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Bilder: Michel Gilgen
Donnerstag, 04. September 2025

Nach dem Tod ihres Mannes fühlte sich die Lernexpertin und Sachbuchautorin Verena Steiner (77) leer. Bis sie begann, über das Thema Einsamkeit und Alleinsein zu recherchieren. Entstanden ist ihr Buch «Solo – Alleinsein als Chance». Christina Ragettli (32) kennt das Gefühl, auf sich gestellt zu sein. Im Sommer 2020 war sie vier Monate allein in den Bergen unterwegs. Ihre Erlebnisse auf der Via Alpina von Triest nach Monaco schildert sie im Buch «Von Wegen».

Wie meistern die beiden Frauen ihr Leben als Solistinnen? Zum Gespräch treffen wir uns in einem Café in Chur, wir duzen uns gleich.

Christina, würdest du allein in dieses Café kommen?

Christina Ragettli: Klar. Damit habe ich wenig Mühe, das habe ich früh geübt. Mehr Überwindung brauche ich, um ohne Begleitung an eine Hochzeit zu gehen. Nachdem ich Verena Steiners Buch gelesen habe, war ich zum ersten Mal allein im Kino.

Wieso erst dann?

Ragettli: Ich habe mir nach der Lektüre notiert, was ich schon alles allein unternommen habe. Es ist recht viel – ich bin schon ziemlich gut darin (lacht). Aber ich war noch nie allein im Kino. Diese Challenge reizte mich. Drei Tage später bin ich hin.

Wie wars?

Ragettli: Es war mir etwas peinlich, weil ich Leute sah, die ich kenne. Ich dachte, die meinen jetzt sicher, ich hätte keine Freunde, oder sie haben Mitleid mit mir. Dabei war es bloss eine Aufgabe, um stärker zu werden …

Verena Steiner: … und souveräner. Mir ging es so im Opernhaus in Zürich, dieses Gefühl, die andern könnten denken: Die ist bestimmt seltsam, weil sie niemanden hat, der sie begleitet. Schön ist: Solche Gedanken verschwinden mit zunehmender Übung, und man kann es dann auch allein geniessen.

Wie lange hast du gebraucht, um diese Souveränität zu erlangen?

Steiner: Bei mir hat der ganze Entwicklungsprozess etwa zwei Jahre gedauert. Meine erste grosse Herausforderung war eine Velotour entlang der Loire. Mein Mann und ich unternahmen oft solche Touren und gingen unterwegs da und dort fein essen. Als ich am Nachmittag an meinem Etappenort ankam, reservierte ich in einem Restaurant einen Tisch für den Abend. Die Kellnerin fragte mich: Pour deux? Ich nickte, denn ich hatte nicht den Mut, zu sagen, ich sei allein unterwegs. Am Abend gab ich vor, meinem Mann sei es schlecht. Mir war nicht wohl dabei, aber die Kellnerin kümmerte sich herzlich um mich und packte am Ende noch etwas ein «für meinen Mann».

Wieso ist das Alleinsein gerade beim Essen schwierig?

Ragettli: Es ist so sichtbar.

Steiner: Genau. Später wurde mir klar, dass es reine Kopfsache ist. Früher, beruflich im Ausland unterwegs, sass ich öfter mal allein an einem Tisch oder in einer Hotelbar: null Problem. Das ist doch interessant.

Ragettli: Auf meiner Wanderung musste ich oft allein essen. Währenddessen habe ich meistens auf meinem E-Reader gelesen. Das hilft.

Steiner: Was auch funktioniert, wenn man sich allein an einem Tisch noch unwohl fühlt: Tagebuch schreiben.

Ragettli: Oder Postkarten.

Das Schreiben als Gefährte?

Steiner: Bei mir ist das so, ich bin dann ganz bei mir und es kommen auch schöne Erinnerungen hoch. Eine amerikanische Psychiaterin fragt ihre Patienten jeweils zuerst: Who are you with, when you are alone? Bei wem bist du in Gedanken, wenn du allein bist? So ist es doch: Wenn man sich dankbar an Begegnungen erinnert, fühlt man sich erneut verbunden.

Ragettli: Ich habe auf der Wanderung einen Blog geführt und teils auf Social Media gepostet. Das Schreiben und die Antworten, die ich erhielt, empfand ich als kleine Momente der Verbundenheit – obwohl sie nur digital waren.

