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Autor: Oliver Demont
Freitag, 04. Mai 2018

Frau Meyer Kunz, Sie haben eine Lehre zur Pflegefachfrau absolviert, danach studierten Sie Theologie und arbeiten nun seit über zehn Jahren als Spitalseelsorgerin. Wie unterscheidet sich Ihre Arbeit von jener einer Spitalseelsorgerin in den neunziger Jahren?

Der Unterschied ist immens, auch wenn die eigentliche Arbeit, also die Seelsorge am Krankenbett, gleich geblieben ist. Verändert hat sich aber die Einbindung der Seelsorge im Spitalbetrieb. Überspitzt gesagt landete früher ein Seelsorger wie ein Ufo im Spitalzimmer, um mit den Patienten zu reden, und am Ende des Gesprächs flog er wieder hinaus. Das ist heute nicht mehr möglich.

Den Seelsorger als Einzelgänger gibt es also nicht mehr.

Sicherlich nicht mehr so ausgeprägt wie vor zwanzig Jahren. Heute ist eine Seelsorgerin Teil der verschiedenen Teams im Spital. Sie tauscht sich mit den Ärzten, den Pflegenden oder den Sozialarbeitern aus und ist dabei, wenn diese ihre Rapporte halten. Auch ist sie da, wenn ein Physiotherapeut oder eine Ärztin sie aus persönlichen Gründen für ein Gespräch aufsucht. Kurz: Die Krankenseelsorge hat sich zur Krankenhausseelsorge gewandelt.

Wie kam dieser Wandel?

In den achtziger und neunziger Jahren war die Medizin sehr stark auf das Somatische fokussiert. Die Krankheit einer Patientin stand im Zentrum. Was medizinisch irgendwie möglich war, wurde meist durchexerziert. Erst als die Menschen immer älter wurden und dabei auch öfters gleichzeitig an verschiedenen Krankheiten litten, drängte sich mehr und mehr die Frage auf: Ist das medizinisch Machbare auch tatsächlich in jedem Fall sinnvoll? Als dann der Bundesrat 2010 seine erste PalliativeCare-Strategie verabschiedete, war der Begriff der Palliative Care plötzlich in aller Munde.

War das eine Art Durchbruch?

Ja, das war ein regelrechter Hype. Medien berichteten ausführlich über das Thema, Podien wurden organisiert und Weiterbildungen ausgeschrieben. Die Palliative Care konnte sich dadurch nicht nur endgültig im Gesundheitswesen etablieren, sondern auch in der Öffentlichkeit. Das Wichtigste dabei war, dass das Menschenbild, das der Palliative Care zugrunde liegt, eine grosse Verbreitung fand: Schwerkranke und sterbende Menschen müssen bei der Behandlung in ihrer Gesamtheit wahrgenommen werden, also körperlich, psychisch, sozial und spirituell.

In der Folge eröffneten immer mehr Spitäler Palliative-Care-Abteilungen.

Den meisten Institutionen war klar, dass nun ein Konzeptpapier nicht mehr ausreichte. Gefragt war ein Kulturwandel.

Worin zeigte sich der?

Beispielsweise, wenn eine schwerkranke Patientin um zwei Uhr in der Nacht um eine warme Mahlzeit bittet oder sie nachmittags plötzlich Lust auf ein Erdbeer-Frappé verspürt – und die Spitalküche das unkompliziert zubereitet. Das mögen auf den ersten Blick Details sein. Sie können aber viel zum Wohlbefinden eines Menschen beitragen und stehen für diese neue Kultur, Menschen ganzheitlich zu begegnen.

Eine warme Mahlzeit nach Mitternacht?

Menschen auf Palliativstationen stehen oft am Ende ihres Lebens und sind mit existenziellen Erfahrungen konfrontiert. Da zeugen solche Aufmerksamkeiten davon, dass sich ein Patient auch in einem grossen Spital als Mensch mit all seinen Bedürfnissen wahrgenommen fühlt. Kleinigkeiten dieser Art ereignen sich aber in einem Spital nur, wenn es auch an seiner Organisationsethik arbeitet.

Was heisst das konkret?

Die Teams sollen ein Bewusstsein für das Menschenbild der Palliative Care entwickeln. Das wird durch Weiterbildungen erreicht, aber auch durch Veränderungen in der Organisation. Etwa wenn auf der Intensivstation das Ziel nicht mehr die Heilung ist, sondern eine schmerzlindernde Behandlung, dann können die Gespräche darüber gleich vor Ort stattfinden. Oder es wird regelmässig diskutiert, welche Werte eine Klinik überhaupt vertritt und wie die Orte und Erinnerungsfeiern gestaltet werden, damit Angehörige gut Abschied von einem Menschen nehmen können. Und im medizinischen Bereich werden Schmerzkonzepte entwickelt, die lindernde und dem Patienten angepasste Therapien ermöglichen. All dies geschieht gemeinsam mit den Betroffenen und den Angehörigen. Dabei werden alle Behandlungsschritte dokumentiert, auch was die Seelsorge betrifft.

