Ein Abend im März im Maxim-Gorki-Theater in Berlin. Wolf Biermann gibt zusammen mit seiner Frau Pamela ein Konzert, es ist ein Heimspiel für ihn. In den Rängen sitzen Freunde und Fans, die jung waren, als er jung war. In der ersten Reihe nimmt Joachim Gauck Platz, ehemaliger Bundespräsident Deutschlands und evangelisch-lutherischer Pastor in der DDR.
Biermann, der 88-jährige Liedermacher und Systemkritiker, spielt 90 Minuten lang und gibt drei Zugaben. Wenn er geht, wirkt er alt – doch singt er, klingt er jung.
Später am Abend sitzt Biermann an einem Tisch in der Theater-Kantine. Der Grünen-Politiker Cem Özdemir wechselt ein paar Worte mit ihm, die Autorin Gabriele von Arnim reicht ihm die Hand, Gauck ist immer noch da, und in Biermanns Nähe sitzen Matthias und Christine Storck. Das ältere Pfarrehepaar ist dem Dichter besonders verbunden.
1979 sassen Storcks als politische Häftlinge in einem Stasi-Gefängnis. Diese Zeit haben sie nur überstanden, indem sie sich, von einer Zelle zur andern, immer und immer wieder Biermanns Lied «Ermutigung» aufsagten. Darin heisst es: «Du, lass dich nicht erschrecken in dieser Schreckenszeit. Das wolln sie doch bezwecken, dass wir die Waffen strecken, schon vor dem grossen Streit.» Nach 14 Monaten Haft erwirkte die westdeutsche Regierung die Freilassung des Ehepaars und Storcks übersiedelten in den Westen.

Wolf Biermann wohnt in einem ruhigen Stadtteil von Hamburg in einem Klinkerhaus.
Für das Gespräch mit Wolf Biermann reise ich zwei Wochen nach dem Konzert nach Hamburg. Hier wohnt der Dichter in einem ruhigen Stadtteil in einem Klinkerhaus. Wir steigen zu dritt die kurze Treppe hinauf zur Tür: Neben mir stehen der Fotograf Daniel Chatard und der bref-Kolumnist Andreas Öhler. Er kennt Wolf Biermann schon lange und kommt an diesem Tag zu Besuch. Er drückt auf die Klingel, wir warten. «Vielleicht hat er es nicht gehört», sagt Öhler. Wir klingeln nochmals. Die Tür schwingt auf und da steht er: Drachentöter, Kriegsüberlebender, Ex-Kommunist und Judenkind, Sänger, Dichter, Welterklärer und Gitarrist.
Er begrüsst Öhler, bittet uns herein, fragt nach den Namen der Journalisten und sagt: «Gleich zwei Daniels?», na, damit werde er schon klarkommen. Daniel in der Löwengrube. An Gott glaubt er nicht, aber am Glauben arbeitet er sich kreativ ab.
Im Innern des Hauses hängen neben den enormen Bücherwänden Bilder dicht an dicht. Sie stammen von Biermanns Frau Pamela und von Freunden. Jedes davon hat eine Geschichte. Vor einem Druck bleibt er stehen und erklärt Öhler, das Werk zeige den Dresdner Peter Graf, der sich beim Malen male. In der DDR habe er als Maler ein Berufsverbot gehabt. «Darum arbeitete Graf als Lastwagenfahrer und malte nachts», sagt Biermann. Im Bild ist ein Porträt des Dichters versteckt. Graf malte ein Bild in die Szene, das kopfüber an der Wand lehnt. Darauf Biermann, auf dessen Haupt eine weisse Taube sitzt.

Biermann erklärt Öhler das Werk des Dresdner Malers Peter Graf. Wegen eines Berufsverbots konnte er nur nachts malen, tagsüber war er Lastwagenfahrer.
Wir gehen weiter ins Wohnzimmer. Auch hier: Bilder, Bücher, Erinnerungsstücke, dazu ein Flügel und Biermanns Gitarre. Der Hausherr bedauert, dass seine Frau Pamela an diesem Tag nicht zuhause ist. «Sie regelt den Verkehr mit der Menschheit», sagt er. Damit mag er sich nicht mehr abgeben, obwohl er ihn als «eine Art Liebesbeziehung» bezeichnet. Er verfolgt dafür das Geschehen in der Politik: «Sie sorgt für den Liebeskummer mit der Menschheit.»
Wie ist es um den aktuellen Liebeskummer bestellt?
Biermann: Der ist, wie Sie schon dunkel ahnen, grauenhaft gross. Wir befinden uns 80 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg kurz vor dem dritten. Russlands ehemaliger Präsident Medwedew hat gesagt, Russland sei fähig und bereit, ganz Westeuropa mit nur drei Bomben auszulöschen – nimmst du auf, was ich sage?
Natürlich. Das kann ich nicht alles aufschreiben.
Okay. Also: Ich habe aus gutem, will sagen aus schlechtestem Grund grosse Angst.
Aus welchem?