Verena Steiner (77) hat Bücher über «Exploratives Lernen» und «Energiekompetenz» geschrieben. Die promovierte Biochemikerin hat nach einigen Jahren in der Forschung an der ETH Zürich den Lehrgang «Lernen mit Lust!» aufgebaut. 2010 erschien im «Tages-Anzeiger» ihre Kolumne «Lernpower». Heute ist sie selbständige Autorin und bietet an der Volkshochschule Zürich Kurse an. Sie ist verwitwet und lebt in Zürich.

Christina Ragettli (32) führt die PR-Agentur Ragettli Agency und einen Abenteuer-Blog. 2020 hat sie in vier Monaten allein die 2363 Kilometer lange Via Alpina von Triest nach Monaco durchwandert und darüber das Buch «Von Wegen» geschrieben. Sie lebt in Flims GR.

Christina, du hast eingangs erwähnt, dass du früh gelernt hast, allein zu sein. Wie kommt das?

Ragettli: Mein Vater ist früh gestorben, ich war 6, mein Bruder Gian 3 und Andri noch fast ein Baby. Meine Mutter war auf einmal allein mit uns. Sie hat uns früh beigebracht, selbständig zu sein. Sie hat vieles allein mit uns unternommen, sie konnte das. Schon ihre Mutter war oft allein unterwegs, sie reiste gern. Für mich war das Alleinsein daher nichts Seltsames, ich hatte meine Mutter und meine Grossmutter als Vorbilder.

Steiner: Das Alleinsein will gelernt sein, und Vorbilder helfen enorm. Man findet sie überall. An der Bar im KKL in Luzern sah ich einmal eine elegante Frau, die an ihrem Cocktail nippte und das Programm studierte. Sie wirkte total souverän. Das hat mich beeindruckt. Genauso die jungen Frauen, die ich allein im Wald joggen sehe. Ich traute mich zunächst nie weit in den Wald. Danach sagte ich mir: Das kannst du auch, du brauchst keine Angst zu haben.

Christina, hattest du allein in den Bergen nie Angst?

Ragettli: Doch, oft sogar. Vor allem nachts. Wenn es eindunkelte, ging ich jeweils ins Zelt und erst wieder raus, wenn es hell wurde. Vor ein paar Jahren wurde ich in Frankreich einmal zusammen mit einer Freundin ausgeraubt. Vielleicht kommt diese Angst auch daher. Aber ich habe die Via Alpina trotzdem gemacht.

Wieso bist du allein losgelaufen? Du hattest damals einen Freund.

Ragettli: Es gibt Träume, die formen sich zu zweit, diesen hatte ich allein. Es gab auch praktische Gründe: Man muss zuerst jemanden finden, der zur gleichen Zeit kann, Lust hat und das nötige Geld. Wichtig finde ich auch das Wandertempo. Ich zum Beispiel wandere vom Morgen bis gegen Abend mehr oder weniger durch. Mich nervt es, wenn jemand die ganze Zeit stehen bleibt.

Gab es Zweifler aus deinem Umfeld?

Ragettli: Zwei haben gesagt, dass ich bestimmt nach zwei Wochen zurück sei. Ich wusste, das würde nicht passieren, dafür bin ich viel zu stur (lacht). Das Schöne ist, dass ich durch das Erzählen meiner Geschichte für einige Frauen selbst zu einem Vorbild wurde. Dieser Nebeneffekt war mir bis zur Veröffentlichung des Buches gar nicht bewusst.

«Man wird durch die gesammelten Allein-Erlebnisse und Herausforderungen auch ein spannenderer Mensch», sagt Christina Ragettli.

Wie macht sich das Vorbildsein bemerkbar?

Ragettli: Ich bekomme Briefe und Mails. Am Ende von Lesungen werde ich zudem oft von Frauen gefragt, wie ich das allein geschafft hätte.

Was antwortest du?

Ragettli: Du musst es einfach versuchen. Wenn du dich nicht auf Anhieb traust: Mal einen Tag, dann zwei Tage, dann eine Woche allein unterwegs sein oder wandern. Du tastest dich heran.

