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Freitag, 10. Dezember 2021

Die Normalität hat einen polierten Parkettboden und zwei Basketballkörbe. An der Wand lehnen blaue Sportmatten, es riecht nach Schweiss und Gummi. Hier in der Turnhalle sorgt Herr Graf dafür, dass alles ist wie immer, ganz normal, für eine Stunde, für Tony. Er stellt seine Bluetoothbox auf einen Turnbarren, macht Musik an und holt einen Basketball aus dem Geräteraum. Dann, wenn Tony kommt, werden sie quatschen wie immer, spielen wie immer, tanzen wie immer. Nichts ist wie immer.

Hier, in der Freien Waldorfschule Berlin-Kreuzberg, kennt man Graf und Tony inzwischen nur noch zusammen. Als ungleiches Paar schlendern sie über den Schulhof, sitzen zusammen in der Kantine, zusammen im Klassenzimmer. Graf, der fast zwei Meter grosse Ex-Kampfsportprofi, und Tony, der blasse Junge mit der Zahnspange. Tony Plate ist 16 Jahre alt und hat das Downsyndrom. Charles Graf, 47 Jahre alt, ist sein Betreuer. «Herr Graf» sagt Tony zu ihm. Manchmal nennt er ihn aber auch «Freddie-Bart», weil sein Schnauzbart aussieht wie der von Freddie Mercury, dem Sänger der Band Queen, die Tony liebt.

Mehr als verpasster Schulstoff

Fast ein Jahr lang haben er und Graf sich nahezu jeden Tag gesehen. Bis das nicht mehr ging: Corona kam, der Pandemie auf den Versen der Lockdown. Wenn die Schulen geschlossen werden, ruht auch die Inklusion, die Teilhabe von Kindern mit Förderbedarf. Für viele von ihnen fällt dann der tägliche Kontakt mit Mitschülern weg, das Lernen von und mit ihnen, das Üben von «Normalität». Werden Schulen geschlossen, dann schliesst sich für manche Kinder mehr als für andere. Manche verpassen nicht nur Schulstoff, sondern auch die Gelegenheit, im Klassenverband als Mensch zu wachsen. Für Kinder wie Tony ist diese unwiederbringliche Zeit noch etwas kostbarer als für andere.

Tony ist in der 10. Klasse, seit Beginn der Pandemie war er mehrmals von der Schliessung seiner Schule betroffen, dann wieder wurde jeweils nur die halbe Klasse unterrichtet im Wechselmodell. Die Präsenzpflicht wurde ausgesetzt. Als Schüler an einem Förderzentrum in Kreuzberg nimmt Tony eigentlich am regulären Unterricht an der Freien Waldorfschule teil, die mit dem Förderzentrum kooperiert. Zurzeit aber hat er viel Einzelbetreuung. Wenn Tony dann in der Schule ist, sitzt er ohne die anderen Kinder allein auf dem Schulhof. Grosse Pause heisst dann grosse Leere. Vieles, was oft hart erarbeitet wurde, droht gerade verloren zu gehen.

An diesem Tag darf alles sein wie früher. Charles Graf hat die Turnhalle organisiert. Bei offenen Fenstern und mit Abstand können die beiden sich hier einmal pro Woche für eine Stunde sehen. So will Graf verhindern, dass ihr Kontakt durch Corona komplett wegbricht. Tony bringt ihm zum Dank ein Grinsen mit. «Richtig Bock!» ruft er und ballt die Faust.

Seine Augen leuchten unter den schwarzen Haaren hervor, die wie ein Fransenvorhang in sein Gesicht hängen. «Hey Bro!» ruft Graf und passt ihm den Ball zu. «Ja Maaan!» ruft Tony. Ein Wurf Tony. Ein Wurf Graf. So spielen sie. Das Wichtige aber passiert zwischen den Körben. Graf will Tony Raum geben, um zu reden. Ein Satz Tony. Ein Satz Graf. Denn Graf macht sich Sorgen.

