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Autorin: Vanessa Buff
Autor: Oliver Demont
Freitag, 06. April 2018

Diese Geschichte beginnt mit einem Scherz. Am 1. April 2005 zeigte die Titelseite der Reformierten Presse Gottfried Locher mit einem Bischofsstab und einer Mitra auf dem Kopf. Das Blatt vermeldete, dass Locher, damals Leiter Aussenbeziehungen beim Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund, zum ersten reformierten Bischof der Schweiz gewählt worden sei. Er sei übriggeblieben, nachdem mehrere Anwärter dankend abgelehnt hätten. Der damalige Berner Synodalratspräsident etwa begründete seine Absage damit, dass er für dieses Amt «einfach zu reformiert» sei.

Was als Scherz begann, könnte dreizehn Jahre später Ernst werden. Die Abgeordneten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, kurz SEK, verhandeln die grösste Verfassungsänderung seit Gründung der Institution 1920. Kommt sie durch, entsteht aus dem Verbund der Schweizer Kantonalkirchen die neue Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz, kurz EKS. Aus ihrem Präsidenten soll eine geistliche Führungsfigur werden. Kritiker wollen darin die Installation eines reformierten Bischofs erkennen. Es sind die gleichen Stimmen, die sagen, dass es für die hierarchiekritischen Reformierten bei dieser Reform um viel gehe. Andere sehen darin nur den Vollzug dessen, was ohnehin schon lange Tatsache sei.

Die Planungen zu einer neuen Verfassung begannen in den nuller Jahren. 2006 postulierte der damals neunköpfige SEK-Rat, der als eine Art Exekutive amtet, die Notwendigkeit einer Totalrevision. Vier Jahre später legte er der Abgeordnetenversammlung, vergleichbar mit der Legislative, einen Bericht vor. Darin skizzierte er die Idee eines Kirchenbundes als verbindlichere Gemeinschaft. Ein erster konkreter Entwurf, ausgearbeitet unter Präsident Gottfried Locher, scheiterte 2013 an den Reaktionen der Kantonalkirchen. Schliesslich einigten sich die Abgeordneten im Herbst 2014 auf vier «Grundaussagen zum gemeinsamen Kirche-Sein». Ihr Kern hat sich bis heute erhalten: Die Kirche existiert als Gemeinde, Mitgliedkirche und gesamtschweizerische Gemeinschaft und wird auf allen drei Ebenen synodal, kollegial wie auch personal geleitet.

Lukas Kundert ist Kirchenratspräsident von Basel-Stadt und Pfarrer am Basler Münster. Sein Büro befindet sich unmittelbar daneben. Für ihn hat es eine schweizweite, personale Leitung der Reformierten schon immer gegeben: «Neu ist einzig, dass wir diese Rolle nun auch in der Verfassung definieren und verankern.» Dafür gebe es in der Bibel auch eine Bezeichnung: den Bischofstitel.

Auf das Treffen in seinem Büro hin hat Kundert auf dem Holztisch Unterlagen der 2011 und 2012 tätigen Theologischen Kommission parat gelegt. Die Grundaussagen des neuen Verfassungsentwurfs basieren auf ihrer Arbeit. Es ist auch die Arbeit Kunderts, der die Kommission zusammen mit seinem Pfarrkollegen Gabriel Bader präsidierte. «Unsere Aufgabe war zu überlegen, wie der SEK aussehen müsste, wenn er Kirche sein will», sagt er. Die geistliche, personale Leitung genauer zu umschreiben sei die logische Konsequenz des reformierten Modells gewesen, sagt Kundert. In der Gemeinde liege diese Aufgabe in den Händen des Pfarrers, auf der Ebene der Region in denen der Dekanin – und auf gesamtschweizerischer Ebene sei es eben der Präsident der neu zu verfassenden EKS, der diese Funktion übernehme.

Kundert wird wegen dieser Haltung immer mal wieder unterstellt, dass er ein Verfechter des römisch-katholischen Bischofsamtes sei und ein solches auch bei den Reformierten einführen wolle. «Das Gegenteil ist der Fall», entgegnet Kundert. «Der Präsident der EKS wird im Vergleich zu heute nicht über mehr Macht verfügen.» Es gelte das reformierte Bottom-up-Prinzip: Die Abgeordnetenversammlung, bestehend aus den Delegierten der Kantone, wähle den Rat und den Präsidenten. «Dieser kann weder einen Pfarrer versetzen noch den Menschen vorschreiben, was sie zu glauben haben», sagt er.

