Udo Rauchfleisch, wann fühlten Sie sich zuletzt einsam?
Als ich mein letztes Buch geschrieben hatte, stellte sich eine gewisse Leere ein. Mein Buch war wie ein Gegenüber, mit dem ich in Zwiesprache war. Als ich es fertiggestellt hatte, erlebte ich eine Zäsur – eine arbeitsintensive Phase war vorbei. Das war allerdings eine harmlose Form der Einsamkeit.
Wann wird sie problematisch?
In meinem Fall konnte ich die Leere im Alltag hinnehmen und sagen: «Das war’s.» Schwierig wird es bei einer sozialen Einsamkeit. Davon sprechen wir, wenn bei jemandem die Diskrepanz zwischen den erwünschten und den realen Kontakten zu gross wird. Dann beginnt das Leiden.
Udo Rauchfleisch (82) ist Psychologe und Psychotherapeut. Der gebürtige Deutsche hat in Kiel und Lubumbashi (Kongo) studiert, seit 54 Jahren lebt er in Basel und ist Schweizer Bürger. An der psychiatrischen Universitätspoliklinik in Basel war Rauchfleisch Professor für klinische Psychologie und arbeitete auch mit Straftätern, 2007 wurde er emeritiert. Rauchfleisch ist dreifacher Vater, achtfacher Grossvater und hält zu seiner Ex-Frau «sehr guten Kontakt». In zweiter Ehe ist er mit einem Australier verheiratet. Rauchfleisch ist Autor von Sach- und Fachbüchern, er schreibt zudem Kriminalromane. Hauptfigur ist Ermittler Jürgen Schneider, der zehnte Band ist vor kurzem erschienen.
Was führt uns in die Einsamkeit?
Menschen, die arm sind, haben weniger Möglichkeiten, am sozialen Leben teilzunehmen. Frauen oder Männer in Migrationssituationen können besonders einsam sein. Sie sind teilweise traumatisiert und aus ihrem kulturellen Kontext herausgerissen. Vor allem wenn sich eine Situation nicht ändern lässt, kann die Einsamkeit quälend werden. Ich kenne aber auch höchst erfolgreiche Menschen, die einsam sind. Sie arbeiteten in einer internationalen Firma, wurden pensioniert und merkten plötzlich, dass sie kaum soziale Kontakte hatten. Wenn ich nicht weiss, was ich nach der Pensionierung tun soll, müssten bei mir die Alarmglocken läuten.
Gibt es Menschen, denen Einsamkeit fremd ist?
Das bezweifle ich. Aber das Bedürfnis nach Kontakt ist sehr unterschiedlich. Es gibt Menschen, denen genügen einige wenige Kontakte. Die Anzahl macht es nicht aus. Ich kann Dutzende Follower in den Sozialen Netzwerken haben, so dass der Eindruck entsteht, ich sei bestens vernetzt. Mein Freundeskreis kann sehr breit wirken. Und dennoch bin ich sehr einsam. Einsamkeit ist schambehaftet, kaum jemand mag das zugeben.
Wir sind hyperaktiv, polyamor, non-binär. Aber als einsam will sich niemand outen.
Oft heisst es: «Du bist einsam, tu doch was dagegen.» Aber Einsame trauen sich nicht unter Fremde oder sind zu niedergeschlagen, um es aus dem Haus zu schaffen. Dann folgt der Vorwurf: «Selber schuld.» Unsere Gesellschaft ist auf Leistung und Wohlbefinden ausgerichtet. Wir müssen fit sein. Wer es nicht ist, steht im Abseits und schweigt, statt sich zu blamieren. Die Forschung geht davon aus, dass etwa eine halbe Million Menschen in der Schweiz unter Einsamkeit leidet. Um sie zu enttabuisieren, müssten wir stärker darüber sprechen – so wie das zum Beispiel im Umgang mit Depressionen geschehen ist.
Besonders während der Corona-Pandemie fühlten sich viele Menschen einsam. Wir mussten unsere Kontakte reduzieren. Seither arbeiten wir im Homeoffice, bezahlen unsere Einkäufe am Self-Checkout, lösen das Zugticket in der SBB-App. Macht es uns einsamer, weniger persönliche Kontakte zu haben?
Ja. Ich vermeide den Self-Checkout bewusst und gehe an die Kasse. Ein kleines Lächeln oder ein simples «Guten Tag» fördert den Kontakt und wirkt Einsamkeit entgegen. Unser Alltag ist oft hektisch. Es geht immer darum, etwas effizient zu erledigen. Wir sollen möglichst grossen Profit generieren. Für Persönliches bleibt kaum Raum.
Wie verändert das unsere Gesellschaft?
Sie wird anonymer. Das Interesse am anderen Menschen wird geringer. Stimmig ist hier das Bild eines Hotel Garni, in dem wir ein und aus gehen, ohne einander tatsächlich zu begegnen. Es besteht wenig Interesse und kaum Solidarität. Natürlich gibt es auch Gegenbeispiele: Menschen schliessen sich zu Demonstrationen zusammen oder bilden Lichterketten, um für etwas einzustehen.
