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Text und Bilder: Niklas Franzen
Donnerstag, 15. Mai 2025

Bevor Aviaja Rakel Sanimuinaq Kristiansen auf Trommelreise geht, in einer spirituellen Sitzung Kontakt zu ihren Ahnen sucht, nimmt sie das kreisrunde Instrument von der Wand. Sie umfasst den mit Fell umhüllten Schlägel, an dessen Ende Krallen befestigt sind. Dann schliesst sie die Augen, atmet tief ein. Behutsam klopft sie mit dem Kopf auf die gespannte Elchshaut. So lange, bis ein sanftes Stakkato erklingt – bum, bum, bum. Sie beginnt zu singen, ein kehliger Gesang in einer fremden Sprache. Erst leise und zart, dann immer kraftvoller, so als habe ihre Stimme Mut gefasst.

Kristiansen ist Anfang vierzig, sie trägt ihr langes, schwarzes Haar offen. Feine, schwarze Linien laufen über ihr Gesicht und ihre Arme. Es sind Tattoos, die von ihrer Herkunft erzählen. Kristiansen ist Inuit. Und sie ist eine Angakkoq, eine Schamanin. Ihr Andachtsraum ist ein kleines Zimmer in Grönlands Hauptstadt Nuuk, es misst knapp 15 Quadratmeter.

An den Wänden hängen Federn, Totenköpfe und Walrosszähne. In der Mitte steht ein mit Leder bezogener Liegestuhl, davor liegt ein buschiges Eisbärfell. Das, was hier passiert, könnte man Therapie nennen, Gottesdienst oder Geschichtsbewältigung.

«Unsere Kultur war nie verloren. Wir müssen uns nur wieder mit ihr verbinden», sagt die Schamanin Aviaja Rakel Sanimuinaq Kristiansen.

«Es ist Seelenrettung», sagt Kristiansen. Sie empfängt hier Menschen und begleitet sie auf Trommelreisen, um sie von Krankheiten zu heilen – seelischen und körperlichen. Immer mehr Grönländerinnen und Grönländer sagen sich vom Christentum los und wenden sich den Bräuchen ihrer Urgrosseltern zu. Stolz zeigen sie auf TikTok ihre traditionellen Gesichtstätowierungen.

Es ist eine Bewegung, eine Inuit-Renaissance wenn man so will. «Unsere Kultur war nie verloren», sagt Kristiansen. «Wir müssen uns nur wieder mit ihr verbinden.» Doch nicht alle Bewohner sind begeistert von diesem neu erwachten Selbstbewusstsein. Ein Konflikt ist entbrannt, in dem es um nichts weniger geht als um die Identität der grössten Insel der Welt.

Die Angst, die in der Familie nistet

Kalaallit Nunaat, «Land der Menschen», heisst Grönland in der Landessprache. Gerade einmal 56 000 Menschen leben hier, auf dem rund 2 Millionen Quadratkilometer grossen Eiland. Die Besiedlung gleicht einer Perlenkette, die die Küste schmückt. Über 80 Prozent der Fläche sind von einem gewaltigen Eispanzer bedeckt, der an seiner dicksten Stelle drei Kilometer misst.

Kristiansen stammt aus einem der entlegensten Orte der Erde: Ittoqqortoormiit, übersetzt «der Ort mit den grossen Häusern», liegt in Ostgrönland. Die rund 300 Menschen, die hier leben – und doppelt so viele Schlittenhunde –, ernähren sich von dem, was das Meer ihnen gibt. Ab und zu streifen Eisbären durch die Siedlung, manchmal rasten Walrossfamilien am Ufer. Neun Monate im Jahr liegt der Ort unter Schnee begraben, oft ist er wochenlang vom Rest der Welt abgeschnitten.

Kristiansen war vier Jahre alt, kämmte gerade die Haare ihrer Puppe, als sie plötzlich ihre Berufung klar vor Augen hatte. Sie rannte zu ihrer Mutter und rief: «Mama, ich werde Schamanin.» Ihre Mutter erstarrte und antwortete: «Nein, das wirst du nicht!» Sie hatte Angst, dass sich das Leid ihrer Familie wiederholen würde. Denn die Geschichte ihrer Vorfahren ist auch die Geschichte des Landes.