Natürlich weiss jeder, dass Putin die Ukraine vergewaltigt. Mit seiner Armee. Mit seinen Waffen. Aber jetzt kommt das Neue: Der Diktator Putin ist ein Vergewaltiger mit peinlich schwacher Potenz. Binnen drei Tagen wollte er am 24. Februar 2022 die Ukraine überwältigt haben. Er kündigte die Okkupation der Ukraine mit dem altrussischen Spruch des Vergewaltigers an: «Ob’s dir gefällt oder nicht gefällt, nimm’s hin, meine Schöne, so ist halt die Welt!» Aber seit bald drei Jahren schafft er es nicht. Deshalb könnte der Schwächling Putin panisch die Atombombe schmeissen. Ein impotenter Imperator ist für mich ein neues Machtmonster, das uns das Fürchten lehrt.
Was ist mit Trump?
Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Auf jeden Fall habe ich ein neues Gedicht geschrieben. Habt ihr eine Minute Zeit? Ich drucke euch das eben aus.
Er steht auf und verlässt das Wohnzimmer.
Wolf Biermann sagte einmal: «Man muss bei der Auswahl seiner Freunde sorgfältig sein – aber noch viel penibler bei der Auswahl seiner Feinde.» Als junger Mann und glühender Kommunist, der wegen seiner Überzeugung als 16-Jähriger von Hamburg in die DDR ausgewandert war, entpuppten sich dem Kommunistenkind die Parteioberen als Todfeinde. Er kritisierte, sie gingen es menschenfeindlich-totalitär an, den kommunistischen Staat aufzubauen. Auf Biermanns anhaltende Kritik antwortete die Staatspartei schliesslich mit einem Berufsverbot. Von 1965 bis 1976 durfte er nicht auftreten.
Dutzende Spitzel des Ministeriums für Staatssicherheit überwachten ihn und legten über die Jahre Zehntausende Seiten Akteneinträge an. Er wurde abgehört – auch als er seine spöttische «Stasi-Ballade» vortrug. Am 15. März 1967 protokollierte ein Stasi-Mitarbeiter pflichtbewusst: «Wolf B. singt: ‹Mensch, wie fühl ich mich verbunden mit den armen Stasihunden, die bei Schnee und Regengüssen mühsam auf mich achten müssen. Die ein Mikrofon einbauten, um zu hören all die lauten Lieder mit sehr leisen Flüchen auf dem Klo und in der Küchen.›»
Biermanns Wohnung in Ostberlin war ein Treffpunkt regimekritischer Intellektueller.
Dort interviewte ihn 1969 ein junger Schweizer fürs Radio: Franz Hohler. «Ich stellte ihm Fragen, die ihn überraschten und ihm aber auch gefielen», erinnert sich der Schriftsteller. Es war der Beginn einer lebenslangen Freundschaft. «Für die Menschen in der DDR war Wolf ein wichtiger Anlaufpunkt, ein Beweis, dass man auch leben konnte, ohne nach der Pfeife des Staats zu tanzen», sagt Hohler.
Für die Menschen in Westdeutschland sei Biermann «so etwas wie der lebende Stachel im real existierenden Sozialismus» gewesen. Er beschreibt ihn als wichtige Stimme, Poet und unbequemen Meinungsträger – und mahnt: «Ihn nur als ewig oppositionell zu bezeichnen würde zu kurz greifen. Seine Lieder gehen tiefer und stehen ein für die Sehnsucht nach einer menschlicheren Welt.»
Mit ein paar Blättern in der Hand erscheint Biermann wieder im Wohnzimmer, schreitet energisch zu seinem Stuhl und nimmt das Gespräch dort auf, wo er es verlassen hat.
Biermann: Weil ich über solche Sachen gerade nachgedacht habe, schrieb ich ein Gedicht, das ein Lied werden möchte.
MORITAT VOM LIEBESPAAR
Wir lieben es alle, das noble Liebespaar
Auf jenem Balkon in Verona, ja, na klar!
– wir kennen auch, frei nach Shakespeare
Die Bluthochzeit: Hitler mit Stalin in dem Pakt
Und nun auch noch Putin und Trump im Liebesakt:
Die passen zusamm’ wie Pott un’ Pann
Die machen ihr Liebesspiel Mann mit Mann
Die spiel’n das Othello-Stück White-White-Queer:
Ein totalitäres Zwei-Rücken-Tier
– der Blödmann mit Bloody Wladímir
… na klaro, na klärchen
Trump / Putin sind ein Pärchen
Historisch ein Liebespaar …
Ach, traurig ist das, traurig
– ja, todtraurig, aber wahr
By the way, was ist ein Zwei-Rücken-Tier? Wie heisst du nochmal mit Vornamen?
Daniel.
Daniel, ach ja. Was ist ein Zwei-Rücken-Tier?
Sollte ich es wissen?
Nur eine Bildungsfrage, nichts weiter.
Muss man um die Ecke denken?
