Die Seite wurde Ihrer Lesezeichenseite hinzugefügt. Klicken Sie auf das Menüsymbol, um alle Ihre Lesezeichen anzuzeigen. Die Seite wurde von Ihrer Lesezeichenseite entfernt.
Zeichnung: Temo Pogosiani
Freitag, 30. September 2016

Herr Thiriet, eigentlich wollten Sie uns ja kein Interview geben…

Ich mag Abschiede nicht. Lange und offizielle Abschiede erst recht nicht. Kommunikationstechnisch hatte ich durch meine frühere Medienkarriere genügend Gelegenheiten, in der ersten Reihe zu stehen. Beim Mandat für die Basler Kirche ging es nicht um mich, sondern um die kommunikative Begleitung des Kirchenratspräsidenten Lukas Kundert.

Und wie ist Ihnen diese Begleitung gelungen?

Das müssen andere beurteilen.

Gab es schwierige Situationen?

Die gab es, zum Beispiel wenn der Präsident verschiedene Hüte aufhatte. Etwa bei der Neubesetzung von Professorenstellen an der Theologischen Fakultät. Da argumentierte Kundert als ausserordentlicher Professor, was als Ämtervermischung wahrgenommen wurde und schwierig zu begleiten war. Redete er jetzt als Kirchenratspräsident? Dann war es mein Job, ihn zu beraten. Redete er als Professor? Dann ging es mich strenggenommen nichts an. Eine Zeitlang war Kundert zudem Pfarrer in der Münstergemeinde. Auch dort gab es Momente, in denen nicht klar war, in welcher Rolle er auftrat und ob ich zuständig war.

Und wie haben Sie das Problem gelöst?

Mit Gelassenheit. Man muss von Fall zu Fall schauen. Manchmal sind solch verschiedene Hüte auch Chancen, und manchmal musste ich sagen: Ich habe mein Bestes versucht, aber es ist nicht gelungen, die Inhalte zu vermitteln.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Etwa bei der Besetzung der Matthäuskirche im Februar 2016 durch Aktivisten und Asylsuchende. Dort haben wir von Anfang an gesagt: Wir werden diese Kirche nicht räumen lassen. Die Medien hatten aber nur eine Frage im Kopf: Wann räumt ihr? Und als dann die Personenkontrolle des Amts für Migration stattgefunden hatte, hiess es: «Die Kirche räumt die Kirche.» Unsere Botschaft wollte man nicht hören.

Ein Vorwurf war ja auch, dass der Kirchenrat nicht zwischen Behörden und Besetzern vermittelte.

Wir haben uns bemüht, mit den Leuten, die die Kirche besetzten, ins Gespräch zu kommen. Aber die politischen Agenden waren zu verschieden. Die Mediation blieb stecken, auch weil die andere Seite nicht bereit war, Konzessionen zu machen.

Im Zusammenhang mit den Besetzern verwendete Lukas Kundert die Wendung «katholisches Milieu», was harsche Kritik auslöste. Da kann ein Kommunikationsbeauftragter den Schaden wohl nur noch begrenzen.

Ganz so war das nicht. Diese Formulierung war intern breit abgestützt, wir hatten das vorher besprochen, nachdem uns gewisse Katholiken derart auf der Nase herumgetanzt waren. Die Provokation, die mit dieser Wendung verbunden ist, war geplant. Und wir rechneten auch damit, dass sich Kundert bei einer Eskalation entschuldigen würde.

Was hat Sie eigentlich vor zehn Jahren gereizt, das Mandat bei der Kirche anzunehmen?

Ich arbeitete lange im Angestelltenverhältnis beim Schweizer Radio und Fernsehen und bei der Basler Zeitung. 1998 machte ich mich selbständig, unter anderem mit einem Mandat als Drehbuchautor der TV-Sitcom Café Bâle. 2005 lief das Mandat aus und ich musste mich nach etwas Neuem umschauen, hätte das aber nie im kirchlichen Umfeld getan, obwohl ich damals in der Synode war. Als die Anfrage kam, habe ich mir aber gesagt: Du hast jetzt vierzig Jahre zur Unterhaltung der Menschen beigetragen, jetzt kannst du die letzten zehn Jahre noch etwas auf der erbaulichen und ernsten Seite tun.

Aber Kirche ist doch auch unterhaltend.

Klar. Aber ich habe mir überlegt, wie Aussenstehende das sehen: Wenn du beim TV arbeitest, bist du ein Unterhaltungs-Fuzzi, bei der Kirche bist du ein halber Pfarrer. Was denken die Leute, wenn ich das mache? Ist er jetzt fromm geworden? Es gab aber auch Reaktionen im Sinne von: Wenn der Thiriet zur Kirche geht, dann kann es um sie nicht so schlecht bestellt sein. Von daher konnte ich auch mit einem Anfangspfund wuchern.

Warum wird die Kirche von aussen immer noch als frommer Haufen wahrgenommen?

Ich weiss es nicht. Ein Kollege aus der Werbung hat mich einmal gefragt: Bist du gläubig? Eigentlich ist die Frage doof, sie zwingt einem eine Schwarzweissentscheidung auf. Ich schätze die Arbeit der Kirche, gehe gerne in einen guten Gottesdienst. Ob ich gläubig bin oder nicht, mag ich gar nicht beantworten. Es gibt ja auch Pfarrer, die nicht an ein Leben nach dem Tod oder an einen personalen Gott glauben. Aber von aussen heisst es immer noch: Wer für die Kirche arbeitet, ist gläubig.