Am 3. Juli 1721 legte ein Schiff an der Südwestküste der Arktisinsel an. An Bord befanden sich der dänisch-norwegische Missionar Hans Egede, ein Dutzend amnestierter Häftlinge und elf Pferde. Egede war ein Pastor von den Lofoten. Er war fasziniert von diesem vermeintlich grünen Land, das einst die Wikinger besiedelt hatten. Von norwegischen Walfängern hatte er gehört, dass in der Arktis «Wilde» leben sollen.

Für Egede stand fest: Diese Menschen mussten entweder Heiden sein oder katholische Nachfahren der Wikinger – beides war inakzeptabel für den Missionar. Inmitten der kargen Landschaft, an der Spitze mehrerer Fjorde, hisste Egede die dänische Fahne. Die neu gegründete Siedlung nannte er Godthåb, Gute Hoffnung. Es war der Startpunkt der Kolonisierung Grönlands.

Von den Wikingern fand Egede keine Spur. Dafür traf er auf die Inuit, die indigene Bevölkerung. Ihr Glaube basierte auf einer tiefen Verbindung zur Natur und zu Geistern. Bevor sie auf die Jagd gingen, baten sie um den Beistand der Meeresmutter Sedna. Egede lernte ihre Sprache und begann, die Bibel ins Grönländische zu übersetzen. Da die Inuit kein Getreide und folglich auch kein Brot kannten, schrieb er: «Unseren täglichen Seehund gib uns heute.»

Mit der Missionierung kam auch die Unterwerfung. Plötzlich sollten die Inuit Lars oder Maren heissen, Kirchen besuchen und einen Gott anbeten, der nicht ihrer war. Ihre Traditionen wurden als falsch und minderwertig betrachtet. Ein neues Leben begann, nach den Regeln der weissen Männer.

Die Inuit leisteten keinen organisierten Widerstand gegen die dänischen Kolonisatoren. Zum einen waren sie unterlegen, zum anderen hatten Isolation und die Abhängigkeit von dänischer Unterstützung ihre Gesellschaft geschwächt. Einige Inuit waren sogar nach Europa verschleppt und auf Jahrmärkten zur Schau gestellt worden. Wer sich widersetzte, musste mit Strafen rechnen. Das Wort Gottes wurde mit der Rute durchgesetzt.

Schamanen waren mehr als spirituelle Führer

Ostgrönland, die Heimat von Kristiansen, war die letzte Region, die kolonisiert wurde. Auch Kristiansens Familie blieb nicht verschont. Sie stammt aus einer Linie von Jägern, ihre Urgrossmutter war eine Schamanin. Schamanen waren mehr als spirituelle Führer, sie waren Autoritätsfiguren, die Konflikte lösten und das Gemeinschaftsleben leiteten. Diesen Einfluss duldeten die Kolonisatoren nicht. Eines ihrer obersten Ziele war es, diese Macht zu brechen.

Kristiansens Urgrossmutter wurde hart bestraft, wenn sie ihre Trommel spielte. Sie erhielt Schläge, und man entzog ihr die Nahrung. Um ihre Kinder zu schützen, liess sie sich schliesslich taufen. Doch ihr Gehorsam war nur vorgetäuscht. Heimlich praktizierte sie weiterhin als Schamanin und hielt die Traditionen ihrer Vorfahren am Leben.

Grönland wurde 1953 als formal gleichberechtigte Provinz in den Staat Dänemark eingegliedert. Die Bevölkerung sollte sich fortan an den europäischen Lebensstil assimilieren. Zu «Norddäninnen» werden, wie es oft hiess. Fabrikarbeit statt Robbenjagd. Grönlands Bevölkerung, dachte man in Dänemark, würde schon bald begreifen, welches Privileg es sei, einem der reichsten Länder der Welt anzugehören.

Der Zwang zur Anpassung brachte es mit sich, dass verstreute Siedlungen aufgegeben werden mussten. Bewohnerinnen und Bewohner von Fischerdörfern fanden sich plötzlich in städtischen Plattenbauten wieder. Die Moderne krachte für viele völlig unvermittelt in ihr Leben.