Wer Kundert zuhört, gewinnt den Eindruck, die Revision bringe kaum Neues. Zusammenarbeit mit den Kantonalkirchen in verschiedenen Ausschüssen und Kommissionen: heute schon so. Bündelung der Kräfte in bestimmten Themengebieten wie etwa der Diakonie: geschieht ebenfalls bereits heute. Zudem hätten schon früher SEK-Ratspräsidenten gepredigt und die Sakramente gefeiert, sagt Kundert – «und genau dies ist doch der eigentliche Kern der geistlichen Leitung».

«Eine geistliche Leitung heisst, dafür zu kämpfen, dass die reformierte Kirche sich nicht zerschlagen lässt.» Lukas Kundert, Kirchenratspräsident der Evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt

Kundert geht es bei der Verfassungsreform nicht um eine PR-Übung des Schweizer Protestantismus. Vielmehr zielt er auf eine «innere Kohärenz», wie er es nennt. «Eine geistliche Leitung heisst, dafür zu kämpfen, dass die reformierte Kirche sich nicht zerschlagen lässt.» Die Kirche umfasse eine Vielzahl von Bewegungen, die sich teilweise wiedersprächen, etwa in Bezug auf Frömmigkeit, politische Ausrichtung oder sexuelle Präferenz.

Das gelte es auszuhalten, Spaltungen seien abzuwehren.

Am Ende spricht Kundert dann doch noch von einer grossen Veränderung: «Die Verfassung schafft das Bewusstsein, dass die Schweizer Protestanten zusammengehören – und zwar existenziell. Das ist es: eine Bewusstseinsfrage.»

Die Macht der Macht

Sieht Lukas Kundert in der Reform eine Stärkung der protestantischen Identität, bereitet sie Daniel Frei vor allem eines: grosses Unbehagen. Der Leiter des Pfarramts für weltweite Kirche beider Basel schrieb vor vier Monaten einen Leserbrief an dieses Magazin. Darin mahnte er, dass man mit der neuen Verfassung den Kern des reformierten Glaubensaufgabe. Zugleich fragte er provokativ, wer denn so ein nationales Führungsamt brauche – ausser der derzeitige Präsident.

Doch worin gründet Freis Kritik? Er selbst verweist auf seine Zeit in Chile, wo er für die damalige Basler Mission als Dozent an einer theologischen Hochschule arbeitete. Während der sechs Jahre dort sei die erste Frage nicht jene nach dem Beruf gewesen, sondern: Woran glaubst du und wofür stehst du ein?

«Bei der Reform geht es um Geld, Macht, patriarchale Strukturen und die Karriere einzelner. Nur darüber reden will niemand.» Daniel Frei, Leiter Pfarramt für weltweite Kirche beider Basel

Erst da habe er gemerkt, wie wichtig ihm seine Kirche, also die reformierte Kirche in der Schweiz sei. So wichtig, dass er sie sich von niemandem «kaputtmachen lassen» will. In der SEK-Reform manifestierten sich alle Probleme der reformierten Kirche: «Es geht um Geld, Macht, patriarchale Strukturen und die Karriere einzelner. Nur darüber reden will niemand.»

Daniel Frei spricht schnell, doch seine Gedanken formuliert er präzise. Auf Einwände folgt eine Denkpause. Etwa als es um die Frage geht, warum er Macht als etwas Problematisches empfinde. «Gute Frage», sagt er. «Mein Punkt ist wohl der: Wenn es wie bei der SEK-Reform um Macht geht, dann sollen es die Verantwortlichen auch offen thematisieren. Alles andere macht mich misstrauisch.» Zudem sei Macht einfach nicht evangelisch. Der Kern der reformierten Botschaft sei vielmehr, dass Hierarchien abgebaut würden. Es brauche keine zusätzlichen Stufen zwischen dem einzelnen Gläubigen und Gott. «Das ist doch unser USP: eine Kirche, in der die Pfarrer zwar mehr Verantwortung haben, aber nicht mehr Macht. In der die Geschlechter gleichberechtigt sind und Minderheiten nicht ausgestossen oder abgewertet werden.» Leider gelinge es den Reformierten zu wenig, dieses Alleinstellungsmerkmal zu verkaufen. Stattdessen würden die Kirchenspitzen nun anfangen, überholte Modelle wie das der römisch-katholischen Kirche zu kopieren und auf Köpfe statt auf Ideen zu setzen. «Doch die Basis wird nicht breiter, wenn der Turm höher wird.»