Steiner: Man beginnt mit kleinen Mutprojekten. Der Zürcher Psychotherapeut Andreas Dick sagt, Mut sei wie ein Brandbeschleuniger für die persönliche Entwicklung. Genau so habe ich es erlebt. Und wenn man mal nicht so mutig ist, nimmt man einen Weg, den man schon kennt. Es lohnt sich jedoch fast immer, seine Grenzen auszuloten und dabei auch unangenehme oder anstrengende Momente in Kauf zu nehmen – gerade wenn man älter wird, da schrumpft die Komfortzone ohnehin.

Wie hast du das Alleinsein geübt?

Steiner: Ich habe am Anfang Radtouren gemacht. Dabei habe ich realisiert, dass ich auf dem Velo mit niemandem ins Gespräch kommen kann. Also habe ich auf Bergtouren umgestellt. Zu Fuss unterwegs ist es bedeutend einfacher, mit Fremden ein paar Worte zu wechseln oder bisweilen gar ein tiefes Gespräch zu führen.

In deinem Buch sprichst du von Resonanzmomenten.

Steiner: Die sind wichtig, auch wenn sie nur von kurzer Dauer sind. Gerade wer allein lebt, sollte aktiv Kontakt zu Menschen suchen. Der Mensch ist ein soziales Wesen, er will sich mit der Welt verbunden fühlen, er braucht Resonanz, Mikromomente der Verbundenheit.

Ragettli: Nachdem ich in deinem Buch von den Resonanzmomenten las, habe ich sie bewusst provoziert. Es ergaben sich schöne Reaktionen und Gespräche.

Nicht alle können gut auf andere Menschen zugehen. In deinem Buch, Verena, beschreibst du sogar, wie man das macht: in einen Modus von Mitgefühl kommen; freundlich grüssen; etwas Nettes sagen. Haben wir verlernt, wie man Leute anspricht, weil wir immer häufiger schriftlich kommunizieren?

Steiner: Ich denke schon. Dabei: Wenn man freundlich ist, reagieren fast alle positiv – auch die Jungen. Wenn es nach mir ginge, müsste der Bund eine Freundlichkeitsinitiative lancieren. Statt wie in der Covid-Zeit unter dem Motto «Bleiben Sie daheim!» …

Ragettli: … «Reden Sie miteinander!»…

Steiner: … aber zuerst: «Lächeln Sie!»

Ragettli: Das stimmt. Wenn man lächelt und die Leute grüsst, kommt man schnell in Kontakt. Auf der Via Alpina habe ich einen älteren deutschen Wanderer kennengelernt, mit dem ich inzwischen gut befreundet bin. Ich glaube, er wollte gar nicht von mir angesprochen werden, er wirkte grummelig und wie ein Eigenbrötler. Wir kamen dennoch ins Gespräch und wanderten eine Weile zusammen. Dabei fiel mir auf, dass er die Leute nie grüsste. Ich fand es asozial und mir war es auch ein bisschen peinlich. Als ich ihn darauf ansprach, sagte er, er habe einfach keine Lust. Doch nachdem er in meinem Buch gelesen hat, wie viele Leute ich auf der Via Alpina kennengelernt habe – unter anderem ja auch ihn –, bin ich mir sicher, dass er sich etwas mehr öffnen wird.

Zählten solche Begegnungen zu den schönsten Momenten deiner Wanderung?

Ragettli: Absolut. Davor dachte ich, dass wahrscheinlich ein schöner Sonnenuntergang mein Highlight werden würde. Aber es waren die Begegnungen. Ich weiss, das tönt fast so, als wäre ich – Entschuldigung, wenn ich das sage – 80 oder so.

Steiner: (lacht)

Heisst das, dass ein schöner Moment erst dann wertvoll ist, wenn man ihn teilen kann?

Steiner: Nicht nur. Freude erleben, zum Beispiel, kann man auch für sich. Als ich noch üben musste, allein unterwegs zu sein, erlebte ich oft solche Momente auf der Heimreise im Zug. Bei einem Bier im Speisewagen, wenn ich von der Tour müde war und dabei diesen kindlichen Stolz verspürte, dass ich es allein geschafft hatte. Als ich einer Freundin davon erzählte, meinte sie: «Du sammelst Sommerschätze.» Glücksmomente. Ich habe daraufhin weitere Sommerschätze gesammelt. Dann Herbstschätze, Winterschätze …

Wo hast du den schönsten gefunden?