In Nuuk haben viele Inuit den Spagat zwischen Tradition und Moderne noch nicht bewältigt.

Heute ist Nuuk ein modernes Städtchen mit einer Universität, gut gefüllten Supermärkten, Cafés und einem Kulturzentrum, in dem die neuesten Hollywood-Blockbuster laufen. Aber es gibt auch den anderen Teil der Stadt. Klotzförmige, uniforme Sozialbauten mit schlechten Graffiti an den Wänden und Wäscheleinen vor den Fenstern.

Durch die Gassen torkeln unrasierte Männer mit roten Köpfen und zahnlosen Mündern, die sowohl 25 als auch 50 Jahre alt sein können. Viele versuchen, im Rausch die Sorgen zu vergessen, die sie plagen. Wegen Armut, Diskriminierung und des Verlusts ihrer einstigen Identität. Je höher der Alkoholpegel steigt, desto öfter fliegen Fäuste.

Es wäre zu einfach, alle heutigen Herausforderungen ausschliesslich dem Erbe des Kolonialismus zuzuschreiben. Dennoch ist unbestreitbar, dass viele Inuit durch den radikalen Wandel überfordert wurden. Die erzwungene Anpassung an westliche Lebensstandards, der Verlust von Land, Sprache und Kultur sowie der Wandel von einer traditionellen Jäger- und Sammlerkultur hin zu einer sesshaften Lebensweise war ein tiefer Einschnitt.

Der Zwang zur Anpassung an den europäischen Lebensstil brachte es mit sich, dass Bewohner von Fischerdörfern plötzlich in städtischen Plattenbauten lebten.

Der Spagat zwischen Tradition und Moderne war für viele kaum zu bewältigen. Die Traumata sitzen immer noch tief. Auch bei Kristiansen. Sie kämpfte lange dafür, ihren Weg zu finden. Ihr Vater, ein Däne, misshandelte sie. Statt ihrer Berufung zu folgen und Schamanin zu werden, ging sie zunächst den «westlichen Weg der Heilung», der gleichbedeutend war mit Psychiaterbesuchen, Medikamenten, Gesprächen mit Pastoren.

Doch ihr Zustand verschlechterte sich zusehends. Sie litt an einer schweren Depression, hatte das Gefühl, nirgendwo dazuzugehören, und verliess kaum noch das Haus. Mehrmals versuchte sie, sich das Leben zu nehmen. Wie viele junge Grönländerinnen und Grönländer sah auch sie keinen Ausweg aus der Perspektivlosigkeit.

Dieses Gefühl der Nutzlosigkeit plagt viele junge Menschen bis heute. Es ist zu einer Epidemie geworden. Fast täglich sieht man auf Facebook Fotos von lächelnden Jugendlichen, fast noch Kinder. Es sind Todesanzeigen. So gut wie jeder trauert um einen Menschen, der sich das Leben genommen hat. Um einen engen Freund, die Schwester, den Nachbarn. Grönland hat eine der höchsten Suizidraten der Welt.

Wenn Sie Suizidgedanken haben oder jemanden kennen, der Hilfe braucht, nehmen Sie bitte mit den Beraterinnen und Beratern der Dargebotenen Hand Kontakt auf. Sie erreichen diese 24 Stunden lang telefonisch unter der Nummer 143. Das Gespräch ist kostenlos, anonym und vertraulich. Kinder und Jugendliche bekommen Hilfe unter der Nummer 147.

Als Kristiansen ihren Tiefpunkt erreicht hatte, spürte sie plötzlich eine neue Kraft. Als wären unsichtbare Helfer an ihrer Seite. Anstatt erneut einen Arzt aufzusuchen, besann sie sich auf die Kultur der Inuit und ging zu einem Trommelkreis. Damit begann ihr neues Leben. Sie zog sich in die Natur zurück, studierte die Traditionen ihrer Vorfahren und folgte den Zeichen der Geister. Einst praktizierende Christin, distanzierte sie sich von der Kirche.

Heute ist sie eine der wenigen Vollzeit-Schamaninnen Grönlands. Sie gibt TV-Interviews, ist aktiv in den Sozialen Medien und führt ihre Trommelreisen sogar online durch. Ihre Arbeit vergleicht sie mit der einer Mechanikerin: «Die Seele ist wie eine Maschine.» Sie erkenne, welcher Teil betroffen sei, und setze auf die Unterstützung der Ahnen, der Natur und der Pflanzenwelt, um die Seelenmaschine zu heilen und wieder zum Laufen zu bringen.