Ach, überhaupt nicht. Eher direkt geradeaus zum Liebesakt: Shakespeare verwendet dieses Wort im Othello. Des Generals Offizier, der Bösewicht Iago, trifft den Vater von Desdemona in den dunklen Gassen Venedigs und provoziert ihn: «Wissen Sie eigentlich, dass Ihre Tochter mit dem Mohren Othello dieses Spiel spielt: das Tier mit den zwei Rücken?» Der Vater ist nicht blöd und begreift, dass es eine freche Anspielung auf ein Liebespaar ist. Eine sehr originelle Metapher! Okay, ich fange jetzt ohne Kommentar nochmal an und lese das Gedicht kalt durch. (liest das ganze Gedicht)
Andreas Öhler: Ich finde, das Gedicht braucht keine Musik. Es ist voller Musikalität, aber sehr schwierig zu vertonen.
Biermann: Ich finde, es ist möglich.
Die zweite Strophe, die Szene mit Selenski im Weissen Haus, ist sicher schwierig zu singen.
Das weiss ich nicht. Das werde ich dann schon merken.
Ist Andreas Öhler der Einzige, der sich getraut, Ihre Gedichte zu kommentieren?
Absurd! Jeder dahergelaufene Klugscheisser darf mich kritisieren. Wenn ich stark genug und bei mir selber bin, kann ich das nicht nur gut aushalten, sondern auch nutzen. Gerade ungebildete Leute haben oft eine verblüffende Urteilskraft. Es kann einen fast deprimieren, dass irgendein dahergelaufener Nichts-Könner recht hat, wenn er sagt: «Das ist nicht schön, das ist nicht gut.» Die Urteilskraft der Laien ist dermassen viel grösser als ihre Fähigkeit, es selbst gut zu machen.
Öhler: Der Dichter Peter Hacks hat doch mal gesagt: «Der Biermann liest jedem Briefträger an der Tür seine Gedichte vor.» Das war als Häme gedacht.
Biermann: Aber gerade der Briefträger kennt allerhand Menschenexemplare. Ich höre immer auf Leute, auch wenn sie selbst nicht so genau wissen, warum sie etwas nicht gut genug finden. Meistens haben sie recht.
Wann haben Sie entdeckt, dass Sie Lieder machen und Gedichte schreiben können?
Ich habe 1957 mein Studium der Wirtschaftswissenschaften abgebrochen, um als Regieassistent am Berliner Ensemble zu arbeiten. Davor habe ich nicht einen einzigen Vers geschrieben. Aber am Brecht-Theater wurde ich verführt zu denken: Ach, das kann ich auch mal versuchen. Als es mir gelang, merkte ich, dass es auch eine attraktive Art ist, sich in seine eigenen Angelegenheiten einzumischen.
Sie mischten sich aber auch in jene der politischen Führung der DDR ein.
In einer Diktatur kommt das einen teuer zu stehen. Ich kriege immer noch einen Todesschreck bei dem Gedanken, was aus dem kleinen Biermann geworden wäre, wenn er sich mit seinem rebellischen Charakter in der DDR widersetzt hätte, ohne zugleich schnell genug populär zu werden.
Was wäre aus ihm geworden?
Die Genossen hätten mich still entsorgt. Als ich anfing, frech zu werden, hatte ich das Glück, schon zu berühmt zu sein, als dass sie mich hätten wegklatschen können, ohne dass in Deutschland ein Hahn danach gekräht hätte.
Öhler: Es kommt noch ein weiterer Aspekt dazu, der dich «zum Biermann» machte. Du hast in jener Zeit die richtigen Lieder geliefert. Sie beantworteten die Fragen der Leute. Inzwischen hat sich der Zeitgeist geändert und deine Lieder sind immer noch auf der Höhe der Zeit.
Biermann: Als ich 1976 aus der DDR ausgebürgert wurde, musste ich eine Welt begreifen, die ich nicht kannte. Das ist das ewige Dilemma der Weltveränderer: Sie müssen immer auch den Mut haben, sich selbst zu verändern. Sonst verblöden sie zu rechthaberischen Besserwissern. In meinem Lied heisst das: «Nur wer sich ändert, bleibt sich treu». Gerade wer radikal verändern will, muss auch sich selbst radikal verändern. Nur in diesem Sinn darf man sich anpassen.
Also auch an das neue Publikum, denn ein Sänger ohne Publikum singt in den leeren Saal.
Klaro. Aber diese Kurve habe ich gekriegt. Ich fand endlich, als reifer Mann, den Mut, mit meinem Kinderglauben an den Kommunismus zu brechen. Ich musste mich von der Illusion trennen, dass es eine Gesellschaft geben kann, in der der Löwe Gras frisst.
Darüber haben Sie in einem Text von 1980 geschrieben. Ich möchte aber noch früher ansetzen, beim Kölner Konzert von 1976. Sie traten auf die Bühne, setzten sich hin, sangen «So soll es sein — so wird es sein», ein kritisches Lied über den Sozialismus. Sie hatten neue Strophen geschrieben, welche die Regierenden in der DDR geradezu wütend machen mussten. Sie spielten nach elf Jahren Berufsverbot vor dem grössten Publikum, das Sie je hatten, und wurden gleich darauf aus der DDR ausgebürgert. Wie kann man da als Künstler weitermachen?
