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Bilder: Paula Holtz
Bilder: Yannik Willing
Freitag, 19. Mai 2017

Ich weiss nicht, was zuerst da war: unsere Sprache oder unsere Wahrnehmung?

Es ist viele Jahre her. In einer warmen Sommernacht am Hafen einer Kleinstadt im Südwesten der Türkei tranken wir Schwarztee und entkernten gesalzene Sonnenblumenkerne in entspanntem Schnelltempo. Meine Tante schaute aufs Meer, in die tiefe, ruhige Dunkelheit, und sagte zu mir: «Schau dir diesen stark leuchtenden yakamoz an.» Ich schaute mich um und entdeckte kein starkes Leuchten. Lediglich das Dunkel des Meeres. «Wo?» fragte ich sie. Sie zeigte erneut, doch ich erkannte nichts. Schliesslich schalteten sich meine Eltern ein und erklärten mir, was das Wort yakamoz bedeutet: Es beschreibt die Reflektion des Mondes auf dem Wasser. Dann sah auch ich diesen hell leuchtenden yakamoz inmitten der Dunkelheit.

Seither sehe ich yakamoz bei jedem nächtlichen Spaziergang am Hamburger Hafen. Und frage mich, ob die Menschen um mich herum ihn auch sehen. Auch jene, die das Wort nicht kennen. Denn Sprache verändert unsere Wahrnehmung. Weil ich das Wort kenne, nehme ich yakamoz wahr. Ich sehe es.

Die amerikanische Philosophin Judith Butler versteht Sprache als eine Handlung, einen Akt, der die Wirklichkeit, das, was wir wahrnehmen, erst erzeugt. Die Sprache lenkt unsere Wahrnehmung, die Kommunikation, sie ruft Dinge ins Leben. Als ich meine Anwesenheit in Talkshows zu Islam-Themen hinterfragte, sagte man mir, dass dies doch viel gebracht hätte. Beispielsweise wüssten Menschen nun, dass zumindest nicht alle kopftuchtragenden Frauen unmündig und unterdrückt seien – wie man sonst gemeinhin annimmt. Doch diese Erkenntnis, entgegnete ich, erlangen Menschen nicht, weil ich ihnen diese Information genannt hätte, sondern weil ich überhaupt gesprochen habe. Mein Sprechen an und für sich war der Moment, in dem Menschen dies realisierten. Ich hätte auch über die Fortpflanzung von Marienkäfern oder die Wetterprognose für die nächsten Tage reden können. Es ist nachrangig gewesen, worüber ich sprach, sondern dass ich sprach. Denn Sprechen ist Handlung. Sprache ist mächtig. Sie verändert unsere Wahrnehmung.

Durch die Augen der anderen

Manche nennen mich einen Menschen mit Migrationshintergrund; eine sperrige Formulierung. Andere bezeichnen mich als Deutschtürkin. Wieder andere als eine Muslimin. Eine Kopftuchträgerin. Durch diese Worte wird die Wahrnehmung meiner Person gelenkt. Mein Facettenreichtum, meine Menschlichkeit reduziert auf eine Erfahrungsebene.

Nehmen wir das Kopftuch. Ich trage es, ja. Aber ich definiere meine Person, mein Ich, nicht über das Stück Stoff auf meinem Kopf. Es gehört zu mir, wie eben viele andere Dinge auch zu mir gehören. Aber auf kein anderes Attribut werde ich derart reduziert wie auf das Kopftuch. Den täglichen Kampf gegen die etablierten Assoziationen dazu – ungebildet, dumm, unterdrückt, irregeleitet und so weiter – finde ich nicht nur ermüdend, sondern vor allem nervig. Was mal verletzend war, empfinde ich mittlerweile als gähnend langweilig. Ich will nicht jedem einzelnen Erdenbewohner beweisen, dass ich intelligent und emanzipiert bin. Und ich muss das auch nicht.