Als sie begann, öffentlich als Schamanin aufzutreten, wurde sie zunächst belächelt. Dann wurde sie beschimpft, irgendwann bedroht – auch von Inuit. Man warf ihr vor, eine Gotteslästerin zu sein, den Teufel anzubeten und Seelen in die ewige Verdammnis zu führen. «Ich verstehe, woher das kommt. Wir wurden dazu erzogen, uns für unsere Kultur zu schämen.»

Besonders bei den älteren Generationen gehe die Kolonisierung tief. Doch inzwischen kommen mehr als hundert Menschen regelmässig zu ihr, darunter Politikerinnen, Psychologen, Ärztinnen. Die Bewegung wächst; in den Sozialen Medien haben indigene Influencer viele Follower, auf den Strassen von Nuuk sieht man viele Leute, die Gesichtstattoos tragen. Inuit zu sein, ist heute unter jungen Menschen cool.

Der Pastor sagt: Es ist gut, so, wie es ist

Wenn man John Johansen fragt, was er von diesem neu erwachten Selbstbewusstsein hält, lacht er kurz auf, dann sagt er ernst: «Man muss die Geschichte respektieren.» Grönland sei ein christliches Land, und das sei gut so. So denke die Mehrheit der Bevölkerung. Johansen ist ein rundlicher Mann mit väterlicher Art. Das mag auch an seinem Beruf liegen. Er ist Pastor.

Der 54-Jährige trägt einen pechschwarzen Talar, eine dicke Brille, den Kopf frisch rasiert. Seine Kirche liegt etwas oberhalb der einzigen Einkaufsstrasse des Landes, ein kastenförmiger Bau im skandinavischen Stil. Sie trägt den Namen Hans Egedes, überall hängen Bilder des Missionars. «Er hat das Christentum nach Grönland gebracht. Wir sind ihm zu Dank verpflichtet.»

Johansen legt seine weisse, tellerförmige Halskrause an und richtet das Gewand. Langsam schlendert er zum Hauptsaal der Kirche. Das Schrägdach und die massiven Holzbalken verleihen dem Raum eine rustikale, aber gemütliche Atmosphäre. Von der Decke hängen Modellschiffe, auf dem Altar flackern Kerzen. Es ist Sonntag, Gottesdienst. Die Kirche ist gut gefüllt, viele Familien sind da, die Kinder lümmeln gelangweilt auf den harten Holzbänken. Festliche Kleidung trägt kaum jemand.

Dass Menschen zu alten Bräuchen zurückkehren wollen, kann Pastor John Johansen nicht verstehen: «Wir waren Mörder und Banditen.»

Johansen predigt auf Grönländisch, er liest aus einer dicken Bibel mit schwarzem Einband vor. Seine Stimme ist ruhig, eher monoton, seine Worte füllen den Raum. Am Ende des Gottesdienstes treten junge Eltern nach vorne, ein brüllendes Kind auf dem Arm. Sie tragen perlenbestickte Kleidung mit bunten Mustern, die Frau einen eleganten Stirnschmuck. Diese Mode brachten einst holländische Walfänger nach Grönland.

Die kulturellen Einflüsse Grönlands sind vielfältig: eine Mischung aus alten Inuit-Traditionen und fremden Einflüssen. Das zeigt sich auch in der Kirche von Johansen. Der Glaube, ursprünglich aus Europa stammend, hat hier in Grönland einen eigenen Ausdruck gefunden und ist mit lokalen Bräuchen verwoben.

Behutsam träufelt der Pastor etwas Wasser auf die Stirn des Neugeborenen und spricht ein kurzes Gebet. Die Gemeinde hat ein neues Mitglied. Während die Verwandten sich vor dem Altar niederknien und das Abendmahl empfangen, stimmen die anderen in das letzte Lied ein. Dann löst sich die Versammlung auf. Draussen warten bereits die nächsten Gläubigen – der zweite Gottesdienst des Tages steht an, dieses Mal auf Dänisch.