Ein grosser blinder Fleck der Reformierten sei die Milieuverengung: «Alle, die jetzt an der Zukunft werkeln, stammen aus dem Bildungsbürgertum.» Menschen mit einem anderen Hintergrund liessen sich so nicht ansprechen. «Glauben Sie doch bitte nicht, dass jemand aus einer Arbeiterfamilie oder einer Migrationskirche beeindruckt wäre vom Auftritt und von der altbackenen Sprache eines Gottfried Locher.»

Freis Abneigung gegenüber dem derzeitigen SEK-Ratspräsidenten ist offensichtlich. Doch seine Kritik ist eine grundsätzliche und zielt auf die Machtstrukturen der Kirchen. «Dazu ein kleines, entlarvendes Gedankenspiel: Würde ein nationales Führungsamt auch zur Debatte stehen, wenn es reserviert bliebe für junge, schwarze Frauen, die illegal in der Schweiz leben?» Für Frei wäre das ein «prophetisches Zeichen» an alle Kirchen und ein mutiges Zeugnis. «Doch das Bürgertum käme erst gar nicht auf so eine Idee.»

Pragmatismus statt Begeisterung

Ende April werden die Abgeordneten die Verfassung ein erstes Mal debattiert haben. Begonnen hatten sie damit bereits im vergangenen November. Ausufernde Diskussionen führten dazu, dass das Geschäft vertagt werden musste. Mit die meisten Änderungsanträge stellten die Delegierten aus dem Kanton Graubünden.

Seit fünf Jahren steht Andreas Thöny dem Kirchenrat der dortigen Landeskirche vor. Gäbe es in Bezug auf die Reform das Prädikat «dossierfest», Thöny hätte es längst erlangt. Das Gespräch in einem Café unweit des Bahnhofs von Landquart erweist sich als anschauliche und analytische Lehrstunde durch die Geschichte der Verfassungsreform, ihrer Akteure und möglicher Auswirkungen. Immer wieder stellt er historische Bezüge her, welche die Situation der Reformierten in Graubünden beleuchten. Thöny ist, neben seinem Verwaltungsratsmandat bei der Rhätischen Bahn, Lehrer und sitzt im Bündner Grossen Rat.

Im Grundsatz haben sich die Bündner Reformierten für die Reform ausgesprochen. Das sei aber mehr dem Pragmatismus als einer Begeisterung geschuldet, sagt Thöny. Es brauche auf nationaler Ebene wohl schon eine reformierte Ansprechperson, die im Austausch mit den Verbänden und mit der Bundespolitik stehe. «Wenn Medien für eine reformierte Sicht auf ein gesellschaftliches Thema zwanzig Landeskirchen anfragen müssen, ist das nicht ideal.» Letztlich aber stehe der SEK – wie auch die Landeskirchen – im Dienste der Kirchgemeinden. Diese hätten Aufgaben wie die Entwicklungshilfe oder den Finanzausgleich den beiden oberen Instanzen übertragen. «Sie taten dies aber bewusst nur dort, wo es Sinn ergibt», sagt Thöny. «Dieses System mit den drei Ebenen ist zwar komplex und träge, sichert aber auch den reformierten Wert der Mitsprache.» Im gleichen Licht sei die Reform zu sehen. Für das Christsein im Alltag eines Reformierten sei sie aber kaum von Bedeutung.

«Kirche findet immer bei den Menschen vor Ort statt. Die Evangelische Kirche Schweiz lässt sich aber nicht verorten, sie bleibt letztlich ein theoretisches Gebilde in
Vereinsform.» Andreas Thöny, Kirchenratspräsident der Evangelisch-reformierten Landeskirche Graubünden

«Schwer nachvollziehbar» ist für die Bündner Kirche der bereits im November gefällte Entscheid, dass aus dem Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz wird. «Das suggeriert etwas, was nicht ist», sagt Thöny. «Kirche findet immer bei den Menschen vor Ort statt. Die EKS lässt sich aber nicht verorten, sie bleibt letztlich ein theoretisches Gebilde in Vereinsform.»