Basel-Stadt hat kein Hinterland, die Kirche kennt keine juristische Steuer und hat in den letzten Jahren viele Mitglieder verloren. Wie hat sich das auf die Medienarbeit ausgewirkt?

Es war eine interessante Ausgangslage. Die Kirche musste sich reformieren, redimensionieren und gleichzeitig viel Aufbauarbeit betreiben, zum Beispiel mit den «credo & du»-Kampagnen «Best Bible Stories», «feste feiern» und anderen in der Reihe, die ich führte. Damit zeigten wir, dass wir nicht nur schrumpfen, sondern einen Kern haben, der bleiben wird und wichtig ist.

Und ist die Information über die Redimensionierung gelungen?

Wir haben früh und à fond informiert, was auf die Kirche zukommt. Jedes Jahr haben wir den Mitgliedern mit der Steuerrechnung einen Prospekt mitgeschickt, in dem wir Rechenschaft über unsere Tätigkeit ablegten. Mit den Kampagnen konnten wir den Trend zwar nicht umkehren, aber die Austrittsquote etwas dämpfen. Das Problem war aber ein anderes, internes.

Welches?

Die eigenen Leute wollten lange nicht wahrhaben, dass die Redimensionierung nur durch Abbau gelingen konnte. Abbau wird erst ein Thema, wenn es in der eigenen Gemeinde eine Stelle betrifft. Dann formiert sich der Widerstand.

Sie sind ein ausgewiesener Sitcom-Schreiber. Hat es Sie nie gereizt, eine Kirchen-Sitcom zu schreiben?

Ich schliesse nicht aus, dass ich meine Erlebnisse bei der Kirche einmal in humoristischer Form aufarbeiten werde. Die Kirche ist ein Organismus wie jeder andere. Da begegnen sich Menschen, da gibt es Komik, Witz und Pointen. Die Tiere in Gottes Zoo sind vielfältig.

Was machen Sie nach der Pensionierung?

Ich habe ja die Informationsbeauftragung der Kirche Basel-Stadt als 50-Prozent-Mandat mit meiner Kommunikationsfirma wahrgenommen. Diese führe ich nun weiter, redigiere Publikationen, mache Moderationen, schreibe Kolumnen, bin Ghostwriter. Mir wird es nicht langweilig. Ich war schon an Veranstaltungen, wo drei Redner «meine» Reden hielten …

Die wussten das nicht voneinander?

Nein, es gibt das Ghostwriter-Geheimnis. Ghostwriting ist etwas sehr Schönes. Die Andy-Warholschen fünfzehn Minuten Berühmtheit hatte ich ja schon bei Radio und TV – stundenlang.

Welches war das ärgerlichste und welches das schönste Ereignis bei der Kirche?

Das schönste war sicher der Moment, als die Synode der «Credo»-Kampagne mit dem Kirchentram zustimmte. Die schwierigste Situation war ganz klar die Besetzung der Matthäuskirche gegen Ende meiner Zeit bei der Kirche. Viele Leute sagten mir: Dass dir das jetzt noch passieren muss! Und ich entgegnete: Nein, nein, das ist herausfordernde Krisenkommunikation und die Krönung meiner Laufbahn.

Mit Roger Thiriet sprach Matthias Böhni.

Roger Thiriet (66) hat in Basel Anglistik, Romanistik und Geschichte studiert und mit dem Lizentiat abgeschlossen. Von 1969 bis 2005 war er nacheinander bei Schweizer Radio und Fernsehen DRS, Radio Basilisk, Radio Eviva und der Basler Zeitung tätig. Von 1995 bis 2005 hat er alle Drehbücher der Sitcom Café Bâle geschrieben.

Unter dem Namen «Wir bleiben» liess sich eine Gruppe von Aktivisten und Asylbewerbern am 7.Februar 2016 in der Basler Matthäuskirche nieder. Die Gruppe forderte für einige ihrer Mitglieder Kirchenasyl. Zudem schrieb sie auf ihrer Facebook-Seite, sie wolle mit der Aktion einen Ort gestalten, «an dem Perspektiven für politische Veränderungen geschaffen» würden.

Zwei Tage später informierte der Kirchenrat der Evangelisch-reformierten Kirche Basel über die Geschehnisse: Er stelle sich hinter die gesetzliche Bestimmung, dass abgewiesene Asylbewerber das Land zu verlassen hätten, hiess es in der Medienmitteilung. «Dementsprechend sieht der Kirchenrat in der Besetzung einen Hausfriedensbruch und behält sich entsprechende Schritte vor. Einen Antrag auf polizeiliche Räumung des Gebäudes hat die Evangelisch-reformierte Kirche vorerst nicht gestellt.»

In der Folge kam es zu Gesprächen zwischen den Parteien, die aber zu keiner Einigung führten. Während sich der Kirchenrat darauf berief, dass es das Kirchenasyl im rechtlichen Sinne nicht gebe, und die Aktivisten darum bat, aus der Kirche auszuziehen, sprach «Wir bleiben» von einem «Ultimatum» des Kirchenrats und rief die Unterstützer zu Demonstrationen auf.

Am 3.März schliesslich wurde die Kirche geräumt. Wie srf.ch berichtete, wurden auf Antrag des Migrationsamts mindestens acht Personen verhaftet. vbu