Endlich ausschlafen!» – das Reich der Träume ist das Lieblingsurlaubsziel der Deutschen, es kommt noch vor Strand, Bergen und fernen Ländern. Vielleicht ist es sogar das fernste aller Länder, ein Sehnsuchtsort wie eine Utopie, ein Ort ohne Weckergeklingel am Morgen und Mittagsmüdigkeit, die auch nach drei Tassen Kaffee nicht verschwinden will, um dann abends gegen sämtliche Tricks medizinisch empfohlener Einschlafhilfen zu verlieren.
Der Dämmerzustand zwischen Körperschwere und Geistesleichtigkeit, sorglos, gedankenlos – diese Insel der Seligen ist das Luxusresort, in dem sich aufzuhalten Reisende nicht mit Geld kaufen können. Wohl dem, der ein leichtes Entree dorthinein findet. Schlaf ist kostbar geworden. Ein Geheimnis war er schon immer und als solcher Gegenstand literarischer und philosophischer Spekulationen. Längst wird er nicht mehr nur besungen und bedichtet. Der Schlaf, auch der vergeblich gesuchte, wird vermessen und erforscht.
Schlafforscher und Medizinerinnen versuchen ihm auf den Grund zu kommen, die einen, um das Menschheitsrätsel zu lösen, die anderen, um ihn zu kontrollieren und zu verbessern. Uhren am Handgelenk zeigen nicht mehr nur die Stunde, sondern auch die Schlafphasen an und vermessen die Güte des Nachtschlafs. In den schicken neuen Unternehmen ist plötzlich «Powernapping» angesagt, um die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter zu steigern.
Dabei schien es lange so, als ob die Moderne dem Schlaf den Krieg erklärt hätte. Mit der Erfindung der 24-Stunden-Tage muss auch der Nachtschlaf ein Mass bekommen, das auf Effizienz ausgerichtet ist: genau so viel Regeneration von Körper und Geist, wie nötig ist, um wach und kräftig das Tagwerk zu beginnen, das schien das Ideal zu sein.
Es wundert deshalb nicht, dass Thomas Alva Edison die Glühbirne erfand, weil er den Schlaf als Zeitverschwendung empfand. «Den Seinen gibt’s der Herr statt Schlaf» lautete seine Verdrehung eines alten Psalmwortes. Ein paar Stunden mehr am Abend sollten die Produktivität und den Ideenreichtum des Erfinders verdoppeln. So hat er ein wirksames Mittel gegen den vorzeitigen Nachtschlaf geschaffen, das heute als «Licht-Vermüllung » in weiten Teilen der Welt Einschlafschwierigkeiten bereitet. Es ist einfach nicht mehr dunkel genug. Vor allem der Tagschlaf geriet seit der Rhythmisierung der Zeit durch die Stundenlogik unter Verdacht.
Kindern und Alten wird das Nickerchen noch zugestanden. Für alle anderen gilt: Zu viel Schlaf macht dumm und träge. Wer bis tief in die Nacht arbeitet, kann morgens mit seinen Augenringen protzen. «Wieder so viel zu tun.» Nichts gegen eine durcharbeitete Nacht, ab und zu. Ihr wohnt ein eigener Zauber inne. Tagträumer haben, wenn es gut für sie läuft, noch den Nimbus des Künstlerischen auf ihrer Seite, alle anderen sollen sich gefälligst zusammenreissen oder bekommen schon als Kinder eine Diagnose. Wachsein ist das Zeichen für Schaffenskraft und Lebensenergie.
Daran ist das christlich geprägte Arbeitsethos nicht unschuldig. «Wachet und betet», diese Aussage Jesu im nächtlichen Garten Gethsemane kurz vor seiner Auslieferung an die Römer, die eigentlich eine Freundschaftsbitte in tiefster Verzweiflung ist, wird zu einer Art Anweisung zum christlichen Leben.
Das allfällige Mittagsschläfchen wird so umschrieben, dass noch der Anflug des Tätigseins daraus wird. Der Herr Vater «zieht sich zur Beratung zurück», und der Rest der bürgerlichen Familie hat leise zu sein. Ein unausgesprochener Komment, der aus der Tiefe der Geschichte des evangelischen Pfarrhauses kommt. Ob sich auch die Pfarrfrau dann und wann für ein paar Minuten auf ein Bett zurückziehen durfte, ist nicht bekannt.
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