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Autor: Oliver Demont
Bilder: Michel Gilgen
Freitag, 18. Dezember 2020

Von der Gabe, zu schenken 

Regine Munz, 59, studierte evangelische Theologie in Berlin und Basel. Sie schreibt und forscht unter anderem zu Gnade, Narrativität und Scham und arbeitet heute als Dozentin an der Theologischen Fakultät der Universität Basel sowie als Psychiatrieseelsorgerin in Liestal BL

«Das Verhältnis von uns Menschen zum Schenken ist kompliziert. Denn ganz egal, ob wir schenken oder beschenkt werden, wir kommen nicht um unsere Gefühle herum. Intensive Gefühle. Als Kind wünschte ich mir so richtig fest einen Schirm, der alles zaubern kann, was ich mir wünsche. Wenig später hing tatsächlich bei meinen Grosseltern im Baum vor ihrem Haus ein roter Regenschirm.

Für mich war klar, dass der für mich ist. Weit gefehlt: Er war für meine Schwester. Ich erhielt einen braunen Schulranzen. Bis heute kann ich mich an meine Enttäuschung von damals erinnern. Völlig anders meine Gemütslage, als mir mein Onkel einen elektrischen Kinder-Herd schenkte. Ich freute mich riesig und bereitete darauf voller Stolz halbgare Omeletten zu. Was ich sagen will: Jeder kennt solche Schenk-Geschichten, in denen Erwartung, Erfüllung, Enttäuschung und Freude zusammenkommen. Erfahrungen, die nicht mit der Kindheit enden.

Am Anfang eines Geschenkes steht der Wunsch, mit einer anderen Person in Kontakt zu treten. Ich will eine Verbindung schaffen und ja, mich auch zeigen. Im Grunde geht es um ein klassisches Tauschgeschäft. Beispiel: Ich werde an eine Hochzeit eingeladen und darf dort gut essen, vielleicht wird mir auch noch die Übernachtung in einem schönen Hotel bezahlt. Im Gegenzug wird von mir erwartet, dass ich ein Brautpaargeschenk von der Hochzeitliste auswähle. Das alles geschieht natürlich freiwillig, folgt aber einer unausgesprochenen gesellschaftlichen Übereinkunft.

Es gibt jedoch auch die andere, überbordende Seite: Ich schenke, um die eigene Grosszügigkeit und Souveränität zu zeigen. Dabei gebe ich alles her, ohne Rücksicht darauf, was die Beschenkte überhaupt möchte und brauchen kann. An Weihnachten wird diese Form gerne auf die Spitze getrieben – mit destruktiven Auswirkungen für die Umwelt und die Psyche. Am Ende liegt man mit einem leeren Gefühl unter einem Haufen Geschenke begraben.

Das ist auch ein Grund, weshalb ich den Begriff der Gabe so sehr mag: Er stellt beim Schenken nicht den merkantilen Teil in den Vordergrund, sondern das Verbindende zwischen Geberin und Empfängerin. Die Maoris in Neuseeland haben dafür sogar einen eigenen Begriff: ‹Hau› nennen sie die Kraft, die in einer Gabe steckt. Darum tue ich mich auch unheimlich schwer damit, Geschenke wegzugeben. Das Buch von einem Freund mit Widmung, der von einer Freundin selbstgetöpferte Zwiebeltopf – überall spüre ich dieses ‹Hau›.

Was oft nicht gesehen wird: wie verletzlich uns Geschenke machen. Der Schenkende signalisiert: ‹Ich mag dich, und darum will ich dir das schenken. Ich hoffe, es ist das, was du dir wünschst.› Ist das nicht eine unglaublich hingebungsvolle und schöne Geste? In solchen Momenten sind wir schutzlos wie ein unverpacktes Geschenk. Deswegen packen wir es auch so gerne liebevoll ein und freuen uns, wenn wir in den Augen des anderen sehen, dass wir den Geschmack getroffen haben.

Die reinste Form des Beschenktwerdens ist für mich die Geburt eines Kindes. Wenige Wochen nach der Geburt unseres Sohnes legten wir ihn, gebettet in einer bequem ausgestatteten Holzkiste, unter unseren Christbaum. Spätestens da wurde mir klar, was beschenkt werden wirklich heisst: eine Gabe bedingungslos zu erhalten. Weil sie mir nur anvertraut wurde, werde ich sie nie besitzen und sie mir auch nie ganz zu eigen machen können. Der Kirchenlieddichter Paul Gerhardt brachte dieses Glück des Empfangens in einem Weihnachtslied zum Ausdruck: ‹So lass mich doch dein Kripplein sein, komm komm und leg dich bei mir ein, dich und all deine Freuden.› Daran will ich mich auch diese Weihnachten erinnern.»