Na ja, man muss die Kraft haben, nicht nur mit Niederlagen, sondern auch mit Erfolgen fertig zu werden. Da hilft nur tapfere Neugier auf die Gattung Mensch, auf diese wunderbar verschiedenen Tiere. Besonders, wenn ich fremde Menschen auf der Strasse sehe, habe ich immer ein Glücksgefühl, dass ich auch zur Menschheit dazugehöre. Das spornt mich an und macht mir Mut. Natürlich weiss ich, dass der Biermann nicht ewig hält. Kein Mensch hält ewig, schrieb Brecht: «einige halten etwas länger». Es ist ein Privileg, wenn man zu denen gehört, die etwas länger halten. Aber auch das sind alles nur Worte. Der Brecht ist jung gestorben. Er ist nicht mal 60 geworden, hält aber trotzdem ewig. Mein Vater Dagobert, der Maschinenschlosser, war 38 Jahre alt, als er in Auschwitz ermordet wurde. Aber auch er hält ewig. Warum? Weil er einen Sohn hat, der über ihn manches Lied geschrieben hat, das länger hält.
Dagobert Biermann kämpfte als Kommunist gegen die Hitler-Diktatur. Von 1933 bis 1935 sass er im Gefängnis, weil er illegal die kommunistische Zeitung gedruckt hatte. 1936 kam sein Sohn Wolf zur Welt. 1937 wurde Dagobert wieder verhaftet, weil er mit seinen Genossen im Hamburger Hafen Schiffe sabotiert hatte, die Kriegsmaterial an das Franco-Regime in Spanien lieferten.
Zu Beginn der Gerichtsverhandlung, bei der Aufnahme der Personalien, habe der Richter ins Protokoll diktiert: «Religion: keine!» Das sei halb falsch, halb richtig gewesen, sagt Biermann, «die Religion des Angeklagten war der Glaube an das Kommunisten-Paradies». Sein Vater habe dem Richter widersprochen: «Ich bin Jude!» Nach dem Absitzen von sechs Jahren Haft wurde der Widerstandskämpfer Dagobert Biermann 1943 nach Auschwitz deportiert und umgebracht.
In Biermanns Wohnzimmer hängt an einer Wand eine kleine Installation aus einer Handvoll alter rostiger schwerer Schrauben, die die Eisenbahnschienen auf den Schwellen hielten. Sie stammen vom Gelände des Güterbahnhofs in Hamburg, von wo aus seine jüdische Familie 1941 nach Minsk deportiert wurde.

Wolf Biermann stellt sicher, dass die Verstorbenen und die Verbrechen der Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten. Die Fotografie zeigt seinen Grossvater Karl-Dietrich, der als junger Mann nach Hamburg kam und sich einer Gruppe kommunistischer Aktivisten anschloss. Die Schrauben erinnern an den Holocaust – sie stammen vom Hamburger Güterbahnhof, von dem aus Jüdinnen und Juden in Ghettos und Zwangsarbeitslager deportiert wurden.
Auch die Schrauben trügen eine Mitschuld daran, dass seine Familie ermordet worden sei, sagt Biermann: «Hätten sie sich nicht aus dem Holz schrauben müssen vor Entsetzen?», fragt er – und hätten sich nicht die Schienen lockern müssen, damit die Waggons entgleisten?
Im Vorgarten stecken vier Eisenbahnschienen senkrecht im Boden als Futteral für eine riesige verrottete Eisenbahnschwelle aus geteertem Eichenholz. Auch sie habe nicht verhindert, dass alle Hamburger Juden in den Tod deportiert worden seien. Wolf Biermann sagt, sein Vater sei für ihn immer präsent gewesen und habe ihn ermuntert: «Los, kleiner Wolf, zeig es den Schweinehunden. Lass dich nicht einschüchtern!» Das habe ihm Mut und Kraft gegeben, sich den Allmächtigen in der DDR entgegenzustellen.
Heinrich Böll hat mal gesagt, als Autor schreibe man nur für seine Zeitgenossen. Aber die Zeitgenossen sind ja irgendwann weg. Und um etwas von Bestand zu machen, muss man quasi etwas Grösseres schaffen.
Ach, es gibt neue Gedichte und Lieder, die unser Menschsein in Worte fassen und die zugleich alt sind wie die Steinzeit. Nehmen Sie mein Lied mit den Zeilen «Ich möchte am liebsten weg sein/ und bleibe am liebsten hier»: Da kann jeder mitreden, der einmal richtig Liebeskummer hatte. Aber es gibt auch Gedichte und Lieder, die den Zeitgenossen helfen, ihre eigene Geschichte tapfer zu verstehen. Für sie gilt: Man muss nicht selbst durch jede Jauchegrube geschwommen sein, um zu wissen, was für blutige Scheisse es gibt auf der Welt.
Was meinen Sie damit?