Steiner: Im Winter auf der Bettmeralp. Es herrschte dicker Nebel, Stille, ich lief in Schneeschuhen durch den tief verschneiten Wald, sah kaum einen Meter weit – und plötzlich frische Hasenspuren. Das war ein magischer Moment. Ich habe darüber ein Gedicht geschrieben.

Hast du während deines Alleinsein-Projekts Rückschläge erlebt?

Steiner: Natürlich gab es neben einer Menge positiver Überraschungen auch weniger erfreuliche Momente. Echt schwierig war es nur einmal, das war zu Beginn. Ich kam auf dem Bahnhof mit einer Frau ins Gespräch, deren Mutter zuvor gestorben war. Wir mussten beide weinen. Kurz darauf sass ich im Zug – und ein Vater, der mit drei kleinen Kindern unterwegs war, bat mich, kurz sein Baby zu halten. Ich hielt es in den Armen und musste erneut weinen, aus purem Selbstmitleid, weil ich nie Kinder hatte. Ich brach dann meine Velotour beim nächsten Bahnhof ab und fuhr nach Hause.

Was war dein schwierigster Moment auf der Via Alpina, Christina?

Ragettli: Es war schon Abend, ich war müde, ein Gewitter zog auf, es donnerte und blitzte, der Wegweiser lag am Boden und ich war nicht sicher, in welche Richtung ich musste. Ich konnte mich mit niemandem absprechen und hatte keinen Handyempfang. Es war eine gefährliche Passage, rutschig und matschig, es wurde immer dunkler. Ich bin dann in der Panik den Blitzen davongerannt und kam irgendwann bei einer Hütte an. Völlig erschöpft.

Dein Bruder ist der Freeskier Andri Ragettli. Er hat ein Buch über mentale Stärke im Sport geschrieben. Inwiefern hat es dir bei der Vorbereitung geholfen?

Ragettli: Beispielsweise indem er mir sagte, dass zu dem Zeitpunkt, an dem man denkt, man könne nicht mehr, tatsächlich erst etwa 40 Prozent der Energie aufgebraucht sind. Das Mentale war in unserer Familie immer ein Thema. Meine Mutter hat mich bereits mit etwa 8 in ein Mentaltraining für Kinder geschickt.

Verena, arbeitest du an deiner mentalen Stärke?

Steiner: Yoga und Tagebuchschreiben sind für mich nach wie vor die kostbarsten Stunden der Woche. Während zweier Jahre meditierte ich täglich, das gab mir ein emotionales Bödeli. Ich übe mich auch in Mitgefühl, für andere und für mich selbst. Mut und Mitgefühl waren für mich die hilfreichsten Ressourcen auf meinem Weg.

Und wenn du mal nicht magst?

Steiner: Dann kommt das Mitgefühl, das Mütterliche ins Spiel: Ich nehme das Kind in mir an der Hand und ermutige mich: Vreneli, heute Abend werden noch die Dehnübungen gemacht, das tut dir gut.

«Die Sehnsucht nach einem Partner ist der Killer», sagt Verena Steiner.

Kommunizierst du deinem Umfeld, wenn du allein sein möchtest?

Steiner: In meinem Umfeld wissen inzwischen alle, dass ich aktuell sehr beschäftigt bin mit dem Buch und mit den Kursen zum Solo-Leben. Oft höre ich: Jetzt bist du 77 und arbeitest noch so viel. Aber ich habe schon immer gerne gearbeitet. Das tönt jetzt vielleicht egoistisch, aber ich brauche einfach viel Zeit für mich und meine Projekte.

In einer Beziehung kann das zu Konflikten führen. Wie hast du das damals mit deinem Mann geregelt?

Steiner: Wir haben erst mit 50 geheiratet und hatten bereits unsere eigenen Welten, weil wir beide beruflich sehr engagiert waren. Als er seine Praxis aufgab und wieder mehr Kontakt mit seinen Studienfreunden hatte, habe ich gesagt: Pflege diese Beziehungen, aber für dich. Ich wollte keine Pärchenabende. In unserer Freizeit haben wir jedoch sehr viel gemeinsam unternommen, wir hatten die gleichen Interessen und Bedürfnisse, liebten neben Bewegung auch Kochen, Literatur, Musik, Sprachen. Nach seinem Tod fehlte mir nicht nur der wich- tigste Mensch, sondern auch die wichtigste Sinnquelle. Das tat weh.

Wann hat dieser Schmerz nachgelassen?

