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Autorin: Susann Sitzler
Bilder: Désirée Good
Freitag, 22. Juni 2018

Ein vollständiges Theologiestudium in nur drei Jahren, statt wie sonst in fünf bis sechs: Mit diesem Mittel wollen die reformierten Kirchen dem Pfarrermangel in der Schweiz entgegenwirken. Quest heisst die Ausbildung, mit der Akademikerinnen und Akademiker zwischen 30 und 55, die vorher in einem anderen Berufsfeld tätig waren, ins Pfarramt einsteigen können.

Gut dreissig Studenten vom Ingenieur bis zur Schriftstellerin starteten damit im Herbst 2015 an den Theologischen Fakultäten der Universitäten von Zürich und Basel. Da hatte die Ausbildung noch in vielerlei Hinsicht den Charakter eines «work in progress». Ein Vernehmlassungsverfahren hatte 2014 von vielen Seiten Einwände gegen das verkürzte Theologiestudium zutage gebracht – unter anderem von den Regelstudenten der Theologischen Fakultät in Zürich, die mit den Questlern in manchen Lehrveranstaltungen zusammensitzen sollten. Daraufhin wurden Regeln und Lehrplan verschärft. Schliesslich sollte Quest nicht in den Ruf kommen, eine «Schnellbleiche» zu sein.

Auch beim formalen Abschluss gab es Unklarheiten. Noch im zweiten Jahr wussten die Studenten nicht, ob sie am Ende mit einem akademischen Titel ins anschliessende Lernvikariat hätten eintreten können. Das ist nun geregelt: Quest-Absolventen schreiben eine Bachelor- und eine Masterarbeit und schliessen mit dem Master ab. Ein grosser Teil arbeitet nebenher noch, um sich selbst und oft auch eine Familie zu ernähren. Nahegelegt wird eine Berufstätigkeit von 30 bis 40 Prozent – was nach den Erfahrungen der Pioniere schon an der Grenze der zeitlichen und geistigen Belastbarkeit liegt.

Im September 2018 wird der zweite Durchgang von Quest starten. Darin wird es einige Anpassungen geben. So müssen Absolventen voraussichtlich nur noch eine der beiden Quellensprachen Altgriechisch und Hebräisch lernen. Für den ersten Jahrgang waren noch beide Sprachen zwingend.

Warum unterzieht man sich aus einer erfolgreichen Karriere heraus diesem Stress? Bietet der Pfarrberuf eine Antwort, wenn man sich in der Mitte des Lebens oder am Ende der Kindererziehungsphase die Sinnfrage stellt? Oder ist das Erreichen beruflicher Ziele vielleicht umgekehrt für manche Menschen eine notwendige Vorarbeit, um danach im Pfarrberuf eine Berufung ausleben zu können? Wir haben drei Absolventen des ersten Jahrgangs gefragt, was sie zu Quest geführt und was das Studium ihnen gebracht hat.

Zölibat, Kohlekraft, Theologie – im Leben und Denken von Markus Zeifang sind die Dinge nicht immer ganz geradlinig miteinander verknüpft

Markus Zeifang, 57, Ingenieur

Es gibt Menschen, mit denen kann man sich gut über teure Hotels unterhalten. Dann gibt es solche, mit denen kann man über Glauben sprechen. Wieder andere können einem in wenigen Sätzen plausibel erklären, warum es Spass macht, Wasserkraftwerke zu verkaufen. Und keinen Spass, Kohlekraftwerke zu verkaufen. Mit Markus Zeifang dagegen kann man über all diese Dinge gleichzeitig reden, ohne dass einem der Kopf schwirrt. Sein Denken ist schnell und ebenso gründlich. Sich selbst nimmt er nicht allzu ernst, dafür aber seine Träume. Einen hat er sich parallel zu seiner Karriere als Ingenieur erfüllt: Pfarrer zu werden. Genauso gut hätte er auch Mönch werden können. Unkomplizierter geht es bei Markus Zeifang nicht. Nicht nur in seinem Denken, auch in seinem Leben sind alle Dinge irgendwie verbunden.