Ich meine das, was mein im wahren Sinne väterlicher Freund Arno Lustiger, der vier Jahre Auschwitz überlebt hatte, mir erzählte: wie es war in der Baracke, mit sechs Häftlingen auf der Pritsche, wo keiner auf dem Rücken liegen durfte, weil sonst der Platz nicht gereicht hätte. Und wie bequem es wurde, wenn am Morgen einer starb und dadurch mehr Platz war. Und wie grauenhaft schön, wenn man in seiner Tasche vielleicht noch eine Handvoll Brotkrumen fand, die man kauen konnte. – Wenn Arno mir das erzählt, kann ich all das verstehen, auch wenn ich nicht selbst im KZ Auschwitz war. Und ein junger Daniel aus der Schweizer Idylle kann auch mitreden, obwohl er komplett andere Lebenserfahrungen hat.
Spüren Sie deshalb eine Verantwortung als Künstler?
Das klingt leicht banal pathetisch. Natürlich fühle ich mich verantwortlich. Es muss sich doch gelohnt haben, dass meine Mutter ihr Kind auf dem Rücken durch den Kanal trug und es rettete, als Hamburg 1943 nach den Bombenangriffen im Feuersturm «Gomorrha» verbrannte. Ich habe es akzeptiert, wenn meine Mutter von mir forderte, ich solle meinen Vater «rächen». Was das konkret hiess, wusste sie selbst nicht. Aber genau das war der Grund, warum ich mit 16 Jahren rüber in den Osten ging, als Millionen Menschen von dort in den Westen abhauten. Die hatten ihre guten Gründe, ich aber auch. Diesen kleinen Gefallen wollte ich meinen Eltern tun: den Kommunismus aufbauen und die Welt retten. (lacht)
Haben Sie den Drang, den Nachgeborenen Ihre Erfahrungen zu vermitteln?
Jedes Menschenkind möchte irgendwas Brauchbares tun. Das ist ein Reflex. Die Mutter denkt nicht darüber nach, warum sie ihr Kind an den Busen legt. Das ist eben das Leben. Im Grunde lege ich die Menschheit auch an die Brust, wenn ich sie füttere mit einem nahrhaften Gedicht. Einem wohlschmeckenden Lied.
Wenn Ihre Inspiration einmal schwindet — hören Sie dann auf zu dichten oder quetschen Sie noch das Letzte aus sich heraus?
Ich will nicht quatschen übers Quetschen. Aber eins kann ich erzählen: Ein misslungenes Gedicht kann ich retten, indem ich es wegschmeisse. Mein Freund Öhler hilft mir gelegentlich dabei.
Das heisst?
Na ja, man kann sich auch verbeissen. Und manche Dummheit kann man nie mehr ungeschehen machen – sie ist eine lebenslängliche Seelenlast.
Die schmeisst man dann weg?
Nein, weil ich das gebrannte Kind eines totalitären Unterdrückungssystems bin, habe ich eine fast hysterische Neigung zur Wahrhaftigkeit. Noch lieber als Schönheit möchte ich im Kunstwerk keine Lebenslügen liefern. Auch wenn ich in die Irre ging, stehe ich dazu. Sowas mogle ich nicht weg.
Wovon sprechen Sie?
Von der schlimmsten Zeile, die ich in meinem Leben womöglich verbrochen habe. Ich rede nicht gerne darüber. Aber noch lieber als die Schande zu verschweigen, möchte ich darüber sprechen. Warum? Weil es die Wahrheit ist. Als ich neu war im Westen und die erste Zeit rumlief wie ein blindes Huhn, forcierte der Bonner Staat eine «Sympathisantenhatz» gegen die Unterstützer der Roten-Armee-Fraktion. Naiv gesehen gehörten auch diese revolutionsromantischen Bürgerkinder zu meiner linken Klientel im Westen. Die Verlockung, mich denen sympathisch zu machen, war gross.
Weshalb? Die RAF, das waren Terroristen.
Ich habe den Terrorismus immer öffentlich abgelehnt. Aber ich hielt mich für stark genug, aus diesen wirren und irren Terroristen kommunistische Revolutionäre zu machen. Und noch was: Die Bonzen der DDR hofften, dass ich nach meiner Ausbürgerung schnell vergessen sein würde. Auch, damit sie jedem, der in der DDR noch das Maul aufriss, hätten sagen können: «Du kleines Arschloch hast überhaupt keine Chance. Selbst dein berühmter Biermann ist weg vom Fenster. Wo ist er denn, dieser Verräter? Weg isser! Wer sich mit uns auf Streit einlässt, hat keine Chance.» Auch deshalb war ich geradezu verpflichtet, «berühmt» zu bleiben. Nicht aus Eitelkeit, sondern aus moralischen Gründen.
Am 13. November 1976 gab Wolf Biermann ein Konzert in der ausverkauften Kölner Sporthalle vor 8000 Menschen. Er war von der Gewerkschaft IG Metall eingeladen worden. Drei Tage später wurde in den Radio- und Fernsehnachrichten der DDR vermeldet, dass dem Liedermacher «das Recht auf weiteren Aufenthalt» aberkannt worden sei: «Mit seinem feindlichen Auftreten gegenüber der Deutschen Demokratischen Republik hat er sich selbst den Boden für die Gewährung der Staatsbürgerschaft der DDR entzogen.»
