art auch damit zu tun, dass er direkt vom Pfarrer zum Professor nach Göttingen berufen wurde, ganz ohne Doktortitel oder Habilitation. Der akademische Dünkel war ihm fremd.

Karl Barths Beziehungsleben kollidierte frontal mit den damaligen bürgerlichen Normen. Konnte er sich als Startheologe da mehr erlauben?

Nein, im Gegenteil, die Basler zerrissen sich den Mund darüber und fromme Kreise waren empört. An der Fasnacht beschäftigte sich einmal ein Sujet hämisch mit dem Thema. Karl Barth lief als Teilnehmer hinterher. Er hielt das aus und stand zu dem, wie er lebte.

Barth, der tiefschürfende Denker, bewahrte zeitlebens das Kind in sich. Eberhard Busch

Wie dachten Sie eigentlich darüber, wie er lebte?

Ich sah darin kein Problem. Es war, wie es war.

Redeten Sie mit Karl Barth auch darüber?

Nein, nie. Sie dürfen nicht vergessen: Als ich Barth kennenlernte, war ich ein junger Typ und er ein alter Mann, so wie ich es heute bin. Er hat mich geschätzt, aber ich war für ihn nicht ein Freund, mit dem er sich über solche Dinge ausgetauscht hätte.

Barth wurde 82 Jahre alt. Wie stirbt ein Mensch, der in seinem Leben auf Tausenden von Seiten komplizierteste Gedankengänge zu Gott ausführte?

Ich traf ihn kurz vor seinem Tod noch zweimal. Die Begegnungen hätten nicht unterschiedlicher sein können. Wir hielten uns in seinem Arbeitszimmer auf, als er aus dem Nichts heraus sagte: «Ich will nicht sterben!» Ich erinnerte ihn dann daran, dass er doch so Schönes über das Sterben geschrieben habe, was ihn aber nicht interessierte: «Ach, was geht mich mein Zeug an!» Darauf versuchte ich es mit tröstlichen Worten: Vielleicht sei es ihm ja wie Abraham vergönnt, alt und lebenssatt zu sterben? Doch auch davon wollte er nichts wissen: «Man darf nicht lebenssatt sein! Diese Irrlehre will ich nicht noch einmal hören!»

Er haderte.

Es war kein Hadern, sondern eine Facette von ihm, dem nahenden Tod zu trotzen. Beim zweiten Treffen sass ich zusammen mit meiner Frau Beate weit über Mitternacht bei ihm. Es war die Nacht zum zweiten Advent. Als wir aufbrechen wollten, bat er uns zu warten, bis er im Bett liege, um dann noch etwas gemeinsam zu singen. Beim Eintreten ins Schlafzimmer war er gerade dabei, ein Lied aus seiner Basler Kindheit zu singen: «Jetzt schlof i frehlig y, es isch hitte luschtig gsi. Der lieb Gott het recht a mi denkt, und het mir hit vyl Fraide gschenkt.» Barth, der tiefschürfende Denker, bewahrte zeitlebens das Kind in sich. Danach sangen wir ein Adventslied. Er tat es laut wie eh und je. In der darauffolgenden Nacht starb er.

Oliver Demont ist Redaktionsleiter bei bref.
Palle Petersen ist Redaktor bei «Hochparterre» und freier Journalist.
Der Fotograf Ephraim Bieri lebt in Bern.

Die Titelbildillustration von Sören Kunz zeigt Karl Barth mit seinem Assistenten Eberhard Busch auf dem Leuenberg, einem reformierten Tagungsort in Baselland. Die Szene ist ein Ausschnitt einer Fotografie aus dem Jahr 1968.

Eberhard Busch: «Mit dem Anfang anfangen. Stationen auf Karl Barths theologischem Weg». TVZ, Zürich 2019; 252 Seiten; 24.80 Franken.

Eberhard Busch: «Karl Barths Lebenslauf». TVZ, Zürich 2005; 555 Seiten; 48 Franken.

Eberhard Busch, geboren 1937 in Witten im Ruhrgebiet, studierte in Wuppertal, Göttingen, Heidelberg, Münster und Basel evangelische Theologie. Von 1965 bis 1968 war er Karl Barths persönlicher Assistent. Von 1969 bis 1986 amtete er als Pfarrer in der Aargauer Gemeinde Uerkheim, die ihn in ihr Bürgerrecht aufnahm. 1977 promovierte Busch mit einer Biografie über Barth. 1986 folgte er dem Ruf als Professor für Reformierte Theologie an der Universität in Göttingen. Dort war Busch Inhaber jenes reformierten Lehrstuhls, den Karl Barth als erstes inne hatte. Busch lebt mit seiner Frau Beate, ebenfalls reformierte Pfarrerin, in Friedland bei Göttingen. Gemeinsam haben sie vier erwachsene Kinder.