Aufgewachsen ist er im Süddeutschen. Als Kind lebte er mit seinen Geschwistern häufig für längere Zeit im Pfarrhaushalt der Grosseltern. «In der Kirche langweilte ich mich zu Tode.» Als Jugendlicher fragte er sich dann, ob er an das, was der Grossvater da predigte, überhaupt glaube. Er kam zum Schluss, dass nicht. Er begann Jura zu studieren, weil damit viele Wege offenstehen. Doch nach drei Semestern empfand er das Fach als «geistige Onanie, weil am Ende jeder Arbeit immer rauskommen musste, was das oberste Gericht schon entschieden hatte». Zeifang wechselte zu Wirtschaftsingenieurwesen.

Schliesslich landete er bei Alstom in Baden, wo er sich, inzwischen Familienvater, auf einer Stabsstelle um die Förderung von nachhaltigen Energien kümmerte. Nach Umstrukturierungen wurde die Stelle 2014 nach Paris verlegt – und Zeifang ein Wechsel in die gerade verkümmernde Kohlekraftbranche angeboten. «Das war weder lustig noch zukunftsreich», sagt er. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt sah Markus Zeifang in einer Kirchenzeitung die Ausschreibung für Quest. «Da war gar keine Entscheidung nötig», sagt er. Er informierte seine Familie, dass er nochmal studieren werde. Theologie. «Weil ich inzwischen gläubig war.»

Ganz so säbelglatt war die Abkehr von der Religion nämlich nicht verlaufen. Nach dem Ingenieurstudium hatte Zeifang als Unternehmensberater angeheuert. Er verdiente viel, fuhr ein dickes Auto und wähnte sich am Ziel seiner Träume. Bloss dass ihm der Haufen Geld und die teuren Hotels sinnlos vorkamen. So las er dann doch mal in der Bibel. «Zum Glück fing ich nicht vorne an, da steht ja nichts Interessantes.» Sondern bei den vier Evangelien im Neuen Testament. Inzwischen war er Mitte dreissig und erlebte zu dieser Zeit etwas, das er nur vage «eine Art Offenbarungserlebnis» nennt.

Es hatte mit einer Begegnung und mit einer Entscheidung zu tun. Mehr ist nicht zu erfahren. Doch ihm war jetzt klar, was der Sinn des Lebens ist und was er mit seinem Dasein am gescheitesten anfangen sollte – nämlich Mönch werden. Wenn da bloss nicht das Zölibat gewesen wäre. Theologisch konnte er es nachvollziehen. Doch hatte er «körperlich ganz einfach keine Lust darauf». So ging er hin und wieder am Sonntagmorgen in die Kirche und machte ansonsten weiter wie bisher. Er heiratete eine Frau und zog mit ihr drei Kinder gross. Für eine Weile reichte es dann als Lebenssinn, mit dem Verkaufen von Wasserkraftwerken genügend «Batzen zu scheffeln», wie er es nennt. Bis dann die Sache mit den Kohlekraftwerken kam, Quest und gleichzeitig die Möglichkeit, im renommierten Paul-Scherrer-Institut eine Teilzeitstelle anzutreten, auf der er sich um Industriekontakte im Bereich der erneuerbaren Energien kümmert.

Bei Quest habe er jede Minute genossen, sagt Markus Zeifang. Wenn auch vieles anders war als erwartet. «Meine tollen Zeitpläne haben zum Beispiel nicht so ganz funktioniert», sagt er. In der Wegleitung wurde die Kombination mit einer 30-Prozent-Stelle nahegelegt. Zeifang dachte, 50 schaffe er locker. Doch die «sozialen Kosten» des Studiums habe er unterschätzt. Familie und auch Freunde mussten drei Jahre lang weitgehend auf ihn verzichten. Sogar den 50. Geburtstag seines Bruders liess er aus, weil zwei Tage später die Hebräischprüfung anstand, deren Vorbereitung einem Aufenthalt in der Hölle nahegekommen sein muss.