Doch ich weiss, dass ich mit dieser Attitüde privilegiert bin. Dass ich diese Lässigkeit nur deshalb demonstrieren kann, weil ich den Luxus habe, mich mit Diskriminierung und Vorurteilen intellektuell und wissenschaftlich auseinanderzusetzen. Doch meine persönlichen Gegenstrategien helfen lediglich mir; die gesellschaftlichen Strukturen bleiben nach wie vor bestehen und entfalten ihre Wirkung. Niemand kann sich gesellschaftlichen Zuschreibungen und Zwängen dauerhaft entziehen. Mehr noch: Der Blick von aussen, dieses Ausgesetztsein diktiert mit der Zeit auch den eigenen Blick auf sich selbst. Irgendwann wird man vereinnahmt durch die Perspektive der anderen auf die eigene Person. Irgendwann verwendet man selbst die Sprache der anderen, weil man glaubt, dass sie einen dann besser verstehen. Nimmt sich selbst durch die Augen der anderen wahr. Man verändert den eigenen Blick auf sich. Man sieht jemand anderen. Man wird jemand anders.

Es gibt allerdings nicht nur eine Sprache, eine Wahrnehmung. Beides verändert sich auch von Raum zu Raum. Die Art und Weise, wie wir sprechen, variiert von Öffentlichkeit zu Öffentlichkeit, von Publikum zu Publikum. Wir sprechen jeweils anders zu unseren Eltern, zu unseren Kindern, zu Polizei-Beamten, in einer Polit-Talkshow oder auf einer Wahlkampf-Tour. Unter Musliminnen und Muslimen sage ich inmitten eines deutschen Satzes inshallah, wenn ich über die Zukunft spreche: «So Gott will». Mashallah, wenn ich etwas Schönes sehe und lobe: «Lob gebührt Gott». Oder hamdulillah, wenn ich dankbar für etwas bin: «Gott sei Dank».

Leben als wandelnde Informationssäulen

So sitze ich jetzt hier und schreibe zu Ihnen, einem religiösen – oder zumindest dem Glauben nicht gänzlich abgeneigten – Publikum. Hier darf ich eine andere Sprache wählen, als ich es sonst tue. Sonst bin ich es gewohnt, in einer säkularen, agnostischen, atheistischen oder in dieser Hinsicht durchmischten Öffentlichkeit zu sprechen.

Ihnen muss ich das Konzept von Glauben nicht erklären, selbst wenn ich eine andere Religion habe als Sie. Sie werden mir nicht die Vernunftbegabung absprechen, nur weil ich an Gott glaube. Davon gehe ich zumindest aus. Nicht zuletzt, weil Sie dem Vorurteil, Vernunft und Glauben würden sich gegenseitig ausschliessen, womöglich selbst schon ausgesetzt waren. Sie werden aber wahrscheinlich wissen wollen, weshalb ich beispielsweise das Kopftuch trage. Ich würde es Ihnen erklären. Doch ich unterstelle Ihnen jetzt einmal, dass Sie sich mit einer Antwort nicht zufriedengeben würden, weil Sie eigentlich nicht wissen wollen, weshalb, sondern verstehen wollen, weshalb. Aber das – das wissen Sie vermutlich aus Situationen, in denen Sie versuchten, einem Atheisten Ihren Glauben zu erklären – kann man nicht leisten. Und ich möchte es auch nicht leisten müssen.

Denn wenn man von Berufs wegen nicht Religionssoziologin oder Theologin ist, lässt sich ein Leben als laufende Informationssäule des Glaubens kaum aushalten. Durch eine solche Zuschreibung wird die gesamte Komplexität und Vielschichtigkeit eines Menschen abgeflacht auf eine Dimension, eine Facette, eine Identität. Dem Menschen wird so die Menschlichkeit entzogen.

Trotzdem ist dies genau das, was Musliminnen in unserer Gesellschaft täglich erleben. Sie werden nicht als Individuen, als Menschen wahrgenommen, sondern als Pressesprecherinnen ihrer Religion gehandelt. Sie werden mit ihrem Glauben vorgestellt. Und irgendwann, irgendwann stellen sie sich selbst so vor. Im Versuch, anderen den eigenen Glauben zu erklären, ihn verständlich zu machen, verwenden wir eine säkulare Sprache, ein säkulares Verständnis dieser Welt, wir handeln mit anderen Wertekoordinaten, um unsere eigenen zu erklären. Wir rationalisieren den Glauben zu Religion. Doch was macht das mit uns als religiösen Menschen?