Vom Religiösen in der Musik

Dieter Wagner, 47, hat in Heidelberg Kirchenmusik und in Basel Gesang studiert. Als Kirchenmusiker arbeitet er für mehrere reformierte Kirchgemeinden im Kanton Aargau. Zudem ist er Mitgründer der Mendelssohntage Aarau und künstlerischer Leiter der Konzertreihe Adventsmatineen in der Kirche St. Margarethen in Binningen BL

«Unser Leben wird begleitet von Klängen. Der Klang meines ersten Kusses: das dritte Klavierkonzert von Beethoven. Ich liess das Stück im Hintergrund laufen, weil ich dem Mädchen zeigen wollte, was ich cool finde. Der Klang von Heiligabend: ‹Stille Nacht, Heilige Nacht›. Für die meisten Menschen gehört das Lied zu Weihnachten, auch für mich. Von Amerika bis Russland wird es gesungen, in über 300 Sprachen. Einmal kam ein befreundeter Pfarrer zu mir und sagte, dass er mit seiner Gemeinde das Stück an Heiligabend nicht mehr singen mag. Es sei ihm verleidet. Als langjähriger Kirchenmusiker und Organist antwortete ich ihm: Das kannst du nicht machen! Die Menschen wollen das hören! Am Ende lenkte er ein.

Als Bub sang ich im traditionsreichen Tölzer Knabenchor in München. Wir hatten Auftritte auf der ganzen Welt, kamen viel herum, sogar ein Lehrer reiste mit. Immer wieder sangen wir auch im TV, beispielsweise in der Volksmusik-Hitparade oder bei Robert Lembkes Ratesendung ‹Was bin ich?›. Dann telefonierten meine Eltern in der ganzen Verwandtschaft herum, um mitzuteilen: «Der Dieter ist im Fernsehen!»

Meine Musikalität kann nicht von meinen Eltern stammen. Sie haben mit Singen und Musik nicht viel am Hut, hören Helene Fischer und so. Wobei, die Fischer kann richtig was, ich will das keinesfalls kleinreden. Jedenfalls stand ich im Alter von zehn Jahren mit den anderen Buben in der Kirche, um das Weihnachtsoratorium von Bach zu proben, und gleich zu Beginn geschah etwas Wunderbares: Obschon ich nicht wusste, wovon das Oratorium handelte und was genau ich da sang, war mir klar, dass es Engel sein müssten, die nun – begleitet von festlichen Trompeten – vom Himmel heruntergetrommelt würden. Das ist doch ein Wahnsinn! Eine Melodie liess mich etwas erahnen, von dem ich eigentlich nichts wissen konnte. So pathetisch das klingen mag, aber seit diesem Moment wusste ich, dass ich mein Leben der Musik widmen würde.

Der grosse Theologe Schleiermacher legte vor 200 Jahren in seiner Weihnachtsfeier-Erzählung dem Gastgeber sinngemäss die Worte in den Mund, dass jedes schöne Gefühl nur dann vollständig sei, wenn dafür auch ein Ton gefunden würde. Und deshalb sei die Musik mit dem religiösen Gefühl am nächsten verwandt, viel mehr als das Wort. Ich teile Schleiermachers Ansicht.

Wir sagen ja auch nach einem schwierigen, aber guten Gespräch: Da wurde der richtige Ton getroffen. Nicht weil dabei gesungen wurde, sondern im richtigen Moment die richtigen Worte gefunden wurden. Interessant ist auch die Arbeitsweise einer Komponistin oder eines Komponisten: Viele gehen vom Text aus und vertonen ihn dann. Bei mir ist es genau umgekehrt.

Ich komponiere die Musik und schaue dann, was der Inhalt des Textes dazu aussagt. Auch hier: Ich glaube fest daran, dass ein Gefühl und die Botschaft bereits in der Komposition und im Klang angelegt sind. Ein guter Text kann die Krönung einer Melodie sein, mehr aber nicht.

Wenn der Kirchenraum abgedunkelt wird, das warme Licht von den Kerzen am Christbaum ins Dunkel scheint und alle zusammen ‹Stille Nacht, Heilige Nacht› singen, dann lässt das niemanden kalt. Warum dieses Lied so viele Menschen berührt? Es ist die Melodie. Ihr wiegender Rhythmus lässt uns uns aufgehoben und geborgen fühlen. Das ist in diesem Jahr noch wichtiger als sonst.»