Steiner: Nach etwa zwei Jahren. Das Problem für mich als Autorin war, dass ich nach seinem Tod nicht mehr schreiben konnte. Kein Thema schien mir interessant genug. Wenn man nur ab und zu etwas tut oder unternimmt, ergibt sich kein Zusammenhang, es fehlt an Sinn. Dann kann eine innere Leere entstehen.

Was hast du dagegen getan?

Steiner: Ich habe begonnen, mich intensiv mit Einsamkeit zu befassen, habe Studien, Philosophisches und Psychologisches studiert. Die Recherche hat mich gepackt und meinem Leben neuen Sinn gegeben.

In deinem Buch über das Alleinsein heisst es, es sei wichtig, nicht nur zu konsumieren und Aktivität um Aktivität zu planen, sondern etwas Sinnstiftendes zu finden, sich neu zu erfinden.

Steiner: Halt. In labilen Phasen wie der Trauer ist es wichtig, nicht einfach in den Tag hineinzuleben, sondern ihn zu gestalten, eine Struktur zu haben. Und man muss unterscheiden: Alleinsein kann auf der einen Seite des Spektrums schmerzhafte Einsamkeit bedeuten, in der man nach menschlicher Nähe hungert. Am anderen Ende des Spektrums steht jedoch ein nährendes, positives Alleinsein.

Wie findet man dorthin?

Steiner: Durch Verbundenheit und sinnstiftende Projekte, denen man sich mit Herzblut widmet – wie bei mir mit dem Buch. Nach dem Psychiater Viktor Frankl führen drei Wege zu Sinn: bewusstes Erleben, schöpferisches Tun und eine bejahende Einstellung.

Du schreibst auch: «Die Sehnsucht nach einem Partner ist der Killer.»

Steiner: Wenn die Sehnsucht zur Sucht wird, ja. Unabhängig davon, wie lange die Solo-Phase dauert: Alleinsein ist wirklich eine Chance. Man kann sich als Mensch und Mitmensch weiterentwickeln und dabei ganz besonders sich selbst besser kennen und führen lernen, die sozialen Kompetenzen ausbauen sowie lernen, auch allein etwas zu unternehmen.

Und wenn man gleichzeitig einen neuen Partner sucht …

Steiner: … geht das schlecht. Man beschäftigt sich mit Dates. Deshalb ist es klüger, bewusst eine Solo-Zeit einzulegen und diese drei Dinge zu üben.

Im Buch sagst du, umschalten, also sich wieder auf eine Beziehung einlassen, könne man dann schnell.

Steiner: Klar. Wenn man sich verliebt, geht das Umschalten automatisch.

Du sprichst im Buch von Solistinnen …

Steiner: … das sind die, die das Solo-Leben können.

Ist es als Solist oder Solistin nicht schwierig, sich wieder in einer Partnerschaft zurechtzufinden?

Ragettli: Ich glaube schon.

Steiner: Es gibt Frauen, die sich dann einfach wieder dem Mann anpassen.

Ragettli: Also ich sicher nicht.

Steiner: Du jetzt nicht, aber Frauen, die vielleicht nur nach aussen selbstbestimmt wirken. Denen hilft es ganz besonders, das Alleinsein zu nutzen, um innerlich stärker zu werden.

Ragettli: Nach der Trennung von meinem letzten Freund habe ich mir gesagt, dass ich für die nächsten zwei Jahre keine Beziehung mehr will und nur Dinge tue, auf die ich Lust habe. Gleitschirmfliegen zum Beispiel. Das hat so gutgetan, weil ich Neues probiert und neue Seiten an mir kennengelernt habe.

Du bist 32, viele in deinem Alter heiraten oder denken ans Kinderkriegen.

Ragettli: Bei vielen in meinem Umfeld sind das tatsächlich aktuelle Themen: Heiraten, Familie gründen, Haus bauen … Wenn man wie ich vorerst sein eigenes Ding machen will, kommt man sich schon ein wenig wie eine Aussenseiterin vor.

Kannst du dir vorstellen, eine Familie zu gründen?

Ragettli: Ja. Ich bin jetzt einfach in einer anderen Phase und möchte sie geniessen.

Gewinnt eine Partnerschaft, wenn jemand bereits weiss, wie man allein glücklich ist?

Ragettli: Man wird durch die gesammelten Allein-Erlebnisse und Herausforderungen auch ein spannenderer Mensch, würde ich mal behaupten.