Die Verfassung bestehe einzig aus Statuten und auch von den vorgesehenen Synodalen könne im Vereinsrecht nicht gesprochen werden. Es seien Abgeordnete der Kantonalkirchen, die im Verein EKS mitmachten.

Thöny beteuert, dass es ihm nicht darum gehe, die EKS kleinzureden. Vielmehr will er eine ehrliche Sicht auf das, was ist: Die staatstragenden Begriffe führten zu falschen Überlegungen im Zusammenhang mit den Strukturen. «Plötzlich heisst es: Eine Kirche braucht doch eine Führung mit Oberhaupt.» Für die Bündner Reformierten mit ihrer Geschichte sei das unvorstellbar. Nicht ohne Grund sei vor 500 Jahren der Bischof von Chur in ein weit entferntes Tal geflüchtet. Selbst als er zur Rückkehr in seine Churer Residenz aufgefordert wurde, soll er sich nicht mehr zurückgetraut haben. «Ging es um klerikale Obrigkeit, so waren bereits unsere Vorfahren unangenehm», sagt Thöny.

Streitpunkt Ordination

Wer in den rund vierzig Seiten des Verfassungsentwurfs die Änderungsanträge studiert, erkennt eine Achse zwischen Chur und Bern. Beide Kirchen wollen die jeweilige Amtsdauer des Präsidenten bei vier Jahren belassen und die vorgesehene geistliche Leitung des Präsidenten einschränken.

Andreas Zeller präsidiert seit mehr als zehn Jahren den Synodalrat, die Exekutive der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn. Der Synodalverband mit seinen rund 585 000 Mitgliedern zählt innerhalb der reformierten Schweiz alleine durch seine Grösse zu den Taktgebern nationaler Kirchenpolitik. Dieser Stärke – und ihrer Wirkung in der reformierten Restschweiz – muss sich Zeller wohl bewusst sein, als er gleich zu Beginn des Gesprächs sagt: «Wir stehen mit unserer Grösse in einer besonderen Verantwortung, dass die Verfassungsrevision gelingt.» Dass es einer Reform bedarf, sei unbestritten. Die Wahrnehmung des Protestantismus müsse zwingend verbessert werden, sagt Zeller – und das würden die Landeskirchen nur mit einer geeinten und klar wahrnehmbaren Stimme schaffen.

Doch nebst dem Bekenntnis zur Verantwortung ist bei Andreas Zeller, der – und das ist ihm wichtig – im Namen des Synodalrats spricht, auch ein klarer Wille zur Gestaltung erkennbar. Ein Aspekt ist für ihn zentral und müsse dringend eine Veränderung erfahren: In der künftigen Verfassung soll neu unter Punkt C, Paragraf 30, Absatz 1 stehen, dass als Präsidentin oder Präsident nur eine ordinierte Pfarrerin oder ein ordinierter Pfarrer wählbar ist. Was unspektakulär klingt, hat Sprengkraft. Denn im Gegensatz zu heute, wo auch eine reformierte Nicht-Theologin zur SEK-Präsidentin gewählt werden könne, wäre dies in der EKS nicht mehr möglich. Andreas Zeller will als Berner Delegierter dafür kämpfen, dass der Absatz aus dem Entwurf verschwindet. Wie die Kirchen Baselland und Graubünden fordern die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn die vollständige Streichung. Zeller argumentiert dabei theologisch: Das Priestertum aller Gläubigen sei die DNA der Reformierten. «Alle Menschen sind mündig, die Bibel zu verstehen und in Glaubensdingen zu urteilen. Deshalb soll das Amt des EKS-Präsidenten allen Reformierten offenstehen.» Wenn man etwas nicht wolle, dann sei es ein bischofsähnliches Amt. Die Ordination als Voraussetzung wäre aber die Grundlage dafür, sagt Zeller.