Was dann geschah, wird von vielen als «Anfang vom Ende der DDR» bezeichnet.
Künstlerinnen und Künstler in Berlin unterschrieben einen offenen Brief an die Staatsführung. Zeitungen und Behörden erhielten unzählige Protestanrufe und -briefe. Pfarrer kritisierten den Entscheid im Gottesdienst.
Nach der Ausbürgerung Biermanns schnellte die Zahl von Ereignissen in die Höhe, die das Ministerium für Staatssicherheit (Stasi) «Bekundungen für antisozialistische Kräfte/Personen» nannte. Registrierte die Stasi für gewöhnlich nur einige wenige solcher Fälle pro Jahr, waren es 1976 laut einer Statistik 147 in Berlin, 44 in Halle oder 42 in Leipzig.
Als das westdeutsche Fernsehen am 19. Dezember Biermanns vierstündiges Kölner Konzert als Aufnahme ausstrahlte, schauten heimlich auch viele Ostdeutsche zu. Kurz nach der Sendung erschienen vielerorts Schriftzüge an Häuserwänden: «Biermann hat recht», «Biermann viva», «Helft Biermann» oder schlicht «Biermann». Die Stasi ermittelte auf Hochtouren. Viele Personen wurden verhaftet, verurteilt und eingesperrt.
Wofür schämen Sie sich heute?
Ich schrieb ein Lied, das sang ich hier in Hamburg für diese blöden RAF-Sympathisanten. Ein Lied gegen die sogenannte Sympathisantenhatz. Ich habe es später abgedruckt, obwohl es mich tötet. Ich schrieb: «Das, was gestern der Jud war, ist heute der Sympathisant.» Das ist der falscheste, stinkendste Satz, den ein Deutscher überhaupt sagen kann. In diesem Heil-Hitler-Land, mit dieser Schande. Für diese eine Zeile gehörte ich eigentlich erschlagen, zumindest von der Veritas, der römischen Wahrheitsgöttin.
Und nun?
Auch heute bin ich dazu verpflichtet, ähnlich haarsträubenden Lügen, die jetzt in Bezug auf Gaza und Israel verbreitet werden, zu widersprechen und zu widersingen.
Das aktuelle politische Geschehen begleitet Wolf Biermann mit kritischem Blick. Es macht ihm Sorgen, dass die AfD zur zweitstärksten Partei aufgestiegen ist. Die Mitglieder der Partei nennt er seine «genuinen Todfeinde». Sie seien die geistigen Erben der faschistischen Diktatur, «die meine ganze Familie ermordet hat». Ein Deutschland unter einer Kanzlerin Alice Weidel würde er verlassen wollen, aber: «Ich bin zu alt dafür und spekuliere darauf, dass ich rechtzeitig hinüber bin, bevor ich eine so idiotische Frage klären muss.»
Wie ist es, ein ganzes Leben in der Öffentlichkeit zu verbringen und sich politisch zu äussern?
Viel simpler, als man vielleicht denkt. Ich habe absolut keinen Sinn für den Unterschied zwischen einem einzigen Menschenexemplar und 8000 Menschen in einem Saal. Wenn ich vor dir hier dummes Zeug rede, ist es genauso peinlich, wie wenn ich es vor 8000 Leuten tue. Wenn ich vor dir was Gutes liefere, ist es genauso gut wie vor 8000 Leuten. Nach meinen zwölf Jahren Berufsverbot habe ich in Köln so geredet und gesungen und geschwiegen wie in meinem Zimmer in Ost-Berlin. Ich musste das Wenige, das ich endlich rausgekriegt habe, so deutlich wie möglich auf den Punkt bringen.
Wie schafft man es, so lange Zeit relevant zu bleiben?
Das weiss ich nicht. Ich bin eben ein Glückskind, das es immer wieder schafft. Es gab andere, die auch nicht blöde und feige waren und die in diesem ewigen Kampf um die Freiheit kaputtgegangen sind.
Sie sind gleichzeitig Dichter und historisch-politische Figur. Es besteht die Gefahr, dass der Regimekritiker Biermann den Blick auf den Literaten verstellt.
Dieses Dilemma hat Marcel Reich-Ranicki, bevor wir uns zerfreundet hatten, als erster durchschaut. Ich bin, wie manche ironisch sagen, ein Gesamtkunstwerk. Ich bin ein kleiner Soldat im Freiheitskrieg, aber gleichzeitig auch ein kleiner Sänger.
Sie sind ein Erzähler. Weshalb haben Sie sich fürs Singen entschieden und gegen das Schreiben?