Ritzt das nicht das Berufsgeheimnis der Seelsorge?

Es ist in der Tat immer wieder eine Herausforderung, das Berufsgeheimnis nicht zu verletzen – denn dieses muss unter allen Umständen gewahrt werden. Es gibt aber in einer professionellen Organisation zahlreiche Möglichkeiten, die Kommunikation unter Berufsleuten zu gewährleisten, ohne dass die Schweigepflicht tangiert ist. Vertraut mir eine Patientin etwas an, was für das ganze Team von Bedeutung ist, dann kann ich sie auch bitten, mich von der Schweigepflicht zu entbinden.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Ich begleitete einmal eine sterbende Patientin, die neben ihrer Familie noch einen unehlichen Sohn hatte. Ihre Familie wusste nichts davon, und das wollte sie auch über ihren Tod hinaus so beibehalten. Dennoch wollte sie sich von ihrem unehelichen Sohn verabschieden, weshalb sie mir erlaubte, alle nötigen Personen zu informieren. Das letzte Treffen konnte dann doch noch stattfinden – ohne das Wissen der Familie.

Es gibt Stimmen, welche die Nähe der Seelsorge zur Spitalorganisation kritisieren. Die Seelsorge müsse unabhängig bleiben, nur so sei der Patientenfokus möglich.

Das vorherige Beispiel zeigt gut, dass genau diese Nähe es erst möglich gemacht hat, den Fokus auf den Wunsch der Patientin zu richten. Aber ich kann die kritischen Stimmen auch ein Stück weit verstehen. Die Seelsorge soll ihre Unverfügbarkeit wahren. Ein Seelsorgegespräch kann weder geplant noch verordnet werden. Warum nicht einen Mittelweg wählen? Die gute Zusammenarbeit mit den Teams weiterpflegen und gleichzeitig auch der Sand im ökonomisch gut geölten Getriebe der Spitäler, Heime und Kliniken bleiben.

Sand im Getriebe?

Ja, denn auch die Palliative Care ist nicht davor gefeit, dass Behandlungen durchgeführt werden, die nicht dem Patienten dienen, sondern der Gewinnmaximierung der Institution. Ich begleitete einmal über eine längere Zeit einen Patienten. Nach mehreren Spitalaufenthalten wurde er auf die Palliativstation verlegt. Dort informierte man ihn über all die Behandlungsmöglichkeiten, von der Physiotherapie über die Maltherapie zur Musiktherapie bis hin zur Hundetherapie.

Wir Spitalseelsorger sollten nicht glauben, dass wir dank unserem Theologiestudium und unserer Ritualkompetenz besser wissen, wie Menschen am Ende ihres Lebens zu begleiten sind. Susanna Meyer Kunz ist Spitalseelsorgerin und Präsidentin der reformierten Vereinigung der Deutschschweizer Spital-, Heim- und Klinikseelsorgenden.

Als ich ihn traf, fragte er mich: «Kann ich hier auch ohne Palliative Care sterben?» Was ich mit dieser Anekdote sagen will: Die Betroffenen müssen in Freiheit entscheiden können, was sie wünschen. Das gilt auch für die spirituelle Begleitung. Als Seelsorgerin kann ich innerhalb des Spitals auf solche Entwicklungen hinweisen. Meine Erfahrung ist, dass die Kritik der Seelsorgenden gehört wird, gerade weil sie den Betrieb gut kennen.

Nach der Lehre zur Pflegefachfrau mit Schwerpunkt Onkologie studierte die 52jährige Susanna Meyer Kunz auf dem zweiten Bildungsweg Theologie an der Universität Bern. Nach der Ordination zur Pfarrerin 2001 folgten einige Jahre im Gemeindepfarramt. 2005 kehrte sie an ihre beruflichen Anfänge zurück und begann als Seelsorgerin am Kantonsspital Graubünden in Chur zu arbeiten. Meyer Kunz verfügt über Zusatzausbildungen in Palliative Care und in Notfallpsychologie. Seit 2013 präsidiert sie die reformierte Vereinigung der Deutschschweizer Spital-, Heim- und Klinikseelsorgenden mit rund 150 Mitgliedern. Meyer Kunz ist verheiratet, hat zwei Töchter in Ausbildung und lebt in Chur. dem

Auf die Palliative Care folgt ein neuer Begriff: die Spiritual Care. Sie will todkranke Menschen in ihren existenziellen und spirituellen Bedürfnissen begleiten. Worin unterscheidet sich die Spiritual Care von der Spitalseelsorge?