Johansen geht in sein Büro. Über seinem Schreibtisch hängt eine Karte Kanaans. Auch er ist Inuit und ein gebürtiger Nuuker. Einmal, erzählt er, seien «die mit den Gesichtstattoos» in seine Kirche gekommen. Sie hätten einen Tanz aufgeführt und einen Zauber über die Kirche gelegt. Sie hätten ihn angeschrien, ihn einen Lügner genannt.

Dass Menschen zu alten Bräuchen zurückkehren wollen, kann er nicht verstehen. «Wir waren Mörder und Banditen.» Solche Aussagen hört man oft in Grönland. Was man ebenso hört: Die Dänen hätten den Lebensstandard verbessert, die Sterberaten gesenkt, die Mehrehen abgeschafft – vor allem aber hätten sie das Christentum gebracht. Und tatsächlich sind heute 95 Prozent der Grönländer Christen, hauptsächlich evangelisch-lutherische.

«Guter Kolonisator» – «glückliche Kolonie»

Johansen wuchs mit der Kirche auf, sein Vater war Organist. Die Musik, die Gemeinschaft, die Verbindung zu etwas Höherem, das faszinierte ihn. Doch zunächst ging er einen anderen Weg: Er trat der Polizei bei und lebte in Dänemark. Als er, wie viele Grönländerinnen und Grönländer, nach ein paar Jahren auf die Insel zurückkehrte, tauschte er die Polizeiuniform gegen das Gewand des Pastors, Blau gegen Schwarz.

In gewisser Weise gebe es Parallelen zwischen seiner früheren und seiner jetzigen Profession, sagt er. Sowohl die Polizei als auch die Kirchenführer in Grönland stehen in engem Kontakt mit den Menschen. Und ihren Schicksalen.

Von seinem Büro aus blickt Johansen auf den Friedhof. Weisse Holzkreuze stehen dort, in geraden Reihen. In Grönland müssen alle Gräber dieselbe Grösse haben. Zumindest nach dem Tod sollen alle gleich sein. Viele der hier Begrabenen haben das Erwachsenenalter nicht erreicht. In den letzten Wochen, erzählt der Pastor, habe es viele Suizide gegeben. Oft sei er unterwegs, spreche mit den Jugendlichen. Er gehe auf Streife, so wie früher als Polizist.

Dänemark galt lange Zeit als «guter Kolonisator», zumindest in der Wahrnehmung der Dänen. Die Missionierung sei zum Besten der Inuit geschehen, hiess es. Doch der Mythos der «glücklichen Kolonie» bekam Risse – zunächst, als die Zwangsadoptionen grönländischer Kinder nach Dänemark bekannt wurden.

Weil die dänischen Behörden viele Mütter, meist waren es Inuit-Frauen, als unfähig erachteten, ihre Kinder grosszuziehen, wurden sie ihnen unter dem Vorwand, sie würden eine gute Ausbildung erhalten, weggenommen und dänischen Familien übergeben. Das geschah zwischen den 1950er- und 1970er-Jahren und war Teil einer umfassenderen Assimilierungspolitik, die darauf abzielte, die Inuit-Kultur zu verdrängen.

Als 2022 ein dänischer Radiosender enthüllte, dass grönländische Frauen bis in die 1970er-Jahre ohne ihr Einverständnis Spiralen in die Gebärmutter eingesetzt bekommen hatten, war die Empörung über diese Zwangsverhütung gross. Einige sprachen von einem Genozid und zogen Parallelen zur Behandlung der Aborigines in Australien oder der First Nations in Kanada. Eine Entschuldigung der dänischen Premierministerin folgte, mehrere Kommissionen wurden eingerichtet.

«Viele Grönländer träumen davon, endlich komplett alleine zu entscheiden und bei Sportveranstaltungen die Fahne ihres eigenen Landes zu schwenken», sagt die Ministerin Naaja Nathanielsen.

