Die Seite wurde Ihrer Lesezeichenseite hinzugefügt. Klicken Sie auf das Menüsymbol, um alle Ihre Lesezeichen anzuzeigen. Die Seite wurde von Ihrer Lesezeichenseite entfernt.
Bild: Erna Faust
Freitag, 18. Dezember 2020

Seine Stimme ist ein warmer Mantel. Seine Worte sind das Innenfutter. «Schön», sagt er in seinem holländischen Zungenschlag. «Sehr, sehr schön!» Und er wiederholt das in allen möglichen Zusammenhängen. Ein einziges Adjektiv genügt ihm offensichtlich, um sein Leben zu beschreiben. Und darüber hinaus, was ihm sein Werk bedeutet: Gut sei es, reich sei es. Und eben: «Schön.» Kees de Kort muss ein glücklicher Mensch sein.

Mit Sicherheit hat er mit seiner Kunst viele andere glücklich gemacht. Generationen von Kindern in der ganzen Welt wurden mit seinen Bibelgestalten gross, teilten ihre Freude, ihre Ängste und staunten mit ihnen über Wunder. Seine heilige Familie im Stall ist hohes Kulturgut und warme Kindheitserinnerung in einem: Da ist der Esel mit dem sanften Blick im Stall zu Bethlehem, Maria mit dem leisen Lächeln, im Arm den Sohn, und Josef, der den beiden zur Seite steht. Und da ist dieses Kind in weissem Linnen, das der Mutter unverwandt ins Gesicht blickt, hellwach und wissend um alles, was kommen wird.

 

Weltweit wurden über 10 Millionen Kees-de-Kort-Kinderbibeln verkauft. Dabei hat der Künstler dem Alten Testament 10 Bilderreihen gewidmet und dem Neuen 18 – allesamt geschaffen in künstlerischer Freiheit. Der Verlag liess ihm freie Hand.

Seit 1965 malt de Kort die biblischen Motive und Erzählungen, die sich an ein junges Publikum wenden, aber auch Erwachsene in ihren Bann ziehen. Er gestaltet Erzählungen so unvermittelt und unverstellt, dass sich die Betrachter dem Geschehen auf dem Bild nicht entziehen können. Seine Bibelgeschichten sind Longseller und werden von Erziehungsexperten als Offenbarung gefeiert. Weltweit wurden über 10 Millionen Exemplare seiner Kinderbibel verkauft, übersetzt in 70 Sprachen. Kees de Korts Motive werden als Kalender vertrieben, als Postkarten, als Bücher in diversen Grössen, Formaten und Preissegmenten, und sogar als Memory-Spiel.

 Davon kann er leben, «knapp», wie er anfügt, aber es reiche.

Während er malt, hört er oft Musik, Olivier Messiaen ist es in diesen Wochen; dessen experimentelle Klänge verströmen eine Aura von Märchen und Poesie. Auch Claudio Monteverdis mehrstimmigen Gesänge und geistlichen Kompositionen erklingen in seinem Atelier, wenn er vor der Staffelei sitzt. Fast täglich arbeitet er in seinem Studio. Bis heute. «Malen ist meine Arbeit, aber schwer ist sie nicht. Ich sitze ja auf einem Stuhl dabei», sagt er. Ein Schelm, der seine Leistung derart herunterspielt. Denn er blendet dabei aus, dass die Herstellung seiner Bilder keine körperliche Anstrengung ist. Es ist eine geistige.

Die Autorin wollte ihm zu einem Treffen entgegenfahren. Zu seinem 86. Geburtstag am 2. Dezember nach Nordholland, Bergen. Doch schliesslich machen de Korts Alter, seine Gesundheit und die aktuelle Coronalage den Besuch zunichte. Sohn Hjalmar organisiert stattdessen einen telefonischen Kontakt. Wie der Vater ist auch er Künstler. Gemeinsam haben sie ein grossformatiges Leporello zur Schöpfungsgeschichte veröffentlicht, am Telefon ist Sohn Hjalmar das Bindeglied zwischen Vater und der Fragenden.