Ist die Einsamkeit eine Erscheinung der Neuzeit, oder gab es sie schon immer?
Früher gab es vor allem die selbstgesuchte Einsamkeit. Philosophinnen oder Mystiker zogen sich zurück für kreative Prozesse oder religiöse Rituale. Das war positiv konnotiert, sie hatten sich aktiv entschieden, so zu leben. Je geschlossener Gesellschaften sind, desto eher haben Menschen untereinander automatisch Kontakt. Ein Rückzug ist kaum möglich. Anders in offenen Gesellschaften, sie sind eher anonym. Das ist der Preis, den wir dafür zahlen.
Aus der Medizin wissen wir, dass Einsamkeit krank machen kann.
Es gibt keine bestimmten Merkmale, an denen ich erkenne, dass jemand einsam ist. Menschen erleben eine Leere. Ihr Selbstwertgefühl ist enorm herabgesetzt, über die Scham sprachen wir bereits. Einsamkeit ist ein Dauerstress für unser Immunsystem. Wer einsam ist, tendiert dazu, zu viel Alkohol zu trinken oder illegale Substanzen zu konsumieren. Es gibt Berichte von Einsamen, die stundenlang stumm am Computer sitzen, ziellos durch das Internet surfen und sogar eine Tag-Nacht-Umkehr haben. Studien haben gezeigt, dass es zudem zu starken Herz-Kreislauf-Problemen kommen kann. Auch Übergewicht ist häufig.
Der englische Hausarzt Michael Dixon, Leibarzt von König Charles, begann vor fünfzehn Jahren mit «social prescription»: Er verordnete seinen Patienten die Teilnahme an einer Wandergruppe oder in einem Kunstkurs. Dixon gelang es, Konsultationen und Spitalaufenthalte um zwanzig Prozent zu reduzieren. Seit 2019 sind die «sozialen Verschreibungen» vom britischen Gesundheitsministerium anerkannt. Japan hat ein Ministerium für Einsamkeit, ähnliche Vorstösse gibt es in Skandinavien und Österreich. Was ist davon zu halten?
Das finde ich sehr vernünftig. Eine Person muss aber in der Lage sein, solche Angebote zu nutzen. Manchen mag das möglich sein, anderen nicht. Es braucht Unterstützung aus dem Umfeld. Bei einem Vortrag kam eine Frau auf mich zu und erzählte mir, sie habe ihre Nachbarin mitgebracht. Diese sei sehr einsam. Also hat sie die Initiative ergriffen und gesagt: «Komm, wir gehen gemeinsam da hin.» Wollen wir sehr Einsamen helfen, reicht es nicht, ein Buffet mit verschiedenen Speisen herzurichten.
Unweit Ihres Wohnortes, im Basler Gundeli-Quartier, betreibt die Migros «Plauderkassen». Wer dort zahlt, hat die Gelegenheit, sich mit der Kassiererin kurz zu unterhalten. Ist ein solches Angebot nachhaltig oder bloss ein Tropfen auf den heissen Stein?
Steter Tropfen höhlt den Stein, trotzdem reicht eine Plauderkasse allein nicht. Aber sie hilft uns wahrzunehmen, dass es Menschen gibt, die einsam sind und die um ein Gesprächsangebot froh sind. Früher waren Plauderkassen Standard: Man kannte die Verkäuferinnen und konnte mit ihnen regelmässig ein paar Worte wechseln.
2019 forderte ein Postulat den Bundesrat auf, darzulegen, was die Politik gegen Einsamkeit unternimmt. Die Regierung verwies auf die Arbeit von Institutionen wie Pro Senectute und argumentierte, es bestehe kein zusätzlicher Handlungsbedarf. Doch die Statistik sagt, wie auch Sie vorhin, dass in der Schweiz gegen eine halbe Million Menschen einsam sei. Müsste die Politik nicht aktiver gegen Einsamkeit vorgehen?
Sie müsste das Thema stärker in die Öffentlichkeit bringen. Aber um es breiter zu vermitteln, zum Beispiel über Bildung, bräuchte es mehr Geld. Da besteht wenig Spielraum im Bundesbudget. Auch die Forschung könnte mehr tun: In Deutschland entstehen Einsamkeits-Lehrstühle. Doch bis aus dem akademischen Elfenbeinturm etwas in der Gesellschaft ankommt, dauert es eine Weile.
Auch in der Kirchenlandschaft klagen Menschen über Einsamkeit — weil sie sich zum Beispiel aufgrund ihrer sexuellen Orientierung nicht zugehörig fühlen. Was könnten Kirchgemeinden unternehmen, um Einsame besser einzubinden?
Ich verstehe, dass sich Kirchgemeinden auf die Gottesdienste konzentrieren müssen. Doch sind Religionsgemeinschaften auch Orte, wo sich Menschen begegnen. Schon ein Kaffeetreff nach der Predigt kann etwas verändern, weil das Gemeinschaft fördert. Diese Arbeit müsste intensiviert werden und es muss Offenheit allen Menschen gegenüber bestehen.
