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Bilder: Anton Vester
Donnerstag, 10. April 2025

Frau Blöser, wie fühlt sich Hoffnung für Sie an?

Ich finde, der deutsche Philosoph Ernst Bloch beschreibt das ganz schön: Hoffen macht innerlich weit. So fühle ich das auch oft. Eine Weite, eine Entspannung. Aber Hoffnung kann auch mit Angst verbunden sein. Es geht dabei ja immer um eine Zukunft, die unsicher ist.

Ihre Motivation, die Hoffnung zu verstehen, ist sehr persönlich. Vor 20 Jahren — Sie hatten gerade Ihr Studium begonnen — starb Ihre Schwester mit 21 Jahren an Krebs. Welche Rolle hat Hoffnung damals gespielt?

Meine Schwester war vier Jahre krank, bis sie gestorben ist. Diese Zeit war ein Auf und Ab der Hoffnung. Wie das bei Krebs so ist. Zwei Monate vor ihrem Tod sagte ich einem gemeinsamen Freund, dass ich die Hoffnung aufgegeben hätte. Dass ich glaubte, sie würde bald sterben. Meine Schwester hat das dann irgendwie mitbekommen. Sie hatte Metastasen in der Lunge, ein Bein war schon amputiert worden, sie lag nur noch zu Hause im Bett. Für mich war die Lage eigentlich eindeutig, für sie aber anscheinend nicht. Ich weiss noch, dass ich sie besuchte und sie mich verzweifelt fragte: «Hast du mich etwa aufgegeben?»

Hat Ihre Schwester denn gehofft, dass sie doch noch geheilt wird?

Nein, das nicht. Eher, dass sie noch ein bisschen länger lebt und noch mal eine bessere Phase kommt. Es ist paradox, dass sie das so kurz vor ihrem Tod noch dachte. Denn ein paar Monate davor war die Situation umgekehrt: Sie war noch relativ fit, hatte mich besucht und gesagt, dass sie spüre, ihr bleibe nicht mehr viel Zeit. Ich war total geschockt, weil ich das nicht erwartet hatte. Als es dann wirklich auf das Ende zuging, hat meine Hoffnungslosigkeit ihr Angst gemacht.

Das muss sehr schmerzhaft für Sie beide gewesen sein.

Ja, ich hatte grosse Schuldgefühle, auch nach ihrem Tod noch. Ich habe mich damals gefragt: Hätte ich die Hoffnung für sie nicht aufgeben dürfen? Wann ist es richtig, die Hoffnung aufzugeben, und wann falsch? Diese Frage hat mich lange beschäftigt.

Haben Sie sich wieder vertragen?

Ja, ich erinnere mich leider nicht mehr, wie. Aber etwas später habe ich sie wieder besucht, sass an ihrem Bett und habe ihr den kleinen, schönen Weihnachtsmarkt beschrieben, auf dem ich davor war. Ich wollte sie am Leben da draussen teilhaben lassen, indem ich ihr alle Details erzählte. Da fing sie an zu weinen und sagte, es sei so schwer für sie, das zu hören, weil sie so etwas nie wieder erleben werde: über einen Weihnachtsmarkt schlendern. Sie hatte da also wohl die Hoffnung aufgegeben, dass es wieder besser werden würde.

Wie blicken Sie heute auf den Konflikt zurück?

Er war auf jeden Fall wichtig für uns beide. Denn danach war unsere Realität die gleiche. Wir waren uns beide bewusst, dass sie bald sterben würde. So konnten wir gemeinsam trauern und Abschied nehmen. Das ist nicht selbstverständlich. Es gibt Menschen, die noch Autos kaufen, obwohl sie wissen müssten, dass sie sehr bald sterben werden. Ich glaube, Hoffnung kann bis zuletzt zwischen Menschen stehen.

Inwiefern?

Ich habe neulich ein Buch von Susan Sontags Sohn gelesen, in dem er über den Tod seiner berühmten Mutter schreibt. Sie ist auch an Krebs gestorben. Er setzt sich im Buch damit auseinander, dass sie bis zu ihrem Tod gehofft hat, sie würde wieder gesund werden. Das ist eine schwierige Situation, wenn alle drum herum die Hoffnung aufgegeben haben, und niemand traut sich so richtig, die Person damit zu konfrontieren. Weil es das Letzte ist, was ihr bleibt. Sontags Sohn schreibt, sie sei einsam gewesen in ihrer Hoffnung.

bref+

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