«Unserer reformierten Tradition wegen müssen wir das neue Präsidentenamt auch für Laien offenhalten – wir dürfen uns da keinesfalls verengen.» Andreas Zeller, Synodalratspräsident der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn

Doch kann ein künftiger EKS-Präsident, der nicht Pfarrer ist, überhaupt das «geistliche Leben der EKS fördern» und «Anregungen zum kirchlichen Leben» formulieren, wie es im Verfassungsentwurf heisst? Die Antwort des ordinierten Pfarrers Andreas Zeller ist klar: «Schauen Sie, in den Räten der Landeskirchen sitzen viele Reformierte ohne Theologiestudium. Sie alle leisten tolle Arbeit und geniessen eine breite Akzeptanz. Warum sollte es in der EKS anders sein?»

Auch wenn es in der Praxis darauf hinauslaufen könne, dass die Präsidentin eine Theologin sei, sagt Zeller: «Unserer reformierten Tradition wegen müssen wir das Amt trotzdem auch für Laien offenhalten – da dürfen wir uns keinesfalls verengen.»

An dieser Stelle des Gesprächs zeigt Zeller auf die früheren Synodalratspräsidenten, deren Fotografien im Flur aufgehängt sind. Es sind alles Pfarrer und Theologen – bis auf einen. «Und genau dieser macht die Reformierten aus.» Zeller sagt dies nicht ganz ohne Stolz.

Integrierend, nicht polarisierend

Die Stadtzürcher Pfarrerin Esther Gisler Fischer sitzt in keinem Kirchenparlament und bekleidet auch sonst kein öffentliches Amt. Und doch kennt sie, wer die reformierten Meinungsmacherinnen der Deutschschweiz überblickt. Das hängt mit ihrer Anzahl zusammen, aber auch mit Gisler Fischers Willen, Klartext zu reden. Sei es in Leserbriefen oder auf dem Blog diesseits der Landeskirche Zürich. Ihre Kritik hat sie aber auch schon in ein Paket gepackt und direkt an Gottfried Locher nach Bern geschickt. Der Inhalt: ein Säcklein Weihrauch, Sorte «Pontificale». Sie lacht, als sie davon erzählt.

«Ein Präsident mit grossem medialem Sendungsbewusstsein prägt das Bild der Reformierten in der Öffentlichkeit entscheidend.» Esther Gisler Fischer, Pfarrerin im Zürcher Stadtquartier Seebach

Natürlich habe sie grosse Vorbehalte gegenüber der Art und Weise, wie Locher sich als «oberster Reformierter» gebärde. Da sei sein «neo-katholischer Pathos» im Auftritt, aber auch sein Bild von Frauen und Männern. Lochers in einem Buch geäusserte An – sicht, dass befriedigte Männer friedlichere Männer seien und dass man den Prostituierten dankbar sein müsse, würden tief in die Gedankenwelt des SEK-Präsidenten blicken lassen, sagt Gisler Fischer.

Selbst wenn das vier Jahre her sei und Locher dies in der Zwischenzeit relativiert habe: «Es zeigt, dass bereits heute ein Präsident mit grossem medialem Sendungsbewusstsein das Bild der Reformierten in der Öffentlichkeit entscheidend prägt.»

Es versteht sich von selbst, dass sich Gisler Fischers Bild der reformierten Kirchen nicht nur in den Details von jenem Lochers unterscheidet. Sie versteht sie als Gemeinschaft von Gleichge – stellten, «in der alle sowohl lernen als auch lehren» und sich durch das Evangelium immer wieder zu solidarischem Handeln anstiften lassen. Deshalb sei die jetzige Situation auch ein Appell, dass eine Präsidentin oder ein Präsident nicht über polarisieren – de, sondern über integrierende Fähigkeiten verfügen müsse.

Gisler Fischer geht davon aus, dass die Reform durchkommt und dabei das Präsidentenamt gestärkt wird. Ginge es nach ihr, so gäbe es weder eine geistliche noch sonst eine SEK-Spitze. Auch würde der SEK nicht zu einer Kirche umbenannt werden. «Ich bin von der römisch-katholischen Kirche zur evangelisch-reformierten Kirche konvertiert. Warum sollte ich mir in irgendeiner Form wieder das zurückwünschen, von dem ich mich verabschiedet habe?» Sie lehne jegliche kirchliche Machtballung ab, die auch nur «ein Hauch klerikaler Aura umgibt».