Laut Erhebungen des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) leidet hierzulande ein Viertel bis ein Drittel manchmal unter Einsamkeit. Vor allem junge Menschen zwischen 15 und 34 Jahren sowie Hochbetagte über 80 Jahre geben an, einsam zu sein. Bei Personen über 85 sind es gemäss Altersmonitor von Pro Senectute über 90 000 Menschen. Auch bei Ausländern oder Arbeitslosen ist der Anteil an Einsamen höher, verglichen mit der übrigen Bevölkerung.
Zur «Risikogruppe für Vereinsamung» gehören zudem Alleinerziehende, Alleinlebende oder Menschen mit psychischen oder körperlichen Beeinträchtigungen, wie Udo Rauchfleisch in seinem Buch «Einsamkeit. Die Herausforderung unserer Zeit» schreibt, das im vergangenen Jahr erschienen ist. Aktionen gegen Einsamkeit machen etwa die Stadt Zürich und die Detailhändlerin Migros.
In Zürich will man nach dem Vorbild der in Grossbritannien etablierten «sozialen Verschreibungen» im März ein vierjähriges Pilotprojekt starten. Kosten soll es rund 2,5 Millionen Franken. Vorgesehen ist, in vier städtischen Ambulatorien «soziale Rezepte» auszustellen. Dafür stellt die Stadt Sozialarbeitende ein, die Patientinnen beraten und unterstützen.
Die Detailhändlerin Migros hat die im Interview erwähnte Plauderkasse als schweizweit erste im Oktober 2022 beim Gundelitor eingeführt. An der Kasse sind zusätzlich zum Verkaufspersonal Freiwillige einer Basler Gesundheitsförderungs-Fachstelle im Einsatz. Laut Migros ist es geplant, das Angebot zu erweitern.
Sie schreiben in Ihrem Buch, auch der Städtebau könne einen Beitrag zu mehr Zusammenhalt leisten. Wie kann das geschehen?
Alles, was der Gemeinschaft dient, müsste in der Architektur berücksichtigt werden. Man sollte fragen: Wo können Menschen sich begegnen? Es müsste Pflicht sein, Bauten zu erstellen, welche die Kommunikation fördern. Im Gegenzug sollte man alles, was Kontakte verhindert, sein lassen. Im Innenhof der Überbauung, in der ich wohne, liegt eine grosse Feuerstelle. Jeweils zur Jahreswende laden zwei Familien aus dem anderen Haus zu einem Treffen, alle können teilnehmen. Obwohl längst nicht alle kommen, lerne ich immer wieder neue Nachbarn kennen.
Sie ziehen weitere grosse Linien: Auch zwischen Einsamkeit und dem Klimawandel bestehe ein Zusammenhang, schreiben Sie.
Die Menschen, die aktivistisch tätig sind, sind enttäuscht und fallen in Einsamkeit, wenn sie sehen, dass sie gegen Windmühlen kämpfen und trotz wahnsinnigen Anstrengungen den Klimazielen nur in kleinen Schritten näherkommen. Der Klimawandel ist nicht selbstgewählt, und er hat gravierende Folgen. Wir sind ihm mehr oder weniger hilflos ausgeliefert, solange nicht alles, was möglich ist, dagegen unternommen wird.
Wie kann ich gegen diese Ohnmacht ankommen?
Abstimmen gehen ist eine Möglichkeit. Sich mitverantwortlich fühlen und sich politisch beteiligen, ist das Minimum. Jede Aktivität hilft. Ich begleite für das Rote Kreuz ehrenamtlich Flüchtlinge, einen Mann, der seit siebzehn Jahren den F-Ausweis hat, also ein vorläufig Aufgenommener ist. Wir arbeiten daran, dass er eine Aufenthaltsbewilligung erhält. Das mag ein kleines Engagement sein, aber es lohnt sich. Ich kann dadurch andere motivieren, selbst aktiv zu werden.
Sie sind pensioniert und haben Zeit, sich karitativ zu engagieren. Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich das nicht tue, weil mein Zeitplan das nicht zulässt?
Ein bisschen schlechtes Gewissen wäre nicht schlecht. Im Ernst: Wer sich nur engagiert, um sein Gewissen zu beruhigen, kann es bleiben lassen. Wir sollten ethische Überlegungen miteinbeziehen und uns überlegen, welche politischen Entscheide wir unterstützen – oder eben nicht. Ich habe kürzlich eine Petition unterschrieben, um afghanische Frauen zu unterstützen. Ich bin 82. Gewisse Funktionen verschlechtern sich im Alter. Anderes kann besser werden, etwa die Zivilcourage. Die kann man stärken. In jüngeren Jahren spielt häufig die Überlegung eine Rolle, welche Nachteile es bringen kann, wenn wir eine unpopuläre Meinung vertreten. Wenn wir älter werden, können wir uns von diesen Sorgen befreien.