Bezeichnen Sie sich als religiösen Menschen, Herr de Kort?

«Sicher, natürlich. Ich wurde religiös erzogen, katholisch in einem protestantischen Umfeld. Meine Eltern waren sehr gläubig, und auch ich bin praktizierender Christ. Ich bete zweimal am Tag, morgens und abends. Aber fundamentalistisch bin ich nicht. Calvinistische, reformierte und lutheranische Kirchen besuche ich genauso wie katholische.»

Sie haben nie an Gott gezweifelt?

«Nein, das heisst, mein Zweifeln dauerte stets nur eine kurze Phase.»

In de Korts Büchern sprechen die Bilder, nicht die Texte. Letztere sind kurz und in einfacher Sprache gehalten, eigentlich nur Beilage. Man kann sie auch auslassen, denn die Farben, Formen, Gesten und Gesichter selbst sind die Geschichte. Und: de Kort verzichtet auf persönliche Erfindungen und Anfügungen. Der Leser, die Leserin, Kinder jeden Alters werden ermuntert, ihre eigenen Geschichten zu erfinden. Seine Bilder sollen lediglich ein Stimulus sein, sagt er.

Heute ist der biblische Bilderkosmos ohne de Korts Schaffen nicht denkbar. Dabei hätte seine ganze Schöpfungsgeschichte auch nie stattfinden können. Es war das Jahr 1965, als der Künstler eher zufällig zur Bibel fand – und sie zu ihm. In jenem Jahr schrieb die niederländische Bibelgesellschaft einen Wettbewerb aus, wonach bildende Künstlerinnen und Künstler Hollands eine Reihe von Bildergeschichten gestalten sollten. Deren Zielpublikum: geistig behinderte Jugendliche. Zu diesem Zweck berief die Gesellschaft eine Kommission aus Fachleuten ein: Theologinnen, Psychiater, Psychologinnen, Pastoren, Rabbiner.

Sie bildeten die Jury, die den Sieger bestimmte. Der Gewinner: Kees de Kort, ein Maler im Alter von nur dreissig Jahren damals, Illustrator, Kunstlehrer, Vater zweier Söhne, Ehemann, aufgewachsen in der Kleinstadt Nijkerk in der gleichnamigen Provinz im niederländischen Gelderland. Lediglich eine einzige Probezeichnung hatte er eingesandt, während andere Bewerberinnen und Bewerber versuchten, mit fünf bis sechs Einsendungen zu punkten. Doch er, de Kort, mochte der Jury keine Auswahl bieten, er übernahm sie lieber selbst. «An nur einem Abend malte ich Maria und Josef, wie sie in Bethlehem ankommen. Das war es dann.»

Kulturgut und Kindheitserinnerung in einem : Kees de Korts Krippe zu Bethlehem mit Maria, Jesuskind, Josef und Esel

Kees de Kort hat im Laufe der Jahre und der Arbeit eine ganz eigene, unverwechselbare Ikonografie entwickelt: warmtonig die Farben, kantenfrei die Form. Seine Kompositionen bestehen aus flächig-bunten Elementen und Figuren, die unter Verzicht einer Perspektive das Bild ausfüllen. Die Physiognomie und Gestik seiner Gestalten ist aufs Elementare reduziert, die Kleidung zeitlos, karg der Schnitt. Jesus etwa trägt stets ein und denselben Mantel mit Fransen am Saum und Sandalen. Mein Christus könnte sogar Fahrrad fahren, sagte de Kort einmal, man würde ihn auch in einer modernen Umgebung wiedererkennen.

«Chagall?» fragen manche Betrachter bisweilen, wenn sie zum ersten Mal vor einem De Kort stehen, in der Erinnerung an dessen religiöses Frühwerk, seine Motivik, an die kraftvolle Reduktion und die chassidisch-jüdische Symbolik. Kees de Kort könnte durch den Vergleich durchaus geschmeichelt sein. Doch seine Eitelkeit ist nicht besonders entwickelt. Er hält zwar einiges von seinem Talent, und sein Erfolg gibt ihm recht. Doch Chagall? «Ein anderes Universum», winkt er ab, «ha, wer an Chagall denkt, der hat noch nie einen gesehen.»