Tony (rechts) und sein Betreuer Charles in der Sporthalle der Waldorfschule in Berlin-Kreuzberg. Bild: Kitty Kleist Heinrich

Ein paar Tage zuvor sitzt Graf in derselben Turnhalle und erzählt von Tonys langem Kampf um Normalität. Er erzählt von dummen Sprüchen und fliegenden Stühlen, davon, wie er und Tony sich genau im richtigen Moment trafen, um einander zu helfen – vielleicht sogar, um sich gegenseitig zu retten. Von Tränen auf dem Gang.

An der Stelle kommen ihm selbst die Tränen. Er wischt sie sich weg mit seinem wuchtigen Arm, auf dem ein schwarzer Panther tätowiert ist. Gerade als Tony sich immer besser zurechtfand in seiner inklusiven Klasse, als er immer mehr ganz einfach ein Kind sein durfte unter Kindern, war Schluss mit der Normalität.

Rettung vor Ausschluss

Allerdings hätte die Geschichte von Herrn Graf und Tony fast geendet, bevor sie anfing. Vor zwei Jahren, am Ende der 8. Klasse, legen Tonys Lehrer seinen Eltern nahe, ihn von der Schule zu nehmen. Im Jahr danach wird sich seine Klasse auflösen, die Schüler haben dann nicht ständig mit derselben Klasse Unterricht, sondern müssen sich selbständiger organisieren. Das traut man Tony damals nicht zu. Ausserdem sind da diese Vorfälle.

Wenn Tony jemanden umarmen will, umarmt er ihn. Egal ob in der U-Bahn oder in der Schule. Wenn andere seine Zu­neigung nicht erwidern, hat Tony Verlustängste. Manchmal klammert er sich an Mitschüler, als wäre da eine Klippe und unter ihm ein Abgrund. Schweissnass sackt er danach in sich zusammen. Manchmal mit einem Haarbüschel des Mitschülers in der Hand. Einmal wird Tony für ein paar Wochen vom Unterricht suspendiert. Die Lehrer glauben, es sei besser, wenn er auf eine Förderschule wechselt. Seine Eltern bemühen sich darum, dass er einen Betreuer bekommt, der ihm hilft, den Sprung in die Oberstufe doch zu schaffen. Denn Tony möchte bleiben.

Ein paar Wochen später steht die Lösung vor Tony. Um ihr ins Gesicht zu sehen, muss er seinen Kopf in den Nacken legen. Plötzlich ist da dieser Mann. Zwei Köpfe grösser, zehnmal stärker. Und er geht nicht mehr weg.

Nervig sei Graf am Anfang gewesen, sagt Tony in der Turnhalle. «Der hat komische Sachen gemacht.» Wenn man Charles Graf dazu fragt, muss er lachen. Am Anfang sei es schon schwierig gewesen, sagt er. «Aber wir haben das in den Griff bekommen.»

In der Turnhalle, nach dem Basketball, machen sie jetzt das, was sie am liebsten machen: Sie tanzen. Tony springt umher, als hätte die Halle plötzlich Hüpfburgboden, Graf wippt mit dem Fuss zur Musik von Queen. Vielleicht lässt sich ihre Beziehung von Anfang an genau so beschreiben: wie ein Tanz. Tony führt, Herr Graf folgt.

Der Tanz begann im Mai 2019. Wenn Tony sich damals wieder missverstanden fühlt, wütend wird auf die anderen und treten will, ist Grafs Fuss schon da und «blockiert» ihn, wie er es nennt. Wenn Tony einen Stuhl umschmeisst, spiegelt Graf ihn und tut dasselbe. Er will Tony zeigen, dass er durch seine Wut nichts ändert. So kreist Graf um ihn, wie eine menschliche Mauer, die Grenzen setzt, wenn Tony zu weit geht. Die meiste Zeit aber bleibt Charles Graf im Hintergrund. Und so hat Tony zum ersten Mal etwas, das fürs Lernen unersetzbar ist: Freiraum. Er kann sich ausprobieren, seine Grenzen testen. Er weiss ja, dass Graf da ist. Für ihn ist das neu.