Absolventen der Spiritual-Care-Lehrgänge und Spitalseelsorger bringen unterschiedliche Hintergründe mit. Ein Beispiel: Ein Patient kann bei einem Hautproblem den Hausarzt oder aber den Dermatologen aufsuchen. Beide können ihn erfolgreich behandeln. Der Dermatologe verfügt bei seiner Arbeit jedoch noch über weitere Instrumente.

Über welche zusätzlichen Instrumente verfügt die Spitalseelsorge?

Es gibt Gespräche, die lassen sich fast nur führen, wenn man über theologisches Wissen verfügt. Ich begleitete kürzlich eine katholische Frau auf der Onkologie, die enorme Angst vor dem Fegefeuer hatte. Für sie war es kaum vorstellbar, dass Gott sie in dieser schwierigen Zeit auffängt und trägt. Für die Frau war es wichtig, dass sie mit einer Pfarrerin über ihre Ängste sprechen konnte. Aber zurück zu Ihrer Frage: Eigentlich fällt es mir leichter, die Schnittmenge der Spiritual Care und der Spitalseelsorge zu erläutern, denn die ist grösser. Dafür muss man wissen, dass die Spiritual-Care-Bewegung aus der Palliative Care kommt. Cicely Saunders, die Begründerin der modernen Hospizbewegung, war als Ärztin eine gläubige Christin. In ihrem Hospiz in England gehörte die spirituelle Begleitung von Schwerkranken und Sterbenden durch Seelsorgende, Pfleger und Ärztinnen einfach dazu. Dabei wurden schon damals in den siebziger Jahren auch andersgläubige oder agnostische Menschen seelsorgerlich begleitet.

Die Universität Zürich hat eine Spritual-Care-Professur geschaffen, und die Universität Bern bietet einen Weiterbildungsstudiengang an. Ist das die säkulare Antwort auf die spirituellen Bedürfnisse der Menschen?

Der Zeitgeist ist tatsächlich so, dass es attraktiver ist, religiöse und existenzielle Fragen losgelöst von der Kirche zu betrachten.

Ist diese Entwicklung nicht der Anfang vom Ende der Spitalseelsorge?

Ich glaube, eher das Gegenteil ist der Fall, und das meine ich nicht als Durchhalteparole. Das grosse Interesse am Thema zeigt doch nur, wie wichtig die Arbeit ist, die die Landeskirchen schon seit vielen Jahrzehnten in Spitälern, Heimen und Kliniken leisten. Als Seelsorgerin muss ich mich damit auseinandersetzen, dass ich und meine Kollegen nicht mehr die einzigen sind, die Menschen in Gesundheitsinstitutionen spirituell begleiten. Ich sehe das als eine Herausforderung und Weiterentwicklung von unserem Berufsstand, wenn plötzlich Abgänger von universitären SpiritualCare-Lehrgängen mit in der Einrichtung sind.

Das klingt jetzt gar zuversichtlich.

Ich bin wirklich davon überzeugt, dass in dieser Entwicklung eine grosse Chance steckt. Wir müssen uns in Zukunft noch mehr überlegen, was wir Spitalseelsorgende mit unserem Theologiestudium und unseren Zusatzausbildungen einbringen können. Es wird in Zukunft nicht ausreichen, dass wir uns einzig auf Rituale wie Salbung, Taufe, Abendmahl, Segnung oder Gebet abstützen.

Aber was hat die Seelsorge in Spitälern und Heimen denn sonst noch zu bieten?

Wir können und werden als Kirchen unsere lange Erfahrung einbringen, wenn es darum geht, die Spiritual Care von morgen mitzugestalten. Denn wenn Menschen wie bereits erwähnt in totaler Not sind und ihr Gottesbild in Frage stellen, dann ist das reformierte Theologiestudium sicherlich von grosser Bedeutung. Ich bin überzeugt, dass die Seelsorge eine Zukunft hat, wenn wir lernbereit bleiben und intensiv an der Qualität und Weiterentwicklung unseres Dienstes arbeiten. Auch sollten wir nicht glauben, dass wir dank unserem Studium und unserer Ritualkompetenz besser wissen, wie Menschen am Ende ihres Lebens zu begleiten sind.

Oliver Demont ist Redaktionsleiter bei bref.