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Freitag, 12. Juni 2020

Diese säuselnde, sanfte Stimme sprach mich an. Andere hielten das für Gewimmer, für mich war diese Musik ein Gewinn. Endlich Tiefe. Oder das, was ich als Jugendlicher eben für Tiefgang hielt. Von Gott singen, aber dabei noch cool aussehen, das war neu. Xavier Naidoo war wie eine Mischung aus Peter Hahne und Puff Daddy. Seinen Vornamen spricht man aus wie «Saviour», der Retter. Ich hätte schon deutlich früher misstrauisch werden können.

Wirklich alles war besser, als alleine zu sein in meiner Jugend. Auf dem Dorf zu den coolen Jungs zu gehören war wichtig. Ihnen wollte ich gefallen, unter ihnen wollte ich nicht auffallen. Viele Stunden verbrachte ich deshalb auf dem Bei­fahrersitz tiefergelegter Polos. Wir bretterten über die kurvigen Landstrassen der süddeutschen Pampa, immer dröhnte hinter uns eine Bassbox so gross wie die Rückbank. Meistens lief Rapmusik, das aggressive Zeug. Alle nickten wir gleichmässig zum Beat, als hätten wir keine Wahl. Drei, vier Jungs, ein Beat. Von den Texten der Rapsongs verstand ich kaum etwas, «Spasten» und «Bitches», darum muss es wohl gegangen sein. Unsere Gespräche kreisten um Girls, Grossstädte und Grossraumdiscos – alles in weiter Entfernung.

«Ich war suchend, ohne wirklich zu wissen, wonach. Dann wurde ich fündig in der frommen Soulmusik von Xavier Naidoo.» Jonas Weyrosta

Wozu, wofür, warum? Ich fragte mich das oft. Wenn wir wieder irgendwo hinfuhren, irgendjemand besuchten, mit zu vielen Kippen auf einem schattigen Parkplatz herumlungerten. Ich fühlte mich unberührt von fast allem, was wir Jungs taten. Eine grosse Leere und ich, das Klischee eines grübelnden Teenagers. Dieses gottverdammte flache Leben. Ich war suchend, ohne wirklich zu wissen, wonach. Dann wurde ich fündig in der frommen Soulmusik von Xavier Naidoo.

Naidoo und ich, das war vielleicht meine erste Begegnung mit dem Thema Glauben. Hier fand ich Versenkung. Was andere für schmusigen Schmarrn hielten, fühlte sich für mich an wie eine warme Decke. Ich war aufgehoben. Ich sang laut mit bei «Ich kenne nichts»: «Nichts ist vergleichbar mit dem, was du gibst / Mit dem, was du zeigst und wie du lebst, wie du liebst.» Ich litt leise mit bei «Abschied nehmen»: «Du hättest ein Grosser werden können / Und irgendwie wollte ich dir das nicht gönnen.» Ich habe das alles richtig gefühlt. Und ich habe mich schwer getäuscht.

Seit Wochen geistern nun bizarre Worte Naidoos im Netz herum. Die Politiker, sagt Naidoo in selbstgedrehten Videos, allen voran «die böse Frau Merkel», sie «bringen Deutschland um». Das System sei auf dem besten Weg in den Faschismus. Mit Eva Herman, der ehemaligen Journalistin, spricht Naidoo über die «letzten Atemzüge der BRD». Naidoo ruft auf zu Demos gegen Corona-Massnahmen und teilt Spekulationen über kommende Corona-Zwangsimpfungen, die nur dem Bill-Gates-Imperium nutzen sollen. Donald Trump sei ihm hingegen sympathisch, sagt Naidoo.

Das alles verkündet der Sänger in Videos auf seinem Telegram-Kanal, dem Versammlungsort seiner Fans, einer ganz eigenen Gemeinde. Seinen Beruf als Musiker habe er abgelegt, sagte Naidoo vor wenigen Tagen, es gehe ihm nun um den Aufbau einer Bewegung. Im Namen der Wahrheit. Eine Art Querfront für schrankenlose Selbstbestimmung. Die Mitgliederzahlen im Naidoo-Channel steigen mit jedem Tag mehr im Lockdown. 65 000 folgen ihm bereits. Naidoo ist zum Taktgeber einer bizarren Gemeinde, einer verschworenen Sammlungsbewegung geworden. Nie ist dabei so ganz klar, wohin die Reise gehen könnte, Menschen gegen Impfen, Menschen gegen Merkel, Menschen gegen Staaten, Menschen gegen Geschwindigkeits­beschränkungen, Menschen gegen Menschen.

Unzählige Male habe ich in meiner Jugend die Lieder dieses Mannes gehört, ich konnte sie mitsingen, hatte viele seiner Alben im Regal und das Internet nach neuen Musik­videos leergesucht. Ich wusste nicht immer, wohin seine Texte eigentlich genau wollten. Mir ging es im Zweifel um den Klang seiner Stimme, seiner Worte. Inhalt, im Zweifel nachrangig. War ich auch Teil einer verschworenen Naidoo-Gemeinde? War ich verblendet von seiner Ausstrahlung?

Noch viele Jahre hörte ich seine Musik, egal wo ich gerade war, wie es mir ging. Oft auch völlig unbewusst, dann summte ich plötzlich beim Geschirrspülen zu «Was wir alleine nicht schaffen, das schaffen wir dann zusammen». Liefen seine Lieder im Radio, blieb ich manchmal länger im Auto sitzen, oder ich fuhr Umwege. Die Fenster blieben lieber zu, Naidoo war immer wieder in der Kritik wegen antisemitischer Parolen. Ich hörte ihn heimlich. Die Kritik wollte ich nicht hören, hielt sie für Missverständnisse oder naive Provokation. Naidoo, ein rechter Spinner? Nicht der Christ Naidoo, nicht er. Der Abschied fiel mir schwer. Was für eine Art Glaube war das, sein Glaube, mein Glaube? Habe ich mich verändert oder Xavier?

Der Staat als Feind

Am 8. Mai, dem Tag der Befreiung, laufen Hunderte Nachrichten bei Telegram auf, Videos verschiedener Anti-Corona-Proteste. Wangen im Allgäu, Stuttgart, Mainz. Zehntausende Menschen auf den Strassen, und als müssten sie Naidoo ihre Gefolgschaft beweisen, verlinken sie seinen Namen unter den Videos. Am Morgen hatte Naidoo selbst noch zum Protest aufgerufen. «Danke an alle Brüder und Schwestern, die schon länger im Widerstand sind, die ihr Gesicht zeigen.

bref+

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