Cátia Maria da Conceição schlendert durch den Supermarkt, packt Würstchen, Margarine und einen Salatkopf in den Einkaufswagen. An der Kasse nimmt sie eine rote Bankkarte aus der Geldbörse und steckt sie in das Lesegerät. Was diesen Einkauf besonders macht: Die Stadt hat ihn bezahlt. Conceição, bunter Turban, Achtzigerjahre-Brille, erhält ein Grundeinkommen.
Die Stadt Maricá, rund 60 Kilometer von Rio de Janeiro entfernt, liegt traumhaft zwischen Atlantik und hügeligem Hinterland und war lange ein verschlafenes Nest. Gut 160 000 Menschen leben hier. Dass Forscherinnen und Forscher aus der ganzen Welt die selbsterklärte «Stadt der Utopien» aufsuchen, hat mit einem aussergewöhnlichen Experiment zu tun: Maricá wurde zu einem Labor für progressive Lokalpolitik.
Herzstück des Projekts ist das Grundeinkommen. 71 000 Bürger erhalten eine lokale virtuelle Währung. Mumbuca heisst sie, benannt nach einem Fluss in der Region. Es ist kein bedingungsloses Grundeinkommen, wie es anderswo häufig zur Debatte steht, sondern eher eine niederschwellige Grundsicherung: Um das Geld zu erhalten, muss man seit mindestens drei Jahren in Maricá gemeldet sein und ein Familieneinkommen von weniger als drei Mindestlöhnen haben.
Der Mindestlohn liegt derzeit bei umgerechnet rund 220 Schweizer Franken. Die Mumbuca beträgt pro Monat etwas mehr als 30 Franken für jedes Familienmitglied, einschliesslich der Kinder. Das ist nicht viel, aber für viele Bürgerinnen eine wichtige Unterstützung.
Nachdem sich Conceição von ihrem gewalttätigen Mann getrennt hatte, sei sie fast auf der Strasse gelandet, sagt sie. Mit der Mumbuca hat die Mutter zweier Kinder einen Grossteil der Lebensmittel bezahlen können. Zusätzlich erhielt sie einen Zuschuss für die Miete sowie Beratung im lokalen Frauenhaus. «Ich habe dieser Stadt so viel zu verdanken.» Conceição schaffte es, wieder auf die Beine zu kommen. Heute arbeitet sie als Visagistin, doch noch immer liegt ihr Lohn unter der Mindestlohngrenze.

Adalton Mendonça, Sekretär für Solidarische Ökonomie.
«Wir haben nicht die kreativsten Ideen, unser Modell ist eigentlich ganz einfach», sagt Adalton Mendonça, Sekretär für Solidarische Ökonomie der Stadt. Er sitzt in einem schlichten Büro, die Klimaanlage rattert. An einer Wand hängt ein Bild des Revolutionärs und Guerillaführers Ernesto Che Guevara. Die Stadt müsse sich um ihre Bürgerinnen und Bürger kümmern, sagt Mendonça. Was nach einer Phrase klingt, ist in Maricá zu einer ehrgeizigen Mission geworden: «Jeder soziale Fortschritt muss erkämpft werden, dafür ist Che ein Vorbild.» Mendonça ist Mitglied der Arbeiterpartei PT, der Partei des amtierenden Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva.
2008 gewann die Partei die Bürgermeisterwahl in Maricá, und eine Gruppe junger Mitglieder legte ambitionierte Pläne vor. «Am Anfang seien sie belächelt worden», sagt Mendonça. Das Projekt wurde als Mittel abgetan, um Stimmen zu kaufen. Viele glaubten, es würde nach der Wahl wieder eingestellt. Zudem sei der bürokratische Aufwand für die kleine Stadt zu gross, hiess es.
Doch der Erfolg liess die Kritik schnell verstummen. Neben dem Grundeinkommen gibt es heute viele Dinge, von denen andere brasilianische Gemeinden nur träumen können. Der Stadtbus, liebevoll «vermelhinho», der kleine Rote, genannt, ist kostenlos. Ein Finanzprogramm unterstützt Studierende, massive Investitionen fördern die Infrastruktur. Die Stadt wirkt vergleichsweise sauber, es gibt kaum Obdachlose. Wie ist das möglich?
Gelder für soziale Projekte
Die Antwort liegt vor Maricás Küste unter dem Meeresspiegel. Dort wurden 2006 gewaltige Ölvorkommen entdeckt. Inzwischen fördert der halbstaatliche Konzern Petrobras das schwarze Gold, die Stadt erhält Entschädigungen. Umgerechnet rund 150 Millionen Franken spült dieser Deal pro Jahr in die Kassen der Stadt.
Hatte Maricá also einfach nur Glück? Mendonça schüttelt den Kopf. Es sei eine politische Entscheidung, was man mit dem Geld macht. In vielen anderen Gemeinden wurde Öl vor den Küsten entdeckt. Doch in diesen «kleinen Emiraten» nutzten sie das Geld anders, zogen Luxusprojekte hoch, oder es versickerte im Korruptionssumpf. Einige seien reich geworden, aber das Gros der Bevölkerung ging leer aus, sagt Mendonça. Maricás Stadtverwaltung will das anders machen und steckt den Grossteil der Ölgelder in soziale Projekte.
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