Auch mit der Mühe, die ihm das Schreiben der Studienarbeiten machte, habe er nicht gerechnet: «Ich bin pedantisch und umständlich. Eine ungünstige Kombination, um schnell grössere schriftliche Arbeiten abzuliefern.» Er blieb, wie einige Mitstudierende, hinter dem Plan und muss jetzt, statt vor dem Vikariat Ferien zu machen, noch Leistungsnachweise nachliefern. Doch das sind nur kleine Schlaglöcher. Quest als Weg war für Zeifang eher nebensächlich. Was er anstrebte, ist der «Endzustand». Also die Möglichkeit, als Pfarrer mit den Menschen an den Schlüsselstellen ihres Lebens zu tun zu haben. «Mich reizt das Seelsorgerische im Zusammenhang mit den Kasualien», sagt Zeifang. Taufen, verheiraten, abdanken.

Verkündigen kann man, wenn man damit nichts erreichen will, ausser den Leuten etwas Gutes zu tun. Markus Zeifang

Und dann ist da noch die Verkündigung. Sie beschäftigt Markus Zeifang sehr. «Verkündigen kann man, wenn man damit nichts erreichen will, ausser den Leuten etwas Gutes zu tun.» Das funktioniere aber meist nur bei Menschen, die eh schon glaubten. Allerdings gebe es auch Leute, die eine latente Religiosität hätten.

Diese sei dann zwar klein, aber trotzdem ab und zu mal ansprechbar. «Wenn man es schafft, auf diese Menschen zuzugehen, ohne ihnen etwas überzustülpen, dann kann man sogar hier verkündigen. Nämlich den Sinn, den Gott uns gibt: Liebe zu leben.» Üben muss er das noch, im Vikariat, das er auf zwei Jahre in Teilzeit absolvieren wird, während er die andere Hälfte der Zeit weiter im Paul-Scherrer-Institut arbeitet. Dann erst sieht er weiter, ob er wirklich Pfarrer werden und sein Leben vollständig ändern wird. Bis dahin werden ihn noch eine Weile die Detailfragen beschäftigen. Also alles genau so, wie er es als genüsslicher Denker mag.

Sabine Schüz, 56, PR-Fachfrau

Das Vikariat hat sie noch nicht angefangen, doch die fertige Pfarrerin nähme man Sabine Schüz jetzt schon ab. Zugewandt, einfühlsam und trotzdem entschieden, immer ein Strahlen im Gesicht. An der Entschlossenheit, mit der sie es dort hält, merkt man, wenn ihr eine Sache besonders ernst ist. Zum Beispiel die Ausbildung zur Pfarrerin. «Ein Riesengeschenk», sagt Schüz. «Weil ich mich weiterentwickeln durfte. Ich verstehe mich heute in meinem Glauben viel besser.»

Bis vor drei Jahren arbeitete Schüz in der Unternehmenskommunikation einer österreichischen Firma. Davor war sie Teilhaberin einer Agentur für Tourismus-PR in Konstanz. Auf dem Flug zu einem Kunden las sie damals das Portrait einer Geschäftsfrau, die sich mit über 50 Jahren entschlossen hatte, ein verkürztes Theologiestudium zu absolvieren und Pfarrerin zu werden. Schüz war damals 52. «Da setzte sich in meinem Kopf ein Mosaik zusammen», sagt sie.

Um dieses Bild zu verstehen, muss man die einzelnen Steine und damit die Biografie von Sabine Schüz kennen. Aufgewachsen ist sie im deutschen Erlangen in einer Medizinerfamilie. Das Elternhaus war gläubig, aber nicht fromm – und katholisch. Weil sie keinen Studienplatz für Medizin bekam, lernte sie medizinische Laborantin. Doch sie ahnte früh, dass dies nicht ihre letzte Ausbildung bleiben würde. Am Ende wurden es vier. «Ich wusste einfach, dass ich noch mehr für mich selbst tun muss», sagt die heute 56jährige. Sie ging für ein Jahr nach Kanada, studierte danach in Würzburg Kunstgeschichte und machte sich selbständig in der Denkmalpflege. Dann heiratete sie, bekam zwei Söhne und engagierte sich als Elternvertreterin im Kindergarten.