Von der Versöhnung beim Essen

Johanna Breidenbach, 37, hat evangelische Theologie in Bonn, Jerusalem, Mainz und Marburg studiert und an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich doktoriert. Heute arbeitet sie als Pfarrerin in der reformierten Kirche Eulachtal bei Winterthur

«Das Essen bei meinen Eltern über die Festtage: an Heiligabend Brot, Käse und Wurst, dazu vielleicht ein Glas Wein. Nur die weisse Tischdecke war ein Hinweis, dass etwas anders war als sonst. Am 25. Dezember dann das Festessen. Ein reich gedeckter Tisch mit Gans, Rotkraut und Kartoffelstock. Diese Speiseplan-Abfolge war ritualisiert. Alle Jahre wieder, das mochte ich. Seit der Geburt unseres ersten Kindes kurz vor Heiligabend vor einem Jahr stellt sich für mich und meinen Partner ebenfalls die Frage: Wie halten wir es eigentlich in unserer Familie mit dem Essen an Weihnachten?

Natürlich leben wir in einer Zeit, in der wir uns sehr stark mit Fragen rund um Nahrung, deren Herkunft und Produktion beschäftigen. Auch ich tue das. Nicht weil es Trend ist, sondern sehr dringlich. Einige grosse Probleme dieser Welt lassen sich anders gar nicht lösen. Gleichzeitig ist mir klar, dass diese Auseinandersetzung ein Privileg ist, das ich als gutsituierter, west­licher Mensch habe.

Dazu fällt mir immer Bertolt Brecht und seine Dreigroschenoper ein: ‹Erst kommt das Fressen, dann die Moral.› Nur wer genug zu essen hat, hat die Wahl, ethisch zu konsumieren und ein guter Mensch zu sein. An Weihnachten erinnere ich mich darum auch mehr als sonst an die Erzählungen von Leuten, die an Hunger litten. Wer ihre Berichte kennt, der weiss: Hunger lässt einen an nichts anderes denken. Auch nicht daran, ein besserer Mensch zu sein.

Ein erfülltes Leben heisst also, ausreichend und gutes Essen zu haben. Das Problem dabei: Um zu leben, müssen wir zerstören. Beim Fleisch zeigt sich das besonders deutlich. Ein Tier wird getötet und einverleibt. Und selbst die achtsamste Person verbraucht die Ressourcen anderer. Wir alle können gar nicht anders, als uns schuldig zu machen. Mit diesem Dilemma sitzen wir auch am Abendmahlstisch.

Gott weiss, dass wir lebenshungrig sind und andere zum Leben brauchen. Ausgerechnet in dieser Situation sagt Christus: Ich speise dich mit unendlicher Liebe. Du darfst von meinem Leben leben, ohne dabei schuldig zu werden. Das Abendmahl, dieser unglaublich prägnante Ritus, versöhnt uns also ein Stück weit mit unserer Bedürftigkeit. Der Opferzirkel, in dem wir alle drinstecken, wird für einen kurzen Augenblick unterbrochen.

Trotzdem ist Versöhnung kein Freipass: Wo ich einkaufe, was ich esse und wie viel Ressourcen ich verbrauche, darüber sollte ich mir, die ich nicht Hunger leide, Gedanken machen. Ich esse deshalb kaum noch Fleisch. Ebenfalls koche ich immer öfters vegan. Das hängt nicht zuletzt auch mit der Erfahrung des Stillens zusammen. Sie hat meine Empathie gegenüber Säugetieren schlagartig geweitet.

Christus hat alle Sünder an den Tisch gebeten. Das Abendmahl: ein Versöhnungsessen. Meiner Erfahrung nach stehen die Chancen gut, dass ich mich mit einem Menschen, mit dem ich mich zerstritten habe, beim Essen versöhnen werde. Auch an Weihnachten. Nebst der göttlichen Fülle, die rund um ein gutes Essen wirkt, gibt es aber auch einen ganz simplen Grund, weshalb ich zu Tisch versöhnlich werde: Trage ich etwas auf dem Herzen, was mein Vis-à-vis betrifft, verschlägt es mir den Appetit.

Wie wir es dieses Jahr an Weihnachten mit dem Essen halten werden, weiss ich noch nicht. Ich hoffe aber auf Sandwiches. Damit wäre klar, dass wir auf dem Weg zu meiner Mutter in Deutschland sind, wo uns ein guter Tropfen erwartet.»