Steiner: Es wird ehrlicher. Ein älteres Paar hat mir geschrieben, sie seien verheiratet, aber man wisse ja nie, wann einer von beiden gehen müsse. Sie sähen das Buch als Vorbereitung darauf. Bei einer Lesung meldete sich eine Frau, deren Mann an Demenz erkrankt ist. Sie meinte, das Buch helfe ihr schon jetzt.

Woran scheitern die meisten auf dem Weg zu einer glücklichen Solistin oder einem glücklichen Solisten?

Steiner: Erstens: Hemmungen, fehlender Mut und Vermeidungstendenz. Dann: An der fehlenden Akzeptanz der aktuellen Situation. Man verharrt im alten Leben, statt nach vorne zu schauen. Und schliesslich an der Überzeugung, dass es für das grosse Glück stets eine Partnerschaft braucht.

Letzteres wird einem aber oft erzählt: in Büchern, Filmen, in der Werbung …

Steiner: Überall!

Warum ist das so?

Steiner: Es ist das Ideal unserer westlichen Gesellschaft.

Was fehlt euch als Solistinnen am meisten?

Ragettli: Ich sehe mich eigentlich nicht als klassische Solistin. Ich bin beruflich stark eingespannt und habe einen aktiven Freundeskreis. Schwierig finde ich einzig Situationen, in denen ich als Einzelperson unter lauter Paaren oder Gruppen bin – etwa an einem Event wie einer Hochzeit. Da kann man sich unglaublich einsam fühlen, obwohl viele Menschen um einen herum sind.

Was wünschst du dir in solchen Situationen?

Ragettli: Dass wir mehr füreinander da sind – auch wenn man sich nicht kennt. Auf jemanden zuzugehen, der allein dasteht, kann so viel bewirken. Oft müssen nämlich die Einzel-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer den ersten Schritt machen. Und das ist wahnsinnig anstrengend, gerade wenn man sich eh schon überwinden muss, allein an einen Anlass zu gehen. Seit ich solche Situationen selbst erlebt habe, achte ich viel mehr darauf, wer still am Rand steht – und gehe dann auf diese Einzelperson zu.

Verena, was fehlt dir am meisten als Solistin?

Steiner: Mit jemandem etwas zu unternehmen, ohne vorher einen Termin abzumachen. Mit meinem Partner konnte ich jeweils spontan aufs Velo oder auf einen Spaziergang.

Und die körperliche Nähe, fehlt die nicht?

Steiner: Bis jetzt hörte ich diese Frage nur von drei Männern (lacht). Die ganz grossen Themen, auch in meinem Kurs, sind emotionale Nähe und Verbundenheit. Dazu fehlende Perspektive und bei Männern oft auch Sinn.

Ragettli: Da das Alleinsein in Bezug auf eine Paarbeziehung bei mir kein Dauerzustand ist, kann ich gut damit umgehen.

Ihr seid inzwischen Solo-Profis. Was möchtet ihr unbedingt noch allein erleben?

Ragettli: Eigentlich habe ich nichts mehr auf meiner Liste, das ich «allein schaffen» möchte. Das Wichtigste ist für mich ohnehin die Gewissheit, dass ich nun die innere Stärke habe, mit intensiveren Phasen des Alleinseins umzugehen, die es in einem Leben bestimmt immer mal wieder geben wird. Meine «Solo-Erfahrungen» haben mir gezeigt, dass ich mich auf mich selbst verlassen kann. Das gibt mir ein gutes Gefühl.

Steiner: Mit 77 ist mein Zeithorizont begrenzt. Zusammen mit meiner Schwester möchte ich noch das Land Bhutan bereisen. Und allein würde ich gerne eine Podcast-Serie zu meinem Buch produzieren.

Verena Steiner: «Solo — Alleinsein als Chance». Arisverlag, April 2025; 271 Seiten, 25.90 Fr.

Christina Ragettli: «Von Wegen». Piper Verlag (Ersterscheinung 2022 beim Arisverlag); Taschenbuch, 256 Seiten, 23.90 Fr.

Christina Ragettli und Verena Steiner treten am 22. Oktober 2025 im Rahmen der Literaturveranstaltung «Zürich liest» (21. — 26. Oktober 2025) gemeinsam an einer Lesung im Zentrum Karl der Grosse auf.

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