Naja, ach, es ist komplex. (hält inne und denkt nach) Vor zwei Tagen war ich in Flensburg. Da traf ich einen Strassenmusikanten, einen alten Mann. Er begleitete sich mit einem Akkordeon. (Biermann öffnet sein Tagebuch, in das er ein Foto des Mannes eingeklebt hat) So sah er aus. Guck ihn dir an. Ich freute mich, wie er seine Lieder runternudelte – auf einfachem Niveau, aber echt. Ich ging zu ihm und zeigte ihm meine Hände. Er sah meine langen Fingernägel an der rechten Hand. Ich sagte: Ich spiele Gitarre, wir sind Kollegen. So kamen wir ins Gespräch. Er ist Jude, zwei Jahre jünger als ich, kommt aus Riga und lebt in Kiel. Seine zweite Frau, eine Ukrainerin, ist gestorben. Die Rente reicht knapp fürs Leben; das Geld, das er sich erspielt, schickt er in die Ukraine. A Mentsch trifft immer a Mentsch – lautet ein jiddisches Sprichwort. Es gibt eben überall auch gute Menschen. Und man muss sie nicht bei Tage mit der Laterne suchen.

Die langen Fingernägel an der rechten Hand zeigen – der Dichter spielt Gitarre.
Was geschah dann?
Drei Meter neben diesem alten Strassenmusikanten sah ich im Pflaster einen Stolperstein für einen Menschen, der im KZ Börgermoor ermordet worden war, wo Wolfgang Langhoff am Lied «Die Moorsoldaten» mitschrieb. In der DDR hatte ich Langhoff kennengelernt – davon zu erzählen, wäre ein Roman. Ich hab’ den Stolperstein fotografiert, mit dem Handy, es tat mir weh.
Trotzdem schrieben Sie nicht gleich ein Gedicht darüber, sondern einen Tagebucheintrag. Sie haben in Ihrem Leben über zweihundert Tagebücher gefüllt — als Chronik oder als Steinbruch von Ideen?
Seit 1954 führe ich durchgehend Tagebuch. Gewiss ist dieser Fundus auch ein Steinbruch, in dem ein paar lehrreiche Fossilien liegen. Auch anderer Leute Geschichten, Gedichte, mal eine Episode, Material für einen Essay. Kein Mensch kann mehr geben als er hat, sonst ist er – nach Goethe – ein Lump. Aber das kann auch falsch sein: Ein echter Dichter gibt mehr, als er hat. Denn die Musen stecken ihrem Liebling allerhand zu, sodass er tiefer, interessanter und verrückter schreibt, als er ist. Vielleicht ist das sogar die Definition von Talent.
In guter Lyrik stecken neben Talent auch viel Arbeit und Mut.
Ja, das weiss auch mancher, der es selbst nicht kann. Und in einer Diktatur, wie der DDR, stachelt auch die Angst des Dichters vor Verfolgung die Musen an, ihn zu küssen. Die meisten Schriftsteller verwendeten ihre Kräfte und Phantasie darauf, gefährliche Wahrheiten zu kaschieren und möglichst so zu schreiben, dass sie dafür nicht totgeschlagen wurden. Bei mir war es anders. Ich habe mir immer Mühe gegeben, das Wenige, das ich erkannt hatte, auf den Punkt zu bringen. Ohne Rücksicht darauf, ob ich dafür geküsst oder getreten werde. Das war meine Menschenwürde und die kam aus dem Stolz und sogar dem Hochmut als Kind einer kommunistischen Judenfamilie in diesem Nazi-Deutschland. Ich musste mich nicht für meine Eltern schämen.
In Gedichten Wahrheiten kaschieren — wie klang das?
Ein Beispiel. Zur Zeit meines Berufsverbots in der DDR schrieb Volker Braun, ein starker Poet und ein kluger Kerl, ein Gedicht über mich. Er besuchte uns sogar 1970 in unserer Wohnung, obwohl der Kontakt mit dem geächteten Biermann von Nachteil sein konnte. Da las er mir und meiner Eva-Maria sein mutiges Gedicht über Biermann vor. Als er es uns schön vorgetragen hatte, sagte ich: «Ein sehr gutes Gedicht, Volker. Aber was hat es mit mir zu tun?» «Na, Wolf, hast du’s nicht gehört? Diese Zeile: Das Banjo spielt noch nicht …» – Ich verstand nicht. Da sagte er: «Die Zeile hiess am Anfang natürlich: Die Gitarre spielt noch nicht. Aber da war nix zu machen!» Er habe das Wort «Gitarre» nicht durch die Zensur gebracht. Und weil er nicht wollte, dass die Veröffentlichung des ganzen Buches scheitert, habe er «Banjo» statt «Gitarre» geschrieben. Jaja, sagte ich – und meinte es auch.
Eine zur Unkenntlichkeit veränderte Metapher. Welches Bild würden Sie heute für sich wählen?