Sprüche der Mitschüler

Eigentlich ist Tony ständig damit konfrontiert, dass andere ihm sagen, was er kann und was nicht, wer er ist und wer nicht. «Achtzig Prozent» steht in seinem Behindertenausweis. Eine Zahl, die angeben soll, wie sehr Tony nicht ist wie alle anderen.

Sie beruht auf einer Untersuchung, die gemacht wurde, als Tony zwei Jahre alt war. Sie passt sich nicht an die Fortschritte an, die er mit Graf macht. An die Dinge, die keiner ihm zugetraut hat und die er trotzdem einfach tut. Sie passt sich nicht an, als Tony plötzlich allein die Wege über das Schulgelände findet, als er Gedichte schreibt für den Unterricht und in den Werkstätten Holzarbeiten fertigt.

Auch die Sprüche bleiben die gleichen. Mitschüler machen sich immer noch lustig über Tony. Und auch die Blicke in der Strassenbahn bleiben die gleichen, die «Oh, das muss sicher schwer sein»-Blicke, von denen Tonys Mutter sich nicht einschüchtern lassen wollte und die sie irgendwann doch ins Selbstmitleid gezogen haben. Es gab eine Zeit, in der sie Tony, ihren Sohn, nicht mehr sah, sagt sie. Da war nur noch Tony, das Problem.

Irgendwann dann, ein paar Monate nachdem Graf an die Schule gekommen ist, bricht das alles über Tony zusammen. Beim Mittagessen steht er wortlos auf und stürmt aus der Kantine. Graf findet ihn zusammengekauert auf dem Flurboden. Tränen kullern über sein Gesicht. Er zittert. An diesem Tag spricht Tony zum ersten und einzigen Mal über die Sache, die ihn von allen trennt. «Down ist s*******», sagt er, «ich will kein Down mehr haben.»

«Wir haben zusammen geweint», sagt Charles Graf, «und ab da wurde alles besser.» Was Tony in diesem Moment nicht wusste: Auch Graf fühlte sich hilflos.

Gewalt und Gefängnis

Damals, einige Monate bevor er und Tony sich zum ersten Mal sehen, liegt Charles Graf morgens in seinem Bett und merkt, dass etwas nicht stimmt. Seine Augenbrauen, Arm- und Brustbehaarung fallen ihm vom Körper, so erzählt er es. Er rennt zur Nachbarin. Wie Zuckerwatte habe sie ihm die schwarzen Locken vom Kopf ziehen können. Über Nacht sind Graf alle Haare ausgefallen. Er geht von Arzt zu Arzt. Alle sagen das gleiche: Er sei kerngesund. Es bleibt nur eine Erklärung. Die psychische Belastung. Burnout.

Seine Arbeit lässt Graf zu dieser Zeit ans Ertrinken denken, in Schuldgefühlen, in Hilflosigkeit. Erst ist er Streetworker, dann arbeitet er als Pädagoge an Berliner Brennpunktschulen. Er hört Geschichten von Müttern, die ihre Töchter in die Prostitution schicken, blickt in die Gesichter der Jungs, 13-, 14jährige, und weiss schon, was ihnen bevorsteht. Drogen, Gewalt, irgendwann Gefängnis.

Er weiss es, weil er selbst dort sass, früher, in einem anderen Leben. Einem Leben, von dem er erzählt, aber nichts davon veröffentlicht sehen möchte, weil er weiss, wie schwer es ist, der Kriminalität zu entkommen. Vor allem, wenn man schon in der Familie mit ihr aufwächst. Er hat es da rausgeschafft.

Gerade dann aber, wenn ein Kind Vertrauen zu ihm gefasst hat, wenn es zaghafte Fortschritte gibt, muss er oft gehen. Graf wird damals meist auf Projektbasis angestellt. Häufig hätten die Schulen ihn «als Feuerwehrmann» geholt, sagt er. Und wenn der öffentliche Druck weg war, den durch die berichterstattenden Medien meint er, blieben zwar die Kinder mit ihren Problemen, aber Graf musste gehen. Die Finanzierung läuft aus.

«Wie ein Verräter» habe er sich damals gefühlt, sagt Graf. Gerade wenn die Kinder sich öffnen, ihm erzählen, was sie sonst keinem erzählen können, muss er sich verabschieden. Dass er selbst dabei kaputtgeht, merkt er nicht, bis er aufwacht. Ohne Haare.