Die Meinung des Präsidenten

Glaubt man irgendwann, alle Argumente zur Reform vernommen zu haben, so lehrt einen das Gespräch mit Jost Wirz das Gegenteil. Ausgerechnet ein Werber, dessen Aufgabe eigentlich die Zuspitzung einer Botschaft ist, überrascht mit Differenzierung.

Journalisten sprechen von Jost Wirz nur in Superlativen. Vom «bekanntesten Werber im Land» ist die Rede, von einer regelrechten «Werbe-Ikone» oder vom «Doyen der Schweizer Werbewirtschaft». Wirz ist heute Ehrenpräsident der von ihm gegründeten Wirz-Gruppe. Das Unternehmen zählt seit Jahrzehnten zu den grössten Werbefirmen der Schweiz. Zudem wirkte er in den Vorständen des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse und der Zürcher Handelskammer. Sein ganzes Be – rufsleben verbrachte Wirz in einem kompetitiven Umfeld, in dem eine Präsentation bei einem Grosskunden darüber entscheiden konnte, ob Personal eingestellt oder entlassen werden musste.

Nun sitzt dieser Mann im Foyer des Schiffbaus in Zürich und redet über reformierte Kirchenpolitik, als wäre er selbst Teil davon. Seine Beziehung zur Kirche begann erst, als seine Kinder bereits im Jugendalter waren. In den achtziger Jahren fing seine inzwischen verstorbene Frau an, Theologie zu studieren. Als sie 1989 in Wollishofen ihre Pfarrstelle antrat, verpasste er kaum einen ihrer Gottesdienste. «Ich war eine richtige Kanzelschwalbe. Mich begeisterten ihre Gedanken, die Theologie.» In dieser Zeit kam Wirz auch in Kontakt mit Exponenten der Kirche. Daraus resultierten zuerst Mandate zur Weiterbildung von Pfarrern und Kampagnen für einzelne Kantonalkirchen, später auch für den SEK. Er kenne Gottfried Locher gut und habe mit ihm immer wieder über die Reform diskutiert, sagt Wirz. «Wir sind uns aber längst nicht in allen Punkten einig.»

«Ein Auftritt mit Talar und Hugenottenkreuz und Aussagen, die Gläubige auch mal vor den Kopf stossen, sind völlig okay. Der Präsident muss einzig deklarieren, dass es sich um seine persönliche Meinung handelt.» Jost Wirz, Werber und Gründer der Wirz-Gruppe

Aus Sicht der Werbung sei klar, dass eine Organisation einen möglichst einheitlichen Auftritt anstreben solle. «Es geht um Positionierung, um das Etablieren von Kommunikationskanälen und das Überbringen von Botschaften.» So weit die Theorie. Doch gerade bei den Reformierten mit ihrer Vielfalt greife dies nur bedingt. Die lokalen Kirchen und ihre Befindlichkeiten seien höher zu gewichten als inhaltliche Stringenz. «Wer dies ändern will, provoziert nur unnötige Streitereien, die im schlimmsten Fall zum Austritt von Kantonalkirchen aus der EKS führen könnten.»

 

Ganz in der Werbelogik argumentiert Wirz allerdings, wenn es um das Präsidentenamt geht. Ein Auftritt mit Talar und Hugenottenkreuz und Aussagen, die Gläubige auch mal vor den Kopf stiessen, sind für Wirz «völlig okay». Alles andere wäre «wischiwaschi». Der Präsident müsse einzig deklarieren, dass es sich um seine persönliche Meinung handle und nicht um jene der Reformierten. Auch dürfe er nur Anregungen geben, aber keine Dogmen aufstellen. «Das wäre höchst unreformiert.»

Nationale Kirche als theologische Matte

Mitgliederschwund, Strukturreformen, Geldsorgen – am Zentrum für Kirchenentwicklung der Universität Zürich geht man all den Fragen nach, mit denen die Kirchen in Zukunft konfrontiert sein werden. Hier arbeitet die Habilitandin Sabrina Müller.