Doch die Ehe mit dem Kindsvater zerbrach, als der kleinere Sohn drei Jahre alt war. Von einem Tag auf den anderen wurde ihr klar: «Ich bin diejenige, die für mich und das Leben meiner Kinder verantwortlich ist. Ich brauche einen Beruf, der uns finanziert.» Das Arbeitsamt drückte ihr die PR-Ausbildung auf, in Vollzeit. Noch während der Schulung kam der Berufseinstieg und damit die Doppelbelastung als Businessfrau und alleinerziehende Mutter. «Lola rennt» nennt Sabine Schüz vor allem die ersten Berufsjahre in Anlehnung an den gleichnamigen Film. In dieser Zeit habe sie erkannt, dass sie Biss hat, wenn es darauf ankommt. Und dass sie Stress, Druck und auch Einsamkeit ertragen kann, wenn sie ein Ziel vor Augen hat. Rückblickend nennt sie es «sich von Gott getragen fühlen», auch wenn der Alltag ihr damals keine Zeit liess, darüber nachzudenken. Inzwischen sind ihre Söhne erwachsen und selbst Studenten.

Der Quereinstieg ins reformierte Pfarramt ist ein gemeinsames Angebot der Deutschschweizer Konkordatskirchen ohne Bern-Jura-Solothurn sowie der Theologischen Fakultäten Zürich und Basel. Der Studiengang dauert drei bis vier Jahre, je nachdem, ob die Teilnehmer Vollzeit oder Teilzeit studieren. Auf den Mastertitel folgt das Lernvikariat, das nach erfolgreichem Abschluss zur Ordination führt. Für das verkürzte Theologiestudium zugelassen sind Personen zwischen 30 und 55, die in der Schweiz wohnen und Mitglied einer schweizerischen evangelisch-reformierten Kirchgemeinde sind. Sie müssen ausserdem einen universitären Hochschulabschluss auf Masterstufe oder einen gleichwertigen Studienabschluss besitzen und ein Aufnahmeverfahren bestehen.

Weitere Informationen: www.theologiestudium.ch/studium/theologiestudium/quereinstieg/quest

Sabine Schüz zog bei Studienbeginn zu ihrem Lebenspartner in die Schweiz. Zu dieser Zeit erschien ein Artikel über sie: «Um wirklich frei entscheiden zu können, muss ich informiert sein. Ich kann nur als Christ leben, wenn ich mich mit Jesu Leben und Wirken befasse», wird sie dort zitiert. Was hat sie damit gemeint? Für einen Augenblick weicht das Strahlen aus ihrem Gesicht. Sie habe damals noch keine Sprache für ihren Glauben gehabt. Das hat sich durch das Studium geändert. «Heute kann ich darüber sprechen, was für mich Gott und die christliche Botschaft bedeuten. Davor war ich einfach eine Gläubige.» Dass Glaube und Theologie zwei verschiedene Dinge sind, hat sie nach und nach gemerkt. Und auch, dass eine Konfession nicht nur eine Zeile in der Steuererklärung ist, sondern dass sie einen Menschen formen kann, kulturell und im Charakter.

Um Quest absolvieren zu können, hat die Katholikin Sabine Schüz zu den Reformierten konvertiert. In einem Kolloquium zum Thema Gottesbilder wurde ihr so richtig klar, dass jeder im Raum eine eigene Vorstellung von Gott hatte. «Auf einmal hörte ich, dass die einen beten, die anderen nicht, und wieder andere einen Gott in der Natur suchen. Und das ist in Ordnung so.» Sich als reformierte Theologin nicht mehr auf eine fixe Vorstellung einlassen zu müssen, empfindet sie als befreiend.