Bis Mitte der 1980er Jahre schuf er für seine Auftraggeberin, die Bibelgesellschaft, 28 Bilderreihen, die einzeln, aber auch in gesammelter Form als Kinderbibel erschienen. Dem Alten Testament sind 10 Reihen gewidmet, 18 dem Neuen. Er hat sie in aller künstlerischen Freiheit geschaffen. Das beratende Fachgremium an seiner Seite bestimmte die Auswahl der Geschichten, doch bei der Ausführung liess ihm der Verlag freie Hand.

Dass man ihm von Anfang an diesen Spielraum gewährte, hat auch damit zu tun, dass er sein Publikum so gut kannte. Bereits als Kunstlehrer begann er zu begreifen, nach welchen Regeln und mit welchen Gestaltungsmitteln Kinder zeichnen und malen. Und wie sie, die Jungen selbst, ihre und andere Bilder lesen. Kees de Kort hatte es sich zur Aufgabe gemacht, mit dem Blick seiner Schüler sehen zu lernen. Zudem war er auch Vater zweier Söhne, die bereits früh mit Lust malten und zeichneten. Die Buben im Alter von vier und sieben Jahren sassen mit ihm in seinem Atelier und erklärten ihm ihre Bilder.

Die beiden liessen ihn verstehen, wie er seine Bibelillustrationen anzufer­tigen hätte: So einfach wie eine Kinderzeichnung! Dass er sich in jenen Jahren der Weiterbildung auch mit den Hieroglyphen Ägyptens und den Zeichnungen der Völker Mesopotamiens beschäftigte: Ehrensache. In Sachen Einfühlung und Milieustudien ging er sogar so weit, dass er sich zum Malen einen Kaftan überzog.

Mit de Korts Figuren können sich junge Menschen identifizieren : junger Hirte David mit blondem Haar

Herr de Kort, haben Sie persönliche Lieblingsgeschichten?

«Das sind die Geschichten von Amos und der Heuschrecken­plage und von Abraham. Ganz besonders mag ich auch den ‹Auszug aus Ägypten›. Warum? Ich denke, weil sie mir als Künstler viel Freiheit zum Gestalten lassen. Beispielsweise kann ich entscheiden, dass die Israeliten in der Wüste Häuser bauen und Tempel. In der Bibel steht das so nicht, das Alte Testament erzählt nicht alles.»

Kees de Korts Jesus trägt stets ein und denselben Mantel und Sandalen. Er könnte sogar in einer modernen Umgebung Fahrrad fahren und man würde ihn immer noch erkennen.

Wie gelingt Ihre zauberhafte, liebevolle Wiedergabe?

«Das ist, weil ich die Geschichten selber liebe. Sie sind ganz einfach schön, und sie begeistern mich noch immer. Der Text ist aber nur der Anfangspunkt. Beim Malen versuche ich, mehr und mehr eine innere Freiheit zu gewinnen. Denn es geht nicht darum, dass ich Dinge wortgetreu wiedergebe. Ich muss mich vielmehr auf meine Phantasie verlassen und ganz eigene Bilder erfinden.»

Was denken Sie selber, inwiefern hat Sie die Beschäftigung mit den biblischen Geschichten als Mensch und Künstler im Laufe Ihrer Arbeit beeinflusst?

«Ich denke nicht, dass mich diese Arbeit als Mensch verändert hat. Oder vielleicht doch? Die Beschäftigung mit der Bibel hat sicherlich meine Kunst beeinflusst. Das heisst, die Beeinflussung ist eigentlich wechselseitig. Alles, was ich male, ist in dem Moment, in dem es entsteht, für mich wichtig. Und alles, was ich male, nimmt Einfluss auf das, was ich denke und tue und was ich in der Zukunft als Künstler erschaffen werde.»