Sie forscht vor allem deduktiv. Will heissen: sie entwickelt Theorien aus dem, was die Menschen ihr in Gesprächen erzählen. Auch für ihre Dissertation zum Thema «Fresh Expressions» – neue Ausdrucksformen von Kirche – wählte sie diese Herangehensweise. «Wenn sich etwas von unten her entwickelt, dann ist meine Neugier geweckt», sagt Müller. Insofern stehe sie auch einer hierarchischen Führungsstruktur auf nationaler Ebene kritisch gegenüber: «Wir brauchen kein theologisches Diktat von oben.» Als wäre sie erschrocken von der eigenen Klarheit, schiebt sie – ganz Wissenschaftlerin – gleich eine Differenzierung hinterher: «Aus der neuen Verfassung kann ich das allerdings nicht per se herauslesen. Vielmehr kommt es darauf an, wie sie in der Praxis ausgelegt wird.»

Müller versteht den Verfassungsentwurf als «Referenzrahmen» und zieht zum Vergleich die anglikanische Kirche heran: Auch dort gebe es ein Bekenntnis und grundlegende Bestimmungen. Diese könnten aber theologisch ganz unterschiedlich interpretiert werden. Auch würden die Anglikaner ein Bischofsamt kennen. Diejenigen, die es innehätten, würden aber eher die Funktion eines Coach oder Mentors einnehmen, sagt Müller. «Da geht es um religiöse Wegbegleitung und menschlichen Beistand. Also darum, den Menschen nahe zu sein. Das finde ich extrem fruchtbar.»

Ob dies auch in der Schweiz umgesetzt werden könne? Müller zögert mit der Antwort. Anders als etwa Lukas Kundert glaubt sie, dass die Reformierten in der Schweiz keine Tradition der geistlichen Leitung hätten. Sie müsse zuerst entwickelt werden: «Unsere Kirchenleitungen funktionieren mehrheitlich als kirchenpolitische Gremien. Können wir also einfach jemanden zur geistlichen Leitungsperson ernennen und das funktioniert dann? Daran zweifle ich.» Selten beantwortet Sabrina Müller Fragen mit Ja oder Nein. Sie umkreist mit ihren Gedanken einzelne Aspekte, formuliert um und lässt Ideen auch wieder fallen, wenn sie nicht überzeugen.

«Reformen müssen immer auch theologisch gedacht werden. Das ist den Verantwortlichen bisher gut gelungen.» Sabrina Müller, Habilitandin am Zentrum für Kirchenentwicklung der Universität Zürich

Dennoch wird deutlich, dass sie an der neuen Verfassung vor allem die theologische Komponente überzeugt. «Strukturreformen in der Kirche müssen immer auch theologisch gedacht werden. Das macht sie ungleich anspruchsvoller als die Entwicklung weltlicher Organisationen.» Dass dies dem SEK bisher gut gelungen sei, macht Müller insbesondere an der Präambel und dem im ersten Paragrafen definierten Auftrag fest.

Dort steht etwa, dass die EKS Zeugnis ablegt und zur Nachfolge einlädt. Oder dass sie eintritt für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung. Mit diesem Bekenntnis liessen sich auch ethische Fragen beantworten, sagt Müller. Als Beispiel nennt sie eine Kirche in den USA, die nach dem letzten Amoklauf einen Gottesdienst für Handfeuerwaffen halten wollte, weil sie diese als ein Geschenk Gottes sieht. «Mit der neuen Verfassung liesse sich so ein Blödsinn definitiv nicht begründen.» Die EKS lege somit die theologische Matte, auf der Mitglieder wie Landeskirchen immer wieder neu um die reformierte Identität ringen müssten.

Das letzte Wort hätte an dieser Stelle Gottfried Locher gehört. Wo sieht er die Chancen der Reform, und wie denkt er über die geäusserte Kritik? Die Anfrage für ein Gespräch erreicht sein Büro am 1. März. Fünf Tage später antwortet SEK-Ratsmitglied Daniel Reuter, dass während der Beratungen der Reform in der Abgeordnetenversammlung eine erneute öffentliche Positionierung des Rats oder des Ratspräsidenten «eigentlich nicht üblich» sei. Gerne stehe aber er als Wortführer des Geschäfts für ein Interview zur Verfügung. Auf den Vorschlag von bref, gemeinsam mit ihm und Gottfried Locher ein Gespräch zu führen, gehen beide nicht ein. Eine letzte Rückfrage bleibt unbeantwortet.

Vanessa Buff ist stellvertretende Redaktionsleiterin bei bref.
Oliver Demont ist bref-Redaktionsleiter.
Der Fotograf Roshan Adhihetty lebt in Zürich.