Verhöhnt und belächelt

Ich erinnere mich an die ersten Talkshows über den Islam, die ich als Jugendliche mitverfolgte. Jedes Mal, wenn dort ein Imam auftrat, musste ich wegschauen. Wegschauen, weil ein Mensch, der in den muslimischen Gemeinschaften viel Ansehen genoss, vorgeführt, belächelt und erniedrigt wurde. Denn die Sprache dieser Sendungen ist eine säkulare, und so wurde die religiöse Sprachwahl des Imams verlacht; denn der Inhalt dieser Sendungen ist nicht Theologie, und so wurde seine theologische Argumentation verspottet; denn das Ziel dieser Sendungen ist kein Konsens, sondern Streit und Kontroverse, und so wurde seine Naivität, dort ein Missverständnis im Zusammenhang mit dem Islam korrigieren zu können, verhöhnt.

Im letzten Jahr sass ich dann selber auf einer Bühne. Es war eine Podiumsdiskussion zum Thema Rechtspopulismus und zum Konzept der offenen Gesellschaft mit einem Soziologieprofessor, dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland und mir. Irgendetwas war an dieser Diskussion anders als sonst: Während der Professor und ich in einer akademischen, säkularen Sprache sprachen, verwendete der Ratsvorsitzende Wörter wie Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Es war das erste Mal, dass ich in solchen Räumen religiöse Sprache erlebte, ohne dass sie verhöhnt wurde.

Es kam mir abstrus vor, dass ich – diejenige, die man aufgrund der Kleidung mit Leichtigkeit einer Religion zuordnen konnte – derart gehemmt war in der Verwendung der religiösen Sprache, während sie ihm so einfach von den Lippen ging. Hätte ich auch eine religiöse Sprache verwenden, aus religiöser Perspektive argumentieren können, ohne dass man mir die Zugehörigkeit zu dieser Gesellschaft, die Vernunftbegabung, meinen Intellekt abgesprochen hätte? Ich denke, nicht.

Die Podiumsdiskussion öffnete mir die Augen dafür, wie unterschiedlich in unserer Gesellschaft mit Religion und religiöser Sprache umgegangen wird. Und ich stellte mir eine Frage, die uns Glaubende womöglich alle betrifft: Was macht eine säkulare Sprache mit unserer Spiritualität? Was hat sie mit mir gemacht?

Wie kann ein Mensch spirituell bleiben, wenn er fortwährend eben jene Spiritualität rationalisieren, erklären und verteidigen muss? Was macht es mit uns, wenn wir uns zu Ende deklinieren müssen?

Ich lernte meine Religion zunächst auf Türkisch kennen. In einer anderen Sprache, mit Wörtern, die es im Deutschen nicht gibt, also Wahrnehmungen, die es im Deutschen nicht gibt. Ich betete zu Gott auf Türkisch, ich weinte in dieser Sprache, ich glaubte in dieser Sprache.

Nach dem 11. September 2001, mit gerade einmal dreizehn Jahren, musste ich auf Deutsch Worte für diesen Glauben, diese Gebete und diese Gedanken finden. Weil mich Menschen auf offener Strasse angriffen, mir Fragen stellten, mich zur Rechenschaft zogen.

Ein Mensch wird auf eine besondere Weise verwundbar, wenn das Innerste an die Öffentlichkeit gezerrt wird. Und sich jeder bevollmächtigt fühlt, zu urteilen und zu verurteilen. Dafür sind diese Gefühle nicht gewappnet. Diejenigen Gefühle, für die man nie Worte finden musste, weil sie im Innersten waren, weil die Gebete selten laut gesprochen, sondern vielmehr gefühlt und gedacht worden waren. Weil es diejenigen verwundbaren Teile des Herzens sind, die den Glauben beherbergen. Fragil und kostbar, intim und persönlich.

Zwischen Gott und Glaubender sollte niemand sein. Doch hier drängte sich die Perspektive der anderen dazwischen. Neu und gierig.

Ich frage mich also, wie ein Mensch noch spirituell bleiben kann, wenn er fortwährend eben jene Spiritualität rationalisieren, erklären und verteidigen muss. Reihenweise habe ich in den vergangenen Jahren erlebt, wie Freundinnen ihre Kopftücher ablegten, weil sie sich nach dem Glauben sehnten, für den es kaum mehr Gelegenheit gab, weil sie zusehends zu Interpretinnen eines Glaubens wurden und nicht mehr Glaubende waren. Diese Debatten, das Erklären, das Sprechen, entzieht dem Glaubenden die Spiritualität, die Ruhe, die Musse, die es braucht, um die Liebe zu fühlen.