Kees de Korts Reduktion aufs Wesentliche : Die Hast und Sorge der Israeliten auf ihrer Flucht vor dem Pharao ist im Blick und in den Gesten der Figuren zu sehen

Die Zukunft scheint noch einiges für ihn bereit zu halten. Seit einigen Jahren erschafft de Kort biblische Szenen, gezeichnet mit Kohlestift; auch diesen führt er mit liebevoller Hand. Weich und warm machen sich der dunkle Jesus, die Engel und gewöhnlichen Menschen vor dem hellen Papier aus. Und zurzeit kreiert er ein Glasfenster-Triptychon für die Kirche einer diakonischen Stiftung im südhessischen Mühlheim. Kees de Korts Ruf hat auch Rom erreicht; zehn Zeichnungen gab der Vatikan für die Jugendsynode 2018 in Auftrag.

In Anwesenheit des Papstes und einer grossen Menge junger Menschen wurden die Bilder von einem Beamer an eine Kirchenwand der Heiligen Stadt projiziert. «Schön, sehr schön war das!» erinnert sich de Kort. Seine Söhne sassen mit ihm mitten in der Festgesellschaft. Dieser Tage läuft im Stadtmuseum des Inselstädchens Schouwen-Duiveland eine grosse Einzelausstellung seiner Werke an. Organisiert wird die Schau, die de Korts Bilder als zeitgenössische Ikonen des Christentums behandelt, vom Bibelmuseum in Amsterdam und dem Ikonenmuseum der Hansestadt Kampen. Bis weit ins kommende Jahr wird sie zu sehen sein.

Kees de Korts Kohlezeichnung « Das letzte Abendmahl ».

Wünschen Sie sich manchmal, nicht auf den Bibelillustrator festgelegt zu sein, an den das Publikum spezifische Erwartungen hat?

«Solche Gedanken habe ich manchmal wirklich. Trotzdem weiss ich, dass ich mich als Künstler frei fühle, was auch immer ich schaffe.»

Auch wenn viele es nicht wüssten, beschränke sich sein Schaffen ganz und gar nicht auf die Motive der Bibel, fährt de Kort fort. In seinem Atelier suche man aktuell vergebens nach Jesusbildern oder Szenen aus dem Alten Testament. Auf der Leinwand zu sehen seien vielmehr Tiere.

Was malen Sie denn für Tiere, Herr de Kort?

«Schweine!»

Schweine?

«Schweine, natürlich! Immer häufiger erinnere ich mich heutzutage an meine Jugend und die Tiere, mit denen ich aufwuchs. Wir lebten neben Bauern, die viele Schweine hielten. Mich faszinierten sie schon immer. Schweine sind wundervolle Tiere. Wir Menschen verdanken ihnen so viel, doch werden sie von uns missachtet. Ich male sie, weil ich hoffe, dass die Menschen sie dann vielleicht anders sehen.»

Mit Schweinebildern will der Maler auf das Leid der Nutztiere aufmerksam machen.

Kees de Korts Tierdarstellungen zeigen versehrte Kreaturen. Blutbefleckt und malträtiert. Gestalten mit rosazarter Haut. Menschenhaut ähnlich, Menschenhaut gleich. Mit derselben Wachheit, mit der er die Freuden und Leiden der biblischen Gestalten wiedergibt, hält er auch das geschundene Tier fest. Altersmilde ist de Kort nicht geworden. Sein grosses Herz hat er sich aber bewahrt. Denn auch in diesen Bildern ist sie zu finden: de Korts Empathie mit den Figuren, die er malt. In seinem zugewandten Blick finden seine Kunst und sein Glaube zusammen. Auch wenn er Schweine malt.

 

Daniele Muscionico ist freie Autorin in Zürich und Frankreich.
Die Fotografin Erna Faust lebt in Alkmaar in den Niederlanden.

«Bibelbilderbuch – Kees de Kort». Jubiläumsausgabe des Klassikers der Kinderbibel, mit Texten von Hellmut Lang. Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2019; 686 Seiten; 102 Franken.

«Lebensworte – Lebensbilder. Zeichnungen und Meditationen zu Jesus von Nazareth». Mit Gedichten von Christina Brudereck. Neukirchener Verlagsgesellschaft, Neukirchen-Vluyn 2013; 64 Seiten; 53 Franken.