Ich sah im Museo del Prado eine Zeichnung von Goya, die einen klapprigen Greis zeigt, ungefähr in meinem Alter, allerdings hinfällig, an zwei Stöcken. Darunter steht der trotzige Satz «Aún aprendo». Auf Deutsch: Ich lerne immer noch. Das gefällt mir als ein etwas verfrühtes Porträt von Wolf Biermann. Einen Rollator werde ich in ein paar Jahren sicher brauchen. Aber unter uns gesagt, ich hoffe, dass ich vorher in Ruhe sterben kann. Es reicht mir. Einer wie ich wird keine Lust haben, sich an ein Leben zu klammern, das keins mehr ist.
Wenn wir schon von den letzten Dingen sprechen: Ihr Lied «Ermutigung» steht im schwedischen Kirchengesangsbuch. Von welchen Liedern wünschen Sie sich, dass sie im kollektiven Gedächtnis bleiben?
Na ja, so vier, fünf, sechs Lieder, die noch besser sind als die «Ermutigung», hätten eine Chance.
Welche?
Die neuesten drängeln sich immer vor, das ist klar. Als Erstes fällt mir ein «Und als wir ans Ufer kamen». Ein Gedicht, das mir niemals gelungen wäre, würde ich nicht jenes von Hölderlin kennen, das wohl jedem Literaten geläufig ist.
Hyperion?
Nein, nicht Hyperion! «Die Hälfte des Lebens». (rezitiert das ganze Gedicht auswendig) Das ist wohl das berühmteste Gedicht von Hölderlin. Es ist mir so bedeutend wie das 66. Sonett von Shakespeare oder so tiefsinnig wie die vier hingeschriebenen Zeilen der Dichterin Sappho: «Die Mondin ist hingesunken, mit ihr die Plejaden. Mitte der Nacht. Es vergehen die Stunden. Doch ich muss alleine schlafen». Nach meiner Meinung ist mein «Und als wir ans Ufer kamen» in dieser Klasse.
Vor kurzem ist ein Doppelalbum mit Liedern von Biermann erschienen. Auf der ersten Platte finden sich Neuinterpretationen junger deutscher Musikerinnen und Musiker, auf der zweiten Platte die Originalversionen. Produziert hat das Album Johann Scheerer. Biermann habe auch der heutigen Generation noch viel zu sagen, meint der Musikproduzent. Er zitiert aus dem «Hugenottenfriedhof»: «Wie nah sind uns manche Tote, doch wie tot sind uns manche, die leben.» In Biermanns Werk gebe es noch viele solcher Sätze.
Wolf Biermann nimmt seine Gitarre in die Hand, setzt sich mir gegenüber und fixiert mich mit seinen elbwasserblauen Augen. Er werde mir die Ballade von Jan Gat vorspielen, die er kürzlich in der Dresdener Semper-Oper sang. Eine Veranstaltung, in der sich die Dresdnerinnen und Dresdner eher als Opfer der Alliierten im Zweiten Weltkrieg sehen statt als Hitlers Gefolgschaft. So etwas kann Biermann nicht unkommentiert lassen.
Und so singt der Jahrhundert-Durchleber seine Ballade über Jan Gat, wie dieser die Bombardierung Rotterdams 1940 erlebt hat, und über seine eigene Erinnerung an die gewaltige Bombennacht 1943 in Hamburg:
Und weil ich unter dem Gelben Stern
In Deutschland geboren bin
Drum nahmen wir die englischen Bomben
Wie Himmelsgeschenke hin.
Wir hatten Schwein, du auch, Hans Loch
Wir hatten mehr Glück als Verstand
Bloß machen zwei halbe Schweine noch
– kein ganzes Vaterland

Mit weissem Haar und weissem Schnauz sitzt er am Klavier. Er strahlt eine Energie aus, als sei keine Zeit vergangen, seit er als junger Mann sein Publikum bewegte.
Er legt die Gitarre weg und setzt sich an den Flügel, um den «Blutmond über Banyuls-sur-Mer» von 2024 vorzutragen. Das Lied handelt von Bruderkriegen. Es ist ein langes Stück, komplex und virtuos. Man spürt die lyrische und musikalische Kraft des Künstlers. Singend und spielend wächst Wolf Biermann förmlich über sich hinaus. Wächst über das Wohnzimmer im Klinkerhaus mit Garten, wächst aus dem Alltäglichen eines Freitagnachmittags.
Er singt nicht mehr für drei Besucher. Er singt für die ganze Welt, meint alle Kriege, in denen Menschen gegen Menschen kämpfen. Mit weissem Haar und weissem Schnauz sitzt er am Klavier, doch die Anzeichen des Alters sind jetzt nur Fassade: Er strahlt eine Energie aus, als sei keine Zeit vergangen, seit er als junger Mann sein Publikum bewegte. Den Schlussakkord knallt er mit beiden Händen auf die Tasten. Es ist ein vehementer, gewollter Krach und Biermann verharrt mit gesenktem Kopf, bis das letzte Brummeln und Klirren der Saiten verstummt ist.
Danke für das exklusive Konzert.
Biermann: Das könnt ihr nie wieder gutmachen. Für mich war es eine gute Gelegenheit, meinem Freund Andreas etwas vorzuspielen. Und ihr – (lacht) – habt mich nicht gestört dabei.