Wir brauchen jemanden, der uns sagt: Es muss nicht alles perfekt sein. Dinge können auch mal gehörig daneben gehen. Sabine Schüz

Diese Tradition möchte sie auch im Vikariat in ihrer Heimatgemeinde und später als Pfarrerin fortführen: «Um dem fordernden Alltag gerecht zu werden, brauchen wir jemanden, der uns immer mal wieder sagt: Es muss nicht alles perfekt sein. Dinge können auch mal gehörig daneben gehen. Und dass uns dieses Scheitern in der alles umfassenden Liebe Jesu Christi bedingungslos vergeben ist.» So jemanden hätte sie als berufstätige und alleinerziehende Mutter oft genug selbst gebraucht

Vier Ausbildungen absolvierte Sabine Schüz. Erst bei derjenigen zur Pfarrerin hatte sie das Gefühl, dass die Mosaiksteine nun endlich ein Bild ergaben.

Jörg Wanzek, 51, Marketingleiter

Zwischen all den am Boden sitzenden Studentinnen und Studenten steht Jörg Wanzek vor der Unibibliothek der ZHAW in Winterthur. Viele Stunden lernte er dort, «unter all den jungen Menschen», wie er sagt. Unerwartet altertümlich klingt das. Denn Wanzek, schmal und mit aufstehenden blonden Haaren, wirkt selbst ziemlich jugendlich.

Sein Terminkalender war in der vergangenen Woche wieder einmal mehr als voll. Am Montag die letzte Vorlesung, am Dienstag der Abschluss des letzten Projekts in seinem Nebenjob, am Donnerstag leitete er ein letztes Mal seine Meditationsgruppe. Am Abend schickte er noch seine Bachelorarbeit ab, nachträglich. Die Masterarbeit ist schon seit Februar eingereicht. Ein Trick unter den Quest-Studenten: Weil die Masterarbeit einen fixen Abgabetermin hat, die Bachelorarbeit aber nicht, verschafft die umgekehrte Reihenfolge bei guter Planung etwas mehr zeitlichen Spielraum. Werden Wanzeks Arbeiten angenommen, hat er das Studium offiziell abgeschlossen. Damit ist er kurz nach seinem 51. Geburtstag auf dem Weg zu seiner ersten Stelle als Pfarrer.

Wanzek wuchs in Winterthur auf; er studierte in den 80er und 90er Jahren Geschichte, Volkswirtschaft und Literatur an der Universität Zürich. Dann stieg er in die Kommunikation ein und liess sich zur Führungskraft weiterbilden. Über Jahre beriet er mit seiner eigenen Agentur Firmen und öffentliche Einrichtungen. Zuletzt arbeitete er als Marketingleiter und Mediensprecher bei Schutz & Rettung Zürich. Doch neben den Meetings, Präsentationen und Jahreszahlen war da auch immer sein spiritueller Weg. Er begann mit den Meditationsübungen des ZenBuddhismus.

Während einer Auszeit im Kloster Rapperswil lernte er dann die Meditationspraxis der Kapuziner kennen. Sie verbindet die Kontemplation mit dem Gebet, wobei der Atem und das Wort Jesus Christus im Zentrum stehen, das sogenannte Herzensgebet. Seit zehn Jahren prägt die Schriftmeditation, wie sie auch die Jesuiten pflegen, seinen Alltag. Jeden Morgen beginnt er mit einigen Körperübungen, dann folgt das Gebet. «Ich richte mich aus auf das Du von Gott. Im Anschluss lese ich einen Text und achte darauf, was mich anspricht. Ein Wort, eine Szene, ein Bild. Darüber entsteht ein Dialog.» 25 Minuten dauert diese Meditation. Wer nun aber glaubt, Wanzek wandle zehn Zentimeter über dem Irdischen, der irrt. Seine Spiritualität steht im Gegensatz zu seinem bodenständigen Winterthurer Dialekt und zu seinem Pragmatismus, mit dem er Dinge angeht. Es ist wohl diese Kombination, die ihn auf dem zweiten Bildungsweg zur Theologie führte und ihn das anspruchsvolle Studium überhaupt meistern liess.

