Eine Frage bringt mich regelmässig ins Schwitzen. Fremde heucheln mit ihr gerne Interesse bei der WG-Party. «Und», lautet sie, «was machst du beruflich?» Meist versuche ich, elegant das Thema zu wechseln. Ich weiss ja, was kommt, wenn ich die Wahrheit sage und «Journalist» antworte. Dann gibt es immer einen, der es genau wissen will: «Journalist, aha! Und worüber schreibst du so?» Bleibt nur zu gestehen: «Über Religion, Kirche, Protestantismus, Katholizismus.» Da entgleisen in der Regel die Gesichtszüge der Umstehenden, und ich werde als enttarnter Gläubiger auf Kreuz und Rosenkranz gescannt.
Das Staunen ist verständlich. Nur noch jeder zehnte Schweizer glaubt zweifelsfrei an einen Gott. Laut einem Ranking des Marktforschungsinstituts WIN/Gallup verliert Religion in keinem anderen europäischen Land schneller an Bedeutung. Nur jede zweite Schweizerin kann Religion überhaupt noch etwas abgewinnen. Deutschland hat es sogar auf Platz sechs der atheistischsten Länder der Erde geschafft, gleich hinter Südkorea und vor den Niederlanden. Mit der Gleichgültigkeit oder dem Befremden der anderen muss man als Christ also leben. Als Grossstadtchrist zumal. Schliesslich war der Atheismus in der Grossstadt immer schon stärker als auf dem Land. In Berlin zum Beispiel oder in Zürich gehört er zur weltanschaulichen Grundausstattung von Menschen unter vierzig.
Nervig bis unerträglich allerdings wird er, wenn auf Staunen und Sekundenstille eine Grundsatzdiskussion über Sinn und Unsinn von Religion folgt. Das läuft oft so: Irgendein bekennender Heide fühlt sich durch meine blosse Existenz persönlich beleidigt und schmeisst mir ein «Religion lässt sich heilen» oder «Katholizismus ist alimentierter Kindesmissbrauch» an den Kopf. Das führt zur sofortigen Rudelbildung. Auf einmal sehe ich mich nicht mehr nur einer Partygemeinschaft, sondern einer Menge selbsternannter Aufklärer und Vernunftverteidiger gegenüber, die in mir das personifizierte Mittelalter zu erkennen meinen.
Halte ich mich nicht augenblicklich um des lieben Friedens willen zurück, getraue ich mich gar zu erwidern, der Satz mit der heilbaren Religion sei kein Argument, sondern höchstens Ansichtssache, muss ich mir anhören, das sei doch dasselbe. Überhaupt solle ich im konkreten Fall die Ansicht bitte auf der Stelle akzeptieren als Ausdruck der von der Verfassung garantierten Meinungsfreiheit.
Ansonsten sei ich nämlich intolerant und gehörte nicht in diese Wohnung. Bei der ersten Rudelbildung beging ich an diesem Punkt einen fatalen Fehler. Ich erwiderte: «Meinungsfreiheit hört da auf, wo man Andersmeinende als krank bezeichnet.» Derartige Differenzierungen verkneife ich mir seitdem. Ich will mich nicht nochmal der Gefahr aussetzen, mit Schinkengipfeli gesteinigt zu werden.
Doch nicht nur an WG-Partys, auch in der digitalen Welt trifft man ständig auf nervende Atheisten. Vor allem wenn man sich beruflich mit Religion beschäftigt. Atheisten müllen unter Artikeln über den Papst die Kommentarspalten voll mit ihrem Kirchenhass. Sie beleidigen einen in Blogs oder auf Facebook und verschicken, wie ein Journalistenkollege mal erzählte, Pakete mit Exkrementen, um plastisch zu dokumentieren, was sie von Religion in der Öffentlichkeit halten.
Manche Atheisten sind so nervig, dass sie einem fast wieder ans Herz wachsen. Mein Lieblingsleser etwa. Der durchforstet die Zeitung, für die ich schreibe, jede Woche nach Religion und verteilt in einem Blog Strafpunkte für Glaubensartikel – drei maximal. Damit erzielt er durchaus Wirkung. Es befriedigt mich fast spirituell, wenn ich sehe: Punktemässig habe ich wieder abgeräumt.
Von Gotteskriegern umstellt
Natürlich frage ich mich, warum Atheisten sich heute noch derart provoziert fühlen vom Glauben. Der Atheismus ist doch längst auf dem Durchmarsch. Der Vatikan steckt, nach zahllosen Finanz- und Missbrauchsskandalen in allen Teilen der Welt, in der Selbstfindungskrise. Und in Sachen Sex lassen sich nicht mal mehr die Walliser noch etwas sagen vom Papst. Ja selbst in der CVP, wo man früher das C vor sich hertrug wie eine Monstranz, outen sich heute gefühlt mehr Politiker als schwul oder Väter ausserehelicher Kinder denn als gläubig. Trotzdem arbeiten sich Atheisten mit glühendem Eifer am Glauben ab.
Jetzt weiterlesen
Tagespass Online
- gültig direkt ab Kauf
- 24 Stunden Zugriff auf alle Inhalte
Haben Sie bereits ein Abo?
Bitte hier einloggen

