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Autor: Oliver Demont
Bild: Annick Ramp
Freitag, 18. Dezember 2020

Heimito Nollé, du bist preisgekrönter Aphoristiker und Autor der «Leichten Sprache», die seit einem halben Jahr in bref erscheint. Die Rubrik provoziert wie keine andere. Warum ist das so?

Dass die Rubrik so polarisiert, davon war ich auch überrascht. Was ich aus Reaktionen weiss: Einige fühlen sich für dumm verkauft, weil die Übersetzungen so banal daherkommen. Dabei beruhen die meisten Kritiken auf einem Missverständnis. Die Leichte Sprache ist kein Vorbote des Sprachzerfalls oder ein Ersatz für akademische Texte. Sie will Menschen mit Lernschwierigkeiten helfen, am öffentlichen Leben einfacher teilzunehmen. Dahinter steht eine Bewegung, die in den 90er Jahren aus den USA in den deutschsprachigen Raum gelangte, hauptsächlich nach Deutschland. Nach der Jahrtausendwende erschien das erste Wörterbuch, und ein Verein wurde gegründet. Es war ein Akt der Selbstermächtigung.

Heute übersetzen auch Behörden und Nachrichtensender ihre Informationen in die Leichte Sprache.

Tatsächlich verbreitete sich die Leichte Sprache rasch. In der Schweiz erhielt sie allerdings erst in den letzten Jahren Aufmerksamkeit. Pro Infirmis Zürich betreibt ein Übersetzungs­büro. Zudem gibt es eine News-Seite in Leichter Sprache, und auch der Bund greift bei gewissen Mitteilungen an die Bevölkerung auf sie zurück.

Die Leichte Sprache eignet sich gut, um einfache Informationen zu vermitteln. Du aber übersetzt auch theologische Texte, was eigentlich unnötig ist: Das Publikum von bref versteht diese Texte.

Natürlich benötigen die meisten unserer Leserinnen diese Übersetzung nicht. Aber das ist ja auch nicht der Grund, weshalb ich es mache. Vielmehr möchte ich zeigen, wie gut die Leichte Sprache darin ist, Worthülsen und inhaltfreies Geschwurbel zu entlarven. Darin ist sie ziemlich gnadenlos.

Die Leichte Sprache ist also eine Art Null-Aussagen-Detektor?

Zumindest ist sie eine gute Übungsanlage, um sich bereits beim Schreiben zu überlegen: Ist das präzise formuliert, oder verstecke ich mich gerade in einer nichtssagenden Sprachwolke?

«Leichte Sprache ist ziemlich gnadenlos darin, Worthülsen und inhaltfreies Geschwurbel zu entlarven.»

Heimito Nollé

Die Theologen werden immer wieder für ihre komplizierte Sprache kritisiert.

Das ist nicht Theologen-spezifisch, sondern ein generelles Problem der Akademiker: Meistens sind sie auf komplexe Aussagen stolz. Sie tönen einfach zu gut. Bei theologischen Texten kommt erschwerend hinzu, dass sie oft bedeutungsvoll sein wollen und inflationär Sprachbilder verwenden.

Vielleicht hängt das damit zusammen, dass sich die Theologie heute gesellschaftlich in Frage gestellt sieht. Entsprechend gross ist der Furor, sprachlich Sinn zu generieren. Wenn in einem Papier der Evangelischen Kirche Schweiz zur Coronapandemie steht, dass es aus biblischer Sicht «kein ansteckungsfreies Leben in einer hoch infektiösen Welt» gebe oder das Coronavirus «der grosse Gleich­macher» sei, dann klingt das bedeutungsvoll, aber eigentlich lässt sich das viel anschaulicher sagen.

Was wäre der Gewinn, wenn solch ein Papier einfach verständlich verfasst wäre?

Ganz einfach: Es würde gelesen werden. So aber wurde es ins Netz gestellt und das war’s. Gerade in der reformierten Tradition, wo Sprache eine so grosse Rolle spielt und klar und verständlich sein soll, da frage ich mich schon, warum das nicht besser geht.

Eine grundsätzliche Frage: Muss überhaupt jeder Theologie verstehen?

Das muss die Kirche beantworten. Mein Eindruck ist: Die Kirche ist sich oft nicht im klaren, an wen sie eine Botschaft richtet. Theologie einfach und trotzdem nicht banal zu vermitteln ist anspruchsvoll, und ich verneige mich vor denen, die das richtig können. Es sind leider noch zu wenige. Aber richten wir den Blick einmal auf all die nicht-theologischen Text der Kirche: Auch da gibt es viele Beispiele, wo ich nicht weiss, ob ich lachen oder weinen soll.

Beispielsweise?

«Anwalt der Vielfalt», oder mein Liebling: «Einheit in Vielfalt». Kirchliche Visionspapiere sind besonders anfällig dafür. Wir nehmen solche Dinge einfach mit und haben auch eine vage Vorstellung davon, was gemeint ist. Müssen wir das aber übersetzen, löst sich der Inhalt rasch in nichts auf. Was soll das heissen, ein «Anwalt der Vielfalt» zu sein? Klar benennen kann das niemand. Auch schwierig finde ich die Aussage in einem kirchlichen Arbeitspapier zu Grenzverletzungen. Dort steht: «Achtsam Kirche sein mit Leib und Seele.» Das ist sicherlich gut gemeint, aber was heisst das genau? Gerade bei diesem wichtigen Thema sind klare Aussagen und eine zeitgemässe Sprache wichtig.

Deine Kritik ist hart.

Vielleicht. Aber das Thema liegt mir am Herzen. Ausserdem will ich niemanden blossstellen, sondern Anregung sein.