Von dem, was in der Luft liegt

Norbert Hänsli, 60, hat katholische Theologie in Tübingen und Chur sowie Psychologie an der Universität Zürich studiert. Er arbeitet heute als Psychotherapeut in eigener Praxis in der Stadt Zürich und ist als Schulpsychologe an verschiedenen Zürcher Kantonsschulen tätig

«Viele gehen am 24. oder 25. nach Hause und dann passiert das, was immer passiert: Bestehende Konflikte kommen in beeindruckend kurzer Zeit auf den Tisch. Vorwürfe werden laut, ein Wort ergibt das andere, alte Wunden werden aufgerissen. Am Ende herrscht so ziemlich jede Stimmung, nur nicht die von Weihnachten. Eigentlich ist das logisch, wenn nur nicht unsere Erwartungen an das Fest so hoch wären!

Dabei braucht man sich an Weihnachten nicht sehenden Auges ins Verderben zu stürzen. Was zählt, ist eine gute Planung. Oder wie ich es in der Therapie gerne nenne: eine anspruchs­volle Situation aktiv gestalten. Warum beispielsweise nicht Mutter und Vater frühzeitig darüber informieren, dass man sie bereits um 16 Uhr besuchen kommt, aber um 19 Uhr wieder geht? Drei Stunden sind überschaubar. Und das kommunizierte Ende hilft, schwierige Momente auszuhalten und nicht in einen Strudel negativer Gefühle hineinzugeraten.

Meine Eltern hatten keine grossen Erwartungen an Weihnachten. Vielleicht auch weil sie generell keine besonderen Rituale pflegten. Selbst unsere Geburtstage wurden nicht speziell gefeiert – was ich übrigens vermisste. Und trotzdem war ihnen Weihnachten irgendwie wichtiger als andere Feste. So erinnere ich mich, dass mein Bruder und ich jeweils hübsch angezogen vor der Stubentür warteten, bis unser Vater mit dem Glöckchen klingelte und wir hereinkommen durften.

Vor uns: ein schön geschmückter Christbaum. Kerzen brannten, darunter lag die Krippe mit batteriebetriebener Laterne, rundherum warteten Geschenke. Diese hatten wir bereits Tage zuvor im Elternschlafzimmer heimlich inspiziert. Das Bemühen meiner Eltern an Weihnachten berührt mich bis heute. Es ist offensichtlich, dass sie für uns Kinder einen Ort der Geborgenheit und Wärme bereiten wollten. Das ist wohl der Grund, weshalb ich auch heute noch die Weihnachtszeit mit den vielen Lichtern sehr gerne habe.

Mit zwanzig wollte ich dann zum ersten Mal Weihnachten nicht zuhause verbringen. 1980 war das, Heiligabend, die Zürcher Jugendunruhen in vollem Gange. In der Innenstadt roch es nach Tränengas, aus entfernten Gassen war immer das Knallen von Gummigeschosspetarden zu hören. Die Stimmung war unglaublich angespannt. Mit Gleichaltrigen aus meiner Stadtpfarrei ging ich dann in die Rote Fabrik.

Dort stellten wir – angleitet von Pfarrer Sieber und dem katholischen, später reformierten Pfarrer Urs Boller – einen Christbaum auf und versorgten als Autonome Sanitätsgruppe die bei den Krawallen verletzten Demonstranten. Wir wurden akzeptiert, weil wir von der Kirche waren. Wären staatliche Organe wie die Rettungssanität aufgekreuzt, die Situa­tion wäre sofort eskaliert. Ich will mich nicht als Held aufspielen; zu den Anführern zählte ich nicht. Trotzdem war ich da und identifizierte mich mit den Unbequemen, den Ruhestörern, den Ungelegenen. Das ist für mich Weihnachten.

Die Krippe ist ein starkes Bild: Niemand wollte Maria und Josef, sie waren auf der Flucht. Und ausgerechnet in dieser Situa­tion ist Gott als Kind Mensch geworden. Ein überfüssiges, störendes und obdachloses Kind. Das ist revolutionär und nervig, auch heute noch: Denn wer sich auf die christliche Tradition beruft, kann das, was wir jedes Jahr an Weihnachten feiern, auch an allen anderen Tagen im Jahr nicht ignorieren. Jetzt rede ich aber wie ein Pfarrer.

Was mir Weihnachten als Psychologe bedeutet? Das ist die Gewissheit, dass bei allen Menschen unerwartet Neues entstehen kann. Wie oft begegnete ich schon Menschen, die mit unglaublichem Leid konfrontiert waren oder bei denen sich die immer gleichen unguten Muster wiederholten. Alle Hoffnungsfunken waren erloschen. Und dann geschah etwas, womit niemand rechnete: Eine Entwicklung kam in Gang, eine Veränderung setzte ein und Neues entstand. Plötzlich war da Zuversicht. Das ist immer wieder eine unglaublich schöne Erfahrung, auch für mich.»