«Eine solche Bevölkerungskontrolle ist ein klassisches Nebenprodukt einer kolonialen Struktur, bei der Entscheidungen im Namen der Bevölkerung getroffen werden, ohne deren Interessen oder Gefühle zu berücksichtigen», sagt Naaja Nathanielsen. Die 48-Jährige mit den blondgefärbten Haaren ist Ministerin für Handel, Justizwesen und Geschlechtergerechtigkeit. Und Mitglied der linken Partei Inuit Ataqatigiit, der «Gemeinschaft der Inuit». 2021 hatte die Partei die Wahlen gewonnen und bis im vergangenen Frühling den Ministerpräsidenten gestellt. Das ist vorbei: Die diesjährigen Parlamentswahlen hat die sozialliberale Partei Demokraatit für sich entschieden.

Um den «Spiralen-Skandal» zu untersuchen, stellten Dänemark und Grönland im Jahr 2022 eine Forschungsgruppe zusammen. Doch weil der dänische Staat nicht wollte, dass Menschenrechtsverletzungen Teil der Untersuchung sind, gründete die damalige grönländische Regierung unter Federführung von Nathanielsen eine eigene Expertengruppe, die sich unter anderem mit indigenen Rechten und intergenerationalen Auswirkungen befasst. Zu ihr gehören Fachleute wie Psychologen, Anwältinnen und Aktivistinnen aus Ländern wie Kanada und Neuseeland.

«Wir spüren in Grönland immer noch die Auswirkungen der Kolonialzeit. Generationen wurden von einer stärkeren Macht unterdrückt, das hinterlässt Spuren», sagt Nathanielsen. Doch in den letzten Jahren sei es möglich geworden, offener über die Geschichte zu sprechen. «Es ist wichtig, unsere historischen Traumata nicht zu verstecken, denn sie verschwinden nicht, nur weil wir sie ignorieren.»

Auch der Wunsch nach Unabhängigkeit wachse. Nathanielsen ist eine vehemente Verfechterin der Loslösung von Dänemark: «Viele Grönländer träumen davon, endlich komplett alleine zu entscheiden und bei Sportveranstaltungen die Fahne ihres eigenen Landes zu schwenken.»

Eine Statue spaltet die Bevölkerung

Die Beziehung zu Dänemark ist komplex: Einerseits schimpfen viele Grönländerinnen und Grönländer über die Qallunaat, die Dänen. Besonders die jüngere Generation hinterfragt immer selbstbewusster die Kolonialgeschichte. Andererseits sind viele eng mit der Kultur des einstigen Kolonisators verbunden. Sie sprechen Dänisch, schauen dänisches Fernsehen und leben teilweise oder dauerhaft in Dänemark.

Wohl kaum eine Debatte verdeutlicht das so sehr wie die Diskussion um eine Bronzefigur, die oberhalb Nuuks auf einem Hügel thront. Sie stellt einen Mann mit Lockenkopf dar, in eine lange Robe gehüllt, die Bibel in der einen, den Hirtenstab in der anderen Hand. Den Blick hat er auf die Bucht mit ihren Eisbergen gerichtet. Es ist Hans Egede. Für viele ist das Denkmal ein Symbol des dänischen Machtanspruchs und schon lange nicht mehr zeitgemäss.

Als 2020 während der Black-Lives-Matter-Proteste Demonstrationszüge durch die Städte der Welt zogen, erwachten die Bewohnerinnen von Nuuk eines Morgens mit einem rot beschmierten Egede. Auf den Sockel hatte jemand «Decolonize» gesprüht. Eine Studentin lancierte eine Petition, die verlangte, die Statue abzureissen. Darauf führte die Stadtverwaltung eine Abstimmung über den Verbleib der Statue durch, doch die Mehrheit von Nuuks Bevölkerung wollte, dass sie stehen bleibt.

Wertvolle Rohstoffe

Die Schamanin Kristiansen möchte das Egede-Denkmal am liebsten vom Sockel stossen. Für sie ist es ein Symbol dafür, wie viel Einfluss Dänemark noch immer auf Grönland ausübt. Zwar hat die Insel seit 1979 eine eigene Regierung und ein eigenes Parlament. Seit 2009 ist sie zudem weitgehend selbstverwaltet – und hat damit auch das Recht bekommen, ihre Unabhängigkeit zu erklären –, doch sie bleibt ein Teil von Dänemark.