«Theologie einfach und trotzdem nicht banal zu vermitteln ist anspruchsvoll. Ich verneige mich vor denen, die das richtig können.»

Heimito Nollé

Meine Absicht ist es, mit einem Augenzwinkern dafür zu plädieren, dass wir alle mehr darüber nachdenken, wie und für wen wir etwas schreiben. Auch ich musste das lernen, als ich im Journalismus startete: die akademische Schreibe hinter mir zu lassen und auf den Punkt zu schreiben. Aber ja, diese Rubrik ist für Humorlose nicht barrierefrei. Warum sie nicht einfach als Herausforderung sehen?

Lass uns anschauen, was die Leichte Sprache ausmacht. Wie gehst du an einen Text heran?

Zuerst lese ich ihn durch und erfasse seine Intention. Dann splitte ich alles in einzelne Blöcke auf und gehe Satz um Satz durch. Die Grundregel, wenn immer möglich: eine Information, ein Satz. Klare und kurze Aussagen. Lieber Verben als Substantive. Aktiv formulieren. Keine Nebensätze, kein Genitiv. Dann: kein Konjunktiv, und natürlich schwierige Wörter und solche, die nicht zum Grundwortschatz gehören, tilgen. Da fallen auch viele deutsche Wörter raus. Verschachteltes in einfache Bestandteile zurückzuführen und daran zu feilen, das ist spannend. Auch kann ich nicht einfach etwas runterschreiben, sondern muss es liegen lassen, bis die zündende Idee kommt. Leichte Sprache ist Arbeit am Text.

In dieser Ausgabe hast du einen Text des Theologen Kurt Marti in die Leichte Sprache übersetzt. Er ist bekannt für zugängliche Bilder und Sprache. Warum hast du dir ausgerechnet ihn ausgesucht?

Ich mag ihn, er nimmt kein Blatt vor den Mund und schreibt für einen Theologen bemerkenswert klar. Gerade darin sah ich eine Herausforderung. Allerdings setzt Marti auch vieles voraus, was man erklären muss. Beispielsweise: Was ist die Menschwerdung? Einer Theologin musst du das nicht erklären, fast allen anderen aber schon.

Bist du mit dem Resultat zufrieden?

Unter Berücksichtigung der Herausforderung und mit gewissen Abstrichen: ja. Allerdings kann eine Übersetzung in die Leichte Sprache immer nur eine Annäherung sein.

«Ironie lässt sich fast nicht in Leichte Sprache übersetzen. Aber das ist für mich nicht weiter schlimm, da theologische Texte in der Regel ohne sie auskommen. Schade eigentlich.»

Heimito Nollé

Die Schwierigkeit war, dass ich bei Kurt Marti freier übersetzen musste, um verständlich zu machen, was er meint. Das ist bei theologischen Texten generell der Fall: Es ist unmöglich, alle Finessen zu übersetzen. Wie etwa übersetzt man «sentimentale Weihnachten»? «Rührselig» wäre noch am zutreffendsten, aber das ist defintiv kein Wort der Leichten Sprache. Ich musste es darum umschreiben und hoffen, dass möglichst viele es gleich verstehen wie ich.

Was lässt sich eigentlich nicht übersetzen?

Ironie ist praktisch unübersetzbar. Aber das ist für mich insofern nicht weiter schlimm, als theologische Texte in der Regel ohne sie auskommen. Schade eigentlich.

Als Aphoristiker beschäftigst du dich auch mit einer literarischen Form, die auf Einfachheit setzt. Ist das ein Zufall?

Keine Ahnung. Ich weiss nur, dass ich immer einen Hang zu Einfachheit hatte. Zumindest in der Sprache. Mich spricht das ästhetisch an, auch in der Literatur. Gerade im deutschen Sprachraum hatte es eine verständliche Sprache aber immer schwer. Nebulöses Raunen und lyrische Spasmen werden da teilweise immer noch mit Gedankentiefe verwechselt. Der Begründer der deutschen Aphoristik, Georg Christoph Lichtenberg, hat diesen Missstand im 18. Jahrhundert gerne aufs Korn genommen. Dabei ist es eine grosse Kunst, Dinge einfach und trotzdem genau zu sagen. Und ganz unbescheiden würde ich behaupten, dass die Aphoristik eine der schwierigsten literarischen Formen ist. Das wird nur nicht erkannt, weil sich viele darin versuchen und es viel Mittelmass gibt.

«Im deutschen Sprachraum werden nebulöses Raunen und lyrische Spasmen immer noch mit Gedankentiefe verwechselt.»

Heimito Nollé

Warum die schwierigste Form?

Der Aphorismus ist immer eine heikle Gratwanderung. Es geht darum, auf kleinstem Raum so etwas wie einen Funken zu entfachen. Dabei ist die Gefahr gross, entweder in einen vermeintlichen Tiefsinn oder in die Banalität abzustürzen. Und je länger man sich damit auseinandersetzt, desto misstrauischer wird man gegenüber den eigenen Einfällen.

Karl Kraus hat das einmal sehr selbstbewusst mit dem Satz gesagt: «Einen Aphorismus zu schreiben, wenn man es kann, ist oft schwer. Viel leichter ist es, einen Aphorismus zu schreiben, wenn man es nicht kann.» Zumindest dieses Problem hat man bei der Leichten Sprache nicht.

Oliver Demont ist Redaktionsleiter bei bref.
Die Fotografin Annick Ramp lebt in Zürich.

Heimito Nollé: «Defizitate: Zweihundert Aphorismen». edition offenes feld, Dortmund 2020; 88 Seiten; 23.90 Franken.