Was macht es mit uns, wenn wir uns zu Ende deklinieren müssen? Uns nackt machen müssen, damit andere uns verstehen? Wenn wir im nacktesten Zustand auf uns selbst blicken mit den Augen der anderen, wenn das Aussenbild das innere übermalt: Wie können wir dann noch wir selbst sein?

Ein hoher Preis

Mit den Jahren fand ich im Deutschen Worte für meinen Glauben. Ich wusste nunmehr, wie ich auf Deutsch erklären konnte, weshalb ich betete, fastete oder Geld spendete. Wie ich auf Deutsch ausdrücken konnte, was ich auf Türkisch gelernt hatte. Es war ein Versuch, mich und meinesgleichen verständlich zu machen für diejenigen, die uns als Fremde markierten. Doch der Preis des Erklärens war der Verlust der Ambiguität, der Uneindeutigkeit. Denn es gibt nicht nur einen rationalen Grund, weshalb einige muslimische Frauen ein Kopftuch tragen und andere nicht, sondern Millionen Gründe. Und noch viel mehr Arten, wie sie ihre Tücher tragen und binden – oder eben nicht. Es gibt nicht nur einen rationalen Grund, weshalb Muslime während des Ramadan fasten, sondern Millionen. Und etliche Arten, wie wir diese Tage verbringen, feiern und begehen. So viele, wie es Muslime auf diesem Planeten gibt. Doch im Erklären reduzieren wir diese vielfältige Erfahrungswelt. Wir reduzieren die vielen spirituellen Beweggründe, wir versuchen sie zu rationalisieren. Der Preis dafür ist die Kategorisierung, die Markierung, sind kleinere, starrere Schubladen, die aus den groben grossen erwachsen. Das ständige Erklären, Rationalisieren meiner Spiritualität nahm ihr den Raum zur Entfaltung und engte sie immer weiter ein. Deshalb hörte ich auf zu sprechen. Also zu diesen Themen zu sprechen. Weil das Sprechen an sich ein Handeln ist, ein Handeln, das die Wahrnehmung meiner selbst verändert.

Das Schweigen wurde ein Ausbruch aus dem Gefängnis der einzelnen Sprachen, in denen ich mich bewegte. Ich wollte mich, meinen Glauben, meine Gefühle ausserhalb der einzelnen Sprachen wahrnehmen. Erfahren. Ergründen. Fluide, in vielen verschiedenen Sprachen und Perspektiven, je nachdem, welche sich natürlich ergeben sollten. Ich wollte Spiritualität fühlen und leben. Geniessen, ohne mich aus ihr reissen zu lassen, weil ich sie nach aussen kommunizieren, kommentieren, erklären musste. Glauben können, ohne den Glauben besprechen zu müssen. Ich wollte ich sein dürfen.

Die richtige Sprache kann verzaubern

Nun versuche ich wieder zur Sprache zu finden. Mit meiner eigenen Wahrnehmung. Worte für diese Erfahrung zu finden. Raum für neue Wahrnehmungen zu schaffen. Nicht um sie anderen zu erklären, sondern um mich auszudrücken. Nicht um verstanden zu werden, sondern um zu existieren. Dieser Text ist Teil des Prozesses. Ein Weg, dessen Ende ich nicht absehen kann und von dem ich nicht sicher bin, ob er überhaupt ein Ende haben wird. Ob man nicht ein Leben lang sprechen wird, um damit aufzuhören und erneut zur Sprache zu finden.

Der Versuch, eine neue Sprache zu finden, kann den Menschen überwältigen. Eben weil eine neue Sprache unbekannt und unvorhersehbar ist. Weil das Neue Angst machen, das Unbekannte überfordern kann. Und doch lernte ich, dass eine neue Sprache auch einfach zu erreichen sein kann. Durch neue Räume. Räume, in denen sie natürlich entsteht.