Viele Unternehmen werden von Dänen geführt, und politische Entscheidungen werden häufig von dänischen Politikerinnen und Politikern getroffen, die nie einen Fuss auf die Insel gesetzt haben. Wer kein Dänisch spricht, hat es schwer in der Schule und auf dem Arbeitsmarkt. Grönland hat ein eigenes Parlament, das über innerstaatliche Angelegenheiten wie Bildung, Gesundheit und Umweltpolitik entscheidet. Doch Aussenpolitik, Verteidigung und Währung stehen weiterhin unter dänischer Kontrolle.

Die Bautätigkeit in Grönland nimmt zu. Doch die klimatischen Bedingungen und strikte Umweltgesetze schrecken manche Investoren ab.

Die Stimmen für völlige Unabhängigkeit werden immer lauter. Studien zeigen, dass eine Mehrheit der Bevölkerung eine Loslösung von der ehemaligen Kolonialmacht befürwortet. Doch noch ist das Land stark von dänischen Subventionen abhängig; sie machen etwa die Hälfte des Staatshaushalts aus.

Manche Geschäftsleute setzen auf den Bergbau, andere auf den Tourismus, um langfristig finanziell unabhängig zu werden. Das Land wird zunehmend attraktiv für Minenunternehmen, da unter der Erdoberfläche wertvolle Rohstoffe wie seltene Erden schlummern, die für die Energiewende weltweit eine wichtige Rolle spielen.

Zu den Rohstoffen, die das schmelzende Eis in Grönland freilegt, gehören unter anderem seltene Erden. Zwei der weltgrössten Seltenerdmetalle-Lagerstätten liegen im Süden der Insel. Die Metalle sind begehrt, sie stecken etwa in Smartphones, Tablets, Lautsprechern und Fernsehern. Weil es auch für Windturbinen und Elektromotoren seltene Erden braucht, wäre ohne sie keine Energiewende möglich.

Weltmarktführer bei der Verarbeitung und Förderung von seltenen Erden ist derzeit China. Weil sowohl die EU wie auch die USA ihre Abhängigkeit von Peking reduzieren wollen, setzen sie auf die Rohstoffe in Grönlands Boden. Trump will die Insel gleich den USA zuschlagen. Anders die EU. Sie ging 2023 eine strategische Partnerschaft mit Grönland ein und eröffnete 2024 ein Büro in Nuuk, um «nachhaltige Wertschöpfungsketten für mineralische Rohstoffe zu entwickeln», wie dem Ressourcen-Strategiebericht 2025—2029 der grönländischen Regierung zu entnehmen ist. baz

Einige sprechen bereits von einem «arktischen Goldrausch». Doch noch stecken die meisten Bergbauprojekte in den Kinderschuhen. Die klimatischen Bedingungen und die abgelegene Lage erschweren die Arbeit, das Land hat kaum Fachkräfte, und strikte Umweltgesetze schrecken Investoren ab.

Dennoch eröffnete die EU 2024 eine Vertretung in Nuuk, und auch China zeigt strategisches Interesse an der Region. Im Dezember 2024, kurz vor Weihnachten und kurz vor Antritt seiner zweiten Amtszeit, erneuerte Donald Trump seine territorialen Ansprüche auf die Insel und schickte im Januar 2025 seinen Sohn, Donald Trump jr., auf Besuch in die Arktis; rein privat sagten beide.

Die neoimperialistischen Avancen Trumps lösten in Grönland Empörung aus. Durch Nuuk zogen Demonstrationszüge, auf Schildern war zu lesen: «Wir sind nicht zum Verkauf» und «Yankee Go Home».

Die Schamanin Kristiansen ist überzeugt, dass der Weg zur vollständigen Unabhängigkeit, den viele gehen wollen, auch ein mentaler Prozess ist. Sie schöpft Kraft aus alten Liedern, die oft die Gefühlslage der Menschen widerspiegeln.

Ihr Lieblingslied erzählt vom Einsturz des Himmels. Ein Meteorit schlägt ein, die Erde wird erschüttert, nur einer überlebt. Er trägt den Schmerz seines Volkes, doch inmitten der Trauer spürt er auch Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens. Auf einem Berg stehend, blickt er auf die verwundete Welt und singt – ein Lied des Abschieds, der Erinnerung und der Hoffnung.

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