Endlich eine Chance

Die Beziehung von Tony und Graf beginnt dort, wo andere enden: mit den Tränen. Graf hört von einer Stelle an der Freien Waldorfschule Kreuzberg. Dort wird ein Pädagoge gesucht, der sich ausschliesslich um ein einziges Kind kümmert, es begleitet, bis zum Schulabschluss. Endlich eine Chance, wirklich zu helfen, hat Graf gedacht, sagt er, endlich jemand, von dem er nicht schon vorher weiss, dass er ihn im Stich lassen muss.

«Tony hat damals wahrscheinlich gemerkt, dass ich genauso hilflos war wie er», sagt Graf. In dem Moment auf dem Schulgang finden Tony und Graf einen Trick. Aus der schlechten Hilflosigkeit, die einen beherrscht, in der man sich verheddert in Wut und Enttäuschung, machen sie eine gute. Sie beschliessen: «Ja, Down ist s*******», erzählt Graf, «aber es geht auch nicht weg.»

Ein paar Monate ist Graf da schon da. Nun beginnt Tony grosse Fortschritte zu machen. Vielleicht, weil er jetzt besser damit umgehen kann, anders zu sein. Vielleicht auch, weil er jetzt weiss, dass Herr Graf nicht nur der grosse, starke Mann ist, der ihn nervt.

Tony lernt seine Zuneigung nun sparsamer zu dosieren. Statt Menschen, die er mag, einfach zu umarmen, hat er zusammen mit Graf eine neue, zurückhaltendere Geste erarbeitet. Mag Tony eine Person, streichelt er nun sacht mit dem Finger über ihren Handrücken. Mitschülerinnen und -schülern, vormals oft von Tonys Liebe erdrückt, kommt das entgegen. In der Kantine sitzt Tony jetzt bei ihnen, darf mitreden. Graf sitzt erst einen Tisch weiter, dann zwei, dann drei. Die Kreise, die er um Tony zieht, werden weiter und weiter. Bis zur Pandemie.

Blick in ungewisse Zukunft

Am Ende, in der Turnhalle, ist es dann endlich so weit. Tonys Lieblingssong rollt los: «Under Pressure» von David Bowie und Queen. Tony rennt in die Mitte der Halle. Vor Aufregung fängt er an, sich wie ein Kreisel um sich selbst zu drehen. Und während Tony an ihm vorbei rotiert, steht Graf etwas abseits und wirkt nachdenklich. Das Lied sei so etwas wie ihr Song geworden, sagt er. «Es ist eine Drucksituation gerade eben.»

Im Moment kann er noch nicht sagen, ob Tonys Fortschritte wirklich vergeblich waren. Graf weiss nicht, ob Tony wieder klammern wird, wenn seine Mitschüler zurückkommen. Er weiss aber, dass Tonys Aussprache bereits schlechter geworden ist. Mit seinen Mitschülern könnte Tony das üben. Aber die hat er seit Monaten nicht gesehen.

Zwei Jahre noch. Dann ist für Tony die Schule vorbei. Dann werden Herr Graf und Tony sich verabschieden müssen. Bis dahin werden ihre Kreise umeinander immer weiter werden, sie werden weiter lernen, voneinander, füreinander, und weiter tanzen, zusammen und schliesslich jeder für sich.

«Ich muss mich überflüssig machen», sagt Graf und hüllt seine Wehmut schnell in pädagogische Fachsprache. Tony sei ein «Klient», sagt er. Wenn er die Schule verlässt, «war’s das», dann werden sie sich nicht mehr sehen. Und dann: «Fünf Minuten noch!» Fünf Minuten. Dann ist ihre Zeit für diese Woche vorbei. Als Graf das ruft, fällt Tony unsanft aus seiner Ekstase. Er blickt auf den Boden. Als wäre die ganze Freude, mit der die Halle eben noch gefüllt war, dort vor ihm hingefallen und einfach zersprungen. «This is our last dance», singt David Bowie da gerade. Und Tony, der singt mit.