Von Quest hörte Wanzek bereits 2013, als der Studiengang noch in der Projektphase war. «Auch wenn es mich interessierte: Als Pfarrer sah ich mich damals nicht.» Stattdessen spielte er mit dem Gedanken, bei den Jesuiten einen Master in Ignatianischen Exerzitien und Geistlicher Begleitung zu machen. Es war ein langes Ringen. Erst an Pfingsten 2015, wenige Monate vor Beginn des ersten Quest-Semesters, konnte Wanzek sich dann für den Weg ins Pfarramt entscheiden – «in Zwiesprache mit Gott», wie er sagt.

Seine grösste Angst bei Antritt des Studiums war, dass es zu viel werden könnte. Dass er in einem Burnout landet. Doch Wanzek brannte nicht aus. Wanzek begann zu lodern: «Ich finde Theologie den Hammer!» sagt er. Die Begeisterung für die intellektuelle Reflexion des Glaubens ist bis heute ungebrochen. Es sei Wahnsinn, was es in diesem «Wissenschaftskorpus» alles gebe, diese «Kompetenzen in diesen alten Kulturen». Nur eine kleine Krise hatte er in seinem Studium: Die reformierte Theologie kann nicht viel mit Mystik anfangen. Er aber verfügte bereits damals über eine Ausbildung zum Exerzitienleiter und leitete in zwei reformierten Kirchgemeinden Menschen in geistlichen Übungen zur inneren Einkehr an.

In den ersten beiden Semestern meisterte Jörg Wanzek nicht nur die zwei härtesten Brocken, Griechisch und Hebräisch, sondern las auch die gesamte Bibel. Das war nicht nötig, wurde aber trotzdem gerne gesehen. Manche Kommilitonen verschoben das auf später, er jedoch wollte es gleich hinter sich bringen. «Ich habe mir gesagt, wenn ich es jetzt nicht mache, mache ich es auch nachher nicht.» Selbstorganisation sei immer schon eine seiner Stärken gewesen. Vielleicht gefördert durch ein inneres Aufgeräumtsein, das durch die Meditation gekommen ist.

Zwischen Meetings und Meditation: Jörg Wanzek experimentierte früh mit Buddhismus und der Kontemplationspraxis der Kapuziner.

Jetzt, nach dem Studium, fühlt er sich bereit für die Aufgabe, Pfarrer zu werden. Auch wenn er noch nicht so genau weiss, was für einer aus ihm werden wird. Ab August wird er im Rahmen des Vikariats Konfirmanden unterrichten. Davor hat er Respekt. Er müsse noch lernen, über den Glauben auch zu reden. Was er damit meine? «Meditation ist eine stille Erfahrung. Verkündigung dagegen sehr explizit.» Er selbst sei sehr berührt von der Vorstellung, dass Gott als Mensch unter Menschen lebt und auch heute in ihrem Kreuz mit ihnen geht. Gleichzeitig möchte er das Gegenüber aber nicht überfordern. Sehr viele Menschen hätten zwar eine Sehnsucht, aber viele hätten auch schlechte Erfahrungen mit der Kirche gemacht. «Da bringt es nichts, wenn ich meinen Glauben bekenne und es dem Gegenüber zu viel ist.»

Es geht nicht um Selbstoptimierung oder Performance, sondern ums grundsätzliche Angenommensein. Jörg Wanzek

Und doch: Es sei ihm ein Bedürfnis zu zeigen, welche Befreiung in der christlichen Gnade liege. «Hier geht es nicht um Selbstoptimierung oder Performance, also das Immer-besser-werdenMüssen, sondern ums grundsätzliche Angenommensein.» Genau diese Einsicht könne für viele Menschen heute eine Antwort auf ihre Sehnsucht sein.

Susann Sitzler ist in Basel aufgewachsen. Sie ist Autorin zahlreicher Bücher und schrieb u.a. für die Zeit, FAS und für Merian. Seit 1996 lebt sie in Berlin.

Die Fotografin Désirée Good lebt in Zürich.