Es waren Abende, simple Abende, wie dieser hier: Als drei muslimische Freundinnen – eine Unternehmerin, eine Poetin und eine Juristin – mich eines Abends besuchten, führten wir eine intensive Diskussion über den Glauben und unsere Spiritualität. Wir unterhielten uns über die Reaktionen der Aussenwelt auf unser Äusseres – eine trug keine Kopfbedeckung, die beiden anderen hingegen einen gewickelten Turban, den viele oftmals nicht klar als islamische Kopfbedeckung einordnen können – und wie wir damit umgehen. Wie wir uns selber schützen. Dabei sprachen wir zueinander in einer Vertrautheit, die sich in den Diskursen über das Kopftuch sonst nicht finden lässt. Wir schufen einen Raum der Vertrautheit. Unser Glauben bildete eine gemeinsame Basis, die Erfahrungen mit der Aussenwelt verbanden uns, unser Alter, das Frausein, der Gestaltungswille, das Engagement in dieser Gesellschaft.

Am Ende des langen Abends, kurz vor dem Abschied an der Tür, schlug ich vor, Teile unserer Unterhaltung live vor einem digitalen Publikum zu führen. So setzten wir uns wieder zurück ins Wohnzimmer, schalteten die Live-Schaltung auf der Social-Media-Plattform Instagram an und führten unsere Unterhaltung fort. Mit jeder Minute erhöhte sich die Zuschauerzahl, und so hörten uns schliesslich um 1 Uhr in der Nacht über 600 Personen zu.

Sprache lässt uns die Reflektion des Mondes inmitten der tiefen,
ruhigen Dunkelheit des Meeres sehen. Sie lässt uns einander sehen – und uns selbst.

Keine von uns sprach als die Muslimin, die Kopftuchtragende oder der Mensch mit Migrationshintergrund. Die Poetin sprach darüber, wie sie über ihre Gedichte ihrem Glauben Ausdruck verleiht, sich selbst und andere ermächtigt, und die Unternehmerin sprach über das Einschlagen neuer beruflicher Wege.

Die Zuschauer stellten Nachfragen, dachten mit uns mit und verbanden sich mit uns durch das Teilen ihrer eigenen Erfahrungen. Es war nicht mehr nur die Ausgrenzung, die uns als Musliminnen, als Menschen mit Migrationshintergrund, als marginalisierte Minderheiten verband; es war unser Erleben, das Leben von unseren Interessen, unseren Passionen, unseren Träumen. Wir waren dabei, in diesem Raum eine neue Sprache für unsere Leben zu finden.

Ich stellte fest: Die neue Sprache, von der ich seit Jahren träumte, war diese. Das Sprechen zu Menschen, die mich nicht dazu drängen, mich verständlich zu machen. Sondern das Sprechen zu Menschen, die meine Erzählungen und Gedanken durch ihre Perspektiven ergänzten. Das Sprechen zu Menschen, denen ich keine Zugehörigkeit beweisen musste.

Monatelang hatte ich mit mir gerungen. Nun fühlte es sich an wie eine Geburt. Eine schwere Geburt. Erst als ich meinen Kopf verliess und die Gefühle sprechen liess, mich dem Gang der Dinge ergab, kam die Sprache mit einer Leichtigkeit zu mir, die mich überraschte. Plötzlich war die Welt wieder gross, greifbar, offen für mich.

Ja, Sprache kann die Welt zu einem Gefängnis machen, aber auch unendlich weit. Mit den passenden Worten und Räumen an der Hand macht Sprache das Entfernteste, das Andere greifbar. Sprache kann verzaubern. Das Ausgesprochene kann einen mitnehmen zu Menschen, Leben und Ereignissen, zu Perspektiven, Träumen und Welten, die einem ferner nicht sein könnten. Das Erzählte kann neue Räume schaffen, neue Wahrnehmungen, in denen Menschen einander begegnen. Sprache lässt uns die hell leuchtende Reflektion des Mondes inmitten der tiefen, ruhigen Dunkelheit des Meeres sehen. Sie lässt uns einander sehen. Sie lässt uns selbst sehen. Inshallah.

Kübra Gümüşay ist Journalistin, Bloggerin und Aktivistin.
Die Fotografin Paula Holtz und der Fotograf Yannik Willing leben in Hamburg.